Butzweilerhof

Och nö! – muß das sein? Gerade will ich in meinen Hot Dog beißen, den es billig in einem schwedischen Möbelhaus gibt, da stellt sich diese Gestalt an meinen Tisch: Halb nackt, ein Hut aus Zweigen, der Oberkörper mit kleinen schorfigen Wunden übersät. Wieso muß ausgerechnet mir das passieren? Gibt’s hier kein Sicherheitpersonal? Alle anderen kucken natürlich angelegentlich in andere Richtungen. Immerhin, angetrunken scheint er nicht zu sein, aber der Geruch … „Ein Tempel der Händler“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Jep“, antworte ich eilfertig – solchen Leuten widerspricht man möglichst nicht, und bloß nicht nachfragen, was er meint, das fehlte noch, daß ich mich hier mit einem Irren … obwohl, eigentlich macht er einen relativ klaren Eindruck. „Frierst du gar nicht?“, frage ich – und ärgere mich sofort über mich selbst, wie komme ich dazu, den zu duzen, auch Penner haben das Recht …

Keine Antwort, stattdessen starrt er auf meinen Hot Dog. Ach nee, das nun wirklich nicht, das ist meiner, ich habe dafür angestanden, mit Nachdruck habe ich mir einen Platz an der Soßen- und Gürkchenscheibenbar erkämpft, das Würstchen im Brötchen kunstvoll gleichmäßig belegt … na schön. Ich kann mir ja noch eins holen. „Möchten Sie vielleicht …?“ Ich halte ihm den Hot Dog hin, aber er will ihn nicht. Stattdessen lächelt er mich an – Moment, ich glaube, der grinst, also das ist doch … Er schaut an mir vorbei – ah, da kommen endlich zwei Sanitäter zielgerichtet auf uns zu, der eine versucht, eine Zwangsjacke hinterm Rücken zu verstecken. Ich höre noch eine „Frohes Fest!“, dreh‘ mich wieder um – er ist weg, wie vom Erdboden verschluckt. Okay … erleichtert widme ich mich meinem Hot Dog. Ehrlich gesagt: Das ist eher die Simulation von etwas Eßbarem, die Trägersubstanz, also Würstchen und Brötchen, schmeckt nach nichts, Geschmack wird nur vom Essig der eingelegten Gürkchenscheiben erzeugt. Ach, was soll’s – einmal im Jahr kann man das ertragen.

Alter Markt / Rathaus

Nicht nur wegen der schönen gelben Farbe habe ich hier vorgestern ein Bild des U-Bahnzugangs Appellhofplatz gepostet, sondern auch, um den Gegensatz zur jüngst eröffneten U-Bahnstation auf dem „Alter Markt“ zu zeigen: Erstere wurde 1969 erbaut, die neue in diesem Jahr. Ich vermute, das futuristische Design dient noch einem weiteren Zweck: Der Rettung vor dem Weltuntergang, der ja nun nur noch ein paar Tage entfernt ist.

Wenn wir schon ein Ufo, mit dem wir evt. fliehen können, in der Deckenkostruktion der neuen Haltestelle verbauen, mag man sich im Rathaus gedacht haben, dann muß der Bau auch rechtzeitig fertig werden. Einen anderen sinnvollen Grund für die Eröffnung vor wenigen Tagen gibt es nämlich nicht: Die Strecke zwischen dieser vorübergehenden Endhaltestelle und dem Bahnhof ist genau 525 Meter lang. Wer also am Bahnhof zusteigt, braucht mit Betreten der einen und Verlassen der anderen Station zuzüglich Warte- und Fahrzeit im Schnitt ca. 10 bis 15 Minuten und muß dafür 1,80 bezahlen. Wer die gleiche Strecke oberirdisch in normaler Geschwindigkeit zu Fuß geht, braucht 5 Minuten. Der Betrieb dieses Abschnitts kostet – ein paar Millionen, von genauen Zahlen wird in letzter Zeit nicht mehr öffentlich geredet.

Ein paar Millionen, die hier fehlen: Das ist einer der beiden Ausgänge auf dem „Alter Markt“. Vorher stand hier ein Haus, das man wegen der U-Bahn aber abgerissen hat, eigentlich hatte man vor, ein neues zu bauen, inklusive Treppenaufgang und Fahrstuhl, der die Fahrgäste nicht nur auf den „Alter Markt“ bringt, sondern auch auf die nächst höhere Ebene des Rathausvorplatzes. Daraus wird nun erstmal nichts, kein Geld mehr da. Aber, so heißt es beruhigend, das sei nur ein „Provisorium“ (damit kenn man sich hier aus, schließlich wurde der Dom in seiner über 600jährigen Bauzeit auch provisorisch genutzt), und man verfolgt eine bestimmte Strategie, die ich auch kenne: Wenn ich nur Schulden habe, mir aber etwas kaufen möchte, dann rufe ich das in die Welt hinaus und warte auf einen Investor, der das für mich übernimmt. Gut, bei mir hat sich noch nie jemand gemeldet, aber die Stadt läßt sich nicht beirren und macht das genau so – gerade noch rechtzeitig vor dem Fest, vielleicht hat der Weihnachtsmann ja Interesse.
Oder – die Welt geht unter am nächsten Freitag, dann geht’s sowieso los mit dem verbuddelten Ufo, und dann ist es ganz gut, daß nur eine Holzbaracke darüber steht. Wenn die am Bugarach das wüßten …

Christmas Avenue

Eine erneute Berichterstattung über die vielen Weihnachtsmärkte in der Stadt wäre wahrscheinlich so ermüdend wie die Weihnachtsmärkte selbst, denn jedes Jahr sind es die gleichen Stände mit teurem Schund, fettigem Essen und zuckrigem Glühwein. Allerdings gibt es in diesem Jahr etwas neues, ein kleines Skandälchen:

Die Christmas-Avenue ist ein schwul-lesbischer Weihnachtsmarkt. Doch doch, ihr habt ganz richtig gelesen.

Die Buden sind mit farbig-glänzendem Material umwickelt, aus den Lautsprechern schallt zumeist Popmusik und es gibt eine kleine Bühne. Darüber hinaus ist der Markt nicht viel anders als andere: Reibekuchen, Bratwurst, Glühwein und ein paar Buden mit Sachen, die kein Mensch braucht. Kleine Unterschiede gibt es doch: Die Bratwurst ist vom Bio-Rind, der Glühwein kommt vom Winzer und ist nicht ganz so süß, dafür etwas teurer, alternativ dazu werden heiße Cocktails angeboten. Wer es mag …

Wenn man Pech hat, tritt gerade irgendjemand auf und singt. Wer gern in seinen Schwulen-Klischees verharren möchte, wird hier also gut bedient: Der Schwule an sich ist etwas eleganter als der Hetero-Mann, er hat mehr Geschmack in fast allen Dingen und auch mehr Geld, um sich all das leisten zu können. Und er hört gern die allerschrecklichste Schlagermusik, bevorzugt gesungen von gemütlich-dicken Transen.

In der hiesigen Tageszeitung beeilte sich ein Kommentator schon im Vorfeld zu schreiben, ein schwul-lesbischer Weihnachtsmarkt sei ja wohl schon längst fällig gewesen. In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ dagegen regten sich CDU-ler über diese „Provokation“ auf: Weihnachten sei ein Familienfest, Sexualität das Mittel, um eben diese Familie zu (er)zeugen, wo also männlicher Samen auf eine weibliche Eizelle trifft und daraus neues Leben entspringt (ich hoffe, ich habe das so ungefähr richtig zusammengefaßt). Was, bitte, haben diese Perversen die Schwulen und Lesben also damit zu tun? Sie verhöhnen das heilige Fest, indem sie einen Adventskalender verkaufen, auf dem muskulöse halbnackte Männer mit Weihnachtmütze auf dem Kopf abgebildet sind. Auf der Bühne tritt ein Mann in Frauenkleidern auf und singt Weihnachtslieder, was für ein Frevel! – während im Publikum dauergeile Homos an Biowürsten saugen – pfui Deibel! Die anderen Weihnachtsmärkte dagegen sind natürlich Orte reiner Kontemplation und christlicher Demut – oder wie?

Braucht man einen schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt? Nein, so wenig wie einen der anderen kitschigen, auf bloßen Kommerz ausgerichteten Weihnachtsmärkte. Ja, solange es solche heuchlerischen Ansichten bigotter Christenkämpfer gibt.

Römerpark

Römer2

Freitag hat es in Köln geschneit, um ca. 9 Uhr ging es los …

… sodaß es zur Mittagspause genau richtig war, das Ereignis zu genießen. Wenn man das will, muß man sich nämlich beeilen, wie die Erfahrung zeigt, ist der Schnee schneller wieder verschwunden, als er gekommen ist.

Ich hatte als König von Köln doch einmal bestimmt, daß nur noch rote Schirme zugelassen sind. Brav.

Die Frage ist nur: Wie komme ich jetzt nach Hause?

Zülpicher Platz

Bohnen- und Kichererbsenpürree wird vielfach gewürzt, zu Bällchen geformt und schließlich frittiert – fertig ist Falafel. Sehr lecker mit diversen Soßen, Joghurt oder Hummus (aus Kichererbsen), wahlweise mit Salat oder Gemüse in einer dünnen Teigtasche. Falafel wurde schon im vorchristlichen Ägypten gegessen. Günstig und lecker – besonders in diesem Imbiß.

Hohenzollernring

Ein Buchladen, aber ein ganz besonderer: Hier werden seit 25 Jahren nur und ausschließlich Kochbücher verkauft, neue und antiquarische. Respekt – daß sich der Laden halten kann über eine so lange Zeit, finde ich bewunderungswürdig. Inzwischen wird zwei Drittel des Umsatzes über das Internet erzielt.

Ich koche nicht so viel, und schon gar keine raffinierten Gerichte, dafür habe ich gar keine Zeit. Aber wenn man hier mal eine viertel Stunde stöbert, läuft einem das Wasser im Munde zusammen.
Der Internetauftritt ist leicht suchbar, gebt einfach „Buch Gourmet“ ein.

Spielmannsgasse

Das ist der Heilige Severin, Ende des 4. Jahrhunderts war er der dritte Bischof in Köln. Viel ist über ihn nicht zu erfahren: In der Nähe hat er wohl ein Kloster gegründet, und dort steht heute eine der zwölf großen romanischen Kirchen, die Kirche St. Severin in der – na? – richtig, Severinstraße.

Und in der nämlichen Straße betrieb er einen türkischen Imbiß, der noch heute existiert – ein frühes Beispiel von Völkerverständigung (wenn auch nicht der deutschen Rechtschreibung).

Die Figur, 1964 von Elmar Hillebrand geschaffen, erfüllt mit ihren 4,5 Metern Höhe die Funktion eines Brückenheiligen. Brücken wurden schon immer als Zeichen von Gefahr wahrgenommen, hier galt es, etwas zu überwinden, eine tiefe Schlucht etwa, oder einen reißenden Fluß, wenn man nicht aufpaßte, fiel man hinein. Daher fand man es nicht schlecht, wenn man unter dem Schutz eines Heiligen stand, und der Heilige Severin bietet sich bei einer Brücke, die seinen Namen trägt, ja von selbst an. Außerdem soll es bei allen Arten von Unglücken helfen, wenn man ihn anruft. Dem Historischen Stadtarchiv, das auch in der Severinstraße beheimatet war, hat das aber nicht viel genützt: Es stürzte 2009 in sich zusammen.

Ausflug nach Blankenberg

Was machen die Fische da in der Flasche? Wenn man genau hinsieht, kann man lesen: „Maggi aus dem Mittelalter, Sardellen in Jamaica Rum“ – hm, ich glaube, trinken möchte ich das nicht, aber zum Würzen ist es vielleicht gar nicht schlecht.

Wir sind in der kleinen mittelalterlichen „Stadt Blankenberg“ an der Sieg, ca. 30 Minuten S-Bahnfahrt von Köln entfernt. Sie ist eine sogenannte Titularstadt, d.h., als Stadtteil von Hennef hat sie gar keine Stadtrechte mehr, darf aber aus historischen Gründen noch „Stadt“ im Namen tragen. Gegründet wurde sie als Ansiedlung zur Burg, von der aber nur noch die Ruinen übrig sind, knapp 600 Einwohner halten sich wacker.

Passend zum Ort findet alljährlich an einem Wochenende ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt statt. Es ist zwar auch voll, aber gar kein Vergleich zu den Märkten in der Großstadt, die Leute sind entspannt, die Preise zivil.

Mit offensichtlichem Vergnügen wird von gewandeten Mittelalterfans ein Tänzchen aufgeführt.

Die Ritter waren auch friedlich, später habe ich sie am Glühweinstand gesehen. Apropos Glühwein: Der war nicht besonders, zu heiß (für Alkohol, der sich daraufhin schnell verflüchtigt hat) und zu süß. Ob es eine Glühwein-Mafia gibt, die Killer losschickt, wenn man nicht ihr Zeug ausschenkt? Können die Ritter da nicht schützend eingreifen?

Wer sich zu wenig geküßt fühlt, kann hier vorsorgen. Eine Garantie gibt es allerdings nicht.