(Schon nicht mehr ganz so) Krank in Berlin

Im Gropius-Bau, einem großen Gebäude im Renaissance-Stil, habe ich schon einige gute Ausstellungen gesehen … moment mal, Gropius? War das nicht der „Bauhaus“-Begründer und spätere Architekt von Wohnwaben für die Massen? Was hat der mit Renaissance zu tun? Gar nichts, das war Walter Gropius, ein Großneffe von Martin Gropius, der das Museum 1881 fertigstellte. Und deshalb heißt es auch vollständig „Martin-Gropius-Bau“.

Heute gibt es keinen ständigen Museumsbestand mehr, sondern nur noch Wechselausstellungen, wie zum Beispiel diese sehr schöne Ausstellung mit 200 Fotografien der Ausnahmefotografin Diane Arbus. Die Arbus hat es in den 60er Jahren geschafft, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln, das ist als Fotografin gar nicht einfach. Besonders ist sie durch ihre ungeschönten Bilder von Drag-Künstlern, Behinderten, Nudisten und anderen Minderheiten bekannt geworden. Fotografieren war in der Ausstellung strengstens verboten – lächerlich eigentlich, ich habe bestimmt drei iPhone-Heimlich-Fotografierer gesehen. Wen es interessiert: Das Internet ist natürlich voll von ihren Fotos, z.B. hier.

Wenn man aus der Ausstellung kommt, hat man eine Zeitlang einen Blick für Absurdes. Oder kommt es mir nur so vor?

Ein paar Schritte weiter gibt es in einem Hinterhof einen Laden für den Verkauf aus der Auflösung eines Theaterfundus.

Bilder, Puppen, Ornamente, Stoffe …

… Spiegel, Klamotten und Putti, alles, was das Herz begehrt. So ein reichverzierter Barockspiegel, zwei bis drei Meter hoch, warum nicht. Kostet aber 1000 Euro.

Zurück im Kiez mahnt uns die Sonne, daß wir uns gesund ernähren sollen. Da fällt mir ein: Ich habe gelesen, daß man „Kiez“ nicht mehr sagen darf, wenn man sich nicht als „total out“ outen will, weil das Wort inzwischen in jeder Werbebroschüre steht und gern auch von sich anbiedernden Politikern in den Mund genommen wird. Und was sagt man jetzt? Wieder Viertel? Oder Gebiet?

Fortsetzung folgt.

Krank in Berlin

Letzten Samstag vor einer Woche fand ich auf der Straße einen 10-Euro-Schein – keine Mensch weit und breit, als wäre er für mich dort hingelegt worden. Ich glaube ja nicht daran, aber wenn, dann würde ich sagen: Das war ein kleiner Trost des Universums für das, was noch am selben Abend folgte: Ich bekam Halsschmerzen, wie ich sie noch nie vorher hatte, gefolgt von einer heftigen Erkältung, Schnupfen, Matschbirne, Husten, alles dabei. Alles halb so schlimm, da meldet man sich halt mal für eine Woche krank, könnte man meinen – allerdings hatte ich Urlaub, Montag sollte es nach Berlin gehen, Fahrt und Unterkunft (für meine Begleiterin) waren bereits bezahlt. Daß die Halsschmerzen Sonntagabend wieder weg waren, nahm ich ich als positives Zeichen, also sind wir gefahren.

Man kann es ja auch in Berlin ruhig angehen lassen und den Tomaten beim Wachsen zusehen.

Schönes Wetter, die Leute sind relaxt – wahrscheinlich alle im Schwimmbad. Oder am Wannsee.

Berlin ist ja berühmt für seiner Currywurst.

Lecker Essen beim Inder in der Oranienstr. ist aber viel gesünder.

Giraffen in Berlins Straßen sind ungefähr so selten wie folgende Geschichte: Wir schlenderten Richtung Bootsanlegestelle, denn wir wollten eine Touristenbootstour auf der Spree mitmachen. Zufällig fiel mein Blick auf einen EC-Automaten, der neben einer Bäckerei aufgestellt war, und was entdeckte ich: Im Ausgabeschlitz steckten 200 Euro! Hurra, einen Schatz gefunden! – war meine erste Reaktion. Aber das war natürlich Quatsch. Irgendein Dussel hatte seine EC-Karte ordentlich wieder in sein Portemonnaie gesteckt und war gegangen, ohne an das Geld zu denken. Was also tun? In der Bäckerei abgeben? Zu unsicher. Also auf zur nächsten Polizeidienststelle, wo man das Geld hoffentlich nicht dem reviereigenen Reptilienfond zuführt. Das Boot war dann natürlich schon weg.
Abends in der WG meines Freundes gab es die verschiedensten Ansichten: Einer sagte, er hätte das Geld in seiner jetzigen prekären Situation vermutlich als Gabe des Himmels angesehen, ein anderer, wenn ihm das passieren würde, also Geld am Automaten vergessen, würde er auf jeden Fall davon ausgehen, daß es weg sei, selbst Schuld also … Eine dritte Stimme meinte, daß man es schon aus Prinzip abgeben müsse, was richtig ist könne nicht deswegen falsch werden, nur weil die meisten anderen sich anders verhalten. Für mich stand nach einem ersten Augenblick der Ratlosigkeit fest, daß ich das Geld auf keinen Fall behalten kann, einfach, weil es mein Gewissen bis zum Ende meiner Tage belastet hätte, und das lohnt sich nun wirklich nicht.

Fortsetzung folgt.

Wanderung Eggeweg, 4. Etappe und Abreise

Die letzte Etappe ist verhältnismäßig kurz, ca.13 Kilometer sind es bis Marsberg. Zwar laufen wir zwischendurch immer wieder durch Wald, aber er wird schon lichter, Felder, Wiesen und kleine Dörfer liegen auf unserem Weg.

Und es ist brütend heiß heute – wir halten uns im Schatten, und da, wo keiner ist, nehmen wir ihn mit.

Unser Wanderführer schickt uns zu einer Grotte. „Ich bin die unbefleckte Empfängnis“, steht unten drunter. Aha. Viel wichtiger ist, das hier Bänke im Schatten stehen, zwei Opas sitzen schon da und unterhalten sich angeregt.

In einer Kirche finde ich diese Anweisung. „Mit Essen spielt man nicht“, war eine Ermahnung meiner Mutter, die ich nicht vergessen habe, aber bitte, wenn man so seine Sorgen und Nöte los wird …
Ich weiß gar nicht, ob der Erzbischof das weiß, was für ein Aberglaube in einem seiner Veranstaltungshäuser praktiziert wird. Ich werde es ihm jedenfalls nicht verraten …

A propos Religion: Heute ist Tag 1 nach der Niederlage gegen Italien, und schon landen die liturgischen Gegenstände in der Gosse. Das ist nicht fein. Kann man die denn nicht in der Wertstofftonne entsorgen?

Kennt noch jemand Mr. Ed? Als Kind fand ich ihn klasse. Dieser hier hat allerdings sein Maul nicht aufgekriegt. Vielleicht hielt er uns nicht für würdig genug.

Schöne Gegend hier, das muß man schon sagen. Da hinten in der Mitte liegt schon der Kirchturm von Obermarsberg.

In den 70ern fand man es verwunderlich, daß viele der Terroristen der RAF aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammten. Ich fand das dagegen immer sehr plausibel – eine Erinnerung, die mich befällt, als wir an diesem Ensemble vorbeigehen.

Relativ früh kommen wir in Marsberg an – und haben wieder großes Glück: Kaum haben wir unsere Hotelzimmer betreten, schüttet es wie aus Eimern, unglaublich, was da herunterkommt.

Marsberg ist ein 20.000-Einwohnerstädtchen, Geschäfte, Kirchen, Arbeitsagentur – alles vorhanden.

Diese beiden Fotos zeige ich nur, um dem weit verbreiteten Vorurteil entgegenzutreten, der Deppenapostroph sei ein Phänomen des Ostens.

Gut – das mit dem Kaffee wiegt da schon schwerer, aber vielleicht lernt man das ja noch. Das soll ein „Latte Macchiato“ sein, der hier überwiegend aus Schaum besteht. Und was, bitte, macht der Strohhalm in dem Kaffee?

Schluß mit Lästern – einen Nachmittag und einen Morgen läßt es sich hier gut aushalten.
Und auch Schluß mit der Wanderung. Das hat wirklich Spaß gemacht, was zum größten Teil natürlich an meiner lustigen und angenehmen Begleitung lag. Aber auch die Gegend ist schön, die Leute sind überwiegend nett, und der Wanderweg ist dadurch, daß man auf dem Grat wandert, nicht allzu schwer.

Ende.

Wanderung Eggeweg, 3. Etappe

Nach Aachen sind es 220 Kilometer. Da laufen wir jetzt aber nicht hin. Die heutige Etappe ist 27 Kilometer lang, aber wir sind guten Mutes, das Wetter ist freundlich.

Brutale Natur! Was lernen wir daraus? „Meide Fichten“? Das geht wohl kaum, und die, an denen wir vorbeikommen, machen auch einen harmlosen Eindruck.

Aber die Natur ist unberechenbar und bringt rätselhafte, aber schöne Formen hervor.

Das ist ein Schnatstein. „Schnat“ heißt Grenze. Nach den Wirren des 30jährigen Krieges wollte man ein bißchen Ordnung in die Gebietslage bringen. So handelten das Fürstbistum Paderborn und das benachbarte Fürstentum Lippe 1658 einen Grenzverlauf aus, und um zukünftig nicht darüber in Streit zu geraten, setzten sie insgesamt 90 durchnummerierte Schnatsteine, die jeweils mit der lippischen Rose und auf der anderen Seite mit dem Paderborner Kreuz gekennzeichnet sind. Und da diese Steine natürlich hervorragende Orientierungspunkte bildeten, entstanden zwischen ihnen automatisch vielbegangene Wege.

Na typisch! Das kann ja nur ein Städter sein – läuft bei strahlendem Sonnenschein mit offenem Schirm durch die Gegend und macht sich komplett lächerlich! Das ist natürlich Quatsch. Erstens bin ich das, der da läuft, zweitens lachen hier höchstens die Waldtiere, denn auf der gesamten Etappe begegnen uns nur zwei Menschen, und drittens ist mir jedes Gelächter darüber Wurscht: Die Sonne brennt einem manchmal so heiß auf den Kopf, da rechtfertigt ein Schutz vor Sonnenstich fast alles.

Dieser Turm wird „Bierbaums Nagel“ genannt. Julius Bierbaum, Bankier und Gutsbesitzer, wollte 1849 nicht nur der armen Bevölkerung eine Gelegenheit verschaffen, etwas Geld zu verdienen (so heißt es jedenfalls), sondern auch seiner unter Heimweh leidenden Ehefrau die Gelegenheit geben, ihre Heimatstadt Kassel wenigstens aus der Ferne betrachten zu können. Ob das das Heimweh gemildert hat, bleibt freilich ungewiß.

Es ist warm, und wir sind platt. 25 Kilometer sind wir schon gelaufen, nun müssen wir noch durch die Stadtwüstung Blankenrode. „Wüstung“ nennt man ein Gebiet, das einmal besiedelt war, später aber als Siedlungsort aufgegeben wurde. Hier müßte man allerdings von Verwüstung reden: Bis 1390 lebten hier 1000 Menschen, die einer Fehde zwischen feindlichen Fürsten zum Opfer fielen: Alle Bewohner wurden niedergemetzelt und die Stadt vollständig zerstört. Zwischen den Bäumen kann man noch Mauerreste erkennen, und den sogenannten Jungfernbrunnen hat man auch gepflegt: Als die Tochter des Bürgermeisters vor den marodierenden Horden flüchtete, so die Sage, konnte sie ihre Jungfernschaft nur durch einen Sprung in den Brunnen retten – in dem sie dann ertrank. Unglück im Unglück.

Endlich! Geschafft – in jeder Beziehung. Häuser in einer überschaubaren Anzahl für ca. 160 Einwohner, da ist das Hotel nicht schwer zu finden. Das angeschlossene Café hat zwar heute Ruhetag, trotzdem bietet uns unsere Gastgeberin als erstes etwas zu essen an: „Sie können wählen zwischen Schweinemedaillons mit Röstis, überbackenen Schweinemedaillons mit Röstis oder Schnitzel mit Spiegelei.“ Letzeres scheint eine Spezialität der Gegend zu sein, das habe ich auch schon mal auf einer Speisekarte gesehen. Tja, fremde Sitten. Nach einigem diplomatischen Hin und Her bekommen wir jeder einen riesigen Salatteller mit Bratkartoffeln. Sehr lecker!

Teil 6.

Wanderung Eggeweg, 2. Etappe

Die Gegenden hier heißen „Düvelsnacken“, „Teufels Küche“, „Kleiner Herrgott“ und „Ewigkeit“, da wundert es keinen, daß es eine „Knochenhütte“ gibt. Von diesen kleinen Unterständen gibt es auf der gesamten Strecke 25, sie sind durchnummeriert, und wenn einem was passiert, also wilde Tiere, Räuber oder Hunger, kann man die Wacht anrufen und sollte sich erinnern, an welcher Hütte man als letztes vorbeigekommen ist.

Dieser unheimliche Mann stellte sich aber glücklicherweise als völlig harmlos heraus.

Jeder, der bei der Erwähnung der „wilden Tiere“ gelacht hat: Bitteschön, ein Drachennest. Das Muttertier war aber gerade nicht da.

Wir haben Zeit und machen einen kleinen Abstecher zur Iburg, bzw. was davon noch übrig ist. Hier ist viel Blut geflossen, allerdings ist das über 1200 Jahre her. Die Iburg war eine sogenannte Fliehburg, das heißt, sie wurde nur genutzt, wenn feindliche Krieger in Anmarsch waren. Das hat den Sachsen, denen diese Burg gehörte, allerdings nicht viel geholfen. Karl der Große, im Volksmund auch „Sachsenschlächter“ genannt, hat um das Jahr 800 mit der ihm eigenen christlichen Strenge (also mit allergrößter Brutalität) die sächsischen Stämme christianisiert. Die Religion war, wie ja meistens, nur ein Vorwand, es ging natürlich um Vorherrschaft und Macht. Jedenfalls, die Kirche, die Karl hier errichten ließ, ist auch schon lange Geschichte.

Gut – ich gebe es zu: Der eigentliche Grund für den kleinen Umweg ist die „Sachsenklause“. Als die Bedienung hört, daß wir nichts essen wollen, nimmt sie die Speise- und Getränkekarte wieder an sich – Karls Schergen erscheinen und führen uns in Handschellen ab. Nein, wir insistieren höflich und dürfen nun doch einen Blick in die Getränkekarte werfen.

Aus dem Fenster hat man einen schönen Blick auf Bad Drieburg – nein, ich schreibe besser „hätte“, wenn nur das Wetter besser wäre.

Die letzten paar Kilometer unserer heutigen 17-km-Etappe führen durch eine solche Wiesenlandschaft: Hüfthohes nasses Gras, der Weg kaum zu erkennen: Unmöglich! Fluch, Schimpf und Schande, wer hat sich sowas ausgedacht! Nach 500 Metern wechseln wir – mit komplett duchnäßten Hosen und Schuhen – auf die parallele Straße. Oh Wunder – ein Auto hält: Unser Gastgeber aus Herbram-Wald, unserem nächsten Etappenziel, ist uns auf Verdacht entgegengefahren. Wir könnten ihn umarmen.

Herbram-Wald ist ein 160-Einwohner-Dorf, das auf dem Gelände eines alten Munitionslagers der Nazis erbaut wurde. Ein Hotel, eine Gaststätte, aber mehr brauchen wir auch nicht. Dem dicken Unwetter sind wir so gerade eben entkommen. Man muß auch mal Glück haben.

Teil 5.

Wanderung Eggeweg, 1. Etappe, Teil 2

Auf dem höheren Gipfel des Velmerstot steht der sogenannte Eggeturm, den man besteigen kann …

… um auch wirklich ein Gipfelgefühl zu bekommen, die Bäume verdecken sonst die ganze Sicht. Ja, doch, nicht schlecht. Nicht die Alpen, aber dafür auch nicht so anstrengend.

Den Eggeweg gibt es schon seit vor- und frühgeschichtlicher Zeit – natürlich nicht für individuelle Pauschaltouristen, damals hatten die Leute besseres zu tun, aber sie sind hier langgelaufen. Und da passiert natürlich so einiges, worauf man dann später hinweisen kann. Erschießungen von Förstern durch Wilddiebe kamen relativ häufig vor, woran solche Kreuze erinnern. Wir kommen der Aufforderung zum Verschnaufen gern nach, wenn auch aus anderen Gründen (erstmal eine rauchen).

Daß hier so viele Förster gestorben sind, macht mich doch skeptisch: Man könnte fast meinen, der Förster an sich sei eine natürliche Beute des Wilddiebes. Dabei hat der doch nicht das geringste Interesse daran, Förster zu erlegen. Ich vermute, es war so: Das Wild gehörte genauso wie das Land irgendwelchen Fürsten, die es gar nicht mochten, wenn auf den Jagdvergnügungen kaum Tiere abzuschießen waren, weil das dumme Volk seinen Hunger damit stillte. Also wurden Förster beauftragt, den Wilddieben das Handwerk zu legen, sprich: Sie notfalls zu erschießen. Daß die Wilddiebe dann zurückgeschossen haben, tja, das ist natürlich ungesetzlich. Und deshalb stehen die Kreuze hier für die Förster und nicht für die, die ihre Familien ernähren wollten. Aber wie gesagt: Reine Mutmaßung.

Wald ist nicht nur ein bißchen unheimlich, finde ich, sondern oft auch unordentlich. Sehr sympathisch.

Fremde Länder, fremde Tiere. Altenbeken, unser nächstes Ziel, liegt 15 Kilometer von Paderborn entfernt, vielleicht ist das die Erklärung. Egal, die ersten 17 Kilometer sind geschafft, wir müssen nur noch hinunter ins Tal …

… in das kleine Städtchen, das zurecht stolz ist auf seinen Viadukt, der größten Kalksandsteinbrücke Europas.

Hm – das hier ist das Stadtzentrum … tue ich der Stadt sehr unrecht, wenn ich behaupte, daß sie insgesamt den Charme einer Sparkassenfiliale hat? Zwei Supermärkte, ein paar Kneipen und Restaurants und ein Eisenbahnmuseum – was macht man hier, wenn man jung ist? Die Eisdiele scheint ein zentraler Anlaufpunkt zu sein … aber halt: Bevor ich „nette“ Kommentare von entrüsteten Altenbekenern bekomme: Die Einwohner, wie überhaupt die Menschen der Region, die uns begegnen, sind alle sehr freundlich, gesprächig und hilfsbereit – das sage ich ohne jede Ironie.

So ist diese Sicht auf den Viadukt eine Empfehlung unserer Gastgeberin …

… wie auch der Hinweis darauf, daß wir unbedingt die Dunkelheit abwarten müßten.

Teil 4.

Wandertour Eggeweg, 1. Etappe, Teil 1

Es folgen 400 Waldbilder, Bäume, Moos, Sträucher und äh … Bäume. Ich kann mir vorstellen, wie brennend euch das interessiert.

Los geht’s. Der ca. 70 Kilometer lange Gratwanderweg durch das Eggegebirge beginnt bei den Externsteinen. Der Fachbegriff für ihr Aussehen ist Wollsackverwitterung – das braucht wohl keine weitere Erklärung, außer vielleicht die, daß die Steine 70 Millionen Jahre dafür brauchten.

Wenn man bereit ist, 1,50 zu bezahlen, darf man die Steine auch besteigen, …

… kann direkt hinuntergucken …

… oder in die Ferne sehen (der Mann im roten Anorack ist mir völlig unbekannt, aber fotografisch ein Geschenk des Himmels).

Genug herumgelungert, jetzt wird gewandert. Hm, wo geht es lang …

… da runter? Im Wald, da sind die Räuber, oder?

Aah – endlich! Waldhotel Silbermühle hat ein Schild in der Tür „Come in, we’re open“, das aber nur für Engländer zu gelten scheint, denn die Bedienung ist alles andere als erfreut, uns zu sehen. Nützt nichts, wir bestehen auf Kaffee, schließlich sind wir schon drei Kilometer gelaufen!

Der Weg ist nichts für Rollstuhlfahrer. Die 1. Etappe ist übrigens die schwerste des gesamten Weges, denn man muß auf den höchsten Berg des Eggegebirges …

… den Velmerstot. Erstaunlicherweise hat der Berg zwei Gipfel, der kleinere heißt Lippischer Velmerstot, der größere Preußischer Velmerstot. Messerscharf schließe ich daraus, daß der Name nicht an einen Herrn Velmer erinnert, der sich hier zu Tode gestürzt hat, denn zweimal sterben, jeweils preußisch und lippisch, konnte man auch früher nicht. Velmer, weiß Wikipedia, bezieht sich auf einen in der Nähe liegenden Ort, und -stot steht für Steilhang. Oder auch Stute. Wahnsinnig interessant zwar, aber wir müssen nun weiter …

… und erstmal was essen. Das Proviantpäckchen ist ein Überraschungspaket, liebevoll von unserem letzten Gastgeber gepackt.

Teil 3.

Wandertour Eggeweg, Anreise

Zwei Wochen vergehen schneller, als mir lieb ist, jedenfalls, wenn ich Urlaub habe. Vier Tage war ich mit einer Freundin auf dem Eggeweg wandern. Das schöne an unserer Tour ist erstmal, daß wir unser Gepäck nicht selbst schleppen müssen, es wird uns hinterhergebracht zu den vorher gebuchten Hotels. Der Eggeweg ist einer der ältesten Wanderwege Deutschlands und liegt tatsächlich noch in NRW, erstaunlich, wie groß und unterschiedlich dieses Bundesland ist. Man fährt mit der Bahn bis Bielefeld, von dem zumindest der Bahnhof mit Sicherheit existiert, steigt um und zuckelt mit der Regionalbahn weiter bis Bad Meinberg.

Bad Meinberg ist ein Kurort am Rande des Teutoburger Waldes. Viel los ist hier aber nicht.

Im schönen Kurpark stehen hunderte Bänke relativ eng beieinander und künden von besseren Zeiten: Anfang der 90er gastierten hier pro Jahr bis zu 38.000 Besucher, aber seit den verschiedenen Reformen des Gesundheitswesens hat das stark abgenommen. Ich kann mich noch daran erinnern: Wenn man früher eine Kur haben wollte, bekam man sie auch. Das ist heute nicht mehr so, schade eigentlich, hier läßt es sich zwischen Heilquelle und Moorbad bestimmt gut langweilen.

Ich habe mal einen netten Krimi gelesen, der hieß „Einer fehlt beim Kurkonzert“. Hier fehlt das Kurkonzert selbst. Na gut, ist ja auch Montag nachmittag.

Aber eine Attraktion hat das Städtchen noch zu bieten. Ob der Gesang allerdings die Kundschaft dazu verleitet, ihre Brötchen woanders zu kaufen, konnten wir leider nicht feststellen: Zur Zeit geschlossen.

Teil 2.

Berliner Eindrücke (4)

Wer Berlin von oben betrachten möchte, fährt entweder auf den Fernsehturm – oder er besteigt einen Berg, z.B. den Teufelsberg, der nicht deswegen so heißt, weil der Teufel ihn erbaut hat, auch wenn man sagen kann, daß zu seiner Entstehung höllisch anmutende Zustände Voraussetzung war: Der Teufelsberg ist ein Trümmerberg, der Schutt von 15.000 zerbombten Gebäuden wurde hier nach dem 2. Weltkrieg abgeladen.

Zeitweise gab es eine Rodelbahn, sogar eine Skipiste wurde eingerichtet, aber noch interessanter war die Erhöhung für das amerikanische und britische Militär: Das richtete hier Gebäude zur Flugüberwachung und Anlagen zum Abhören dessen ein, was man im kalten Krieg für die Hölle hielt: Den Ostblock. Oben sieht man die Kantine, die in einem der wenigen Gebäude mit Fenstern untergebracht war. Klar, Spione müssen auch essen, schön, wenn man dabei rausgucken kann.

Das Gelände ist inzwischen total verwahrlost, die Gebäude sind baufällig und verrotten so langsam. Eigentlich darf man das Areal nicht betreten, aber an jedem Sonntag werden Führungen durchgeführt: Am S-Bahnhof Grunewald wird man um 12.30 Uhr abgeholt und auf den Berg geführt, wo man 15 Euro zahlen und eine Erklärung unterschreiben muß, daß man bei einem Unfall auf alle Ansprüche verzichtet.

Nach der Wiedervereinigung wußten die Briten und Amerikaner nicht mehr, was sie nun noch abhören sollten und zogen ab. Bis 1999 wurden die Anlagen teilweise noch zur zivilen Luftüberwachung genutzt, seitdem überläßt man sie der Natur und den Vandalen.

So, da gehen wir jetzt hoch. Im Treppenhaus ist es stockdunkel (Beweisfoto liefere ich gern nach), überall liegt Schutt, einige Leute leuchten mit ihren Handy-Displays, so daß man wenigstens etwas sehen kann – endlich mal sinnvoll, diese Dinger.

Das 4,7 Hektar große Gelände wurde für ein „Butterbrot“ an eine Kölner Investorengemeinschaft verkauft (5,2 Mio. DM), die mit ihren Bebauungsplänen aber auf massiven Widerstand aus der Bevölkerung stieß, außerdem stiegen die Baukosten, so daß man schließlich Insolvenz anmeldete.

Windig, kalt und alles andere als sicher. Manchmal sind die Drähte durchgeschnitten – daß hier noch nichts passiert ist …

Man kann Gebäudeteile auch privat mieten, jemand hat hier mal eine Geburtstagsparty veranstaltet, wurde erzählt. Auch ein Graffitifestival fand mal statt, und um mehr Fläche für die Kunstwerke zu haben, hat man in den weitläufigen Hallen einfach ein paar Wände halb hochgezogen.

Diese Stoffetzen, die überall von den Türmen hängen, war eine Bespannung aus einem halbdurchlässigen Material für Funksignale: Man konnte alles empfangen, aber es drang nichts nach außen – ist ja klar, was hat man davon, wenn die anderen abhören, was man gerade abgehört hat.

Oben in der Kuppel gibt es eine irre Akustik – die Luke ist auch ungesichert, deswegen bleiben wir in gebührendem Abstand. Durch ein winzig kleines Loch, durch das das Objektiv gerade durchpaßt, mache ich dieses Zufallsbild:

Das Berliner Wappentier taucht selbst an Stellen auf, wo man es nicht vermutet.

Im Jahr 2008 wollten die fliegenden Spinner von der „Transzendentalen Meditation“ hier eine sogenannte Friedensuniversität errichten, mit einem 12-stöckigen „Turm der Unbesiegbarkeit“. Kein Geringerer als der Künstler, Regisseur und Maharishi-Anhänger David Lynch legte hier den Grundstein (was man übrigens sehr schön in der lustigen Dokumentation „David wants to fly“ sehen kann), allerdings landete der yogische Höhenflug auf dem Boden der Tatsachen: Wer soll das alles bezahlen?

Daß langsam alles verrottet, ist natürlich auch keine Lösung: Das hier sind Zeugnisse eines wichtigen Geschichtsabschnittes der jüngeren Vergangenheit – entsprechend sollte man damit umgehen.

Wer noch nicht genug hat und noch mehr Fotos vom Teufelsberg sehen möchte, kann sie sich einfach auf meiner Fotogalerie unter „exhibition: Teufelsberg, Berlin“ ansehen.

Berliner Eindrücke (3)

Hurra, heute geht’s ins Museum, besser gesagt: In die Galerie, nämlich die Nationalgalerie, die auf sechs Häuser in Berlin verteilt ist, unter anderem im Schloß Charlottenburg, das man sieht, wenn man durch das Fenster blickt.

Wir befinden uns im Eckhaus gegenüber, in der Sammlung Scherf-Gerstenberg: „Surreale Welten“, einer Dauerleihgabe. Allein das Haus ist schon schön: Auf mehreren Etagen gruppieren die Ausstellungsräume sich um ein zentrales rundes Treppenhaus …

… mit schöner Kuppel.

Hier hängt alles, was in der surrealistischen Künstlerschaft Rang und Namen hat: Max Ernst, Dali, Magritte, Odilon Redon und etliche mehr, allerdings mit kleineren Werken, viele Zeichnungen. Das rote Bild oben ist von Paul Klee und heißt „neues Spiel beginnt“.

Das Foto einer der Puppen von Hans Bellmer – eindrucksvoll und ein wenig unheimlich. Aber das Geheimnisvolle, Untergründige, Unergründliche ist ja meistens Thema des Surrealismus.

Die Maske des Künstlers Julio Gonzáles erinnert an Edvard Munchs weltberühmtes Gemälde „Der Schrei“. Die Surrealistische Bewegung gibt es ja erst seit Anfang der 20er Jahre, da war Munch bereits über 60 und hatte vermutlich wenig Neigung, sich den jungen Revoluzzern in Paris anzuschließen, aber die hatten gar kein Problem damit, alle möglichen Künstler in ihre Bewegung „einzugemeinden“.

Wie zum Beispiel auch Giovanni Battista Piranesi, der im 18. Jahrhundert gelebt hat und berühmt wurde durch seine „Carceri“, 16 düstere Abbildungen von monumentalen Kellergewölben, die kein reales Vorbild haben. Noch heute beeinflussen sie Filmemacher (Metropolis, Blade Runner).

Hier hängen die Drucke auch, in einem extra Raum, den man durch eine gewölbte Ausstellungshalle erreicht. Beeindruckend!

Klein, aber fein: Ein sehr schönes Haus, eine besuchenswerte Ausstellung – und Kaffee und Kuchen gibt es auch!

Gegenüber, auf der anderen Seite der Allee, öffnet im Sommer das „Museum Berggrün“ seine Türen, das bekannt ist für seine Sammlung „Picasso und seine Zeit“. Der Eintritt gilt dann für beide Häuser.