Berliner Eindrücke (4)

Wer Berlin von oben betrachten möchte, fährt entweder auf den Fernsehturm – oder er besteigt einen Berg, z.B. den Teufelsberg, der nicht deswegen so heißt, weil der Teufel ihn erbaut hat, auch wenn man sagen kann, daß zu seiner Entstehung höllisch anmutende Zustände Voraussetzung war: Der Teufelsberg ist ein Trümmerberg, der Schutt von 15.000 zerbombten Gebäuden wurde hier nach dem 2. Weltkrieg abgeladen.

Zeitweise gab es eine Rodelbahn, sogar eine Skipiste wurde eingerichtet, aber noch interessanter war die Erhöhung für das amerikanische und britische Militär: Das richtete hier Gebäude zur Flugüberwachung und Anlagen zum Abhören dessen ein, was man im kalten Krieg für die Hölle hielt: Den Ostblock. Oben sieht man die Kantine, die in einem der wenigen Gebäude mit Fenstern untergebracht war. Klar, Spione müssen auch essen, schön, wenn man dabei rausgucken kann.

Das Gelände ist inzwischen total verwahrlost, die Gebäude sind baufällig und verrotten so langsam. Eigentlich darf man das Areal nicht betreten, aber an jedem Sonntag werden Führungen durchgeführt: Am S-Bahnhof Grunewald wird man um 12.30 Uhr abgeholt und auf den Berg geführt, wo man 15 Euro zahlen und eine Erklärung unterschreiben muß, daß man bei einem Unfall auf alle Ansprüche verzichtet.

Nach der Wiedervereinigung wußten die Briten und Amerikaner nicht mehr, was sie nun noch abhören sollten und zogen ab. Bis 1999 wurden die Anlagen teilweise noch zur zivilen Luftüberwachung genutzt, seitdem überläßt man sie der Natur und den Vandalen.

So, da gehen wir jetzt hoch. Im Treppenhaus ist es stockdunkel (Beweisfoto liefere ich gern nach), überall liegt Schutt, einige Leute leuchten mit ihren Handy-Displays, so daß man wenigstens etwas sehen kann – endlich mal sinnvoll, diese Dinger.

Das 4,7 Hektar große Gelände wurde für ein „Butterbrot“ an eine Kölner Investorengemeinschaft verkauft (5,2 Mio. DM), die mit ihren Bebauungsplänen aber auf massiven Widerstand aus der Bevölkerung stieß, außerdem stiegen die Baukosten, so daß man schließlich Insolvenz anmeldete.

Windig, kalt und alles andere als sicher. Manchmal sind die Drähte durchgeschnitten – daß hier noch nichts passiert ist …

Man kann Gebäudeteile auch privat mieten, jemand hat hier mal eine Geburtstagsparty veranstaltet, wurde erzählt. Auch ein Graffitifestival fand mal statt, und um mehr Fläche für die Kunstwerke zu haben, hat man in den weitläufigen Hallen einfach ein paar Wände halb hochgezogen.

Diese Stoffetzen, die überall von den Türmen hängen, war eine Bespannung aus einem halbdurchlässigen Material für Funksignale: Man konnte alles empfangen, aber es drang nichts nach außen – ist ja klar, was hat man davon, wenn die anderen abhören, was man gerade abgehört hat.

Oben in der Kuppel gibt es eine irre Akustik – die Luke ist auch ungesichert, deswegen bleiben wir in gebührendem Abstand. Durch ein winzig kleines Loch, durch das das Objektiv gerade durchpaßt, mache ich dieses Zufallsbild:

Das Berliner Wappentier taucht selbst an Stellen auf, wo man es nicht vermutet.

Im Jahr 2008 wollten die fliegenden Spinner von der „Transzendentalen Meditation“ hier eine sogenannte Friedensuniversität errichten, mit einem 12-stöckigen „Turm der Unbesiegbarkeit“. Kein Geringerer als der Künstler, Regisseur und Maharishi-Anhänger David Lynch legte hier den Grundstein (was man übrigens sehr schön in der lustigen Dokumentation „David wants to fly“ sehen kann), allerdings landete der yogische Höhenflug auf dem Boden der Tatsachen: Wer soll das alles bezahlen?

Daß langsam alles verrottet, ist natürlich auch keine Lösung: Das hier sind Zeugnisse eines wichtigen Geschichtsabschnittes der jüngeren Vergangenheit – entsprechend sollte man damit umgehen.

Wer noch nicht genug hat und noch mehr Fotos vom Teufelsberg sehen möchte, kann sie sich einfach auf meiner Fotogalerie unter „exhibition: Teufelsberg, Berlin“ ansehen.

0 Antworten zu “Berliner Eindrücke (4)

  1. Der oder die Besitzer tragen sich mit der Absicht, ein Museum dahin zu bauen, habe ich gehört, aber das kostet natürlich. Ich könnte mir vorstellen, daß man da auf Staatsknete hofft …
    Wenigstens sind Neubauten, also häßliche Wohn- und Bürobauten, ausgeschlossen, da das Gebiet inzwischen als Wald deklariert wurde.

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  2. Ja, hat mein Berliner Freund auch gesagt, er ist noch vor ein paar Jahren durch die Büsche auf das Gelände gegangen. Zwischendurch haben sogar mal ein paar Leute, die vorher im Tacheles ansässig waren, versucht, hier was aufzubauen, hat er erzählt, aber davon ist nichts mehr zu sehen. Jetzt ist das Gebiet weiträumig abgezäunt und wird von einem Sicherheitsdienst bewacht.

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  3. WOW echt tolle bilder, welche einen guten Eindruck machen aber auch ein wenig schaurig sind 🙂

    …und wenn ich hier schonmal schreibe, hätte ich mal eine Frage, vlt. kannst du mir diese auch nicht beantworten, aber stimmt es, das wenn man dort „feiern“ möchte 150 Euro pro Stunde bezahlen muss ?
    Dies meinte heute nämlich ein Mann, welcher das angeblich gepachtet hat.
    Aber 150 Euro erscheinen mir jedoch pro Stunde sehr viel !

    Es wäre echt nett wenn du mir darauf eine Antwort geben könntest 🙂

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  4. Danke, freut mich, daß Dir meine Bilder gefallen.

    Wieviel das kostet kann ich Dir leider nicht sagen, 150 Euro/Stunde erscheint mir aber auch sehr viel. Allerdings sollte man sich das gut überlegen, da seine Geburtstagsfeier zu machen, das Gelände ist wirklich sehr unsicher, und wenn die Leute dann was getrunken haben …

    Schau mal hier, bei der Email-Adresse kann man Dir bestimmt seriöse Auskunft geben:
    http://www.berlinsightout.de/mieten.htm

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  5. Ich finde deine Eindrücke wirklich wundervoll. Als ich letztes jahr für einige Tage in Berlin war habe ich auch mal die Stadt und das Umland erkundet. Mit dem Leihwagen wars auch ganz einfach und es ist wirklich erstaunlich was man in und um Berlin alles so sehen kann .. man muss sich einfach mal die Mühe machen von den großen Tourihighlights wegzugehen 🙂

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  6. Danke!
    Ja, da hast Du recht. Allerdings läßt sich alles um Berlin gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder sogar mit dem Fahrrad erreichen, da spart man nicht nur Geld, es ist auch besser für die Umwelt.

    PS: Die Werbung für die Autoleihfirma habe ich mal entfernt, das war ja sicher nur ein Versehen. 😉

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