Hohenzollernring

Tja – damit hat der Standbetreiber sicher nicht gerechnet, daß kaum jemand Interesse hat an seinen gedünsteten Champingnons und dem frittierten Blumenkohl. Mit 275.000 hatte man gerechnet, tatsächlich sind es dann 340.000 Besucher geworden, die vor anderthalb Wochen die „Gamescom“, die weltgrößte Computerspielemesse, besucht haben.

Als Begleitprogramm hatte man einen Teil des innerstädtischen Rings abgesperrt, zwei Bühnen aufgebaut und ein paar Stände (eine Kölner Autofirma stellte seine neusten Modelle aus und lud zu Probefahrten ein – wie blöd ist das denn?), aber das Interesse der jungen Leute war nur gering. Die warteten lieber in einer der Messehallen bis zu sechs Stunden darauf, mal für 10 Minuten an einer der neuen Spielkonsolen spielen zu dürfen, die rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft für viel Geld auf den Markt geworfen werden: Die Deutschen geben pro Jahr sage und schreibe 1,9 Milliarden Euro für Computerspiele aus. 1,9 Milliarden!

Auffallend ist, daß alle Zugänge zum abgesperrten Ringstraßenteil mit engen Gittern zugestellt sind, „Tür“-Steher passen auf, daß niemand sein Fahrrad über das Gelände schiebt. Das war früher gar kein Problem. Ich vermute, man möchte das Duisburger Desaster zur „Love Parade“ vor einigen Jahren unbedingt vermeiden. Allerdings besteht hier garantiert keine Gefahr, so wenig Leute, wie da sind, aber das weiß man ja vorher nicht.

Aachener Str.

Ja, so will der Mann von heute sein: Abschreckend, angsteinflößend, respektgebietend, potent, wie einst der Häuptling der Neandertaler, eine stolze Einheit von Gefühl und Verstand (der entsprechend angepaßt ist, also kauen und schlucken). Hungrig-aggressiv sucht er nach dem nächsten Wildtier Weib … Hamburger, das Wild in seiner kultivierten Form.
Als ich in Berlin war, habe ich einen Soja-Burger gegessen, ganz ehrlich: Der schmeckte nicht im Geringsten anders als ein Rindfleischburger. Auf die blutunterlaufenen Augen muß man allerdings verzichten.

Spätsommer

Letzte Gelegenheit, sich gegenseitig naß zu machen – nach diesen Tagen wird es nicht mehr warm genug sein.

Es hat was Rührendes, wenn sich jemand zum Gespött macht – die Freunde stehen am Rand und drehen feixend Videos mit dem Handy. Fünf Euro kostet es, für fünf Minuten in dem Ball verbringen zu „dürfen“.

Herrlich, Ende Oktober nochmal so enspannt draußen sitzen zu können.

Während vor dem Café die Besucher noch im T-Shirt sitzen …

… werden im Stadtgarten schon die Weihnachtsmarktbuden aufgebaut.

Am Wochenende

Sommerzeit in der Großstadt ist Märktezeit, jedenfalls an den Wochenenden. Die vielen Viertel der Stadt (von denen gibt es übrigens, oh Wunder, viel mehr als vier) wechseln sich mit ihren Straßenfesten ab, die aber meist recht unerquicklich sind: Freß- und Saufbuden im Wechsel mit Kinderbespaßung und Verkaufsständen der ansäßigen Geschäfte, die die Gelegenheit nutzen, ihren Plunder auch mal am Sonntag feilbieten zu können. An sich könnte das trotzdem eine ganz nette Atmosphäre geben, wenn nicht unter Garantie irgendwo eine oder mehrere Musikanlagen lautstark Kölschmusik plärren würde. Das macht es wirklich unerträglich.

Im Schatten der Apostelnkirche dagegen ein beschaulicher Keramikmarkt.

Alles natürlich ziemlich teuer, echte Handarbeit hat ihren Preis.

Ein Aussteller hatte ein Schild an seinem Stand mit einem durchgestrichenen Fotoapparat. Die chinesische Produktpiraterie wird aber auch wirklich immer unverschämter.

Auch sehr teuer sind die Waren auf dem nahen Neumarkt, auf dem, seinem Namen zum Trotz, ein „Antikmarkt“ veranstaltet wird. Viel Porzellan und Besteck ist im Angebot, das nicht mit Schönheit, sondern mit Alter protzt – „antik“ ist vielleicht etwas übertrieben, aber wir wissen, was gemeint ist.

Tee wie im englischen Königshaus gefällig? Bitte schön, my dear – mit 260,00 Euro ist man dabei.

Ein gut sortierter Bücherstand, allerdings auch hier verhältnismäßig hohe Preise: Für ein gebrauchtes Buch den halben Originalpreis zu verlangen, das finde ich ziemlich happig. Allerdings, das gebe ich gern zu, muß man den Standpreis auch irgendwie wieder hereinholen: Ein fertiger, überdachter 4-m²-Stand kostet für zwei Tage 140,00 Euro, und mit dem Platz kommen viele nicht aus.

Ob nur zur Belustigung oder zum Verkauf: Ich weiß es nicht, aber der alte Mercedes stand da so herum. Als Kind habe ich dieses Auto bewundert, das reinste Schiff. Mein Vater konnte sich leider nur einen popeligen Käfer leisten. Hey – auf der Rückbank sitzt sogar einer …

„Antikmarkt“ – gut und schön. Aber die Beifahrermumien könnte man doch sicher würdevoller unterbringen!

Im Grüngürtel

Wer kennt das Gefühl nicht: Irgenwie hängt man in der Luft. Aber oft ist da auch eine lange Strecke zu bewältigen. Macht nichts – üben üben üben. Und irgendwann weiß man nicht mehr, was für Schwierigkeiten man eigentlich gehabt hat und ist wieder in der Balance.

Engel vorm Dom

Der eine Engel signalisiert, man solle ihn anrufen – würde ich ja gern machen, wenn ich mal in Not bin, aber wie ist die Nummer? Wenn man „Engel“ bei der Telefonauskunft eingibt im Ort Himmelreich, bekommt man ein paar Treffer: Das Himmelreich ist offenbar ein Stadtteil von Wilhelmshaven. Das ist kaum zu glauben, wenn man diese Stadt schon mal besucht hat – die Wilhelmshavener mögen mir verzeihen, aber ich habe bisher kaum eine häßlichere Stadt gesehen, rein äußerlich jetzt, und das will was heißen, wenn man in Köln wohnt. Aber auf die inneren Werte kommt es schließlich an, ich bin sicher, auch in Wilhelmshaven gibt es ein paar versteckte gemütliche Orte. Diesen schönen Cafégarten in Köln z.B. findet auch kein Tourist, es sei denn, er besucht zufällig das Filmhaus in der Maybachstr. – im Himmelreich kann es auch nicht viel anders aussehen.

Hohenzollernring

Mittwoch Abend – und hunderte Leute stehen Schlange. Was ist hier los, Blutspende? Einschreibetermin für die Volkshochschule? Ein Vortrag über richtiges Handeln von einem universitären Philosophen? Nichts davon: Das sind alles Leute, die freiwillig in eine Anstalt für geistig Minderbemittelte gehen wollen, und der Beweis, daß sie da auch hineingehören, besteht darin, daß sie da hinein wollen: In die „Klapsmühle“. Vielleicht findet heute eine Single-Party statt, bei der man sich eine Nummer anheften kann, die dann vom DJ im Namen von jemandem, dem mein Hintern gefällt, ausgerufen wird. Ich kann dann einen Zettel, auf dem vorgefertigte Sätze angekreuzt werden können, abholen und zum Ausfüller Kontakt herstellen, wenn er/sie zum Beispiel angekreuzt hat: „Ich bewundere deinen Intellekt“ oder „Ich liebe Tolstoi – du auch?“. Und wenn da nur „Poppen?“ angekreuzt ist, kann ich mich entsetzt abwenden. Oder umgekehrt, je nachdem, wieviele von den 50-Cent-Getränken (alle Getränke, die offen sind) ich schon zu mir genommen habe. Das ist ein viel billigeres Besäufnis als dafür extra nach Ballermann-Mallorca zu reisen, und dieselbe Musik hat man hier auch – auf zwei Etagen!

Jetzt mal ernsthaft: Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, wie wichtig es ist, rechtzeitig eine Patientenverfügung auszufüllen. Wenn man das nicht tut, gibt es niemanden, der einen davon abhalten kann, hier hineinzugehen, trotz offensichtlicher Demenz. Was? Dann sind die doch ganz richtig da? Ach ja – stimmt.

November

Was spricht dagegen, im November im Park zu grillen? Solange die Sonne scheint und der Wind nicht zu kühl bläst, außerdem gewärmt durch eine gute Felljacke: Gar nichts.

Der Laternenpfahl dagegen wurde von wohlmeinenden Menschen bereits gegen eine Erkältung geschützt, und warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Für Hunde, die nicht lesen können, ein Piktogramm, was sie da machen sollen.

Das Phänomen nennt man übrigens „Guerilla Knitting„, oder auch gestricktes Graffiti. Es wurde 2005 in den USA erfunden, das hier ist das erste Werk dieser Art, das ich in Köln gefunden habe.

Wenn man den Colonius so einsam in der kalten Abenddämmerung stehen sieht, wünscht man ihm auch etwas mehr Zuwendung: Das wäre doch mal eine Idee, den ganzen Turm zu umstricken. Und als nächstes dann den Dom.