Aachener Str. in Ringnähe

An lauen Sommerabenden geht das Publikum des Millowitsch-Theaters gern vor die Tür, um frische Luft zu schnappen und in der zum Theater gehörenden Kneipe ein Kölsch zu zischen. Die volkstümlichen Schwänke in kölschem Dialekt erfreuen sich auch nach Willy Millowitschs Tod 1999 großer Beliebtheit, Busladungen von Besuchern werden aus dem Umland hergebracht.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite hat sich in den letzten Jahren dank einer Bürgersteigverbreiterung eine der attraktivsten Amüsiermeilen Kölns entwickelt, Kneipen und Restaurants reihen sich aneinander, eins ist mehr „in“ als das nächste, und entsprechend voll ist es hier immer. Ich schlendere hier gern mal durch, zum Sitzen ist mir aber zu viel Rummel.
Das „Theater im Bauturm“, ein freies Theater, das von einer Architektengruppe gleichen Namens gegründet wurde, nebst großem Kneipen-Café gibt es nun auch schon seit 27 Jahren. Gespielt wird Zeitgenössisches, aber zwischendurch z.B. auch mal Schiller oder Comedy. „Der Kontrabaß“ von Patrick Süßkind ist ürigens ein Dauerbrenner, das Ein-Personen-Stück wird schon seit über 20 Jahren gespielt – noch immer vom selben Schauspieler.

Deutzer Bahnhof

Am Deutzer Bahnhof, der gleich gegenüber dem Hauptbahnhof auf der anderen Rheinseite liegt, wird schon seit Jahren herumgebaut und alles mögliche geplant und wieder verworfen. So sollte er mal mit einer riesigen Glasplatte komplett überdacht werden, und ein Laufband von ca. einem Kilometer Länge sollte beide Bahnhöfe miteinander verbinden. Aus beiden überflüssigen Plänen ist nichts geworden, aber eine neue Toilette hat man gebaut – Toilette, was sag‘ ich – ein WC-Center! Gut, auch hier verrichtet man nur seine Notdurft, aber wenn man 60 Cent pro Besuch bezahlen muß, kann man schon etwas Besseres verlangen. „Mama Mama, ich muß mal auf’s Klo!“ gehört der Vergangenheit an. „Ja, mein Kind, wir sind ja bald im Center“ – das vermittelt ein gehobenes Lebensgefühl. Und wenn das Laufband doch noch realisiert wird, könnte man ja vielleicht eine Abzweigung direkt dorthin einrichten. Und wenn dann noch aus Kostengründen das WC-Center mit dem Fahrgast-Center zusammengelegt worden ist, kann man gleich zwei Geschäfte auf einmal abwickeln.

Gay Games

In Köln finden zur Zeit die „Gay Games“ statt. Ursprünglich sollten sie „Gay Olympics“ heißen, aber das IOC war dagegen, man könnte da ja was verwechseln – also … äh … nichts gegen Homosexuelle, aber das …

Seit 1982 finden die Spiele alle vier Jahre statt, nach Amsterdam (1998) zum zweiten Mal auf europäischem Boden. Es gibt keine Teilnehmerbeschränkungen, aber auch keine nationalen Qualifikationen – in mindestens sieben Ländern wird Homosexualität mit dem Tode bestraft, in weiteren 75 steht sie unter Strafe. In diesem Jahr nehmen rund 10.000 Sportler aus 65 Nationen teil.

Die Stadt gibt sich tolerant, Köln ist angeblich die heimliche schwul-lesbische Hauptstadt Europas mit großer Szenekneipendichte und anderen Treffpunkten (die Straße oben sieht normalerweise so aus). Tolerant – und sehr erfreut über die Kaufkraft der erwarteten 1 Millionen Besucher, der „Kaufhof“ hat extra sexy Unterwäsche geordert (kein Scherz). Eine Parfüm-Kette hat einen neuen Duft kreiert: ‚Eau Mo pour gay‘, der riechen soll (Zitat) „wie ein ungemachtes Bett“. Ein Supermarkt bietet eine größere Auswahl an Sektmarken an und – hört, hört – sogar einen Wein eines schwulen Winzerpaars … weiß doch jeder, Schwule achten auf Qualität (und alle Deutschen essen ständig Sauerkraut mit Eisbein).

Bahnhofsvorplatz

Erstaunlich, wie lange diese fantasievollen Figuren in der Sonne stehen können, ohne sich zu regen. Erst, wenn jemand eine Münze in das Kästchen wirft, verbeugen sie sich kunstvoll. Aber wenn ein Kind etwas möchte, machen sie auch mal eine Ausnahme.

Richmodstr.

Karl hatte es gereicht! Gut, er hatte selbst geschrieben, daß jede Theorie immer wieder kritisch hinterfragt werden muß, da auch Ökonomen und Philosophen immer nur die Kinder ihrer Zeit sind, aber das, was diese größenwahnsinnigen Despoten dann daraus gemacht hatten – das war einfach völlig widersinnig! Also lieh er sich von seinem Freund Friedrich etwas Geld und eröffnete in seiner Heimatstadt, in der er auch schon mal eine Tageszeitung herausgegeben hatte, eine Weinstube. Alte Weggefährten warfen ihm Verrat vor, Flucht in die Bürgerlichkeit („Phhh – als wenn ich jemals schon woanders gewesen wäre“, dachte er), aber genug ist genug, jetzt sollten die anderen mal ‚ran – er würde nur noch gemütlich in seinem Lokal sitzen, Weine verkosten und in seinem Lichtenberg lesen.

Tatsächlich gibt es den Namen „Marx“ überdurchschnittlich oft – er belegt den 140. Platz der häufigsten Namen, ca. 34.550 Einwohner Deutschlands tragen ihn. Der Erzbischof von München heißt auch Marx, Reinhard Marx, und sein Namensvetter Karl würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er wüßte, daß der sich nicht entblödet hat, auch ein Buch mit dem Titel „Das Kapital“ zu schreiben.

Wer wissen möchte, wie häufig sein Nachname in Deutschland vorkommt und in welcher Gegend besonders oft, kann hier nachschlagen.

Werbetafel in der U-Bahnstation Neumarkt

Über 260 Millionen Fahrgäste befördern die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) jedes Jahr, haben aber bloß 100 festangestellte Kontrolleure, das heißt, daß jeder Kontrolleur (Urlaubszeit und Wochenenden abgerechnet) ca. 13.684 Personen am Tag kontrollieren müßte, um eine Erfolgsquote von 100% beim Einfangen der Schwarzfahrer zu erreichen. Das schaffen die natürlich nicht – allein schon das Aufschreiben der Personalien, die überflüssigen Diskussionen („Meine Fahrkarte hat sich in Luft aufgelöst, echt jetzt!“) usw. verhindern einen effizienteren Einsatz des Personals.

Ein enttarnter Schwarzfahrer bringt 40 Euro ein, aber ob das eingenommene Geld den Einsatz von 100 Festangestellten abdeckt, ist fraglich, besonders, seitdem die Hauptbevölkerungsgruppe, aus der sich die Schwarzfahrer vermutlich vornehmlich rekrutierten, seit einigen Jahren weggebrochen ist: Die über 66.000 Studierenden in Köln haben ein Semesterticket, können also gar nicht mehr schwarzfahren, selbst wenn sie wollten. Um die Arbeitsplätze der Kontrolleure zu garantieren wäre also ein Aufruf notwendig: „Bürger! Fahrt öfter schwarz!“, aber die Gewerkschaften zieren sich, und die solidarische Bereitschaft der Bevölkerung, sich nun auch öfter mal erwischen zu lassen, hält sich in Grenzen.

Was tun? Der Königsweg ist die Erhöhung der Einträge bei gleichzeitiger Verringerung der Ausgaben: Man stellt studentische Aushilfskräfte ein! Für gut 10 Euro/Stunde dürfen die nun in den Abendstunden auf Jagd gehen und dabei noch ihre sogenannten „soft skills“ trainieren, also ihre sozialen Kompetenzen, die in der freien Wirtschaft ja angeblich eine immer größere Rolle spielen sollen: Wer verhält sich auffällig und ist ein möglicher Kunde, unabhängig von seiner Zahlungsfähigkeit? Wenn man später in seinem Beruf seinen Vorgesetzten bei passender Gelegenheit Dinge erzählen will, die man über KollegInnen herausgefunden hat, ohne dabei unfreundlich zu werden, kann man bereits hier die Voraussetzungen dafür erlernen, denn beiden Tätigkeiten haftet ja etwas DenunziatorischesDiplomatisches an. Und man kann auch schon mal eine gewisse höfliche Rücksichtslosigkeit trainieren, um einen Kunden von der Richtigkeit der eigenen Argumente zu überzeugen.

Taktisches Geschick wird erworben, wenn mal wieder ein U-Bahnzug in einem Tunnel anhält, um den Kontrolleuren Gelegenheit zu geben, wirklich alle Gäste zu kontrollieren, oder strategische Fähigkeiten bei folgender Übung: Alle Fahrgäste werden in Geiselhaft genommen und dürfen die Bahn erst dann verlassen, wenn sie einen gültigen Fahrausweis vorgezeigt haben – wieviele Kollegen sind notwendig, um das durchzuführen?

„Studieren und Kontrollieren!“ ist also praktisch eine Win-Win-Situation, jeder profitiert. Jetzt müssen sich bloß noch einsichtige Fahrgäste finden lassen, die ihr Portemonnaie mal zu Hause lassen – vielleicht könnten Hartz-IV-Empfänger sich hier endlich mal nützlich zeigen.

Brunnen auf der Domplatte

Falls jemand wissen will, was der Weihnachtsmann im Sommer macht: Urlaub, und zwar in Köln. Er bläst mit Vorliebe in so eine blöde Fußballtröte, schwenkt ein Fähnchen beim public viewing, und zwischen den Spielen baggert er junge Mädchen an, die sich im Brunnen abkühlen, der alte SackSchwerenöter. Oder junge Männer – das Foto entstand zur CSD-Zeit.

Belvederestr.

Ach – was haben sie denn aufgeführt? Zirkusnummern eher nicht, das hätte die Flohgewerkschaft nicht zugelassen. Musikalische Darbietungen halte ich für wahrscheinlicher, lausige Musik ist doch zur Zeit sehr beliebt, man muß ja nur das Radio anmachen. „The Lousy Lice“-Combo, begleitet vom formidablen Tanzensemble „The Lousettes“! Schade, hätte ich gern gesehen. Aber vielleicht tritt hier ja demnächst das „Cockroach Quartet“ auf – schöne Aussichten!