
Als beim Wiener Kongreß 1815 Europas Grenzen neu gezogen wurden, beschloß man, endlich mit den Zöllen auf dem Rhein aufzuhören. Bis dahin wurden überall da, wo es den Anliegern gerade paßte, von den Handelsschiffern Gebühren eingetrieben. In Köln gab es sogar seit ca. 600 Jahren das sogenannte Stapelrecht, d.h., alle Händler, die die Stadt passieren wollten, mußten in Köln anlegen und ihre Ware zum Verkauf aufstapeln, ob sie nun wollten oder nicht. Nun sollte Schluß damit sein, und alle machten mit – bis auf die Niederländer. Blöd – immer noch kein freier Zugang zur Nordsee.

Das ärgerte Kölner Kaufleute so sehr, daß sie sich um 1830 folgenden Ausweg überlegten: Sie planten einen „eisernen Rhein“, eine Eisenbahn von Köln über Aachen bis nach Antwerpen. Das war ein ziemlich kühnes Unterfangen, denn die erste öffentliche Eisenbahn war gerade erst „erfunden“ worden. 1839 war es dann so weit: Der erste Teilabschnitt zwischen Köln und Müngersdorf war fertig. Gut, Müngersdorf ist nicht Antwerpen, sondern liegt 6,7 km von der Kölner Innenstadt entfernt, aber immerhin, ein kleiner Bahnhof mit Gastronomie war vorhanden, und so hatten die Kölner ein neues Ausflugsziel, zu erreichen mit einem Wunderwerk.

Der Bahnhof, auf einer Anhöhe erbaut, wurde wegen der schönen Aussicht auf den Dom und die Stadt „Haus Belvedere“ genannt (Beweisfoto durch eine Fensterscheibe im 1. Stock). Um 1870, die Züge brausten längst zwischen den großen Städten hin und her, wurde der kleine Bahnhof stillgelegt und gelangte so in den Besitz der Stadt, die das Gebäude vermietete. Im Jahr 2009 ist nun der letzte Mieter gestorben. Das Haus, im klassizistischen Landhausstil erbaut, ist der älteste noch erhaltene Bahnhof im deutschsprachigen Raum, also eine historische Kostbarkeit, und steht samt des inzwischen völlig verwilderten Gartens unter Denkmalschutz.

Aber die Stadt hat kein Geld, um dringend nötige Sanierungsarbeiten anzuordnen und möchte das Haus gern verkaufen. Dagegen ist allerdings der „Förderverein Haus Belvedere“, dessen Mitglieder eine öffentliche Nutzung des historischen Gebäudes anstreben, etwa für kulturelle Veranstaltungen und als „Ort der Begegnung, der Kommunikation, der Feste und Feiern“, wie es auf der Homepage heißt.

Ich finde auch, das sollte man unbedingt machen, statt es irgendeiner Firma zu überlassen, die ihre Büros hier einrichtet und das ganze Gelände komplett für die Öffentlichkeit abschottet. Andererseits liegt das Gebäude etwas zu abseits, um es ständig geöffnet zu halten, etwa mit einem Café oder Ausstellungsräumen. Daher kann ich durchaus verstehen, daß man im Liegenschaftsamt der Stadt nicht besonders froh ist über diese Immobilie. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Schöne lichte Räume, als ich hier war, wurden gerade historische Musikautomaten ausgestellt. Man weiß nicht, wer genau der Architekt des Hauses war, vermutet aber, es sei jemand aus dem Umkreis des berühmten Architekten Schinkel. Und weil das Vermuten so viel Spaß macht, vermutet man weiter, daß eben jener höchst bedeutende Karl Friedrich Schinkel, jawohl! – er selbst!! – einen Blick auf die Pläne geworfen haben soll! Jedenfalls im Vorbeigehen. Jedenfalls weiß man, daß er irgendwann in den 30ern in Köln war!! Bei so viel Bedeutung wird einem ganz schwindelig, oder?