Samstag in der Altstadt

„Ballermann am Rhein“ titelte neulich die hiesige Tageszeitung. Ich habe es überprüft, und tatsächlich, es stimmt: Samstagabend in der Altstadt, es wimmelt von Touristen – und Junggesellengruppen, bzw. Junggesellinnengruppen. Um die Letztgenannten geht es: Meist uniformierte junge Leute (gleichfarbige T-Shirts mit Aufdrucken wie: „XY heiratet – wir saufen!“, oder drollige Hüte) begleiten jeweils einen oder eine, der/die demnächst heiraten will. Die Noch-Junggesellen müssen irgendwas machen, meistens tragen sie einen Bauchladen mit Kleinigkeiten (Kau- und andere Gummies, Taschentücher und Tampons, Zigaretten etc.) zum Verkauf und belästigen damit andere Passanten. Einige haben auch ein Megaphon, und wenn sich jemand bereit zeigt, dafür zu zahlen, singen sie ein Lied. Mir bot mal eine junge Frau an, ich sollte mir für ein paar Euro ein Stück aus ihrer Leggins herausschneiden, die Schere hatte sie dabei. Ich habe dankend abgelehnt.

In der halben Stunde, die ich durch die Altstadt streifte, begegneten mir ständig solche Gruppen, ich brauchte nicht lange zu suchen, die Anzahl war im zweistelligen Bereich.

Zum Teil haben sie schon eine mehrstündige Bahnfahrt hinter sich und währenddessen bereits ordentlich getankt. In der Stadt geht’s weiter, einer der Begleiter trägt die Schnapsflaschen, ein anderer das Bier. Wenn sie dann keine Lust mehr haben, die anderen Leute mit ihren Anliegen zu nerven, fallen sie in die Kneipen ein, um weiter zu saufen, und da sie ja schon den ganzen Tag dabei sind, hat das oft unangenehme Begleiterscheinungen: Sie sind laut, pöbelig, verzehren nicht viel, und das, was sie zu sich nehmen, ist nicht selten der Tropfen zuviel: „Und da wird dann über die Möbel gekotzt“, sagt ein Wirt in dem erwähnten Artikel. Das alles führt dazu, daß die anderen Gäste ausbleiben – und damit auch das Geld, das sie normalerweise ausgeben. Dazu kommt, daß die JungesellInnengruppen meistens keine Hotelzimmer buchen, da wird gefeiert (=gesoffen), so lange es geht, und mit dem ersten Zug in der Früh fährt man wieder nach Hause. Bei warmem Wetter schläft man vielleicht ein paar Stunden im Rheinpark.
Wenn es ums Geld geht, hört der Spaß natürlich auf: Einige Wirte haben bereits grundsätzlich Lokalverbot für diese Gruppen ausgesprochen, und Politiker bemerken ein „Imageproblem“. Kann ich verstehen: Die Altstadt ist dafür da, den Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen – wie soll das gehen, wenn die eine Hälfte die Getränke selbst mitbringt oder am Kiosk kauft und im Park übernachtet und die andere Hälfte angewidert fortbleibt angesichts der Ballermannatmosphäre?

0 Antworten zu “Samstag in der Altstadt

  1. Anfangs war es ja vielleicht noch ein Schmunzeln wert, aber es hat wirklich überhand genommen und ist mehr als lästig. Den Artikel habe ich auch gelesen, aber was will man dagegen tun? Übrigens: auch wenn man Ausflüge mit dem Zug macht und dann nach Köln zurück fährt, wird man regelrecht mit irgendwelchen Ansinnen belästigt: Schnaps oder Kondome kaufen, irgendwo was rausschneiden etc.

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  2. Als ich im vergangenen August in Weiden/Oberpflz. bei Tina war, trafen wir am Bahnhof auch auf so ein Grüppchen. Ich (und auch Tina und die anderen) fanden das eigentlich sehr erheiternd. Wir machten dann auch ein paar Euro locker (Apfelkorn in Minifläschchen) und alberten eine halbe Stunde lang mit den Jungs rum. Es war der lustige Abschluss eines schönen Tages, ehe ich wieder mit dem Zug heimfuhr. 🙂

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  3. Inzwischen nimmt es echt Überhand!
    Früher, als nur vereinzelt solche Gruppen unterwegs waren, konnte man noch drüber lachen und schmunzeln. Aber inzwischen beschränkt sich das keineswegs nur auf das Wochenende. An allen Tagen kann man Abschieds-Gesellschaften beobachten, am Wochenende jedoch kann man ihnen quasi nicht mehr aus dem Weg gehen.
    Zwischen Domtreppe und Bahnhof kommen einem mindestens 3 bis 5 dieser Gruppen entgegen, im Bahnhof selbst dann noch einmal ein gutes Dutzend.

    Besonders dramatisch fand ich eine Situation, in die ich mal mit einem meiner Jungs gekommen bin. Das Kind an der Hand wurde ich angesprochen, dem Kind drückte man ungefragt einen Lolli in die Hand, mir wollte man Küsse auf- und Geld abnötigen. Alles andere als angenehm, zumal in des Kindes Weltbild niemand außer dem Papa die Mama küssen darf. Das war Nachmittags, irgendwann zwischen 16 und 17 Uhr, und die Luft um die Herren herum war so Alkohol geschwängert, daß man vom bloßen Einatmen einen Schwips bekommen konnte!
    Muss echt nicht sein!

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  4. Ja, im Zug, das ist mir auch schon passiert. Selbst, wenn sie einem nichts andrehen wollen, diese Sauferei mit all ihren unangenehmen Begleiterscheinungen … und wenn dann noch die Fußballfans dazu kommen, entwickelt man sich zum Misanthropen.

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  5. Wenn das mal passiert und man kannte es noch nicht, kann es lustig sein. Aber ständig …
    Erschreckend finde ich auch, wie viele Leute heiraten, das war mir gar nicht bewußt. Gut, kann mir ja egal sein, wenn die Leute ihr Geld den Scheidungsanwälten in den Rachen werfen wollen, ich bin allerdings froh, daß nicht auch noch zu diesem Anlaß Geld gesammelt wird. 😉

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  6. Jedenfalls nicht, wenn sie anderen Leuten auf den Keks gehen. Hat doch keiner was dagegen, ein kleines Besäufnis in der eigenen Bude, meinetwegen. Aber daß jetzt jeder jeden belästigen darf, geht eindeutig zu weit.

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  7. Unangenehm. Ich habe ein paar mal beobachtet, daß sich begegnende Gruppen, die sich bisher noch nicht kannten, vermischt haben. Ich finde, das sollten sie beibehalten, untereinander können sie dann ihren Schrott austauschen, sich gegenseitig einen ausgeben, neue Leute kennenlernen und es sich nochmal überlegen, wen und warum sie heiraten wollen.

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  8. …es sieht so aus der Ferne lustig aus und scheint ein neuer Brauch zu sein, eigentlich ganz nett, aber dass die Leute einfach immer nur einen Grund zum Saufen suchen ist traurig und macht die ganze Sache unschön…

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  9. Ursprünglich aus England, habe ich gelesen, aber auch in den USA ist er weit verbreitet. Es gibt sehr erfolgreiche Filme, die den Junggesellenabschied als Thema haben, die jüngsten sind wohl „Hangover“ Teil 1 + 2.

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  10. klasse zusammenschnitt! erinnert mich irgendwie an die bundeswehrabschiede früher, nur, dass jetzt auch frauen das machen —- respekt, du lässt die gruppen so nah an dich ran, dass sie dir sogar vorschläge machen — ich mach immer einen weiten bogen 😉

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