Joseph-Roesberg-Platz

Die „Schnüsse Tring“ (es würde mich nicht wundern, wenn der Kölner „dat Schnüsse Tring“ sagt) war Mitte des 19. Jahrhunderts eine junge Dienstmagd namens Katharina (kölsch: Tring) mit einem großen Mundwerk (kölsch: Schnüss), mit anderen Worten: Sie war selbstbewußt und konnte sich artikulieren. Über den Rand des heutigen Stadtteils Ossendorf hinaus wurde sie durch ein Karnevalslied bekannt, das der Heimatdichter und Senator Joseph Roesberg 1859 schrieb – Katharina arbeitete auf dem Hof seiner Schwester. In dem Lied werden ihre Forderungen aufgezählt: Sie will nur als Köchin arbeiten, für Putzen, Wäschewaschen und Wasser- und Kohlenholen sollen noch andere Knechte und Mägde eingestellt werden; außerdem möchte sie neben einem freien Wochentag jeden zweiten Sonntag frei haben, jeden anderen halb frei, eine Woche Urlaub zu Kirmeszeit, bei Herrenbesuchen die Erlaubnis, das Gästezimmer zu benutzen, und das alles bei überdurchschnittlich guter Bezahlung – zur damaligen Zeit ungeheuerliche Forderungen, die der jungen Frau nicht nur Empörung, sondern auch belustigte Bewunderung einbrachten. Heute dagegen wird sie auch als Beispiel einer emanzipierten Frau gefeiert.

Das Lied wurde gleich zu einem Hit (hier kann man es hören, ich möchte es aber nicht empfehlen). 1901 nannte sich eine Ossendorfer Karnevalsgesellschaft „Schnüsse Tring“, und in den 80ern ließ sie diesen Brunnen errichten.

Hahnenstr.

Keine kleine Leuchte. Aber wo stell ich die hin, ohne mich beobachtet zu fühlen? In die Wohnung? Auf keinen Fall, meine Wohnung ist für mich allein gerade groß genug, außerdem ist mir meine Privatheit heilig. Vor die Haustür? Ist doch Quatsch, was soll ich da mit so viel Licht, wenn ich doch die meiste Zeit in der Wohnung bin? Ich glaube, liebes Lampengeschäft, daraus wird nichts, ihr müßt die Lampendame behalten. Da in der Ecke steht sie doch auch ganz gut.

Rollende Disko

Nachdem die Bierbikes glücklicherweise nach kurzer Zeit verboten wurden …

… und sich das Cobi (Conference Bike) wahrscheinlich mangels frischer Alkoholzufuhrmöglichkeit nicht durchsetzte …

… hat man sich nun für rücksichtlose Zeitgenossen etwas Neues überlegt, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen: Den Partybus. Besonders am Wochenende kann es passieren, daß immer wieder solche oder ähnliche Busse an einem vorbeifahren oder an der Ampel vor einem stehen und nicht nur die Insassen, sondern auch alle anderen laut mit Lärmmusik beschallen. Im Bus sind alle betrunken und grölen laut mit. So fahren sie stundenlang durch die Innenstadt, hin und her und kreuz und quer, bis in den Morgen hinein. Wenn man in der Nähe einer Ampel wohnt, hat man Pech gehabt. Aber sonntags kann man ja ausschlafen.

Kulturkirche Nippes

Neulich war ich seit langem mal wieder in einem Konzert ohne Platzkarten. Um 20 Uhr sollte es beginnen, das hieß, so meine Begleiterin: Um 18 Uhr losfahren. Ich hielt das für völlig unsinnig, die Fahrt mit der Straßenbahn dauert eine halbe Stunde bis zum Veranstaltungsort, was sollte man denn die ganze Zeit da machen? – und handelte sie um eine Viertelstunde herunter. Als wir um 18.40 Uhr an der Kulturkirche ankamen, standen bereits ca. 50 Besucher vor der Tür – was mir einen schneidenden Blick meiner Begleiterin bescherte. Wir stellten uns ans Ende der Schlange, brauchten aber nicht lange zu warten, bis sich jemand hinter uns stellte: Ein junger Mann, der sich gerade einen viertelwagenradgroßen Döner gekauft hatte und völlig kostenlos den Geruch der Imbißstube in einem Radius von zwei Metern um sich verbreitete. Mein Versuch, etwas von ihm abzurücken, nützte leider gar nichts, denn vermutlich dachte er: Endlich geht’s los, und rückte auf. Ich konnte nun zusätzlich mitlesen, was die beiden Männer vor mir in ihre Smartphones tippten, während sie sich lautstark unterhielten, derweil ich von hinten mit knoblauchgesättigtem Lammfleischduft parfümiert wurde.

Um 19 Uhr sollte Einlaß sein, und 19.10 war es dann auch so weit: Nun hieß es, schnell sein. Alles Warten vor der Tür nützt nichts, wenn man dann nicht bereit ist, seinen Platz mit Ellbogeneinsatz zu verteidigen. Wir erkämpften uns einen guten Platz in der dritten Reihe – von Holzbänken. Wir befanden uns in einer Kirche in Nippes, meine Begleiterin erzählte mir, daß sie hier einst konformiert worden war. Da den evangelischen Kirchengemeinden das Geld auszugehen droht, versuchen sie, neue Geschäftsfelder zu entwickeln, und mit der „Kulturkirche“, wie sie nun heißt, als Veranstaltungsraum klappt das wohl recht gut. Es wurde sogar Bier ausgeschenkt – wenn das Jesus wüßte. Daß weltliche Musik eigentlich Teufelswerk ist und der Mensch prinzipiell ein Sünder – egal. Als Ausgleich wird der Besucher mit harten Bänken bestraft. Und mit Wartezeit: Um 20 Uhr wurden die Lichter gedimmt, aber statt der Band von Joanna Newsom erschien eine Vorgruppe – in Form eines einzelnen Menschen mit Gitarre, der mit schräger Stimme Lieder intonierte. Gerade hatte ich meine Begleiterin flüsternd gefragt, ob so jemand wohl auch Tonträger veröffentlicht, da sagte er: The next song is from my last album … Kaum zu glauben.

Eine halbe Stunde später war es dann endlich soweit: Das Konzert der Folksängerin Joanna Newsom war großartig. Ihre Musik ist so eigen, daß viele Leute nichts damit anfangen können. Ich mußte mich auch erst ein bißchen einhören, aber nun mag ich sie sehr – trotz aller Widrigkeiten hat sich das Konzert gelohnt.

Richartzstr.

Für welchen Horrofilm wird hier geworben? – war mein erster Gedanke, als ich diese Plakate sah.

Zerschnittene Frauengesichter, collagenhaft zusammengesetzt, eine Hand, die aus dem Dunkeln von hinten zugreift, fletschende Zähne am Hals (oder was ist das?) – alles sehr unheimlich, das sieht sehr nach Gewalt und Mißhandlung aus.

Das ist aber gar keine Werbung, sondern der zweite Teil der Aktion „Kunst an Kölner Litfaßsäulen“, über die ich hier schon berichtete, mit dem Titel „Heroines“ der Künstlerin Johanna Reich.

Und das sagt die Künstlerin selbst zu ihrem Werk (ich zitiere von ihrer Homepage):

„Die zentrale These des Kulturanthropologen René Girar lautet, dass der Mensch durch Nachahmung lerne und die Kultur ein einziger Prozess der mimetischen Vermittlung sei. Durch das Begehren eines anderen Menschen wird ein Objekt erst begehrenswert und es entsteht Rivalität. In ihrem Projekt „HEROINES“ fragt Johanna Reich junge Mädchen in bildnerischen Experimenten nach ihrer Identität.

Die Teilnehmerinnen berichten, welche Personen für sie aufgrund von Charakter, Lebenslauf oder einer speziellen Begabung faszinierend finden und wählen ein Bild dieser Persönlichkeit aus. Dieses Bild wird auf das Gesicht der Teilnehmerin projiziert, die selbst ihr Haltung und Gestik auswählt, und als fotografisches Portrait festgehalten. In der Verschmelzung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Portrait, das seine Energie aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schöpft; es entsteht eine Heroine, benannt nach den Halbgöttinnen der Antike.“

Tja. Weiter können Intention (der Künstlerin) und Rezeption (durch mich) kaum auseinanderliegen.

Neusser Str.

Rüh-rend! Die BVB fährt nur, weil sie mich liebt, ich vermute, sogar, wenn ich mich gar nicht in der Stadt befinde. Und REWE ist es nicht egal, was ich esse – diese Fürsorge, wie haben wir das verdient! „Komm, wir gehen zu REWE einkaufen“, sagte ich neulich zu meiner Begleiterin, als wir vor einem Edeka-Laden standen, „denen hier ist es doch scheißegal, was wir essen.“
Gut, es kann natürlich sein, daß der Satz bei REWE weitergeht: „… wenn Sie Ihr Geld woanders ausgeben.“ Aber so materiell sind die doch wohl nicht, oder?

Breite Str.

Eigentlich habe ich keinen besonders schlüpfrigen Humor, eher im Gegenteil. Aber wenn diese eigentlich rollierende Werbetafel plötzlich durch einen Fehler im Getriebe stehen bleibt, ergeben sich Zusammenhänge, gegen die ich mich nicht wehren kann: „Und wann kommst Du?“ – bezogen auf die sexistischen Werbung bekommt hier eine völlig neue Bedeutung: „Hoffentlich nicht zu früh“, denkt es in mir. Wenn überhaupt, so ein Esel kann schon mal bockig sein und den Dienst versagen, da helfen auch keine Bemalungsspielchen mit einem Filzstift.
Das bin übrigens nicht ich auf dem Foto … gut, eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, die zur Verwechslung führen kann, aber ich habe ganz andere Haare.

Köln feiert

Auf dem Weg zum Bahnhof vor nun knapp zwei Wochen lief mir diese Ente über den Weg, eine Zeitungsente. Bevor man nun aber LÜ-GEN-PRES-SE! skandiert, weil das natürlich Quatsch ist, was da steht: Der „Express“ kann gar nichts dafür, da haben sich ein paar Scherzbolde einen Spaß gemacht und in der Innenstadt dieses Plakat an die Automaten gehängt.

Die „tollen“ Tage sind ja nun glücklicherweise vorbei, und wenn man der Polizei glauben darf, ist alles ruhig verlaufen, also … echt jetzt (angeblich), nicht wie nach Silvester: Ein paar Massenschlägerein an verschiedenen Stellen der Stadt, 720 Strafanzeigen, 100 Festnahmen, 451 Menschen wurden in Gewahrsam genommen, 1389 bekamen Platzverweis, 66 angezeigte Sexualstraftaten. Alles ruhig also, normale Zustände. Gut, die Sexualstraftaten haben sich fast vervierfacht, aber das liege an dem Anzeigenverhalten der Frauen, so die Polizei, nach den Vorkomnissen an Silvester – mit anderen Worten: Wenn die Frauen aufhören, dem Trend zu folgen, nun aber auch jedes Sexualdelikt anzuzeigen, sinken die statistischen Zahlen wieder, also kein Grund zur Besorgnis. Eigentlich gibt es keinen Unterschied zu früheren Jahren. Normal eben.

Chlodwigplatz

„Nää – wat es dat dann!!“, wird sich so mancher Eingeborene fragen, wenn er aus dem Tunnel der neuen U-Bahnstation am Chlodwiplatz nach oben geht: Ganz neu und schon so vollgesaut, wie haben die das denn geschafft? Ich bin ein Freund von Graffiti-Kunst, wie ihr wißt, aber hier war mein erster unwillkürlicher Gedanke: Narrenhände beschmieren Tisch und Wände.

Tatsächlich ist das hochoffizielle, gut bezahlte Kunst, die die Künstlerin Katharina Grosse hier im Auftrag der Kölner Verkehrsbetriebe angebracht hat. Die Künstlerin, eine Professorin für Malerei, ist hochangesehen, ihre Werke sind international in vielen Museen zu … bestaunen (aus welchem Grund auch immer: Weil man sie bewundert, oder weil man sich wundert). Schön bunt, immerhin. Schade, daß sie nicht den ganzen U-Bahnhof anmalen durfte, das wäre mal radikal gewesen. Vielleicht lassen sich ja noch ein paar freie Streetartisten finden, die das freiwillig und unbezahlt übernehmen.

Die neue Linie 17 fährt nun übrigens südlich der Einsturzstelle des Historischen Archivs vier neue und drei alte (oberirdische) Haltestellen an, die letzteren parallel zu noch einer anderen Linie. Außer morgens und abends pendeln die Bahnen so gut wie leer immer hin und her, hin und her, hin und her …
Eine schöne Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für U-Bahnführer.