Berliner Eindrücke (3)

Hurra, heute geht’s ins Museum, besser gesagt: In die Galerie, nämlich die Nationalgalerie, die auf sechs Häuser in Berlin verteilt ist, unter anderem im Schloß Charlottenburg, das man sieht, wenn man durch das Fenster blickt.

Wir befinden uns im Eckhaus gegenüber, in der Sammlung Scherf-Gerstenberg: „Surreale Welten“, einer Dauerleihgabe. Allein das Haus ist schon schön: Auf mehreren Etagen gruppieren die Ausstellungsräume sich um ein zentrales rundes Treppenhaus …

… mit schöner Kuppel.

Hier hängt alles, was in der surrealistischen Künstlerschaft Rang und Namen hat: Max Ernst, Dali, Magritte, Odilon Redon und etliche mehr, allerdings mit kleineren Werken, viele Zeichnungen. Das rote Bild oben ist von Paul Klee und heißt „neues Spiel beginnt“.

Das Foto einer der Puppen von Hans Bellmer – eindrucksvoll und ein wenig unheimlich. Aber das Geheimnisvolle, Untergründige, Unergründliche ist ja meistens Thema des Surrealismus.

Die Maske des Künstlers Julio Gonzáles erinnert an Edvard Munchs weltberühmtes Gemälde „Der Schrei“. Die Surrealistische Bewegung gibt es ja erst seit Anfang der 20er Jahre, da war Munch bereits über 60 und hatte vermutlich wenig Neigung, sich den jungen Revoluzzern in Paris anzuschließen, aber die hatten gar kein Problem damit, alle möglichen Künstler in ihre Bewegung „einzugemeinden“.

Wie zum Beispiel auch Giovanni Battista Piranesi, der im 18. Jahrhundert gelebt hat und berühmt wurde durch seine „Carceri“, 16 düstere Abbildungen von monumentalen Kellergewölben, die kein reales Vorbild haben. Noch heute beeinflussen sie Filmemacher (Metropolis, Blade Runner).

Hier hängen die Drucke auch, in einem extra Raum, den man durch eine gewölbte Ausstellungshalle erreicht. Beeindruckend!

Klein, aber fein: Ein sehr schönes Haus, eine besuchenswerte Ausstellung – und Kaffee und Kuchen gibt es auch!

Gegenüber, auf der anderen Seite der Allee, öffnet im Sommer das „Museum Berggrün“ seine Türen, das bekannt ist für seine Sammlung „Picasso und seine Zeit“. Der Eintritt gilt dann für beide Häuser.

Berliner Eindrücke (2)

Wenn man am Potsdamer Platz aus dem Untergrund auftaucht, in Erwartung all der architektonisch-omnipotenten Scheußlichkeiten, die aussehen wollen wie New York und gerade dadurch trotz ihrer Größe armselig wirken, wenn man da also die Rolltreppe hochfährt, rechnet man nicht mit dieser großen und dennoch filigranen Skulptur …

… die sich einem langsam enthüllt. Was ist das? Füße, Hände, steht da jemand auf dem Kopf? Ich könnte es verstehen angesichts des Platzes, soviel Unverstand, da wird man im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt.

Ein Blick auf die Standplatte verrät: Es ist das Denkmal für Giordano Bruno, einem italienischen Geistlichen, der im Jahre 1600 von der katholischen Inquisition als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bruno war ein kluger Mann, er konnte sich nicht mit den Unsinnigkeiten seiner Kirche abfinden, wetterte dagegen und schrieb mehrere Bücher, in denen er sich mal ernst, mal spöttisch mit den verbohrten Geistlichen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften auseinandersetzte. Er war überall dabei, und überall wurde er wieder exkommuniziert: Bei den Katholen ebenso wie bei den Calvinisten und den Lutheranern. Manchmal fand er Gönner, die ihn für einen Magier hielten, aber wenn sie merkten, was für ein „Querulant“ er war, ließen sie ihn schnell wieder fallen. Der letzte lieferte ihn an den Vatikan aus, wo er sieben Jahre lang eingekerkert und „befragt“ wurde, bevor man ihn öffentlich ermordete. Genau 400 Jahre später gab der Vatikan bekannt, daß es ihm Leid tue. Ich befürchte allerdings, die päpstliche Erkenntnisgeschwindigkeit hat sich seitdem nicht erhöht.

Die Plastik ist die genaue Kopie eines Bronzeabgusses, erschaffen von dem Bildhauer Alexander Polzin. Ich finde sie ganz wunderbar, die organische Form berührt mich, und ich kann mir kaum einen besseren Ort als diesen dafür vorstellen. Die Figur soll nicht nur an Bruno erinnern, sondern stellvertretend auch an Religionsfreiheit gemahnen (was natürlich auch für das Fliegende Spaghettimonster gilt).

Lesen wir nun, was der Fachmann und Philosoph Dr. Michael Schmidt-Salomon dazu sagt: „In seiner kompromisslosen Absage an künstlerische Moden stellt [Polzin] sich in die Tradition der künstlerischen Moderne und belebt so einen unzeitgemäß erscheinenden, weil vom Geist der Aufklärung getragenen Kunstbegriff – etwa im Sinne Hegels, der betonte, dass wir es in der Kunst „mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit einer Entfaltung der Wahrheit“ zu tun haben. Polzin geht es nie um ein zweckfreies Spiel der Formen, sondern um ein ernsthaftes Ringen um Sinn, […]“.

Das Ringen um Sinn wird oft versucht, oft scheitert man haarscharf, wie das Zitat selbst zeigt. Kann es sein, daß unseliges Geschwafel besonders bei Kunstdingen sehr häufig vorkommt? Ob es da einen Automaten gibt? Man wirft 2 Euro hinein, und heraus kommt ein kleines Kärtchen mit solchen Sätzen, und wo der Name stehen soll, befinden sich drei Punkte und man kann einsetzen, wen man will. Applaus garantiert.

Berliner Eindrücke (1)

Hat Schildermaler Kevin etwa ein Praktikum in Berlin absolviert? Angesichts der Tatsache, daß das hier auch ein Handyladen ist, bleiben wir lieber draußen …

… und besuchen die Bonbonmacherei in den Heckmann Höfen an der Oranienburger Str. Hier werden alle Bonbons nach traditionellen Rezepten und mit alten Maschinen selbst hergestellt. Besonders beliebt sind die Berliner Waldmeisterblätter. Doch, schmeckt intensiv, aber ich hab’s nicht so mit großen Stücken Zucker im Mund. Aber meine Begleiterin war hocherfreut.

Gegenüber von der immer noch verhüllten Gedächtniskirche entsteht ein neues Geschäfts- und Büroareal, „Bikini Berlin“. Keine Ahnung, wer sich den Namen ausgedacht hat – an was sollen wir dabei denken, an junge Damen in sexy Zweiteilern, oder an das Atoll, daß zu Atomtestzwecken vollständig zerstört wurde? Ich befürchte, letzteres, moderne Geschäfts- und Büroarchitektur, das sieht man überall, hat Unwirtlichkeit zum Programm.

Bücherflohmarkt vor der Humboldt-Universität – hier macht Stöbern Spaß.

Im Café des Historischen Museums gibt es ausgezeichneten Apfelstrudel mit Vanilleeis – ein echter Tipp! Aber wahrscheinlich eher was für Touristen.

Einheimische … Vögel kriegen hier was zu futtern. Nett, da setzt sich ein Kiezaktivist für die Natur in Kreuzberg ein, hier ist sein Blog.

Aus Kreuzberg kommt auch „die tageszeitung“, kurz taz genannt. Ob das drohende Gebäude im Hintergrund schon zur Springerpresse gehört, die ganz in der Nähe residiert? Möglich wär’s.

Man wacht morgens auf – und plötzlich ist die Welt weiß. Hat nur einen Tag gehalten, aber die Kinder auf dem Spielplatz freut’s …

… und die Erwachsenen auch.

Der Goerlitzer Bahnhof ist ein U-Bahnhof, obwohl er überirdisch liegt. Hier fährt die Linie 1, glücklicherweise unabhängig vom anderen Straßenverkehr und irgendwann auch mal unter der Erde. Daher paßt das schon.

Reisen

Reisen mit dem Zug macht keinen Spaß mehr. Daran ist gar nicht die Bundesbahn schuld, obwohl es da noch einiges zu verbessern gäbe, und auch nicht außergewöhnliche Umstände, die es früher auch schon gab, ein Stinker zum Beispiel, neben dem man zufällig sitzt, oder eine ausgefallene Heizung. Nein, der Grund ist der oder die ganz normale durchschnittliche Mitreisende.

Viele Leute mißbrauchen die Öffentlichkeit zur intimen Bedürfnisbefriedigung, und in einem Großraumabteil als Ort einer zeitweiligen Zwangsgemeinschaft ist das besonders unangenehm. Ich meine das Bedürfnis zu telefonieren. Das fängt schon mit dem Klingelton an: Beliebt und weit verbreitet ist ein lautes „Rrrrrrrrrringggg“, wie man es sonst nur noch aus alten Spielfilmen kennt, wenn die Telefonklingel so eingestellt ist, daß sie dem Bauern auf dem Hof, der gerade die Kühe melkt, signalisiert, daß jemand an seinem Wählscheibentelefon in der Wohnstube anruft. Wahrscheinlich nennt man das ‚retro‘. Gern wird auch „Für Elise“ von Beethoven genommen, gespielt offenbar von einem Symphonieorchester, den Handybesitzern scheint das so gut zu gefallen, daß sie die Wiederholung des Hauptthemas abwarten, bevor sie den Anruf annehmen.

Dann geht das Gespräch los: Familiendramen, Geschäftsabsprachen, Beziehungserörterungen, Krankheiten, Anekdoten jeglicher Art, alles, was alle Mitreisenden nichts angeht und was ich auch gar nicht wissen will, wird in Theaterlautstärke von sich gegeben, und so unterschiedlich die Gesprächsinhalte auch sind, ein Thema kommt bei allen vor: Wo sich der oder die Angerufene zur Zeit befindet, wann der Zug abgefahren ist, wo es hingeht und wann man ankommt.

Es vergehen kaum fünf Minuten, in denen mal jemand nicht telefoniert. Es scheint den Leuten gar nicht klar zu sein, daß das Führen eines Gespräches eine persönliche, intime Angelegenheit ist, nicht umsonst gab es früher eigens Zellen dafür, falls mal jemand gezwungen war, es in der Öffentlichkeit zu tun. Angelehnt an das Wort „Voyeur“ wird der Mitreisende zu einem „Ecouteur“, zu jemandem, der zwangsweise Zeuge von Gesprächen wird, in denen die privatesten Dinge verhandelt werden – das erscheint mir fast so, als würde jemand während der Fahrt in aller Öffentlichkeit seine Unterwäsche wechseln, und das gleich mehrere Male hintereinander, denn das Handy steht ja nie still. Das ist, mit den Worten des Soziologen R. Sennett gesprochen: Der Terror der Intimität. Man sollte das Telefonieren in öffentlichen Räumen verbieten. Mit dem Rauchen klappt das doch auch.

In der Innenstadt

Überall in der Stadt stehen diese jahreszeitbedingten Tollwutwarnmännchen, hat aber nicht viel Zweck, ein Blick aus dem Fenster reicht, um zu sehen, daß die Befallenen zombiehaft über die Gehwege torkeln. Ich bringe mich in Sicherheit – heute fahre ich nach Berlin.

Rote Nasen gibt es dieses Jahr übrigens auch in Blau und Schwarz – irre lustig, paßt zu jedem Gesichtsausdruck.

Bis nächste Woche.

Apostelnstr.

Eins muß man dem Bundespräsidenten lassen: Er schafft es, sich weit über Wert zu verkaufen. Die Bundeskanzlerin bringt es dagegen nur auf magere 16,95 und muß sich dann noch gefallen lassen, daß man Zitronen auf ihr ausdrückt. Gut, das mag dann natürlich keiner mehr trinken: „Frisch ausgepreßt mit Angies Hilfe!“ – allein die Ankündigung stößt einem schon sauer auf, wie die meisten Ankündigungen, die mit ihr zusammenhängen. Aber diese Funktionalität zeigt mehr praktischen Nutzen, als der Bundespräsident jemals haben wird – von dem für seine Millionärsfreunde mal abgesehen.

Paar auf der Zülpicher Str.

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, sagte kürzlich in einer Predigt: „Liebe Genossinnen und Genossen, …“ – quatsch!, das sagte er natürlich nicht, sondern: „Liebe Schwestern, liebe Brüder …“, was aber genau so falsch ist, denn er meinte alle, die ihm zuhörten, und so eine große Familie hat der gar nicht. „Da stimmt doch mit unserem Volke nicht…s … mehr!“, las er von seinem Manuskript ab, nachdem er behauptet hatte, jeden Monat würden Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland eine Großstadt in der Größe von Koblenz oder Remscheid „auslöschen“, im Jahr also zwölf Großstädte. Koblenz ist ja ganz schön, aber zwölf davon … und in Remscheid war ich noch nie, glaube aber nicht, daß es wünschenswert wäre, alle zehn Jahre 120 neue davon zu haben.

Aber Spaß beiseite: Wenn man den Gedanken nun weiterdenkt, was für große Großstädte ergäbe das, wenn man all die Einwohner mitzählt, die durch traditionelle Empfängnisverhütung nicht gezeugt werden, oder sogar die, die – man verzeihe mir die Offenheit – bei einem einsamen Samenerguß nicht auch nur die geringste Chance haben, gezeugt zu werden, weil sie in einem Papiertaschentusch landen. Das ergibt Großstädte, deren Umfang kann man sich kaum vorstellen. 24 mal Köln in einem Jahr, vielleicht. Und wenn die dann alle Karneval feiern … nee, Herr WachtMeisner, tut mir Leid um ihre potentiellen Schäfchen, aber wir lassen alles so, wie es ist. Vielleicht, mein „lieber Bruder“, kümmern Sie sich mal um die, die bereits da und in Not sind. Und Remscheid und Koblenz ist das, glaube ich, auch lieber.

-12 Grad auf der Domplatte

… und dabei unbeweglich stehen, das ist wirklich kein angenehmer Job. Jedes Mal, wenn barmherzige Passanten Geld in die Dose werfen, stampft er laut auf seinem Kistchen wie Rumpelstilzchen, um sogleich wieder zu erstarren – ich glaube, der macht das nur, um sich wenigstens etwas Bewegung zu verschaffen.

Der Casanova unten hatte etwas mehr Glück: Nicht nur war es wärmer, als ich vor ein paar Wochen das Foto machte, auch die Figur verlangt ja etwas mehr Agilität – viele Touristinnen ließen sich nicht zweimal bitten, sich mit ihm fotografieren zu lassen.

Aachener Weiher

„Verdammte Hacke – wieso ist das Wasser denn plötzlich so hart?!“, mögen die Tauben denken. Vor ein paar Tagen konnte man hier noch soviel saufen wie man wollte und jetzt das. Aber ganz schön schlau, diese Tauben, daß sie herausgefunden haben, daß man ein bißchen Wasser herauspicken und im Schnabel schmelzen kann.

Die Krone der Schöpfung dagegen nimmt die in den Nachrichten immer wieder ausgesprochene Warnung, die zugefrorenen Wasserflächen wegen Lebengefahr noch NICHT zu betreten, zum Anlass, die Schlittschuhe herauszusuchen und sich sogleich auf den Weg zu machen. Und ach, wie schön, die Fontäne ist auch noch an, da fahren wir doch mal ganz nah ran …

Daß die Menschen es seit ihren Anfängen bis heute geschafft haben, als Art zu überleben, ist mir ein absolutes Rätsel. Manche behaupten ja, das sei so, weil Gott seine schützende Hand über uns halte. Ich tendiere eher zu der Ansicht, das Ausmaß der menschlichen Dummheit ist ein indirekter Beweis für die Nichtexistenz Gottes: Der hätte doch die Versuchsanordnung Mensch schon längst aufgegeben, wegen Unbelehrbarkeit.
Jedenfalls, nehmen wir an, es gäbe einen Wettbewerb zwischen Tauben und Menschen, welche Art überlebt, ich würde darauf wetten, die Tauben machen das Rennen.

PS: Gestern habe ich ein Stück Apfelkuchen von der Bäckerei-Kette Merzenich gegessen – eine Dummheit, die ich nicht zu wiederholen gedenke. Man kann auch dazulernen!