Reisen

Reisen mit dem Zug macht keinen Spaß mehr. Daran ist gar nicht die Bundesbahn schuld, obwohl es da noch einiges zu verbessern gäbe, und auch nicht außergewöhnliche Umstände, die es früher auch schon gab, ein Stinker zum Beispiel, neben dem man zufällig sitzt, oder eine ausgefallene Heizung. Nein, der Grund ist der oder die ganz normale durchschnittliche Mitreisende.

Viele Leute mißbrauchen die Öffentlichkeit zur intimen Bedürfnisbefriedigung, und in einem Großraumabteil als Ort einer zeitweiligen Zwangsgemeinschaft ist das besonders unangenehm. Ich meine das Bedürfnis zu telefonieren. Das fängt schon mit dem Klingelton an: Beliebt und weit verbreitet ist ein lautes „Rrrrrrrrrringggg“, wie man es sonst nur noch aus alten Spielfilmen kennt, wenn die Telefonklingel so eingestellt ist, daß sie dem Bauern auf dem Hof, der gerade die Kühe melkt, signalisiert, daß jemand an seinem Wählscheibentelefon in der Wohnstube anruft. Wahrscheinlich nennt man das ‚retro‘. Gern wird auch „Für Elise“ von Beethoven genommen, gespielt offenbar von einem Symphonieorchester, den Handybesitzern scheint das so gut zu gefallen, daß sie die Wiederholung des Hauptthemas abwarten, bevor sie den Anruf annehmen.

Dann geht das Gespräch los: Familiendramen, Geschäftsabsprachen, Beziehungserörterungen, Krankheiten, Anekdoten jeglicher Art, alles, was alle Mitreisenden nichts angeht und was ich auch gar nicht wissen will, wird in Theaterlautstärke von sich gegeben, und so unterschiedlich die Gesprächsinhalte auch sind, ein Thema kommt bei allen vor: Wo sich der oder die Angerufene zur Zeit befindet, wann der Zug abgefahren ist, wo es hingeht und wann man ankommt.

Es vergehen kaum fünf Minuten, in denen mal jemand nicht telefoniert. Es scheint den Leuten gar nicht klar zu sein, daß das Führen eines Gespräches eine persönliche, intime Angelegenheit ist, nicht umsonst gab es früher eigens Zellen dafür, falls mal jemand gezwungen war, es in der Öffentlichkeit zu tun. Angelehnt an das Wort „Voyeur“ wird der Mitreisende zu einem „Ecouteur“, zu jemandem, der zwangsweise Zeuge von Gesprächen wird, in denen die privatesten Dinge verhandelt werden – das erscheint mir fast so, als würde jemand während der Fahrt in aller Öffentlichkeit seine Unterwäsche wechseln, und das gleich mehrere Male hintereinander, denn das Handy steht ja nie still. Das ist, mit den Worten des Soziologen R. Sennett gesprochen: Der Terror der Intimität. Man sollte das Telefonieren in öffentlichen Räumen verbieten. Mit dem Rauchen klappt das doch auch.

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0 Antworten zu “Reisen

  1. Najaa, wobei: Gespräche von Leuten, die sich miteinander unterhalten, in der Bahn oder sonstwo, kriegt man ja auch mit, also von daher stören mich Handygespräche an sich nicht, nur eben, wenn sie sehr laut sind. Aber ich kenne das selber: am Telefon verliert man manchmal das Maß für die Lautstärke, weil man sich so auf den Anderen konzentriert.

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  2. Du mußt mitschreiben, das ist oft sehr spaßig.
    Ich denke da an das hier:

    July 12, 2008
    Overheard in the Elevator at 195 Chystie

    Girl on phone: Why? So you can go home and read Vonnegut and be depressed?

    Girl on phone: (Long Pause from 9th floor to 4th floor)

    Girl on phone: Oh. My. God. Martin you are not being artistic you are being antisocial and gloomy. LIKE ALWAYS.

    Girl on phone: You stay home with Kilgore Trout. I’m going to a party. I’m eating ice cream. I’m going to join the human race. Goodbye Martin.

    So was könnte ich stundenlang lesen! 😉

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  3. LOL, das erinnert mich an meine Rückfahrt aus Berlin. Der Anstoß war zwar kein Telefonat, aber zwei Reihen von mir entfernt saß sich ein älteres Ehepaar am Tisch (Fensterplätze) gegenüber, und jeweils neben ihnen saßen zwei jüngere Damen, die sich gut hörbar über Gott und die Welt unterhielten. Irgendwann legte der Herr genervt seine Bildzeitung auf den Tisch und beschwerte sich bei den beiden, dass er sich wegen ihres „Geschwätzes“ beim Lesen nicht konzentrieren könne. Die beide reagierten total entrüstet und diskutierten mit ihm, bis zufälligerweise ein Schaffner vorbei kam. Die Damen sprachen ihn an, und er referierte gefühlte zwei Minuten lang darüber, was aus rechtlicher Sicht während einer Zugfahrt für andere Fahrgäste zumutbar ist oder nicht. Ich fand den ganzen Vorgang sehr amüsant und teile deine Meinung, dass öffentliche Telefonate (in Restaurants finde ich das am schlimmsten) oft ziemlich nervig sind.

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  4. Ich glaube, das war mal Gegenstand einer Untersuchung: Was Leute an mitgehörten Handygesprächen mehr stört als eine normale Unterhaltung, deren Zeuge man ist, das ist die Einseitigkeit. Bei einer normalen Unterhaltung kann man besser weghören, während ein ja nur teilweise aufgedrängtes Telefongespräch immer wieder die Aufmerksamkeit fängt, was als sehr nervig empfunden wird. Wenn es Dir nicht so geht, gut für Dich.

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  5. So was Ähnliches wie der arme Mann habe ich auch mal erlebt, während der ganzen Zugfahrt von Zürich nach München saßen zwei Französinnen neben mir und plapperten pausenlos, offenbar amüsierten sie sich köstlich, ihre Stimmern überschlugen sich immer mal wieder. Himmel, können die Leute rücksichtslos sein. Unsere einzige Rettung war die Flucht in den Speisewagen.

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  6. Stimmt, das kann ich allerdings besser ertragen als das Gequatsche. Ich habe auch schon überlegt, ob ich mich nicht mit Kopfhörern und lauter Musik dagegen abschotten soll. Wenn das dann alle machen, die nicht telefonieren, ergäbe das ein hübsches Bild: Die einen quatschen ins Handy, während alle anderen mit Kopfhörern dasitzen. Da möchte ich nicht Fahrkartenkontrolletti sein. 😉

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  7. Zug oder irgendein anderes öffentliches Verkehrsmittel betreten ohne Musik auf den Ohren? Na du bist mutig… kommt mir nur selten in den Sinn.

    Da es aber doch gelegentlich passiert, weiß ich aus eigener Erfahrung: aufdringliches Starren, im Idealfall sogar demonstratives zum Lauschen näher rücken nimmt den Leuten ganz schnell den Spaß am andere Leute mit ihren Telefonaten zwangsbeglücken.

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  8. Die Bahn hat doch sogenannte Ruhezonen eingerichtet. Hab letztens in einer gesessen, und tatsächlich hielten sich die meisten daran und gingen raus, wenn sie angerufen wurden. Andererseits habe ich schon interessante Gespräche mitgehört, die dann Anlass für einen Text wurden.

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  9. Wenn man zu zweit ist, ist das so unkommunikativ mit Kopfhörern. Starren habe ich schon versucht, aber ich sehe wahrscheinlich so dermaßen harmlos aus … vielleicht sollte ich mir Vampirzähne einsetzen, mit eingbauter Blutampulle, aus der ich immer mal ein wenig über den Mundwinkel nach außen fließen lassen kann.

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  10. …es gibt noch einen anderen Aspekt, nämlich wenden die Menschen sich immer weniger ihren direkten Mitmenschen zu…man unterhält sich mit dem Handy und nicht mit den Nachbarn…ein weiterer Schritt auf den Weg in die absolute Vereinsamung…

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