Am Dom

Ein 50-köpfiger Chor irgendeiner christlichen Sekte singt fromme Lieder – nicht sehr schön, aber der Wille zählt. „Jesus ist auferstanden“, steht auf dem Aktenkoffer. Aha. Und – wo ist er? Hier jedenfalls nicht, vielleicht gerade unterwegs, auf Geschäftsreise oder Tournee, man weiß es nicht. „Jesus Christus, deine einzige Chance“, steht auf einem Banner, aber der Herr links will sich lieber nicht darauf verlassen und bittet um eine milde Gabe. An den richtet sich der missionarische Eifer der zumeist jungen Sängerinnen ja auch gar nicht, es geht nicht ums Materielle, Essen und so’n Quatsch, sondern um die gottlosen Seelen der Satten, die es zu retten gilt. Die, die Hunger schieben und frieren – tja, da kann man nichts machen. Und noch ’n Lied, zwo, drei, vier …

Ostern

Ostern, da gibt es Papst satt im Fernsehen. Die Medien sind ja sowieso schon ganz besoffen von diesem neuen Franziskus, weil er aussieht wie ein netter Opa, der der versammelten Gemeinde zum Mittag einen guten Appetit wünscht. Na bravo, sowas hatte man schon länger nicht mehr, da spende ich auch gern vier Heiligenscheine. Allerdings ist er nicht weniger erzkonservativ in Sachen Sex und Frauen als seine Vorgänger, aber was soll’s, hauptsache er lächelt gütig.

Die Hasen stehen derweil vor der Speisekarte und preisen ihre Keulen an, aber so richtig will das Geschäft mit der Außengastronomie nicht laufen. Ein paar unermüdliche Raucher lassen sich von den Temperaturen knapp über Null aber nicht abschrecken.

Feiertag

Gern würde ich ja mal wieder tanzen gehen. Allerdings sind „Ü-50-Parties“ (das Ü steht für „Über“, keine Ahnung, warum man das abkürzt), auf denen nicht Walzer oder Abba, sondern Pink Floyd, Genesis oder Zappa gespielt werden, sehr selten. Selbst wenn ich heute, an einem günstigerweise arbeitsfreien Tag, eine solche Party finden würde, wäre sie verboten: Mit bis zu 10.000 Euro Strafe muß ein Veranstalter rechnen, der das Stillegebot an einem Karfreitag mißachtet. Dazu gehört auch, daß z.B. der Film „Das Leben des Brian“ heute nicht öffentlich aufgeführt werden darf, es könnte ja sein, daß sich ein Christ zufällig in das Kino verirrt, unbewußt Eintritt bezahlt und dann gezwungen wird, sich einen Film anzusehen, der ihn zu Erkenntnissen führt, vor denen er schon sein ganzes Leben lang davongelaufen ist. So nicht!

Das Stillegebot gilt natürlich nicht für das Läuten von Glocken von morgens bis abends in all den Tausenden Kirchen überall auf der Welt, und auch nicht für das Singen geistlicher Lieder. So heißt es in einem Lied eines gewissen Martin Luther:

„Hier ist das rechte Osterlamm, [gemeint ist Jesus]
Davon Gott hat geboten,
Das ist hoch an des Kreuzes Stamm
In heißer Lieb gebraten,
[…]
So feiren wir das hohe Fest
Mit Herzensfreud und Wonne, […]“

Gebraten? Mit Knoblauch in Rotwein-Gemüsesoße? Da reibt der Christ sich die Hände und freut sich schon auf den leckeren Sonntagsschmaus.

Die übrigen 32 Millionen nicht-christlichen Bundesbürger (ca. 40 % der Gesamtbevölkerung) dürfen natürlich auch ihren Hintern rhytmisch hin und her bewegen, aber nur zu Hause hinter heruntergelassenen Jalousien und mit Kopfhörern. Oder hier bei mir:

PS: Die Fotos unten habe ich in der Ausstellung „Ralf König: Das Ursula-Projekt“ gemacht.

Heureka!

Seit ein paar Tagen bin ich wieder mal krank, nichts Ernstes, eine Erkältung, vermutlich denken meine Atemwege, es wäre schon wieder Winter und deshalb mal wieder soweit. Ich liege also mit gedämpftem Denken auf dem Sofa, passend dazu läuft das TV, da entsteht ganz wie von selbst eine tolle Geschäftsidee:

Ich gründe eine Bank! Jeder, der will, kann bei mir ein Konto mieten (im Moment habe ich nur welche in Schwarz, aber ich kann auch andere Farben besorgen, sogar geringelt). Gut, Zinsen gibt es keine, aber dafür kann man sicher sein, daß sich keine EU-Kommission oder Bundesregierung daran bedient. Die Mietkosten bitte ich in Kuchen-Währung zu begleichen.

Neumarkt

Ich versuche ja immer sehr zurückhaltend zu fotografieren, auf dem Trödel „Lifestyle-Markt“ hat mich nun doch jemand zurechtgewiesen: „Normalerweise fragt man, wenn man fotografiert!“ Was nicht stimmt, normalerweise frage ich nie. „Aber wir sind hier in der Öffentlichkeit“, antwortete ich. Sie: „Das ist aber MEIN Eigentum!“ „Wenn Sie IHR Eigentum in die Öffentlichkeit stellen, müssen Sie damit rechnen, daß man es sieht und fotografiert“, widersprach ich – nicht, sondern schwieg einfach, denn ich wollte auf keinen Fall eine Eskalation. Außerdem meinte sie ja eigentlich folgendes: „Ich bin heute mitten in der Nacht aufgestanden, habe in aller Früh den Stand aufgebaut und für teuer Geld gemietet, hocke hier schon seit Stunden bei ein paar Grad über Null und friere mir den Arsch ab, kaum Besucher, kein Schwein kauft was, und da kommst du kleiner Wichser und verwandelst meine sorgsam polierten Waren mit deinem Apparat in Fotomotive?! Und was habe ich davon?!“ Und vielleicht hätte ich geantwortet: „Der Warenwert entfremdet den Menschen sowieso von den Produkten seiner Arbeit und seiner Kreativität, er hat Fetischcharakter …“ – dann hätte sie das Bild (unten) nach mir geworfen und mir hinterhergeschrien, solche Sauereien bräuchte sie sich nicht auch noch unterstellen zu lassen usw. Gut, daß ich rechtzeitig meinen Mund gehalten habe.

Tatsächlich hatte ich es genau auf dieses Bild abgesehen, eine Dame vor einem Spiegel.

Retro-Stil ist total in. Ich blättere auch gern in Abbildungen alter Stiche von Kölner Vorkriegansichten, oder Postkarten aus den Anfangszeiten der Fotografie.

Da sieht man mich sitzen, wie ich ganz vertieft bin … okay, geschwindelt, daß ist ein Händler, der wahrscheinlich prüft, ob was von Wert dabei ist.

Und wertvoll kann alles sein: Wer geschickt ist, bastelt da wieder Körper dran, und schon hat man zwei echte neu-alte Puppen. Was man dann damit macht? Keine Ahnung. Sammeln?

Lindenstr.

Im Notfall geht’s nach links …

… und dann geradeaus, direkt unter Buddhas freundlichem Blick.

Wir sind im „Buddha’s Eye“, einem nepalesisch-tibetischen Restaurant gleich bei mir um die Ecke. Ich gehe gern asiatisch essen, aber das hier war nicht besonders, der Linsensuppe fehlte es an Würze, und die Ente war … wie soll ich sagen: Schlank. Aber die Bedienung ist nett, und der bunte Krimskrams ist lustig.

Breite Str.

Ich interessiere mich nicht für Mode, und wahrscheinlich verstehe ich auch nichts davon. Aber diese Farben passen einfach nicht gut zueinander, sie beißen sich. Wäre ich ein bildender Künstler, würde ich sie vielleicht doch zusammen verwenden, nämlich wenn ich den Bestrachter erschrecken wollte. Aber das kann doch kaum das Motiv von Modedesignern sein, die doch Kleider für die Stange entwerfen, also für den Massenverkauf.

Aber gut, die Geschmäcker sind verschieden, ich kann es kaum jemandem verbieten, in Farben herumzulaufen, die einem Kindergeburtstag alle Ehren machen würden – Kinder lieben es ja schreiend bunt und haben noch keine Ahnung davon, welchen ästhetischen Schrecken sie damit verbreiten können.

Was mich allerdings wundert, ist, daß alle Bekleidungsfirmen und -geschäfte diese Geschmacksverirrung gleichzeitig mitmachen, als hätten sie sich verabredet. Setzen die Manager der jeweiligen Frühlingskollektionen sich in Indien, China und Bangladesh – wo ja die meisten dieser Klamotten zu Billigstlöhnen hergestellt werden – zusammen und beschließen, in einer konzertierten Aktion pinkfarbene Jeans und grellgelbe Tops auf den Markt zu werfen?
Wenn ich mich in den Straßen umsehe, scheinen kaum Frauen sich dem Diktat der Geschmacklosigkeit zu beugen, was aber an der noch zu kalten Witterung liegen kann. Ich sehe den warmen Tagen mit Bangen entgegen.

Weißdornweg

Das ist die typisch kölsche Durchschnittsfamilie, falls ihr solche Leute mal seht, wißt ihr gleich, woher die kommen. „Meine erste Banane!“, scheint das Kind zu sagen, ein Motiv, daß später in einem anderen Landstrich wieder aufgenommen wurde. Die Schale wird selbstverständlich mitgegessen, denn hier wird nichts fottgeworfen. Brav!

Auf dem Rothenberg (lings und zwerch)

Wenn es kalt ist und dunkel in der Kölner Altstadt, kann man sich ungefähr vorstellen, wie im Mittelalter die Stimmung in den Straßen war – vorausgesetzt, man denkt sich jede Menge Müll hinzu und die Neonlichter weg: Enge und schummrige Gassen, menschenleer und unheimlich. Im Sommer schlendern hier Tag und Nacht Touristen durch und machen Lärm.

Bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts gab es hier weder Straßenschilder noch Hausnummern. Straßenbezeichnungen gab es durchaus, allerdings hatten sie halboffiziellen Charakter, schließlich mußte, wenn ein Hausverkauf vertraglich geregelt wurde, der Ort des Hauses genau bezeichnet werden. Die Bezeichnungen richteten sich oft nach markanten Punkten, also Kirchen, Handwerksbetrieben oder wohlhabenden Familien: Seidmacherinnengäßchen, Unter Taschenmacher, Kaygasse (nach den Herren von Keye) usw. findet man heute immer noch.

Erst im Jahre 1785 kam der Stadtrat auf den Gedanken, daß eine Beschilderung vielleicht hilfreich sein könnte: „In mehreren Städten ist es hergebracht, daß die sämtlichen Häuser mit Nummern und Straßen mit einer anzeigenden Vorschrift [d.h. mit einem Straßenschild] bemerkt sind, die hieruntige Befolgung ist in hiesiger Stadt um so nöthiger, als dieselbe känntlich einestheils sehr weitläufig ist, und es anderntheils an Beispielen nicht gebricht, daß Fremde lings und zwerch herum irren und ihren Aufenthaltsort nicht ausfindig machen können; diesem wär inzwischen bald abgeholfen, wenn löblicher Mittwochsrentkammer die sämtliche Häuser mit Nummern, so wie die Straßen mit einer anzeigenden Vorschrift zu bemerken der Auftrag zuginge.“

Lings und zwerch (also kreuz und quer), das war der Mittwochsrentkammer (so nannte man damals die städtische Finanzverwaltung) ganz egal, sie dachte gar nicht daran, dafür Geld auszugeben, auch nicht, als der Auftrag vier Jahre später wiederholt wurde. Kann es sein, daß heute immer noch dieselben Leute in Rat und Amt sitzen?

Erst als die Franzosen unter Napoleon 1795 die Stadt besetzten, wurde für Ordnung gesorgt: Alle Häuser wurden durchgezählt und entsprechend beschriftet (das Haus 4711 kennt noch heute die ganze Welt), erst später kamen Straßennamen und die straßenweise Zählung hinzu. Das Motiv der Franzosen war allerdings nicht die Erleichterung touristischer Orientierung, sondern entsprang in erster Linie dem Bedürfnis nach Überwachung: „[…] die Polizey wird durch ihn in den Stand gesetzet in einer kurzen Uebersicht des Rechtschaffenen und des Ausschweiffers seinen Aufenthalt-Ort zu übersehen und die nöthige Obsorge mit größerer Bequemlichkeit zu halten; durch ihn wird auch der gröste Vortheil des Staats Intresse bei vielen Vorfällen befördert.“ (Zitate nach Signon/Schmidt, s. rechts)

Der Name „Auf dem Rothenberg“ entstand so: An einem Ende der Straße befand sich das Haus der Familie Rothenburg, das sich durch seine herausragende Höhe besonders gut als Wegmarke eignete.