Urlaub im Schwarzwald (3): 2. Etappe

Am zweiten Tag erscheint unerwünscht ein weiterer Wanderbegleiter: Der Muskelkater. Nützt nichts, wir müssen weiter, als erstes diese steile Treppe hinab. Himmel, ist das ein Test? „Wer diese Leitertreppe nicht schafft, sollte sowieso nicht weitergehen“, lautet der Subtext, denn später geht es wieder in die Wutachschlucht.

Erstmal geht es aber einfach weiter, nicht nach Fützen, sondern durch Achdorf …

… zur Scheffellinde, einer Gaststätte, die zwar noch geschlossen hat …

… aber auf Nachfrage erhalten wir trotzdem Kaffee, wirklich sehr freundlich. Benannt ist der Gasthof übrigens nach dem im 19. Jahrhundert vielgelesenen Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel, der hier einige seiner Werke schrieb.

Der Verfasser dieses Prosagedichts, das an einem Pfahl am Wegesrand steht, ist dagegen unbekannt.

Am Eingang der Wutachschlucht wird nochmal gewarnt: Die Natur ist gefährlich und und willkürlich, sie läßt einen abstürzen oder wirft mit Steinen und Ästen. Besser, man reizt sie nicht mit Hunden, Fahrrädern, Feuer oder floristischen Ambitionen. Keine Sorge, haben wir nicht vor.

Außerdem wird uns Beistand versprochen. Den Satz habe ich allerdings schon so oft gehört – vermutlich wird man eher erleben, von erbosten abgepflückten Blumen mit Steinen beworfen zu werden.

Bitteschön: Alles halb so wild. Gut, nachher geht es noch ein bißchen bergauf und -ab, aber estmal …

… lassen wir andere Leute vor und gucken, was passiert.

Die Hitze produziert Dali-Brote.

Ausgerechnet, als wir uns im Dickicht befinden, ein Wolkenbruch, der den Weg in einen reißenden Fluß verwandelt. Gut, ich übertreibe ein bißchen.

Andererseits eine willkommene Abkühlung. Der im Sonnenschein so hilfreiche Schirm zeigt sich im Regen als mittelschwerer Versager, allerdings ist es immer noch so warm, daß ich ihm nicht böse sein kann (das Foto ist von meiner Begleiterin).

Nebel im Sonnenschein – zau-ber-haft!

Der Landgasthof Schattenmühle ist das Ende dieser Etappe, aber noch längst nicht das Ende unserer heutigen Wanderung – das Hotel liegt ein paar Kilometer abseits des Weges. Dummerweise ist der Hauptweg zur Zeit gesperrt, aber es gibt einen Alternativweg. Die Bedienung trägt übrigens jene für diese Gegend typische Tracht, die hier alle Frauen tragen … jedenfalls alle traditionsbewußten, die von Generationen von Urschwarzwäldern abstammen. Als sie uns anspricht, hören wir einen polnischen Akzent.

Wie versprochen, taucht er doch noch auf, allerdings im üblichen desolaten Zustand. „Friede mit Gott“, steht auf dem kleinen Heftchen – so sieht der also aus, der Friede, blutend am Kreuz hängend und an seinen eigenen Körperflüssigkeiten ersaufend?
„Man glaubt, der Wanderer sei ein Sünder, weil er nie so oft zur Kirche geht. Aber ein stiller Blick zum Himmel ist besser als ein falsch Gebet“, steht auf der Tafel. Das kann ich voll und ganz unterschreiben.

Himmel! – wer hat diesen Weg empfohlen? 2 km durch dichtes nasses Gestrüpp, das ist kein Vergnügen.

Kurz vor 8 erreichen wir erschöpft unser Hotel – seit 10 Stunden sind wir unterwegs.

Fortsetzung folgt.

Urlaub im Schwarzwald (2): 1. Etappe

Der Schluchtensteig ist ein 120 km langer Wanderweg, den wir in sechs Etappen gegangen sind, also jeden Tag ungefähr 20 km plus der Strecke zu den Unterkünften, denn nicht immer liegen die Hotels direkt am Wanderweg. Da weiß man abends, was man getan hat. Glücklicherweise wurde das Gepäck mit dem Auto von Hotel zu Hotel gefahren, sodaß wir nur den Tagesrucksack tragen mußten.

In dem kleinen Ort Stühlingen geht es los: In der sogenannten Oberstadt gleich neben dem Rathaus ist unser – jedenfalls äußerlich – imposantes Hotel. Nach meinen Erfahrungen ist es immer besser, in einem neueren Hotelgebäude zu übernachten: Die alten Häuser sehen zwar schön aus, haben aber durch die nachträglich eingebauten Hotelzimmer meistens recht dünne Wände, hier z.B. konnte ich die Zimmernachbarn schnarchen hören.

Dafür sitzt man schön im Hinterhof – in einer modernen Hotelanlage findet man sowas nicht. Hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Schöne Gegend hier, das kann ich schon sagen, ohne kaum einen Schritt gegangen zu sein.

Da geht’s lang – da, wo „Schluchtensteig“ steht. Insgesamt ist der Weg gut ausgeschildert, ich glaube, wir haben uns nicht einmal verlaufen.

Die Wutach, ein Fluß, an dessen Ufer wir entlanglaufen, trennt hier Deutschland von der Schweiz – ein paar Schritte über die Holzbrücke, und wir sind im Nachbarland und können unbehelligt unsere Drogen auspacken und was wir sonst so schmuggeln wollen – nein, liebe Zöllner, war nur Spaß, haha, wir gehen gar nicht in die Schweiz, unsere Drogen bleiben im Inland, keine Sorge.

Zu Anfang ist der Weg recht moderat, dennoch müssen die Pausen natürlich eingehalten werden. Eine Bank neben einem Häuschen lädt zum Ruhen ein. Aber was steht da auf dem Schild?

Offenbar sind wir nicht die Ersten, die hier ein Päuschen einlegen. Allerdings hatten wir nicht vor, hier auch noch andere Geschäfte zu erledigen.

Gut zu wissen – falls wilde Tiere einen angreifen, weiß die Feuerwehr, wo sie die Opfer abholen soll.

Wer weiß denn schon, was im Dschungel jenseits der Brücke lauert? In Bayern hat mal ein Bär Probleme gemacht.

In Wirklichkeit ist die Gefahr eine andere: Immer wieder gibt es Leute, die mit Sandalen das Matterhorn besteigen und sich wundern, wenn sie verunglücken. Auch hier muß man kraxeln, deshalb sollte man unbedingt trittsicher sein. Schwindelfreiheit ist von Vorteil – ich bin es nicht und kann daher sagen, daß die Warnung übertrieben ist. Gut, natürlich sollte man nicht unter einer ausgeprägten Höhenangst leiden.

So sehen die Wege aus …

… oder auch so wie hier in den Wutachflühen (dem unteren Teil der Wutachschlucht). Zwei Handbreit Weg, und zur einen Seite geht es manchmal ein paar hundert Meter weit runter – da kann einem schon mulmig werden, besonders, wenn nichtmal Bäume auf dem Abhang stehen, was glücklicherweise selten vorkommt.

Die letzten Kilometer dieser Etappe sind der blanke Horror: Unter freiem Himmel durch die Felder, bei 34° im Schatten, das ist kein Vergnügen. Gut, daß ich meinen Schirm dabei habe.

Im Hotel in Blumberg, offenbar das zentrale Gebäude der Stadt, ist man so freundlich, daß ich kurz den Verdacht hatte, ich hätte es mit Schauspielern zu tun.

Während der Nazizeit wurde hier Erz geschürft, der eher ländliche Ort erlebte eine Blüte und erlaubte sogar den Betrieb eines Kinos. Inzwischen wartet das Grundstück auf einen neuen Investor.

Neben dem Hotel gibt es an der Hauptstraße noch eine weitere Kneipe, einen geschlossenen Imbiß und diese Attraktion: Einen funktionierenden Schokoladenautomaten. Und was machen die jungen Leute hier außerdem? Wie überall in ländlichen Gebieten: Sie fahren mit tiefergelegten Autos mit aufgemotzten röhrenden Auspüffen unter diskolauter Musikbeschallung durch den Ort und fühlen sich stark. Wenn sie damit erreichen wollen, daß die Alten sich darüber aufregen: Herzlichen Glückwunsch, bei mir haben sie es geschafft.

Was steht auf diesem Schild? Schwäbisch Hall, meine ich zu erkennen, und eine fordernde Hand („Her mit der Knete!“) – ganz schön ehrlich, früher, die Bausparkasse.

Fortsetzung folgt.

Urlaub im Schwarzwald (1)

So, da bin ich wieder. Nun muß ich erstmal meine Fotos sichten und sortieren, bevor ich Euch 2.000 Wald- und Moosbilder präsentieren kann. Als Vorschau  – und Zusammenfassung zugleich – ein kleiner Film, die 6-Minuten-Kurzfassung eines zweieinhalbstündigen Dokumentarfilms, mit dem ich alle Dokumentarfilmfestivals gewinnen werde: Harter Realismus, verspielte Musik, Naturdramen, Tierstudien, der Mensch im Allgemeinen und Besonderem – alles drin. Leben eben.

Ein Stand auf dem Trödelmarkt

Bisher dachte ich immer: Entweder cash, also Barzahlung mit richtigem Geld, oder EC-Karte wollen Händler von einem, wenn man was kauft. Daß man mit EC-Karte nun auch cash bezahlen kann, ist neu. Und wie muß man sich das vorstellen, hat der Händler einen kleinen Tresor um den Hals hängen, der Geld ausgibt, wenn man seine Karte und PIN eingibt? Vielleicht ist das aber auch eine Bezahlungsart unter Gaunern, von der wir nichts wissen, denn wer bitte kauft sich eine Schiebermütze, wo die Verkleidung schon gleich implementiert ist? Ganoven natürlich. „Ob ich den wiedererkenne, der mir die Handtasche geklaut hat, Herr Wachtmeister? Klar, der hatte ganz merkwürdige Augen, so einen stechenden Blick, die Haut seltsam angegraut …“.

Ob Drogendealer auch so eine Kappe tragen? Wahrscheinlich. In der Zeitung wurde neulich berichtet, die Domumgebung sei einer der großen Drogenumschlagsplätze der Stadt. Es wurde genau beschrieben, was man machen muß, um an ein kleines Päckchen Marihuana (nur darum handelt es sich hier) zu kommen, in aller Öffentlichkeit und unter den Augen der Zivilpolizei. Tatsächlich haben die Beamten gar kein Interesse an diesen Kleindealern, die meist eh nur so geringe Mengen bei sich tragen, daß es zu einer Anklage nicht reicht, man ist eher auf der Pirsch nach Hintermännern und Organisatoren.

Aber nun hat es in der Zeitung gestanden, und es ist Wahlkampf, im Herbst wird der/die neue OberbürgermeisterIn gewählt, und beide Kandidaten sind nun lautstark der Meinung, man müsse irgendwas machen, das gehe doch so nicht usw.
Also hat die Polizei sich genötigt gesehen, ein paar Tage später eine Großrazzia durchzuführen: Von 40 durchsuchten mutmaßlichen Kleindealern hatten zwei Marihuana bei sich, und bei zehn durchsuchten Wohnungen wurden zwei Personen vorläufig festgenommen. Ich vermute, die vier hatten ihre Kappen mal kurz abgesetzt. Das Überraschende an dieser Aktion: Der Polizeipräsident wertet das Resultat als großen Erfolg.

Gut, wenn das so ist, will auch ich mit Lob nicht sparen: Gut gemacht, Jungs! Einfacher wäre es freilich, man würde Marihuana legalisieren, wie es in einigen amerikanischen Bundesstaaten bereits der Fall ist, dann könnte die Polizei sich auch wieder um wichtige Dinge kümmern.

Ich bin nun für zwei Wochen im Urlaub, Wandern im Schwarzwald. Ich hoffe, ich komme gesund zurück – bis bald!

Deutzer Brücke

Letzten Sonntag war ich in der Deutzer Brücke, die den Rhein überspannt – richtig gelesen, in, nicht auf der Brücke, sie ist nämlich hohl. Am Brückenkopf mußte man durch diese kleine Luke kriechen und hörte eine Klanginstallation des Künstlers Bernd Schurer, auf einer Länge von 180 Metern und 7 Meter Breite. Die Geräusche sind zufallsgesteuert und seien auch von der Temperatur abhängig, sagt der Künstler. So hört es sich auch an, ich habe einen kleinen Film zusammengeschnitten, es sind nur knapp zwei Minuten, also keine Sorge:


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Schön, schön – auch, wenn man wieder ins Tageslicht kommt.

Deutzer Ufer

Polizei! Verhaften! Einsperren!! Das Foto ist im Mai dieses Jahr entstanden, da durfte noch keiner auf der neuen Freitreppe am rechtsrheinischen Ufer gegenüber der Altstadt sitzen.

Lange Zeit war es eine Art Geheimtipp: Im Sommer saßen die Touristen in den überteuerten Kneipen der Altstadt – ab Nachmittag im Schatten, während die Kundigen sich ein paar Flaschen Bier am Kiosk holten, über die Deutzer Brücke fuhren und sich da auf der Kaimauer in die Sonne setzten, mit dem schönsten Blick auf die Altstadtsilhouette und den Dom. 2006 hat man im Stadtrat davon Wind bekommen und lobte sogleich einen Wettbewerb aus zwecks Geldausgabe in Millionenhöhe. 2007 erhielt ein Architekt den ersten Preis, 2009 sollte mit dem Bau einer Freitreppe begonnen werden. Man fällte jede Menge Bäume und bewegte Erde. 2010 sollte alles fertig sein.
Das Foto oben ist im September 2013 (!) entstanden.

Das ist der Stand gut ein viertel Jahr später, Januar 2014.
Was war passiert? Als man anfing, die Erde zu bewegen, entdeckte man einiges: Turm- und Mauerreste des römischen Kastells (1.700 Jahre alt), Fundamente einer mittelalterlichen Kirche, Grabstätten, Reste eines mittelalterlichen Wehrturms, die Drehscheibe und Bahndammmauern der Bergischen-Märkischen Eisenbahngesellschaft sowie den Tunnel einer Liliputbahn. Damit kann natürlich niemand rechnen, daß man hier was findet beim Graben. Jedenfalls nicht als Stadtrat. Vorsichtig legte man also alles frei, fotografierte es – und buddelte es, unter Protest einer Bürgerinitiative zum Erhalt der historisch bedeutsamen Funde, wieder zu. Was wir nicht brauchen, brauchen wir nicht. Basta!

September 2014. Himmel – was brauchen die so lange? Von denen würde ich mir kein Haus bauen lassen.

März 2015. Zwei drei Wochen noch, sollte man meinen … inzwischen taucht die Frage auf, wie die Pflege des neuen Bauwerks organisiert werden soll. Die Verwaltung braucht keinen Auftrag auszuschreiben, schließlich ist man selbst im Besitz einer Reinigungsfirma, der Abfallwirschaftsbetriebe Köln (AWB). Man berät sich und teilt dem Stadtrat und der verblüfften Bevölkerung mit, daß die regelmäßige Reinigung dieser 500 Meter langen Freitreppe 860.000 Euro im Jahr kostet. Auf Nachfrage, wie denn diese Summe zustandekomme, antwortet man: Darüber könne man aus Wettbewerbsgründen keine Auskunft geben, schließlich wolle man der Konkurrenz nicht die Geheimnisse der eigenen Kalkulation verraten. Die Konkurrenz ist verdattert und gibt an, daß sie mit weniger als der Hälfte des Betrags vollauf zufrieden wäre, aber das kommt natürlich gar nicht in die Tüte, das sind schließlich öffentliche Gelder, die hier veruntr ausgegeben werden.

Nehmen wir an, ein Mitarbeiter bei den AWB erhält 3.000 Euro brutto monatlich, also 36.000 Euro im Jahr. Wenn man also 20 Leute einstellen würde, die sich alle nur und ausschließlich um diese 500 Meter kümmerten, kämen wir auf einen Betrag von 720.000 Euro. Bleiben noch 140.000 Euro übrig, für 20 Besen und Eimer und eine Packung Sonderreiniger für 10,98 Euro, wenn mal irgendein Ferkel ein Glas Rotwein umkippt. Also – – das braucht man schon. Die Leute setzen sich dahin! – mit ihren ungewaschenen Hosen, die legen sich ja kein Taschentuch unter ihre Hintern. Zigarettenkippen, Kronkorken, Pommestüten, Flaschen, Hunde, Kinder, Mütter, Obdachlose, Studenten Menschen! – grau-en-haft! Am besten, man sperrt alles zu und verlangt Eintritt.

Das ist der Stand vor zwei Wochen.

Heute wurde die Treppe – jedenfalls der untere Teil – zur allgemeinen Benutzung freigegeben, vom Oberbürgermeister persönlich, wie ich im Vorfeld gelesen habe. Die Kosten sind von 6 über 12 und 16 Millionen auf inzwischen knapp 25 Millionen Euro gestiegen, dafür ist die gesamte Anlage aber auch noch gar nicht fertig: Man rechnet damit, daß der Boulevard oberhalb der Treppe Ende des Jahres vollendet wird – Ende des Jahres 2016.

Urlaub an der Küste (6)

Wer mal eine schöne Stadt an der Ostsee besuchen will, sollte nicht nach Kiel fahren. Es kann natürlich sein, daß auch Kiel charmante Seiten hat, allerdings haben wir sie an dem einen Tag, an dem wir da waren, nicht gesehen.

Das ist der Marktplatz an der St.-Nikolai-Kirche in der Altstadt – sofern man davon überhaupt reden kann: Der Platz ist zum großen Teil Anfang der 70er Jahre mit diesen scheußlichen Pavillons bebaut worden, und von Altstadt kann man hier nur insofern reden, als es sich um das Areal der Altstadt handelt. Die Stadt Kiel teilt das Schicksal vieler großer Städte, sie ist im 2. WK weitgehend zerstört worden.

Wir dachten zuerst, wir sind nicht richtig informiert, aber da oben auf der Fahne steht es auch: Altstadt. Viel Mühe hat man sich offensichtlich nicht gegeben beim Wiederaufbau, oder ein heute nicht mehr zeitgemäßes Verständnis von Stadt gehabt.

Immer noch Altstadt. Bei Wikipedia kann man nachlesen, daß die Nazis vorhatten, die Stadt neu zu gestalten: Weg mit den kleinen Gassen, in denen die Subversion gedeiht, hin zu gut kontrollierbaren Straßen, der damalige Stadtbaurat wollte „aus der Altstadt das Zentrum einer „deutschen Stadt““ machen. Und genau der selbe Stadtbaurat war nun nach der Kriegszerstörung für den Wiederaufbau zuständig.

Und dann war zufällig auch noch „Kieler Woche“: Hunderte von solchen Buden, die für viel Geld fiese Speisen aus der Fritteuse und merkwürdige Getränke anboten (Hischblut, das ist Kirschsaft mit Underberg) und die Gäste sadistisch mit einem kakophonischen Klangbrei beschallten. Nichts wie weg hier!

Zu Hause wartete noch eine Aufgabe auf uns: Die Verkostung diverser einheimischer Getränke (ich die klaren, meine Begleiterin die bunten). Was soll ich sagen: Lieber trinke ich einen eisgekühlten Aquavit.

Ende.

Urlaub an der Küste (5)

In der Kieler Kunsthalle gibt es einen Trakt zur Kunsterziehung. Hier wird über Farben informiert – mit deutlichen Zeichen, die Patschhändchen schön bei sich zu behalten.

Aktiv werden dürfen die Kleinen im nächsten Raum. Wer angesichts der Monsterbilder glaubt, hier beschäftige man besser auch einen Psychologen, dem sei gesagt: Daß Kinder Monster malen, ist völlig normal, das dient einer natürlichen Angstbewältigung. Erwachsene machen das nicht mehr, die lesen stattdessen Krimis, oder schauen Horrorfilme, um diffuse Angstgefühle zu kanalisieren. Oder sie gehen in die Kirche.

Ob die Bilder des deutschen Expressionismus auch der Angstbewältigung dienten, weiß ich nicht, aber ausgeschlossen ist es nicht – die grellen, oft unvermischten Farben, die oft deformierten Körper und gewagten Perspektiven waren damals zumindest relativ neu und ungewohnt.

Die Ausstellung heißt „CAUboys“. CAU, das ist die Abkürzung für Christian-Albrechts-Universität, und mit den boys sind die Maler gemeint, die in einer Beziehung zur Universität stehen oder gestanden haben – zumeist Ehrenbürger der Stadt oder Ehrendoktoren; auf dem ersten Foto Christian Rohlfs, auf dem zweiten Emil Nolde. Nolde erhielt die Ehrendoktorwürde 1927 zu seinem 60. Geburtstag. In den 30er Jahren zeigte er sich als überzeugter Nazi und Antisemit, was das Land Schleswig-Holstein nicht daran hinderte, ihm bereits 1946 den Professorentitel zu verleihen, was vielleicht daran lag, daß man es wiedergutmachen wollte, daß die Nazis trotz der Anhängerschaft des Malers seine Werke für entartet erklärten und ein Malverbot aussprachen. Merkwürdig: Über die Überzeugungen des Künstlers steht gar nichts im Katalogheft …

CAUgirls waren in dem Modell der Selbsterhöhung – denn nichts anderes ist es, wenn eine Stadt oder Institution sich damit schmückt, eine „bedeutende“ Persönlichkeit mit einem Ehrentitel zu ehren – offensichtlich nicht vorgesehen. Dafür kann natürlich Erich Heckel nichts, von dem die Bilder oben sind.

Last but not least der großartige Karl Schmidt-Rottluff. Eine kleine, feine Ausstellung, soweit es die Bilder betrifft (der Katalog hätte etwas mehr Mühe verdient), wer die Möglichkeit zu einem Besuch hat, sollte hingehen.

In einem anderen Trakt gibt es aktuelle Kunst zu sehen. Etwas ratlos staunt man Bauklötze – an. Glücklicherweise hängt da ein Zettel mit Erklärungshilfen: „Yto Barrada setzt überdimensional große Klötze in den Grundformen und Grundfarben mit der Entwicklung des modernen Marokko in Beziehung“ – wo der Künstler auch zum Teil lebt. Aha.

Hier (Werktitel: Shadows of the Future (APTI AP-1500sX)) hat der Künstler Max Sudhues Teile eines Videobeamers auf einen Overhead-Projektor gelegt (im Jahr 2015) …

… was ein solches Bild an der Wand erzeugt. Auf dem Zettel steht u.a.: „In der Collage, die so als farbige ‚Schatten der Zukunft‘ auf die Wand projiziert wird, entfaltet sich die Illusion einer filmischen Erzählung.“ Ach! Jetzt seh‘ ich’s … auch noch nicht. Tja.

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (4)

Wir befinden uns in Tönning, einem kleinen Fischerort. Davorn, an der alten Hafenstraße, kann man überall gut sitzen und was Leckeres essen …

… z.B. Scholle satt. Das habe ich öfter gesehen, ein Lockangebot für eher umsatzschwache Wochentage – ich habe es leider nie wahrgenommen, es paßte immer nie. Aber Kilroy war auch hier.

Beim diesjährigen Miss-Boje-Wettbewerb errang die Nummer Acht den ersten Platz. Herzlichen Glückwunsch!

Natürlich gibt es hier auch Kirchen, diese ist allerdings besonders, nicht nur wegen ihres schönen Eingangs, sondern …

… wegen des beeindruckenden barocken Himmels.

Die Malerei ist von Barthold Conrath, im Jahre 1704 angebracht.

Wir fahren weiter zum Eidersperrwerk, das 1973 erbaut wurde und seitdem Tönning, Friedrichstadt und das Umland vor Hochwasser schützt – auf der Karte der rote Punkt am unteren Rand.

Und so sieht’s aus. Oben führt ein Fußweg drüber, von wo aus man aufs Meer sehen kann und auf …

… Brutstätten von Seeschwalben und Lachmöwen, die hier gemeinsam ihren Nachwuchs aufziehen.

Hunderte von Küken sieht man hier, die einen Krach machen, daß man sich fast die Ohren zuhalten will, die sind allerdings nichts gegen eine Horde Kinder, die gerade aus einem Bus gestiegen ist und so sehr lärmt, daß es sogar den Schwalben zuviel wird …

… sie gehen zum Angriff über. Auch auf meiner Schädeldecke hat es zweimal „tock tock“ gemacht – ungerecht, schließlich habe ich nur fotografiert. Aber geschadet hat es mir auch nicht.

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (3)

Wir haben uns ein Auto geliehen, um zu unserem eigentlich Ziel – oder besser gesagt: Zum Anlaß unseres kurzen Urlaubs – zu fahren: Bergenhusen ist ein Storchendorf. Wir waren ja schon in Windheim, Loburg und Rühstädt, da darf Bergenhusen nicht fehlen.

Das Dorf ist sehr ruhig, man sieht viele landwirtschaftliche Geräte, der Tante-Emma-Laden macht eine ausgedehnte Siesta, das Kirchentor hängt quietschend in der Angel, Tumbleweed wird durch die ansonsten leeren Straßen getrieben, in der Ferne heult ein Kojote … nee, Quatsch. Aber ich bin froh, daß wir hier nicht abgestiegen sind.

Es gibt sogar ein kleines Storchenmuseum mit lehrreichen Stellwänden, ausgestopften Tieren und dem ersten, 1959 ausgestrahlten Film des Tierfilmers Heinz Sielmann, der von den Gewohnheiten der Störche in Bergenhusen handelt. Die Kassiererin war ganz enttäuscht, daß wir uns bereits nach ca. einer halben Sunde wieder verabschiedeten.

Wir fahren weiter und machen einen kurzen Abstecher nach Holland – könnte man denken angesichts der Architektur im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance und der vielen Grachten, die das Städtchen Friedrichstadt durchziehen.

Friedrich III. von Schleswig-Gottorf war ein Herzog mit Schulden und knappen Einkünften. Also kam er auf die Idee, einen Mittelpunkt für den Handel entlang der Linie Spanien, Rußland und Ostindien zu etablieren. Die Handelsschiffe sollten über die Nordsee und durch die Eider in Friedrichstadt anlegen, von wo aus die Waren weitertransportiert werden sollten. Das hat zwar nicht in dem gewünschten Ausmaß geklappt (was mich eigentlich auch nicht wundert), aber zur Gründung einer Stadt hat es gereicht.

1620 bot er – aufgrund ihres Glaubens in ihrer Heimat verfolgten – Niederländern an, sich hier anzusiedeln. Als Remonstranten bezeichneten sie sich: Im Gegensatz zu den herrschenden Calvinisten waren sie der Überzeugung, daß es Glaubens- und Willensfreiheit gibt.

Aufgrund der Religionsfreiheit siedelten sich später auch viele Anhänger anderer Glaubensrichtungen an, so daß man von Friedrichstadt als „Stadt der Toleranz“ sprach – sogar quietschrote Turnschuhe werden inzwischen geduldet! Prima – hierhin kann man gut mal einen Ausflug machen.

Das letzte Wort, ganz klein, lautet „nie“ – ein bißchen Spaß muß sein. Dafür hat sich hier mal Louis-Philippe versteckt, lange bevor er der letzte König (1830-48) von Frankreich wurde. Und nun waren wir auch hier – ein bißchen Prominenz kann nicht schaden.

Wir fahren weiter und ignorieren mit Mühe die Hinweisschilder, die uns nach Orten locken wollen, die „Welt“ und „Reimersbude“ heißen, durchqueren Witzwort und verpassen fast das kleine Wäldchen, wo der „Rote Haubarg“ steht. Haubarg, so nannte man hier die Bauernhäuser, und rot war die Farbe der Ziegel, die hier einst das Haus bedeckten, bis es im 18. Jh. abbrannte. Das neue Haus hat ein Reetdach, aber der alte Name ist geblieben. „Mensch und Tier lebten in Haubargen jahrhundertelang unter einem Dach, wenn auch in getrennten Räumen“, weiß Wikipedia. In getrennten Räumen also, aha. Aber vielleicht mit gemeinsamer Küche?

Innen gibt es ein Museum über Landwirtschaft, sicher ganz interessant …

… aber wir gehen lieber ins Café und essen Rhababerkuchen und gebackene Holunderblüten mit Eis.

Das geht auch mit Kaffee, ich hab’s ausprobiert.

Fortsetzung folgt.