Deutzer Ufer

Polizei! Verhaften! Einsperren!! Das Foto ist im Mai dieses Jahr entstanden, da durfte noch keiner auf der neuen Freitreppe am rechtsrheinischen Ufer gegenüber der Altstadt sitzen.

Lange Zeit war es eine Art Geheimtipp: Im Sommer saßen die Touristen in den überteuerten Kneipen der Altstadt – ab Nachmittag im Schatten, während die Kundigen sich ein paar Flaschen Bier am Kiosk holten, über die Deutzer Brücke fuhren und sich da auf der Kaimauer in die Sonne setzten, mit dem schönsten Blick auf die Altstadtsilhouette und den Dom. 2006 hat man im Stadtrat davon Wind bekommen und lobte sogleich einen Wettbewerb aus zwecks Geldausgabe in Millionenhöhe. 2007 erhielt ein Architekt den ersten Preis, 2009 sollte mit dem Bau einer Freitreppe begonnen werden. Man fällte jede Menge Bäume und bewegte Erde. 2010 sollte alles fertig sein.
Das Foto oben ist im September 2013 (!) entstanden.

Das ist der Stand gut ein viertel Jahr später, Januar 2014.
Was war passiert? Als man anfing, die Erde zu bewegen, entdeckte man einiges: Turm- und Mauerreste des römischen Kastells (1.700 Jahre alt), Fundamente einer mittelalterlichen Kirche, Grabstätten, Reste eines mittelalterlichen Wehrturms, die Drehscheibe und Bahndammmauern der Bergischen-Märkischen Eisenbahngesellschaft sowie den Tunnel einer Liliputbahn. Damit kann natürlich niemand rechnen, daß man hier was findet beim Graben. Jedenfalls nicht als Stadtrat. Vorsichtig legte man also alles frei, fotografierte es – und buddelte es, unter Protest einer Bürgerinitiative zum Erhalt der historisch bedeutsamen Funde, wieder zu. Was wir nicht brauchen, brauchen wir nicht. Basta!

September 2014. Himmel – was brauchen die so lange? Von denen würde ich mir kein Haus bauen lassen.

März 2015. Zwei drei Wochen noch, sollte man meinen … inzwischen taucht die Frage auf, wie die Pflege des neuen Bauwerks organisiert werden soll. Die Verwaltung braucht keinen Auftrag auszuschreiben, schließlich ist man selbst im Besitz einer Reinigungsfirma, der Abfallwirschaftsbetriebe Köln (AWB). Man berät sich und teilt dem Stadtrat und der verblüfften Bevölkerung mit, daß die regelmäßige Reinigung dieser 500 Meter langen Freitreppe 860.000 Euro im Jahr kostet. Auf Nachfrage, wie denn diese Summe zustandekomme, antwortet man: Darüber könne man aus Wettbewerbsgründen keine Auskunft geben, schließlich wolle man der Konkurrenz nicht die Geheimnisse der eigenen Kalkulation verraten. Die Konkurrenz ist verdattert und gibt an, daß sie mit weniger als der Hälfte des Betrags vollauf zufrieden wäre, aber das kommt natürlich gar nicht in die Tüte, das sind schließlich öffentliche Gelder, die hier veruntr ausgegeben werden.

Nehmen wir an, ein Mitarbeiter bei den AWB erhält 3.000 Euro brutto monatlich, also 36.000 Euro im Jahr. Wenn man also 20 Leute einstellen würde, die sich alle nur und ausschließlich um diese 500 Meter kümmerten, kämen wir auf einen Betrag von 720.000 Euro. Bleiben noch 140.000 Euro übrig, für 20 Besen und Eimer und eine Packung Sonderreiniger für 10,98 Euro, wenn mal irgendein Ferkel ein Glas Rotwein umkippt. Also – – das braucht man schon. Die Leute setzen sich dahin! – mit ihren ungewaschenen Hosen, die legen sich ja kein Taschentuch unter ihre Hintern. Zigarettenkippen, Kronkorken, Pommestüten, Flaschen, Hunde, Kinder, Mütter, Obdachlose, Studenten Menschen! – grau-en-haft! Am besten, man sperrt alles zu und verlangt Eintritt.

Das ist der Stand vor zwei Wochen.

Heute wurde die Treppe – jedenfalls der untere Teil – zur allgemeinen Benutzung freigegeben, vom Oberbürgermeister persönlich, wie ich im Vorfeld gelesen habe. Die Kosten sind von 6 über 12 und 16 Millionen auf inzwischen knapp 25 Millionen Euro gestiegen, dafür ist die gesamte Anlage aber auch noch gar nicht fertig: Man rechnet damit, daß der Boulevard oberhalb der Treppe Ende des Jahres vollendet wird – Ende des Jahres 2016.

0 Antworten zu “Deutzer Ufer

  1. Arrrgxxx, Beißholz zu mir. Haben „die da oben“ alle ein Seminar mit dem Titel „Wie gebe ich sinnlos Geld anderer Leute aus?“ belegt?

    Und wehe einer fragt danach, ob man nicht alles beim Alten hätte lassen können. Pfui, Anarchie!

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  2. Genau. Und wer weiß, was man in 1000 Jahren da noch alles finden wird: Historisch wertvolle Colaflaschen und leere Zigarettenschachteln aus dem frühen 21. Jahrhundert, die die Straßenfeger von den AWB faul unter den Teppich gekehrt haben. 😉

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  3. Dabei konnte man da auch ohne neue Treppe sehr schön entspannen. Jetzt sollen da 10.000 Menschen auf einmal Platz finden – ehrlich gesagt kann ich mir was Besseres vorstellen, als da mit 9.999 anderen zu sitzen.

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  4. Über 14 Millionen dafür kommen vom Land, sagt der Kölner OB ungefragt, puh, noch mal billig davongekommen mit etwas über 10 Millionen. Aber woher kriegt das Land das Geld? Weiß er nicht, sagt er jedenfalls nicht, wahrscheinlich denkt er: Die haben das auf dem Konto, das ist bei ihm ja auch nicht anders am Monatsanfang, und überweisen das dann einfach.
    Jahrelang habe ich da um die Ecke gewohnt und da gern gesessen. Wie sich das jetzt entwickelt, muß ich erstmal abwarten. Wenn sich da im Sommer wirklich täglich Tausende einfinden, werde ich bestimmt nicht dabei sein, allein, wo die alle pinkeln gehen sollen, ist mir ein Rätsel.

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  5. -Offtopic-

    Ab 15.Dez. ist hier (blog.de) Ende der Fahnenstange.
    Wie gedenkst du eventuell weiterzumachen?
    Blogspot, WordPress?
    Ich lass mich überraschen..;-)

    Gruß aus der guten Stube!

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  6. Entschuldige die späte Antwort: Blogspot kommt für mich nicht infrage, auf Google kan man sich nicht verlassen. WordPress erscheint mir so überladen, aber ich könnte mir vorstellen, daß es darauf hinausläuft, vor allem, wenn das klappt, was blog.de behauptet, nämlich daß man mit seinem ganzen Inhalt umziehen kann. Mal abwarten, ein bißchen Zeit ist ja noch.

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  7. Servus!

    Geduld ist eine Tugend..;-)

    Ich denke, dass du die Verlässlichkeit von Google zu pessimistisch
    einschätzt. Den Betrieb der Blogger-Blogs finanzieren die aus der
    Portokasse. Was sehr wahrscheinlich künftig eingestellt wird, ist
    Google+. (Konkurrenz zu Facebook) Dir sollte doch auch bewusst sein,
    dass NICHTS für immer ist. (Auch WordPress.com mit eingeschlossen.)
    Mir tun ja wirklich all die Hausfrauen-Produkttester bei blog.de leid.
    Jetzt müssen die ihren Beauty-Reklame-Schmock woanders posten..;-)

    Ich an deiner Stelle würde den Export nicht schleifen lassen.
    Wer weiß, ob das bis Dezember noch gut geht.
    (Hab schon vorsorglich einen Snapshot von deiner Profilseite
    archiviert. Zur Erinnerung..;-)

    Wir „sehen“ uns, Kollege!

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  8. Vielleicht hast Du recht – Benachrichtigunsemails über neue Kommentare oder über Antworten auf meine Kommentare bekomme ich schon jetzt nicht mehr. Die Wartung scheint man schon mal eingestellt zu haben.

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