Ich weiß, Potsdam liegt gar nicht in Berlin, ist aber so nah, daß man meinen könnte, es gehöre dazu. Vor zwei Jahren waren wir schon im Park von Sanssouci, nun wollen wir uns die Hauptstadt Brandenburgs ansehen. Wenn man den Bahnhof verläßt und über die Brücke Richtung Innenstadt läuft, ist der erste Eindruck erstmal voller Skepsis: Hohe Plattenbauten an breiten Straßen, was mag da auf uns zukommen? Das Hotel Mercure gehörte früher zur Interhotelkette. Ende der 60 Jahre im Auftrag von Ulbricht gebaut (teilweise mit Arbeitsgeräten, die man sich von den kapitalistischen Staatsfeinden ausgeliehen hatte!), sollte es zeigen, daß auch im Arbeiter- und Bauernstaat solch herrliche Gebäude entstehen konnten. Von den 420 Zimmern hatten 20 sogar ein TV-Gerät!
Rechts, das Gebäude gegenüber mit der barocken Fassade, ist sehr viel jünger als der Plattenbau:
Das ist das brandenburgische Landtagsgebäude, das von außen so aussieht wie das Stadtschloß, das bis zum 2. Weltkrieg hier stand. 1960 wurden die letzten Ruinen abgerissen, Straßen wurden neu geführt und Ende der 80er, also vor der Wende, plante man hier ein Theater zu errichten, der Rohbau stand wohl schon. Davon wollte man nach der Wende nichts mehr wissen, und nach jahrelangem Hin und Her entschied man sich, den Landtag hierhin zu verlegen, ungefähr auf dem Grundriß des Schlosses. Allerdings hatte man kein Geld für für eine historisch getreue Fassade. Wie gut, wenn man reiche „Kinder“ hat: Der Multimilliadär Hasso Plattner spendete 20 Millionen Euro für die Fassade und noch einmal 2 Millionen für ein Kupferdach.
An dem Platz, der durch die Bebauung (wieder) entstanden ist, steht gegenüber die Nicolaikirche, und zur anderen Seite …
… das Museum Barberini (der eigentliche Grund unseres Besuches). Man glaubt es kaum, aber auch dieses Haus ist nagelneu. Preußenkönig Friedrich II. (ihr erinnert euch, der „Alte Fritz“, der sich gern in Sanssouci aufhielt) hatte hier einen Palast nach dem Vorbild des italienischen Pallazzo Barberini bauen lassen, der im 2. WK komplett zerstört wurde. Nun ist er wieder da – jedenfalls die Fassade, innen sieht es ganz anders aus: Die großzügig gestalteten Säle beherbergen und zeigen überwiegend die Kunstsammlung von Hasso Plattner, der auch das Gebäude bezahlt hat und für den Unterhalt sorgt.
Das Gebäude soll ungefähr 60 Millionen Euro gekostet haben (munkelt man), was aber nur ein Bruchteil dessen ist, was an Wert ausgestellt wird, das geht in die hunderte Millionen. Wer ist Hasso Plattner? Die Politiker flippen reihenweise aus, wenn sie nur den Namen hören, der Mund wird wässrig angesichts dessen, was der Mann noch spenden könnte. Hasso Plattner ist einer der Mitbegründer der inzwischen weltweit agierenden Softwarefirma SAP, die es seit 1972 gibt. Die Zeitschrift Forbes schätzte sein Vermögen 2016 auf knapp 10 Milliarden Euro, das sind zehntausend Millionen. Und er hat ein Hobby: Es sammelt Kunst – natürlich nur die, die ihm gefällt. Er hat zig Bilder des Impressionisten Manet, Seerosen und Heuernten, aber auch vieles andere aus dieser Zeit. Wohin jetzt mit den Bildern? Sie als Wertanlage irgendwo zu deponieren hat er nicht nötig. Sie sollten irgendwo hängen, als Ausdruck seiner Leidenschaft und seiner Kennerschaft. Warum also nicht 60 von den 10.000 Millionen nehmen und den Palast da hinbauen? Am Tag der Eröffnung wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Potsdam verliehen.
Es ist allerdings gar nicht sicher, daß die Bilder hierbleiben. Aus Verärgerung über das neue Kulturgutschutzgesetz (wenn ein Werk älter ist als 70 Jahre und einen Wert von über 300.000 Euro hat, braucht man eine staatliche Genehmigung, wenn man es international veräußern will, und evt. landet es auf einer Liste national bedeutsamer Kulturgüter, was ein Ausfuhrverbot zur Folge hat) sagt er nicht, welche der ausgestellten Bilder ihm gehören und welche von anderen Sammlern und Museen ausgliehen sind. Da die Hasso-Plattner-Stiftung ihren Sitz in Kalifornien hat, ist das wohl kein Problem. Im November des letzten Jahres wurde z.B. von einem Unbekannten ein Bild von Edvard Munch für 48,7 Millonen Euro ersteigert, nun hängt es hier, und nach dem „Handelsblatt“ gibt es Indizien, daß es Plattner gehört, aber man weiß es nicht sicher.
Wenn man in Deutschland etwas Kritisches sagt über jemanden, der reich ist, heißt es sofort: Typisch, da kommt der Neid wieder durch, die Amerikaner sind stolz auf ihre Millionäre, während wir sie zwanghaft niedermachen! Aber ist es nicht so, daß wir gerade denjenigen, die so obszön viel Geld haben, auf die Finger schauen sollten?
Was genau ist hier passiert? Ein Privatmensch durfte in bester Lage ein Museum nach eigenen Vorstellungen bauen, um dort seine nach ganz subjektiven Geschmacksurteilen angesammelten Bilder auszustellen und gegen Eintrittsgeld zugänglich zu machen. Mit der verantwortungsvollen Arbeit eines Museums der öffentlichen Hand hat das nichts zu tun. Aber man muß vorsichtig sein mit Kritik, der Herr ist schnell beleidigt: „Dass der Herr Jauch und der Herr Plattner hier was bestimmen wollen: überhaupt nicht. Wenn ich das noch einmal höre, dann gibt’s nichts mehr.“ (zitiert nach „Kunstforum International“, Bd. 245, 2017)
Zwischen Landtag und Kirche: Ein „Schandlfeck“ aus der DDR: Die Fachhochschule.
Nicht schön, aber dennoch historisch. Man hat das Gebäude offensichtlich ganz bewußt verkommen lassen. Und weil es stört in diesem preußischen Disneyland, wird es im Herbst abgerissen, weitere historisierende Fake-Häuser sollen entstehen.
Quelle: Wikipedia
So sah das Areal 2007 auf: Links die Fachhochschule, dann Kirche, Rathaus, rechts irgendein Blechhaus, wo heute das Museum Barberini ist. In der Mitte dunkel eingefärbt der Grundriß des Stadtschlosses – im neuen Gebäude ist der Innenhof kleiner. Dieses barocke Tor, das am oberen Rand zu sehen ist, wurde mit Spenden von Günther Jauch und anderen betuchten Bürgern errichtet, als Fingerzeig an die Lokalpolitiker, in welche Richtung man die Entwicklung des Areals zu sehen wünschte (nicht, daß man was bestimmen will: überhaupt nicht).
Das Wetter ist zu gut, deswegen gehen wir nicht ins Museum, sondern schauen uns die Stadt an.