Berliner Eindrücke (2)

Zeit im Fluß: Im Europa-Center an der Tauentzienstr. ist eine große Wasseruhr zu besichtigen. Durch kommunizierende Röhren fließt gefärbtes Wasser erst nach und nach in die 30 kleinen Kugeln auf der rechten Seite, die sich nach 60 Minuten in eine der zwölf großen Kugeln links ergießen – ergießen ist vielleicht nicht das richtige Wort, irgendwie wird das Wasser da hingeleitet. Preisfrage: Wie lange dauert es, bis eine kleine Kugel gefüllt ist?

Das Europa-Center ist ein Einkaufszentrum – über 70 Läden, Restaurants und Cafés – ohne jede Aufenthaltsqualität, also schnell raus hier.

Schon wieder Zeit. „Alles verzeiht am Ende die eine Macht, die Macht der Zeit“ – steht da gar nicht. „… verzehrt …“, verziehen wird gar nichts, sondern gefressen, oder wie?

Und was kommt dabei raus, hinten? Nicht nichts, das geht ja gar nicht, also was? Ich glaube, der Spruch ist Quatsch: Die Zeit hat keine Macht und verzehrt gar nichts und scheidet auch nichts aus, sie vergeht einfach. Daß wir älter werden und auch vergehen, dafür kann die Zeit nichts – ich fühle mich jedenfalls nicht von ihr beherrscht, im Gegenteil, wir gehen Hand in Hand.

Gestern und heute in der Architektur (von der Gedächtniskirche wird man wahrscheinlich noch in ein paar hundert Jahren reden, der Neubau wird vermutlich in nicht allzuferner Zeit wieder abgerissen): Zwei Kathedralen, eine für den staatlich geförderten Obskurantismus, eine für die staatlich geförderte ökonomische Ungleichheit.

Hier ist Anis Amri mit einem Laster auf den Weihnachtmarkt gebrettert, der Idiot. In Nordrhein-Westfalen versuchen besonders CDU und FDP, politisches Kapital aus dem Attentat zu schlagen – schließlich sind bald Wahlen – indem sie behaupten, der SPD-Innenminister sei dafür verantwortlich. Widerwärtig, abstoßend.

Was ist das für en häßliches Ungetüm? Ein Brunnen, ich finde, man sieht, daß er aus dem Osten kommt, er entspricht einer ganz typischen Ostästhetik, deren Eigenschaften man mal besonders untersuchen sollte.

Dahinten ist er, vor dem Kaufhof auf dem Alexanderplatz, der auch nur sehr wenig Aufenthaltsqualität hat.

Für eine Thüringer im Stehen reicht es wahrscheinlich immer. Das letzte Mal, als ich so einen „Grillrunner“ fotografiert habe, kostete die Wurst noch 1 Euro.

Das Kaufhaus mit dem sinnigen Namen Alexa schmückt sich mit einer ansprechenden Wanddeko, die an die Kunst der russischen Avantgarde erinnert – vielleicht etwas viel Anbiederung, denn das Kaufhaus ist erst ein paar Jahre alt und völlig überflüssig.

„Von dieser Stelle aus rief Karl Liebknecht am 1. Mai 1916 zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den Frieden auf“ – wofür er erst im Gefängnis landete und zusammen mit Rosa Luxemburg 1919 von Freicorps-Offizieren ermordet wurde. In der DDR wollte man ihm ein Denkmal errichten, doch über den Sockel hinaus ist man nicht gekommen, zumal er bald im Grenzbereich zu West-Berlin stand, am Potsdamer Platz.

Da steht er nun, umgeben von Zeugnissen des Kapitals.

Übrigens, der Schriftsteller Honoré de Balzac soll täglich 50 Tassen Kaffee getrunken haben – kein Wunder, daß er nicht älter als 51 geworden ist.

Gute Aussichten: Die Sonne scheint!

Fortsetzung folgt!

11 Antworten zu “Berliner Eindrücke (2)

  1. Das häßliche Ungetüm ist die sogenannte Nuttenbrosche.
    Was ist denn da im Osten los? Renomierpimmel (Fernsehturm) und Nuttenbrosche?! Und im Westen sogar ne schwangere Auster! Die urigen Berliner Namen für „Sehenswürdigkeiten“ sind schon sehr bemerkenswert.
    Die Gedächtniskirche ist übrigens der hohle Zahn.

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    • Nuttenbrosche ist ja mal richtig fies für den „Brunnen der Völkerfreundschaft“ – menno, das hatten sich die real existierenden Sozialisten aber anders vorgestellt. Renomierpimmel ist mir auch neu für den Ost-Fernsehturm, ich kannte nur die Westbezeichnung „Rache Gottes“, weil immer, wenn Sonnenstrahlen auf die Kugel treffen, weit sichtbar ein Kreuz erscheint.

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      • Das kenne ich wiederum nicht, nur St. Walter. Eben wegen jenem Kreuz.
        Und dann gab es ja früher auch noch Erichs Lampenladen. Der Ballast der Republik.
        Nicht zu verwechseln mit dem Tränenpalast.

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  2. schöne bilderserie! immer ganz spannend, wenn „auswärtige“ bilder in berlin machen und ich als „(neu)berliner“ diese betrachten darf. Immer sehr inspirierend! Regengrüße aus Berlin, Daniel

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    • Ja, ich bin auch froh, wenn mir sowas auffällt und ich mich nicht von der Form oder der vermeintlichen Autorität des Aussagenden beeindrucken lasse. Und ganz prima ist es natürlich, wenn dann noch jemand meine Zweifel bestätigt, dafür herzlichen Dank an Dich.

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