Lifestyle von anderer Art, als man sich auf dem Lifestyle-Markt vorstellen kann und will: Nun schon seit ein paar Wochen haben sich hier unter dem schützenden Dach des geschlossenen Filmpalasts mitten in der Stadt ein paar Obdachlose häuslich eingerichtet: Schlafsäcke auf Matratzen, Nachtschränke mit Büchern, die Jacken ordentlich aufgehängt, und sogar ein paar Bilder hängen an der einen Wand. Wenn ich es nicht besser wüßte, könnte ich glauben, das wäre eine Kunstaktion, ein „Lie-In“ oder sowas, denn es gäbe keinen besseren Ort dafür, hier kommen täglich ein paar tausend Menschen vorbei. Mich wundert, daß die sichtbare Armut hier so lange geduldet wird, in Bahnhofsnähe werden Obdachlose gern mal mit dem Wasserschlauch weggespritzt. Und wenn die sich dann verziehen, hat man das Problem gelöst, so einfach ist das.
Autor: Videbitis
Agrippinawerft
Der Begriff „Flohmarkt“ ist von vorgestern, „Antikmarkt“ aber sowas von out – heutzutage heißt das „Lifstyle-Markt“, jedenfalls wenn er im schnieken Rheinauhafen stattfindet.
Ich weiß gar nicht, ob man Trödel zu den Sachen sagen darf, die hier angeboten werden, es sieht alles so neu und gepflegt aus, daß man es ohne Weiteres sofort in seine Designwohnung stellen kann – wie Sachen aus dem Kaufhaus, die man eigentlich auch nicht braucht. Toll.
Diese Figur kann man auch kaufen, keine Ahnung, ob Kette, Hemd und Slip dazugehören. Auf einem Zettel steht: „Ich kann auch eine Lampe sein!“ Hm, wo schraubt man da die Birne rein? Stopp! – ich hab’s mir anders überlegt, ich will’s gar nicht wissen.
Amsterdamer Str.
Man stelle sich vor, man hätte sich (verzinst) vor ein paar Jahren 43 Euro geliehen, braucht nun aber unbedingt 2,32 Euro dazu – ein Knauser, wer einem das nicht geben wollte, oder? Und wenn man dann noch Ausgaben von geplanten 22 Cent auf 36 Cent erhöht, macht das doch den Kohl auch nicht fett, das ist doch lächerlich! So denkt man jedenfalls in Köln, nur daß hier ein paar Nullen hinzukommen (und was sind schon Nullen – pah!): Die Stadt ist mit 4,3 Milliarden Euro verschuldet, die zusätzliche Neuverschuldung beträgt 232 Millionen Euro.
Nun wird das Gebäude in der Flora saniert – na ja, saniert, der Begriff ist vielleicht nicht ganz richtig, denn das alte Gebäude, so wie es seit dem 2. WK dort stand, wurde fast komplett abgerissen.
2014 ist die Flora 150 Jahre alt, der Botanische Garten 100 Jahre, das will man dann natürlich schön feiern, die Honoratioren der Stadt schwelgen wahrscheinlich schon in der Vorstellung, wie man mit Champagner und Lachsschnittchen in dem neuen Gebäude steht und sich darüber freut, wie wunderwunderbar alles aussieht.

© Raimond Spekking / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)
So sah das Gebäude seit den 50er Jahren aus – unansehnlich, das erkennt man auf den ersten Blick, pfui, darum brauchte man sich nicht zu kümmern, schadete also nichts, es langsam verrotten zu lassen. Bis heute, wo es heißt: Nicht kleckern, sondern klotzen, was bedeutet schon Geld, die Banker machen das doch vor, daß man, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, das Geld, das einem nicht gehört, mit vollen Händen ausgeben kann.
Und deshalb soll das Gebäude wieder so imposant aussehen wie zu der Zeit, als Köln noch vom preußischen König regiert wurde. Daß die Kosten inzwischen von den geplanten 22 Millionen Euro auf 36 Millionen geklettert sind – gut, das muß man natürlich irgendwo einsparen, vielleicht in der freien Kulturszene, oder beim sozialen Wohnungsbau. Und wenn man die ganzen Nullen wegstreicht, ist das ja nur eine Erhöhung von 14 Cent.
Jabachstr.
Die gotische Pfarrkirche St. Peter wird oft als „Kunst-Station“ für zeitgenössische Kunst genutzt, deshalb gibt es auch keine dauerhafte Bestuhlung. In dieser Kirche wurde der Barockmaler Peter Paul Rubens getauft, das findet man hier natürlich sensationell, weshalb auch ein großes Gemälde, von Rubens gemalt, hier hängt. Jedesmal, wenn ich es fotografieren will, ist es zugehängt – offensichtlich bin ich meist in der Zeit vor Ostern hier, die Katholen hängen ja während der Fastenzeit immer alles zu. Keine Ahnung, was sie damit bezwecken.
Die Orgel ist auch imposant und soll gut klingen, habe ich gelesen – ich muß unbedingt mal darauf achten, wann hier was gespielt wird.
Frühling
Nach den Temperaturen zu urteilen, wechselt der Winter in Windeseile in den Sommer, die Natur kommt kaum nach, die Bäume tragen noch keine Blätter. Die Betreiber der Seilbahn über den Rhein sind da fixer.
Aber ein paar blühende Bäume gibt es schon, sehr schön, das macht Lust auf mehr …
… z.B. auf ein leckeres Eis.
Tower
Der schönste Arbeitsplatz in Köln … soll ein Büro sein? Kann ich mir gar nicht vorstellen. Oder meinen sie den Job des Kellners, der auf dem Balkon den Kaffee serviert? In dem Turm sollen einmal über tausend Leute arbeiten.
In einem intensiven Auswahlverfahren unter 600 Einsendungen aus der eigenen Belegschaft hat der Hauptmieter des renovierten Lufthansahauses gegenüber der Altstadt, die Chemiefirma „Lanxess“, den Gewinner der Namensgebung für das neue Domizil bestimmt: Das Haus soll nun „Lanxess Tower“ heißen. Wow! Das nenn ich originell.
Die weltweit agierende Firma „Lanxess“ ist eine Ausgründung der Bayer AG in Leverkusen und hat sich bereits die Namensgebung der früheren Köln-Arena erkauft. Man kann es sich leisten: Der Gewinn von 918 Millionen im Jahr 2010 hatte sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt, was an der gestiegenen Nachfrage nach Autos liegt: „Lanxess“ stellt u.a. synthetischen Kautschuk und Kunststoffe her.
Montag
Ja, Montage gehören auch nicht zu meinen Lieblingstagen, aber möchte man sowas wirklich jeden Morgen auf seinem Frühstücksbrettchen lesen? Sich gleich mies einstimmen auf einen vermutlich miesen Tag? Den Blick nach innen auf das eigene Ungemach gerichtet das Haus verlassen …
… und gleich in etwas hineintreten, wie es diesem Zeitgenossen offenbar gegangen ist, der zwei dieser Zettel direkt neben braun verschlierten Stellen auf den Bürgersteig geklebt hat.
Da kann einen auch diese Figur nicht erheitern. Ein Eis essendes Eis habe ich schon gesehen, ein Schwein, daß für Schinken wirbt, nun also eine kaffeetrinkende Kaffebohne – die bereit ist, ihr eigenes Leben in einer Kaffemühle zu opfern? Für „To go“-Kaffee?! Brutal! Gar nicht lustig.
Das letzte Mittel zur Stimmungsaufhellung: Ein Herz. Herz-Kitsch ist so gar nicht mein Ding, und dem das Bild gehörte, scheint es ebenso zu gehen, so sperrmüllig, wie es da steht. Aber gerade, weil es da so unvermutet auftaucht und meinen Blick fängt, wenn ich aus dem Fenster schaue, freut es mich doch. Ein netter Gruß vom Zufall – ich danke sehr. Und morgen ist ja schon Dienstag.
Ina-Gschlössl-Weg
Kirche und Kommerz, die innige Verbindung soll ja ein typisch rheinländisches Merkmal sein, und in Köln wird sie im Stadtbild sinnfällig. Das Fenster, in dem sich die Konsumtempel spiegeln, gehört zum Café/Restaurant „Stanton“ hinter der Antoniterkirche in der Fußgängerzone. Trotz hoher Sichtbetonwände ist es dort nicht ungemütlich, und der Kaffee schmeckt auch ganz gut – was man leider vom Essen nicht unbedingt behaupten kann: Nichts Besonderes, und das zu stolzen Preisen, nach ein paar Versuchen gehe ich lieber woanders hin, wenn ich Hunger habe. Dazu kommt noch folgende Eigenheit: Die Bedienung läßt lange lange auf sich warten, erst beim Bestellen, dann beim Bezahlen – wenn man sich mal richtig schön aufregen will, ist man hier richtig.



