Sommer in Berlin (6)

Zum Schluß ein touristisches Highlight, nicht nur für Touristen, auch Einheimische haben bestimmt Vergnügen daran, ihre Stadt mal aus einer anderen Perspektive zu besichtigen: Eine Bootstour rund um Berlin. An der O2-Halle (roter Pfeil) geht’s los …

… als erstes unter der Oberbaumbrücke durch, dann die nächste rechts in den Landwehrkanal. Es folgen 240 Fotos, die ich auf der dreieinhalbstündigen Fahrt gemacht habe.

Kreuzberger Ufer – der Liebesgruß ist nicht mehr ganz frisch, aber dennoch ernst gemeint.

An der Ankerklause stößt das Maybachufer auf den Kottbusser Damm. Am Maybachufer findet zweimal in der Woche ein sehr schöner türkischer Markt statt, ein Besuch lohnt sich.

Aber natürlich nicht jetzt, man sollte besser auf seinem Hintern sitzen bleiben, wenn man sich nicht den Kopf stoßen will. Die Tour wird auch „Brückenfahrt“ genannt, die vielen Brücken sind oft so niedrig, daß das Schiff so gerade darunter paßt.

Während der Fahrt wird man von einem auf Band gesprochenen Text auf Sehenswürdigkeiten hingewiesen – sowas kann sehr nervig sein, hier aber nicht, der Sprecher hat frei und unaufdringlich gesprochen. So eine Verzierung eines Gründerzeitgebäudes wie oben rechts nennt man Zwiebel. Da die Nachbarzwiebel heruntergefallen war, suchte man im Depot nach Ersatz – und fand nur eine Ananas. Eine pragmatische Lösung.

Ein Hobbymaler, der seine Bilder möglichst vielen Menschen aufdrängenzeigen will, hängt sie an eine Straße, und sei es eine Wasserstraße.

An der Corneliusbrücke wird eine halbe Stunde Pause gemacht, da hier der eigentliche Beginn der Rundfahrt ist. Zeit, sich die Beine zu vertreten. Ganz gut, daß der Himmel meist bedeckt ist, die Sonne würde einen sonst ganz schön braten.

Schwupps – da sind wir schon auf der Spree. Die Damengruppe vor uns hat bereits die erste Flasche Sekt geleert, verhält sich aber gesittet. Bockwurst gibt es auch.

Die Spreebebauung im Westen ist komplett in finanzkräftiger Hand. Im Osten gibt es noch einen stärkeren Wechsel, aber man ist dabei, das zu ändern.

In der Nähe des völlig überdimensionierten Bundeskanzler(innen?)amts …

… sitzen merkwürdig gesichtslose Menschen. Wie ich gehört habe, soll das oft vorkommen in dieser Gegend, daß Menschen hier ihr Gesicht verlieren, Niebel, Pofalla, von Klaeden und wie sie alle heißen. Furchtbares Schicksal. Allerdings gibt es auch Stimmen, die sagen, der Vorwurf sei unfair, die Betroffenen hätten überhaupt noch nie ein Gesicht gehabt oder es schon früher verloren – gut, dann ist es für sie nicht ganz so schlimm.

Hier kann man gucken, wie man angeguckt wird. Wenn ich da auch säße, würde ich mich wahrscheinlich auf dem Schiff fotografieren.

Gaffel Kölsch? Och nö, deswegen sind wir nicht nach Berlin gekommen.

Am Reichstagsgebäude – nicht ein Politiker, der am Fenster steht und winkt. Zu nichts zu gebrauchen, diese Leute.

Ah ja – den Berliner Dom kann man also auch besteigen. Gleich mal eine Notiz machen.

Im Ostteil der Stadt gibt es noch sowas …

… aber man gibt sich Mühe, alles Alte zu zerstören …

… um solche Gebäude zu errichten. Viel Geld wird eingesetzt, um noch mehr zu bekommen, gewachsene Stadtstruktur wird ökonomischen Interessen geopfert.

In wenigen Jahren wird alles zugebaut und erneuert sein.

Eine sehr schön verbrachte Zeit, ich kann es nur jedem empfehlen. Wer noch ein paar mehr Bilder sehen will, klickt hier – keine Angst, es sind insgesamt nur 40.

Sommer in Berlin (5)

Ganz schön groß, das „Ministerium für Staatssicherheit“ (Stasi). Immerhin waren hier im Jahr 1989, also kurz vor seiner Auflösung, 91.015 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt – Wikipedia hat ausgerechnet, daß somit 1 Stasi-Mitarbeiter auf 180 Bürger der DDR kam, ein Verhältnis, das bis heute einzigartig ist. Und dann noch über 100.000 informelle Mitarbeiter, die Spitzeldienste verrichteten … gut, heute braucht man nicht mehr so viele Leute, da drückt bei der NSA ein Finger auf einen Knopf, und sämtliche Daten der Bürger, die heute im Internet waren oder telefoniert haben, werden automatisch abgespeichert und gefiltert – nicht nur die Daten der eigenen Bürger, sondern gleich der Bürger der ganzen Welt. Bei der Stasi würde man vor Neid erblassen.

Im Hauptgebäude, in dem Erich Mielke sein Büro hatte, befindet sich nun ein „Stasimuseum“, Schulklassen und Reisegruppen werden hier durchgescheucht.

Die Privaträume Erich Mielkes …

… daneben sein Büro. Ich habe mal Fotos von den Räumen des Bonner Kanzlerbungalows gesehen, ich glaube, da sah es ähnlich aus.

Das stimmt zum Teil, allerdings bezogen auf jedes Gesellschaftssystem: Pädagogik, Propaganda (=Presse), Politik und nicht zuletzt die Ökonomie bestimmen und lenken die Geschicke einer Gesellschaft.

Übles Propagandamaterial.

Errungenschaften des realen Sozialsmus: Bunte Plattenbauten auf Kriegstrümmern …

… die man leicht verkabeln konnte. Alte Technik, heute macht das der Provider.

Verwaltungstristesse: Der Warteraum von Mielkes Fahrern.

Die durften auch Radio hören, aber damit sie nicht Westsender hörten mit der billigen Ausrede, sie hätten sich verdrückt, hat man die drei Ostsendertasten entsprechend markiert.

Eine Anleitung zur Abnahme von Geruchskonserven. Der kontaminierte Stoff wurde mit einer Zange in ein Weckglas gegeben und entsprechend beschriftet. Für die Hunde, die darauf trainiert wurden, gab es eine extra Schule.

Es gibt viel zu lesen in diesem Museum, vieles mutet absurd an, wie diese Liste der „Auswirkungen der politisch-ideologischen Diversion“ aus den 80ern. Aber eins wird auch klar: Es war kein Zuckerschlecken, in die Fänge der Stasi zu geraten.

Und er, dessen Antlitz an christliche Gottesdarstellungen erinnert, oder an den Weihnachtsmann, er soll an all dem die Schuld haben? Ich glaube, wenn Karl Marx gewußt hätte, was hier in seinem Namen geschieht, er hätte nicht ein Wort veröffentlicht und all seine Schriften im Kamin verbrannt.

Sommer in Berlin (4)

Ein Schwerbelastungskörper ist der Körper eines Mannes, den man schwer belasten kann, also z.B. ein Gewichtheber, der seine Leisten mit einem breiten Gürtel zusammenhält, worüber ein dicker Bauch das Trikot spannt – könnte man meinen, stimmt aber nicht. Der Schwerbelastungskörper ist – ja, was genau? Ein Gebäude? Darin wohnen kann man jedenfalls nicht.

Wenn man auf den Ausguck klettert, der neben dem Bau steht, sieht er so aus: Ein Klotz aus Beton, 14 Meter hoch, 21 Meter im Durchmesser, 12.600 Tonnen schwer, und – hier lüftet sich das Geheimnis – er ragt noch 18 Meter in die Erde hinein, hier eine Skizze, die ich von einer Schautafel abfotografiert habe:

Die Lösung: Die Nazis hatten in ihrem größenwahnsinnigen Plan, Berlin zu „Germania“ umzubauen, vor, hier einen riesigen Triumphbogen zu errichten, und um zu prüfen, ob der Boden das tragen würde, ließ Hitlers Architekt Albert Speer 1941 den Schwerbelastungskörper bauen. Der Triumpfbogen sollte 117 Meter hoch (drei Viertel des Kölner Doms) und 170 Meter breit werden (zum Vergleich: Der Pariser Arc de Triomphe ist ca. 50 Meter hoch und 44 Meter breit).

Hier kann man die Schneise sehen, die die Nazis durch Berlin ziehen wollten, ungefähr vom heutigen Südstern geradewegs bis zum Reichstagsgebäude, mit einer Straßenbreite von 120 Metern …

… an deren Ende eine riesige runde Halle für 180.000 Leute entstehen sollte. Zum Vergleich: Der Pfeil zeigt auf das Reichstagsgebäude, in dem heute der Bundestag sitzt.

Aber zurück zum Schwerbelastungskörper: Das Denkmal ist umzäunt, aber der Eintritt ist frei. Unten kann man herumgehen und sich alles genau ansehen …

… und einen Blick in den verwitterten Raum werfen, der wahrscheinlich zu den unterirdischen Meßräumen führte.

Ob der Topf hier auch schon seit den 40ern steht, weiß ich nicht.

Nach dem 2. WK überlegt man, den Bau zu sprengen, verwarf es aber wegen der nahen Häuser. Die Nazis hätten ihn auch nicht gesprengt: Sie hatten vor, die ganze Gegend wegen der Prachtstraße zu erhöhen, der – ja immerhin 14 m hohe – Schwerbelastungskörper hätte dann unter der Erde gelegen (kein Scherz) – was für ein Wahnsinn, auf hunderte von Metern links und rechts der neuen Straße hätten die Nazis alles platt gemacht.

Sommer in Berlin (3)

Als wir morgens mit dem Bus von Kreuzberg zu einer einer weiteren Berliner Attraktion fahren wollten, war der Zugang zur Haltestelle abgesperrt, und wie wir dann merkten, nicht nur der, sondern ganze Straßenzüge, Hunderte von Polizisten verwehrten den Zutritt zu einem großen Gebiet. War hier vielleicht eine Gasleitung geplatzt? Die erste Polizistin verwies uns auf Nachfrage an die Pressestelle, erst der zweite gab Auskunft: Wegen der Räumung der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule (die nicht mehr betrieben wird) sei die Gegend aus Sicherheitsgründen abgesperrt.

So leer habe ich die Wiener Str. noch nie gesehen.

Seit Dezember 2012 hielten sich in dem Schulgebäude mit Duldung des grünen Bezierksrates Asylbewerber auf, die Gruppe war in der Zwischenzeit auf 200 bis 300 Personen angewachsen, und forderten Bleiberecht in Deutschland, was ihnen aber natürlich nicht von den Grünen gewährt werden konnte, zuständig dafür ist der CDU-Innensenator. Die Verhältnisse in der alten Schule sind alles andere als lebbar: Nur eine Dusche für so viele Leute, miserable Wohnbedingungen, dazu die Unsicherheit, das führte immer wieder zu Streit, in einem Fall sogar zu einer Messerstecherei und einem Toten – unhaltbare Zustände.

Die grünen Bezirkspolitiker bemühten sich monatelang um eine einigermaßen verträgliche Lösung und erreichten, daß viele der Besetzer sich bereiterklärten, besser geeigneten Unterkünften zuzustimmen. Um diesen Umzug reibungslos über die Bühne zu bringen, forderte der Bezirksrat die Hilfe der Polizei an, die dann, wie gesagt, in einer Stärke von ca. 1.000 Beamten gleich weiträumig den Straßenverkehr lahmlegte, Personenkontrollen durchführte und für schlechte Stimmung sorgte – ein Zustand, der über eine Woche so blieb, da sich 40 bis 80 Asylanten weigerten, das Gebäude zu verlassen.

Inzwischen hat man sich geeinigt – ein grüner Bezirkspolitiker hatte eigenmächtig die Polizei zu gewaltsamen Räumung aufgefordert, was im letzten Moment von seinen KollegInnen abgewendet werden konnte. Die restlichen Besetzer können weiterhin in einem Flügel des Gebäudes bleiben, während die anderen Gebäudeteile saniert und zu einem Flüchtlingszentrum ausgebaut werden.

In meinen Augen war die Besetzung – ich meine die der Polizei – völlig unverhältnismäßig: Muß man wirklich über eine Woche ein halbes Viertel absperren, um ein (1) Haus zu sichern? Dem CDU-Innensenator paßt das vermutlich ganz gut: Den ganzen Ärger, also die ungeklärte Asylantenfrage und die umfangreichen Behinderungen der letzten Tage, kann man wunderbar dem grünen Bezirksrat in die Schuhe schieben, dabei haben nur die Grünen intensiv versucht, den Spagat zu schaffen zwischen der rigiden Asylgesetzgebung auf der einen Seite und den Schutzbedürfnissen der Asylanten auf der anderen. Wie gesagt, der, der ein Bleiberecht zu- und absprechen kann, ist der CDU-Innensenator Frank Henkel (der übrigens, wie man hier sehr schön nachlesen kann, selbst ein Flüchtlingskind ist).

Sommer in Berlin (2)

… soll in Wirklichkeit heißen: Kreuzberg bleibt eigenwillig. Ich nehme an, das ist eine Reaktion auf das hier:

Eine offizielle, von irgendwelchen Werbefuzzies ausgearbeitete „Freundlichkeitsoffensive“ der Stadtverwaltung, die ihren eigenen Bürgern nicht so recht traut und darum bittet, freundlich zu sein zu den zahlenden Touristen. Kreuzberg braucht diese Aufforderung nicht, hier wohnen die freundlichsten, gelassensten Menschen, die man in der Stadt kennenlernen kann.

Na gut, vielleicht nicht alle. Aber wahrscheinlich hatte der Schreiber nur schlechte Laune, hätte ich auch, wenn ich in der Höhe kopfüber über dem Dachrand hinge und vergessen hätte, wie Buchstaben auf dem Kopf aussehen. Die „Fickt-Eusch-Allee“ habe ich nicht gefunden, im Stadtplan steht sie gar nicht.

„Du hast doch nur Shiss so richtig aus Liebe zu küssen“, steht da – ob sexuelle Frustration der Grund für die Botschaften ist? Unerwiderte Liebe?

Das dagegen ist eine positive Forderung, die ich voll und ganz unterstütze. Sie klebte an der Scheibe einer Bahn der Berliner Verkehrsbetriebe, die völlig idiotisch alle Fenster mit dem Emblem des Brandenburger Tores zugeklebt hat – nicht sehr freundlich.

An der Oberbaum-Brücke gibt es Kunst zu bewundern …

… ebenso wie an der Schlesischen Str. Man kann genau sehen, wo die Leute am meisten hinfassen, wenn sie die vordere Skulptur berühren. Tze.

Ein paar Schritte weiter kann ich mich nur wundern über diese sexistische Werbung: Denken ist SO uncool, Alter. Nach einer Kiste Tequila-Bier torkeln wir alle in Unterhose und mit offenen Schuhen durch die Gegend, geil, das macht richtig Spaß. „Mach hinter jedem Tag ein Kreuz“ – abgehakt, hätten wir den Tag auch geschafft, ist ja auch anstrengend, immer diese Sauferei. Die Werbefirma weiß vermutlich, wovon sie spricht.

Die Wirklichkeit hat andere Probleme: Was ist von einer Gesellschaft zu halten, die ihren Nachwuchs mit den unverkäuflichen Abfällen („das ist aber noch gut, das kann man noch essen“) von Supermärkten ernährt?

Apropos Essen: Kulinarisch ist Berlin Köln weit voraus. Noch nie habe ich so wohlschmeckende asiatische Gerichte gegessen wie bei diesem Vietnamesen in der Schlesischen Str., zu einem Preis, da hätte ich noch leicht drei Schulkinder mitverköstigen können. Sowas gibt es in Köln leider nicht.

Hier hat der Automatenaufsteller mitgedacht: Aus welcher Altersschicht rekrutieren sich meine Kunden?

Ein Mensch, der einen Laden betreibt, um solche Dinge zu verkaufen, kann nicht böse sein.

Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir uns überall beobachtet fühlen, das schärft den Sinn für eine Ausspährealität durch die Geheimdienste, von der wir erst nach und nach erfahren.

Der Meinung ist man wohl auch im Literaturcafé in der Fasanenstr., wo ich diesmal übrigens einen miserablen Florentinerapfelkuchen gegessen habe (ich will ja nur Werbung machen für den Laden, wenn er es auch verdient).

Das sind die Leute, die man in Kreuzberg gar nicht mag, die Abneigung ist aber wohl wechselseitig. Wieso ca. 1.000 von den Uniformierten plötzlich in den Stadtteil einfielen und tagelang ganze Straßenzüge absperrten, erzähle ich nächstes Mal.

Sommer in Berlin (1)

Ja, wir mögen Berlin auch, auch wenn wir uns unter Sommer etwas anderes vorgestellt hatten.

Dabei fing es gut an: Am Tag unserer Ankunft war die „Fete de la musique“, an jeder Straßenecke spielten Bands Blues, Jazz oder Rockmusik.

Während eines heftigen Regenschauers verschwanden die Musikgruppen wieder, und dann …

… war sowieso Fußball angesagt, hier sehr schön zu sehen, links wird noch Musik gespielt, während im Hintergrund schon mal die Glotze warmläuft.

Trööt trööt – keine Ahnung, ob dieser junge Mann ein gutes Geschäft gemacht hat.

Wir waren wieder viel unterwegs, in den nächsten Tagen erzähle ich mehr davon.

UBahn

Berlin, Berlin (8): Neue Nationalgalerie

Das erstmal als Warnung vorweg. Der Spruch steht nicht an einer Kirchentür, sondern an einer Wand der Ausstellung „Ausweitung der Kampfzone“ in der Neuen Nationalgalerie. Das Gebäude wird Ende 2014 für vier Jahre geschlossen und saniert, man hofft noch auf einen Erweiterungsbau, dessen Finanzierung aber ungewiß ist. Diese Ausstellung ist der dritte Teil einer Ausstellungstrilogie über die Kunst des 20. Jahrhunderts und umfaßt die Jahre 1968 bis 2000.

Ob das der Stein des vermuteten Anstoßes ist? „Penis and Vagina“ von Paul McCarthy – sieht gar nicht nach „Pfui!“ aus, eher harmlos. Gut, irgendwo wird noch ein Video abgespielt mit der unvermeidlichen nackten Marina Abramovic.
„Ausweitung der Kampfzone“, der Titel ist ein Zitat, so heißt auch ein Roman von Michel Houellebecq aus dem Jahr 1994. Gemeint waren dort die ‚Zonen‘ Wirschaft und Sexualität, erstere ausgeweitet durch den Neoliberalismus, die zweite durch die „sexuelle Revolution“.

Die Kampfzone Kunst möchte man verstanden wissen als einen Ort, in dem gekämpft wird: Viel Nach-68er-Kunst sei aus einem aufklärerischen Impuls entstanden, sie sei häufig ein Kampf um bessere Verhältnisse, so die Ausstellungsmacher.

Das mag im Einzelfall so sein, aber ich finde, das teilt sich durch die Kunst selbst nicht mit. Ich sehe in der Ausweitung der Kampfzone Kunst eher eine Befreiung der Kunst („anything goes“), und damit einhergehend einen Verlust an Traditionen und eine Veränderung von künstlerischen Werten. In der Kampfzone Kunst zu bestehen ist härter geworden, eben, weil jeder alles machen kann. Das schöne bunte Bild oben ist z.B. von Gerhard Richter, dem höchstgehandelten Künstler weltweit – nach meiner Meinung völlig überbewertet, aber so sind halt die Gesetze des Kunstmarktes, irrationaler als die Kunst selbst.

Nauman

Bruce Naumans „Double Poke in the Eye II“ (war hier gestern schon irrtümlicherweise zu sehen) ist ein netter Kommentar dazu, wie Menschen oft miteinander umgehen: Piekst du mir ins Auge, piek ich dir ins Auge: Schmerzhaft – und ziemlich lächerlich. Woher kenne ich diese Szene? Ich glaube, in mehreren Filmen mit Laurel und Hardy habe ich sie schon gesehen. (Die Köpfe bewegen sich übrigens nur in der gif-Datei, so lange konnte ich die Kamera nicht still halten).

Auf ganz andere Weise lächerlich ist dieses Kunstwerk von Damien Hirst, den seine Kunst inzwischen zum Milliardär gemacht haben soll: „Pharmaceutic Wall Painting, Five Blacks“, erworben 2013. Mich würde interessieren, was man dafür bezahlt hat.

Das Interessanteste an dieser Bastelarbeit diesem Kunstwerk (von Jason Rhoades) ist sein Umfang und seine Rätselhaftigkeit – der Schleier lüftet sich etwas, wenn man den Titel liest: „Fucking Picabia Cars with Ejection Seat“. Alles klar? Ich habe ja auch gesagt: Etwas. Picabia war ein Dada-Künstler, der einen Hang zu schnellen Autos und Technik hatte. Das stilisierte Auto liegt tatsächlich irgendwie auf dem Rücken Dach und wird – aha – von einem Schleudersitz penetriert. Soso …

Die Tücke des Objekts: „Küchenkoller“ (Ausschnitt) von Bernhard und Anna Blume.

Das Flugzeug aus Blei (mit Bleibüchern auf den Flügeln) von Anselm Kiefer verblaßt etwas vor dem großartigen Revolutionspanorama des DDR-Künstlers Werner Tübke:

Gemalt im Stil des Manierismus-Malers Hieronymus Bosch – man kann sich kaum sattsehen.

Da sind zwei zu erkennen: Luther und Albrecht Dürer.

Das bekannte (wirklich gemalte) Bild des Hyperrealisten Franz Gertsch: „Barbara und Gaby“ – ich hatte keine Ahnung, daß es so groß ist.

Das sind nur ein paar Exponate, ungefähr 100 gibt es insgesamt zu sehen. Eine gute Auswahl, sehr amüsant und aufschlußreich, mir hat es jedenfalls gefallen.

Ende.

Berlin, Berlin (7): Potsdamer Platz/Schöneberger Südgelände

Schönes Haus, originelles Kunstwerk – das muß doch eine schöne Gegend sein, könnte man denken.

Weit gefehlt. Das Haus und …

… das Schild sind das einzig Alte, was es hier gibt.

Am Potsdamer Platz spielt der Einzelne keine Rolle mehr, das menschliche Maß ist reduziert auf die Rolle des Konsumenten.

Ein Spielplatz vor den neuzeitlichen Kathedralen des Kapitals – fünf Metallröhren, das reicht ja wohl, hier hält sich eh niemand lange auf. Was haben die Arschitekten (sic!) sich nur dabei gedacht? Ich weiß es: Gar nichts. Denken ist ein Vorgang, der Mühe macht und nichts einbringt außer Sorgen, also, wozu sich damit belasten?

Stadt der Gegensätze: Immer noch mitten in der Stadt, gar nicht weit vom alten Flughafen Tempelhof (direkt an der S-Bahnhaltestelle Priesterstr.) befindet sich der „Naturpark Schöneberger Südgelände“. „Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“, steht da auf der Mauer, und der Beweis wird offenbar, sobald man das Gelände betritt:

Bevor man einen weitläufigen Birkenwald betritt, kann man einen kleinen Skulpturengarten besuchen.

Dann führen lange Stege durch das Gelände. Im Sommer ist es bestimmt noch schöner.

Überall liegen überwilderte Gleise und führen ins Nichts. Früher sah es hier so aus:

Hier war der Rangierbahnhof von Tempelhof, der bis 1952 stillgelegt wurde. Dann kümmerte sich lange niemand um das Gebiet – die Natur ausgenommen.

Bereits 1980 bildete sich eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt einsetzte, und seit 1999 ist der Park Landschafts- und Naturschutzgebiet.

Ein kleines Café gibt es auch, das hatte aber schon geschlossen, als wir da waren.

Im nächsten Berlin-Sommer bin ich wieder hier – garantiert.

Fortsetzung folgt.

Berlin, Berlin (6): Prenzlauer Berg/Kreuzberg

Der Ortsteil Prenzlauer Berg ist das größte erhaltene Gründerzeitgebiet Deutschlands, die relativ einheitliche Bebauung stammt aus der Zeit zwischen 1870 und 1914. Ähnlich wie bei Quedlinburg verdanken wir seinen Erhalt einem Mangel: Wenn es nach dem Willen der DDR-Stadtplaner gegangen wäre, hätte man hier alles platt gemacht, um Plattenbauten hochzuziehen. Allein, es fehlte das Geld. Also verschob man alle Pläne auf später und ließ die Häuser verkommen, was die Bewohner aber nicht daran hinderte, trotzdem das beste daraus zu machen (in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag gibt es ein paar Augenzeugenberichte).

Das Café „Kapitalist (ein scheues Reh)“ ist eines der wenigen Beispiele für eine unverputzte Fassade, seit der Wende Anfang der 90er Jahre hat man alles fix instandgesetzt und saniert, was nicht nur zu einer Verbesserung der Wohnsituation führte, sondern natürlich auch zu einem Anstieg der Mieten, ein Prozeß, der bis heute anhält.

Seit der Wende hat sich über 80% der Bevölkerung ausgetauscht: Ursprünglich ein Arbeiterviertel, gegen Ende der DDR ein bevorzugte Gegend von Künstlern und Intellektuellen, wurde es nach der Wende zu einem Szene-Kiez, Clubs und „wilde“ Kneipen (also ohne Konzession) entstanden, und im Sommer wurden auf den Hinterhöfen Lagerfeuer entzündet. Ein wenig erinnerte die Stimmung an die 68er Zeit. Heute wohnen hier überdurchschnittlich viele Akademiker im komfortabel sanierten Altbau, die ihre Ruhe haben und gut leben wollen und kein Problem damit haben, ein dickes Auto zu fahren und gleichzeitig in der Second-hand-Boutique nachzuschauen, was es Neues gibt.

Volksnah will man natürlich auf eine alte Berliner Spezialität nicht verzichten, aber nur wenn sie gut inszeniert ist.

150.000 Einwohner hat dieser vergleichsweise kleine Ortsteil, da wäre es natürlich Blödsinn zu behaupten, hier sei alles Schickimicki. Die „gehobene“ Lebensweise konzentriert sich auf ein paar Ecken, z.B. auf den zugegeben sehr schönen Kollwitzplatz …

… an dem gerade der Wochenmarkt stattfand, als wir da waren – wie zur Bestätigung des Klischees alles öko, mit veganen Imbissen, fair gehandelte Produkten und einem Protestsänger aus Lateinamerika, zu dessen melancholischen Weisen man einen transfairen Espresso von einem italienischen Barrista trinken konnte. Natürlich kostet das dann auch etwas mehr, für eine kleine Ökobratwurst mußte ich 3,20 Euro bezahlen, konnte dafür aber unter zehn verschiedenen Senfsorten auswählen.
Seit Januar dieses Jahres besteht für Teile von Prenzlauer Berg „Milieuschutz“, es hat sich nämlich herausgestellt, daß immer mehr Wohnungen luxussaniert werden: Mehrere kleine Wohnungen werden zusammengelegt und Kamine und Zweitbadezimmer eingebaut, eine Ende der Mietsteigerung ist nicht abzusehen. Das wird nun vom Bezirk unterbunden, aber ob es langfristig wirkt?

Die Namensgeberin des Platzes, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die über 50 Jahre hier gelebt hat.

In der Mitte befindet sich immer noch ein Spielplatz, da geht schon mal was verloren.

Ich befürchte ja, Enok hat sich auch eine Sonnenbrille besorgt und geht mit seinem Kumpel Pu einen saufen – eine erste Lektion für den kleinen Lev: Die Untreue von Kuscheltieren. Hart.

Die Gentrifizierung, die sich hier vollzogen hat und immer noch vollzieht, gibt es auch in anderen Berliner Stadtgebieten. In dieser Kreuzberger Kneipe haben meine Freunde und ich über die Jahre unzählige Stunden verbracht. Seit diesem Jahr hat der alte Pächter aufgegeben. Es gibt nun nur noch eine Sorte Bier, ausschließlich in kleinen Gläsern, und das schmeckt auch noch schal. An der Theke stand ein Pulk von jungen Leuten, offensichtlich Bekannte der neuen Betreiber, und lärmten in der häufig anzutreffenden Sozialinkompetenz, daß man kaum sein eigenes Wort verstand. Schade. Dabei gibt es in dem kurzen Straßenabschnitt neuerdings noch zwei weitere Läden für die gleichen Besucher.

Ea ist noch nicht lange her, daß diese kleine Markthalle in der Nähe der Skalitzer Str. fest in türkischer Hand war. Nun geht es eher edel zu, vegane Speisen, Buchweizencrèpe und handgemachte Chutneys werden angeboten – nicht das ich etwas dagegen hätte, aber ganz billig ist das alles nicht.

Und auch hier: Entmietung, Zwangsräumung, Luxussanierung, leider oft von den Gerichten erlaubt, und verkauft an Leute, die es sich leisten können. Viele Leute wollen das originale Berliner Kiez-Flair genießen, dabei aber auf die Annehmlichkeiten eines gehobenen Wohnkomforts nicht verzichten, sorgen also selbst dafür, daß das verschwindet, weswegen sie hergezogen sind, denn das Flair, das sind die Menschen, die hier wohn(t)en.