Sommer in Berlin (5)

Ganz schön groß, das „Ministerium für Staatssicherheit“ (Stasi). Immerhin waren hier im Jahr 1989, also kurz vor seiner Auflösung, 91.015 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt – Wikipedia hat ausgerechnet, daß somit 1 Stasi-Mitarbeiter auf 180 Bürger der DDR kam, ein Verhältnis, das bis heute einzigartig ist. Und dann noch über 100.000 informelle Mitarbeiter, die Spitzeldienste verrichteten … gut, heute braucht man nicht mehr so viele Leute, da drückt bei der NSA ein Finger auf einen Knopf, und sämtliche Daten der Bürger, die heute im Internet waren oder telefoniert haben, werden automatisch abgespeichert und gefiltert – nicht nur die Daten der eigenen Bürger, sondern gleich der Bürger der ganzen Welt. Bei der Stasi würde man vor Neid erblassen.

Im Hauptgebäude, in dem Erich Mielke sein Büro hatte, befindet sich nun ein „Stasimuseum“, Schulklassen und Reisegruppen werden hier durchgescheucht.

Die Privaträume Erich Mielkes …

… daneben sein Büro. Ich habe mal Fotos von den Räumen des Bonner Kanzlerbungalows gesehen, ich glaube, da sah es ähnlich aus.

Das stimmt zum Teil, allerdings bezogen auf jedes Gesellschaftssystem: Pädagogik, Propaganda (=Presse), Politik und nicht zuletzt die Ökonomie bestimmen und lenken die Geschicke einer Gesellschaft.

Übles Propagandamaterial.

Errungenschaften des realen Sozialsmus: Bunte Plattenbauten auf Kriegstrümmern …

… die man leicht verkabeln konnte. Alte Technik, heute macht das der Provider.

Verwaltungstristesse: Der Warteraum von Mielkes Fahrern.

Die durften auch Radio hören, aber damit sie nicht Westsender hörten mit der billigen Ausrede, sie hätten sich verdrückt, hat man die drei Ostsendertasten entsprechend markiert.

Eine Anleitung zur Abnahme von Geruchskonserven. Der kontaminierte Stoff wurde mit einer Zange in ein Weckglas gegeben und entsprechend beschriftet. Für die Hunde, die darauf trainiert wurden, gab es eine extra Schule.

Es gibt viel zu lesen in diesem Museum, vieles mutet absurd an, wie diese Liste der „Auswirkungen der politisch-ideologischen Diversion“ aus den 80ern. Aber eins wird auch klar: Es war kein Zuckerschlecken, in die Fänge der Stasi zu geraten.

Und er, dessen Antlitz an christliche Gottesdarstellungen erinnert, oder an den Weihnachtsmann, er soll an all dem die Schuld haben? Ich glaube, wenn Karl Marx gewußt hätte, was hier in seinem Namen geschieht, er hätte nicht ein Wort veröffentlicht und all seine Schriften im Kamin verbrannt.

0 Antworten zu “Sommer in Berlin (5)

  1. Danke für Dein Schlusswort zu Karl Marx! 🙂

    Ich habe mich seinetwegen mal heftig mit einem Ex-Chef angelegt. Da sollte ich ein Weihnachtspräsent für Ehemalige besorgen und hatte „Menschen, die die Welt veränderten“ bestellt. Als mein Chef sah, dass sich darunter auch ein Portrait von Karl Marx befand, musste ich die Bestellung rückgängig machen. Kommentar des Chefs: „Marx ist Murks, das lernt man doch auf der Uni!“

    Ansonsten: Wieder sehr schön, wie Du den Rest der Welt an Deinen Berlin-Reisen teilhaben lässt.

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  2. Tolle Fotostrecke! Beim Foto von Mielkes Büro fiel mir spontan Hannah Arents „Die Banalität des Bösen“ ein. In Abwandlung müsste es heißen „Die Piefigkeit des Bösen“. Allein Gardinen und Vorhänge sind gruselig, dass ich dachte, den Kopf, der sich die Einrichtung ausgedacht hat, möchte ich nicht haben.

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  3. Ach ja – das war ja da, wo die ganzen Bonzen wohnten. Inzwischen habe ich gelesen, daß sie sogar ihren eingenen wohlbestückten Supermarkt mit Botendienst hatten.

    Inzwischen soll es sich allerdings sehr verändert haben.

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