Sommer in Berlin (2)

… soll in Wirklichkeit heißen: Kreuzberg bleibt eigenwillig. Ich nehme an, das ist eine Reaktion auf das hier:

Eine offizielle, von irgendwelchen Werbefuzzies ausgearbeitete „Freundlichkeitsoffensive“ der Stadtverwaltung, die ihren eigenen Bürgern nicht so recht traut und darum bittet, freundlich zu sein zu den zahlenden Touristen. Kreuzberg braucht diese Aufforderung nicht, hier wohnen die freundlichsten, gelassensten Menschen, die man in der Stadt kennenlernen kann.

Na gut, vielleicht nicht alle. Aber wahrscheinlich hatte der Schreiber nur schlechte Laune, hätte ich auch, wenn ich in der Höhe kopfüber über dem Dachrand hinge und vergessen hätte, wie Buchstaben auf dem Kopf aussehen. Die „Fickt-Eusch-Allee“ habe ich nicht gefunden, im Stadtplan steht sie gar nicht.

„Du hast doch nur Shiss so richtig aus Liebe zu küssen“, steht da – ob sexuelle Frustration der Grund für die Botschaften ist? Unerwiderte Liebe?

Das dagegen ist eine positive Forderung, die ich voll und ganz unterstütze. Sie klebte an der Scheibe einer Bahn der Berliner Verkehrsbetriebe, die völlig idiotisch alle Fenster mit dem Emblem des Brandenburger Tores zugeklebt hat – nicht sehr freundlich.

An der Oberbaum-Brücke gibt es Kunst zu bewundern …

… ebenso wie an der Schlesischen Str. Man kann genau sehen, wo die Leute am meisten hinfassen, wenn sie die vordere Skulptur berühren. Tze.

Ein paar Schritte weiter kann ich mich nur wundern über diese sexistische Werbung: Denken ist SO uncool, Alter. Nach einer Kiste Tequila-Bier torkeln wir alle in Unterhose und mit offenen Schuhen durch die Gegend, geil, das macht richtig Spaß. „Mach hinter jedem Tag ein Kreuz“ – abgehakt, hätten wir den Tag auch geschafft, ist ja auch anstrengend, immer diese Sauferei. Die Werbefirma weiß vermutlich, wovon sie spricht.

Die Wirklichkeit hat andere Probleme: Was ist von einer Gesellschaft zu halten, die ihren Nachwuchs mit den unverkäuflichen Abfällen („das ist aber noch gut, das kann man noch essen“) von Supermärkten ernährt?

Apropos Essen: Kulinarisch ist Berlin Köln weit voraus. Noch nie habe ich so wohlschmeckende asiatische Gerichte gegessen wie bei diesem Vietnamesen in der Schlesischen Str., zu einem Preis, da hätte ich noch leicht drei Schulkinder mitverköstigen können. Sowas gibt es in Köln leider nicht.

Hier hat der Automatenaufsteller mitgedacht: Aus welcher Altersschicht rekrutieren sich meine Kunden?

Ein Mensch, der einen Laden betreibt, um solche Dinge zu verkaufen, kann nicht böse sein.

Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir uns überall beobachtet fühlen, das schärft den Sinn für eine Ausspährealität durch die Geheimdienste, von der wir erst nach und nach erfahren.

Der Meinung ist man wohl auch im Literaturcafé in der Fasanenstr., wo ich diesmal übrigens einen miserablen Florentinerapfelkuchen gegessen habe (ich will ja nur Werbung machen für den Laden, wenn er es auch verdient).

Das sind die Leute, die man in Kreuzberg gar nicht mag, die Abneigung ist aber wohl wechselseitig. Wieso ca. 1.000 von den Uniformierten plötzlich in den Stadtteil einfielen und tagelang ganze Straßenzüge absperrten, erzähle ich nächstes Mal.

0 Antworten zu “Sommer in Berlin (2)

  1. Herrliche Bilder bei!
    Fast zu viel auf einmal (aber das Problem hab ich auch immer wieder! Und ich hab schon so gesiebt).

    Das Beste an London: Keine Scratchings auf Bus/U-Bahn/Overground-Scheiben und dem entsprechend auch keine Tower Bridge oder so was als Verhinderer des Ganzen. Es hat doch ein Vorteil alles lückenlos zu überwachen. Oder auch nicht so ganz lückenlos, falls du meinen 25.5. gelesen hast. 😦

    Das Post mit dem Kreuz hinter jeden Tag könnte wirklich aus den 70ern stammen und sollte mal an die Frauengleichstellungsstelle gefaxt werden, kümmern die sich eigentlich um so was noch, vermutlich nicht mehr.

    Das günstige Berliner Essen vermisse ich in London sehr sehr sehr. Auch um Mitternacht ein Frühstück bestellen geht da nicht. Wie kleinkariert, oder?

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  2. Hi Videbitis,

    wow… wieder tolle Fotos.
    Aber die schaue ich eh bei Dir mit noch am liebsten… 🙂

    Der Kaugummiautomat… da schlägt mein früheres Kinderherz doch glatt höher… 😉

    LG Mosi

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  3. Danke!
    Wahrscheinlich ist Berlin deshalb so beliebt bei jungen Leuten aus der ganzen Welt, alles ziemlich locker und noch einigermaßen günstig hier. Noch! Ich bin gespannt, wie es in ein paar Jahren aussehen wird.

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  4. Flachmann neben … ……mann?
    Ist das ein Flachmann?
    Dient der dem Größenvergleich wie sonst die klassische Streichholzschachtel?

    Aber das wollte ich gar nicht fragen, sondern vielmehr, wann Du die Stadt nicht mehr unsicher machst, damit ich Deine schönen Fotos genießen kann, ohne zu fürchten, dass ich mich selbst darauf wiederfinde?

    Und außerdem wüsste ich gerne, wie Du es schaffst an den Baustellen vorbei zu knipsen? Wohin auch immer ich hier gehe, die Baustellen sind ja wirklich überall und ärgern mich maßlos. Die Stadt wird nie fertig (und kann es bei der Größe wohl auch nicht werden). Ich sollte in eine kleinere Stadt ziehen oder attraktive Bauarbeiter zu meinem Fotomotiv erklären, um mich mit diesem Zustand auszusöhnen. 😉

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  5. Stimmt, mehrere Flachmänner an einer Stelle. Die Frau dagegen – materialreich, vorsichtig ausgedrückt.

    Ha! – dem rasenden Reporter entkommt niemand. Gut, im Moment bist Du in Sicherheit. 😉

    Ja, die Baustellen, auch hier ein ewiges Ärgernis, es gibt die Großstadt nur, weil Baufirmen ein Betätigungsfeld brauchen, und wir sind ihre Geiseln.

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