Wandern auf dem Goldsteig: 8. Etappe

Würden wir an die Stelle zurückgehen, an der wir am Vortag den Wanderweg verlassen haben, müßten wir heute 37 km laufen – das ist eindeutig zuviel, das können wir inzwischen sehr gut beurteilen. Unsere netten Wirtsleute bringen uns mit dem Auto an einen etwas weiteren Einstiegspunkt. Zum ersten Mal dauerhafter Regen, aber nicht schlimm, gegen Mittag hört er auf.

Muß langweilig sein, alle paar hundert Meter die Wanderwegzeichen an Bäume zu pinseln, da will der Maler auch mal ein bißchen Spaß haben.

Das ist mal eine gute Idee: In der Tonne stehen ein paar Flaschen Wasser und Limonade, das Geld legt man einfach in ein Kästchen.

Gasthaus Kraus dagegen will uns vom rechten Weg abbringen – nichts da, wir gehen nach rechts, ist ja doch wieder Ruhetag.

In Döfering schaut ein Eisbär traurig aus dem Fenster – hier ist einfach zu wenig los, als daß es sich lohnen würde, einen Laden zu betreiben, egal, wofür, da fast alle Bewohner motorisiert sind und zum Diskounter in die nächst größere Stadt fahren.

Ich habe euch ganz bewußt keine Kircheninnenfotos gezeigt, aber hier will ich eine Ausnahme machen: Der Altar ist ungewöhnlich. Der gefolterte Namensgeber der Sekte hängt ausnahmsweise mal nicht bildbeherrschend tot am Kreuz, sondern nur ganz klein im unteren Drittel. Der modern wirkende Rahmen wird ausgefüllt von drei Heiligen: St. Sebastian links, rechts St. Florian, und in der Mitte der Heilige Ägidius, der auch der Namensgeber der Kirche ist. Man erkennt sie an ihren jeweiligen Attributen: Sebastian steht meistens an einem Pfahl und wird von Pfeilen durchbohrt – ironischerweise haben ihn sich Schützengilden zum Schutzpatron gewählt, etwa, weil er ein so dankbares Ziel war? Auch die Bürstenmacher haben ihn gewählt: Wenn man die Augen zusammenkneift, könnte man doch glatt meinen, der mit Pfeilen gespickte Körper sieht aus wie eine Bürste (kein Scherz!). Sebastian war schon immer ein sehr beliebter Heiliger, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Künstlern: Da man früher natürlich keine nackten Personen malen durfte, es sei denn, sie waren Heilige (oder, seit der Renaissance, Figuren der griechischen Mythologie), war Sebastian eine wunderbare Gelegenheit, sich in Aktmalerei zu üben. Das ging sogar so weit, daß es Bilder gibt, wo er ohne seine Attribute, die Pfeile, an einem Pfahl steht – die Maler behaupteten einfach, das sei unmittelbar vor dem Martyrium. Und tatsächlich, wenn man einige Bilder mit Sebastian gesehen hat, erkennt man ihn immer wieder, ob mit Pfeilen oder ohne, es ist diese nackte, leicht aufreizende Haltung, mit der er am Pfahl steht, oft einen Arm oder beide nach oben gereckt. Und dieses Aufreizende, so wird behauptet, sei auch der Grund, weshalb die (männlichen?) Homesexuellen ihn sich zum Schutzpatron gewählt hätten. Das sei eine übelmeinende Unterstellung, sagen andere aus der Szene, er sei deshalb ihr Schutzpatron, weil er auch der Helfer gegen die Pest ist, und deren Name sei heutzutage nunmal Aids.

St. Florian erkennt man an dem brennenden Haus zu seinen Füßen und der Wasserschale, die er darüber ausgießt – angeblich soll er als Kind mal bei einem Brand Alarm geschlagen haben. Bekannt ist er für einen Spruch, der als St.-Florians-Prinzip bekannt geworden ist: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an!“ – ein Prinzip, das z.B. in der europäischen Flüchtlingspolitik topaktuell ist.

Ah – endlich mal ein paar Einwohner.

Solche Wegweiser waren glücklicherweise selten: Wir sollen über eine Wiese gehen, Richtung Baum – man hat die freie Auswahl.

Da könnte man jemanden fragen, aber wir halten uns lieber fern – aus nachvollziehbaren Gründen.

Da hinten, der Hügelzug, ist schon die Tschechische Republik.
Satte Farben …

… zur Abwechslung auch mal mit Dramafilter.

Auf den letzten Kilometern, herum um Waldmünchen nach Herzogau, das oben auf einem Hügel liegt, verschwinden die Wegmarkierungen, oder wir sehen sie einfach nicht, ein kleines verzichtbares Abenteuer zum Schluß. Also machen wir kurzen Prozeß und gehen die Straße hoch, die gerade saniert wird.

Geschafft! Über 180 km liegen hinter uns.

Und zum Abschluß noch mal eine ganz ausgezeichnete Herberge: Landhotel Gruber, wer mal in Herzogau übernachten muß, ist hier bestens aufgehoben. Hier habe ich übrigens zum ersten Mal auf dieser Reise jemanden bayerischen Dialekt sprechen hören, ein Tourist am Nebentisch sagte: “ Naa, goa kaa aa“ – auf die Frage, ob er vielleicht Rührei möchte, oder ein Frühstücksei.

Fazit: Der Goldsteig ist ein landschaftlich sehr schöner Wanderweg, abwechslungsreich und nicht zu schwer. Trotzdem sollte man natürlich gut zu Fuß sein. 34 Grad im Schatten läßt einen manchmal verzweifeln, wenn man über Felder und Wiesen läuft, aber dafür kann die Gegend ja nichts. Die Leute sind überwiegend freundlich, wenn auch unverbindlich – ich würde es gar nicht anders haben wollen. Kulinarisch gesehen – na ja, wenn man auf Schnitzel steht … In einer Anzeige in unserem Wanderführer steht: „Emotionen erleben. Natur begreifen. Den Gaumen bauchpinseln.“ Blogfreund Trithemius, dem ich das neulich in einem Kommentar erzählte, meinte dazu: Man müsse vorsichtig sein, ein gebauchpinselter Gaumen könne Brechreiz auslösen, und das ist nur zu wahr bei solchen Hauptkomponenten. Aber: Wer nicht allein wandert (was ich übrigens nie tun würde), sollte darauf achten, in guter und lustiger Begleitung zu sein, dann spielen so kleine Einschränkungen kaum eine Rolle. Und was das betrifft, kann ich mich wirklich glücklich schätzen.

Fortsetzung folgt.

PS: Die Fortsetzung muß etwas warten, Sonntag fahre ich schon wieder in Urlaub, eine Woche Rügen. Bis bald!

7 Antworten zu “Wandern auf dem Goldsteig: 8. Etappe

  1. Puh! 180 Kilometer, ich bin noch immer ganz geschafft. Wie schön, dass man bei dir wandern lassen kann. Danke für die vorzügliche Reportage. Und der rote Schirm war auch mit 😉 (Nebenbei: Muss es im Zitat nicht heißen, ein gebauchpinselter Gaumen?)

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    • Ja, anstrengend, nicht? Aber ich freu mich, daß es Dir gefallen hat. Der rote Schirm hat sich mal wieder als eins der wichtigsten Reiseutensilien erwiesen.
      Ah – danke für den Hinweis, hab’s schon geändert (da war wohl die Autokorrektur in meinen Fingern am Werk).

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  2. durch die 180 km lange wanderung habe ich sogar abgenommen. 😉
    schön für dich, dass dich dein näxter urlaub nach rügen führt.
    da freue ich mich schon auf tolle fotos von sonnenauf- und untergängen und den kreidefelsen.
    besuch bitte auch die ehemalige prora siedlung, habe auf phönix dazu einen beitrag gesehen.
    die nazis haben sie errichten lassen. für kdf.
    vor allem: komm gesund zurück.

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    • Ah ja!:-) Mal was anderes als des Müllers Lust – das habe ich übrigens nie verstanden, warum ausgerechnet der Müller gern wandert, muß der sich nicht um seine Mühle kümmern?

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