„Gott sitzt auf Frauen …“, habe ich erst gelesen und sogleich das Bild vor dem inneren Auge gehabt, wie ein alter Mann mit zotteligem Bart bei Frauen auf dem Schoß sitzt, und mich gefragt, für welches Vergehen Frauen diese gemeine Strafe zu erdulden haben. Aber er sitzt nicht, er setzt, soll heißen: Frauen, ihr seid dran. Das hat sich allerdings noch nicht bis in die Führungsetagen der internationalen Wirtschaft herumgesprochen, was wohl daran liegt, daß Gottes Wort hier nicht so viel Bedeutung hat, denn das schadet den Geschäften. Wenn also Gottes Wort je nach Ermessen Bedeutung hat, ist es soviel wert wie jedes andere, und daß Frauen jetzt alles richten werden, sollen oder dürfen, ist so unwahrscheinlich wie die Annahme, die Folterqualen eines Menschen seien ein Segen für alle anderen.
Schlagwort: Köln
Auf dem Neumarkt
Da-da-daaa … Gerade sind die einen Festivitäten vorbei, schon sind die guten Vorsätze fürs neue Jahr wieder vergessen, oder aufgschoben: Die Session in diesem Jahr ist kurz, die tollen Tage beginnen schon am 7. Februar, da muß man sich beeilen, sich das richtige Quantum an Bier und Bratwurst einzuverleiben. Nee, was’n Streß!
Chlodwigplatz
Ich eß ja keine Grillhähnchen mehr, obwohl sie mir früher immer mal ganz gut geschmeckt haben. Daß die Tiere innerhalb kürzester Zeit auf das erforderliche Gewicht in industriellen Anlagen auf abscheuliche Art hochgemästet werden, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, und das ist eigentlich schon Grund genug, die Finger davon zu lassen. Was es aber vollends unappetitlich macht, ist der Grillvorgang: Unten in der Fettauffangpfanne liegen die fertig gegrillten Kadaver, während sich oben an der Grillstange neue Hähnchen drehen – und nach unten tropfen, genau auf die fertigen Exemplare. Selbst, wenn keine Salmonellen drin sind, appetitlich ist anders.
In diesem „Wienerwald“ läuft man aber keine Gefahr, sich zu vergiften: Der Grill ist „Defekt“. Wieso hat ein „Wienerwald“ geöffnet, wenn es keine „Hendl“ gibt? Für Currywurst mit Pommes rot/weiß, das gibt es ja sonst auch so selten.
2013
Am Neujahrstag sind alle Kirchen bis spät geöffnet, und viele Leute scheinen zu glauben, mit einer Kerzenspende das kommende Jahr positiv beeinflussen zu können. Reiner Aberglaube natürlich, Bleigießen, Kaffeesatzlesen, ich habe sowas natürlich nicht nötig.
Bei mir macht das meine Wohnung. Was soll das wohl bedeuten: Ich putzte gerade mein Bad silvestergästerein (man will ja zumindest hygienisch keinen schlechten Eindruck hinterlassen), da rummste es laut einen Meter hinter meinem Rücken. Das Regal über der Badezimmertür mit den schweren Bänden einer Kunstzeitschrift war heruntergekommen und hatte meinen alten Abfalleimer erschlagen (rechts im Bild), der dort stand, weil ich mir seit ca. einem halben Jahr über seine weitere Verwendung noch nicht im Klaren war. Wenn das mein Kopf gewesen wäre … (über dessen Verwendung ich auch oft nicht genau … egal, das ist ein anderes Thema). Was will mir die Vorsehung damit sagen? Befreie dich von altem Ballast? Meide dein Badezimmer, wo es geht, und pfeife auf die Gäste? Interessant auch, wie die Zeistschriftenbände gefallen sind, wie ein Weg, den ich gehen soll, in diesem Fall ins Schlafzimmer … das ist natürlich nur ein Bild, eine Metapher, das Schicksal will mir mitteilen, daß ich viiiiiel Ruhe brauche und mich bloß nicht überanstrengen darf. Ja, doch, damit kann ich was anfangen. Und vielleicht, daß ich Regale besser andübeln sollte, aber kann die Vorsehung so profan sein?
Hier noch ein Rat aus dem Schaufenster eines Frisörs, den ich gerne weitergebe.
Frohes neues Jahr!
Butzweilerhof
Och nö! – muß das sein? Gerade will ich in meinen Hot Dog beißen, den es billig in einem schwedischen Möbelhaus gibt, da stellt sich diese Gestalt an meinen Tisch: Halb nackt, ein Hut aus Zweigen, der Oberkörper mit kleinen schorfigen Wunden übersät. Wieso muß ausgerechnet mir das passieren? Gibt’s hier kein Sicherheitpersonal? Alle anderen kucken natürlich angelegentlich in andere Richtungen. Immerhin, angetrunken scheint er nicht zu sein, aber der Geruch … „Ein Tempel der Händler“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Jep“, antworte ich eilfertig – solchen Leuten widerspricht man möglichst nicht, und bloß nicht nachfragen, was er meint, das fehlte noch, daß ich mich hier mit einem Irren … obwohl, eigentlich macht er einen relativ klaren Eindruck. „Frierst du gar nicht?“, frage ich – und ärgere mich sofort über mich selbst, wie komme ich dazu, den zu duzen, auch Penner haben das Recht …
Keine Antwort, stattdessen starrt er auf meinen Hot Dog. Ach nee, das nun wirklich nicht, das ist meiner, ich habe dafür angestanden, mit Nachdruck habe ich mir einen Platz an der Soßen- und Gürkchenscheibenbar erkämpft, das Würstchen im Brötchen kunstvoll gleichmäßig belegt … na schön. Ich kann mir ja noch eins holen. „Möchten Sie vielleicht …?“ Ich halte ihm den Hot Dog hin, aber er will ihn nicht. Stattdessen lächelt er mich an – Moment, ich glaube, der grinst, also das ist doch … Er schaut an mir vorbei – ah, da kommen endlich zwei Sanitäter zielgerichtet auf uns zu, der eine versucht, eine Zwangsjacke hinterm Rücken zu verstecken. Ich höre noch eine „Frohes Fest!“, dreh‘ mich wieder um – er ist weg, wie vom Erdboden verschluckt. Okay … erleichtert widme ich mich meinem Hot Dog. Ehrlich gesagt: Das ist eher die Simulation von etwas Eßbarem, die Trägersubstanz, also Würstchen und Brötchen, schmeckt nach nichts, Geschmack wird nur vom Essig der eingelegten Gürkchenscheiben erzeugt. Ach, was soll’s – einmal im Jahr kann man das ertragen.
Alter Markt / Rathaus
Nicht nur wegen der schönen gelben Farbe habe ich hier vorgestern ein Bild des U-Bahnzugangs Appellhofplatz gepostet, sondern auch, um den Gegensatz zur jüngst eröffneten U-Bahnstation auf dem „Alter Markt“ zu zeigen: Erstere wurde 1969 erbaut, die neue in diesem Jahr. Ich vermute, das futuristische Design dient noch einem weiteren Zweck: Der Rettung vor dem Weltuntergang, der ja nun nur noch ein paar Tage entfernt ist.
Wenn wir schon ein Ufo, mit dem wir evt. fliehen können, in der Deckenkostruktion der neuen Haltestelle verbauen, mag man sich im Rathaus gedacht haben, dann muß der Bau auch rechtzeitig fertig werden. Einen anderen sinnvollen Grund für die Eröffnung vor wenigen Tagen gibt es nämlich nicht: Die Strecke zwischen dieser vorübergehenden Endhaltestelle und dem Bahnhof ist genau 525 Meter lang. Wer also am Bahnhof zusteigt, braucht mit Betreten der einen und Verlassen der anderen Station zuzüglich Warte- und Fahrzeit im Schnitt ca. 10 bis 15 Minuten und muß dafür 1,80 bezahlen. Wer die gleiche Strecke oberirdisch in normaler Geschwindigkeit zu Fuß geht, braucht 5 Minuten. Der Betrieb dieses Abschnitts kostet – ein paar Millionen, von genauen Zahlen wird in letzter Zeit nicht mehr öffentlich geredet.
Ein paar Millionen, die hier fehlen: Das ist einer der beiden Ausgänge auf dem „Alter Markt“. Vorher stand hier ein Haus, das man wegen der U-Bahn aber abgerissen hat, eigentlich hatte man vor, ein neues zu bauen, inklusive Treppenaufgang und Fahrstuhl, der die Fahrgäste nicht nur auf den „Alter Markt“ bringt, sondern auch auf die nächst höhere Ebene des Rathausvorplatzes. Daraus wird nun erstmal nichts, kein Geld mehr da. Aber, so heißt es beruhigend, das sei nur ein „Provisorium“ (damit kenn man sich hier aus, schließlich wurde der Dom in seiner über 600jährigen Bauzeit auch provisorisch genutzt), und man verfolgt eine bestimmte Strategie, die ich auch kenne: Wenn ich nur Schulden habe, mir aber etwas kaufen möchte, dann rufe ich das in die Welt hinaus und warte auf einen Investor, der das für mich übernimmt. Gut, bei mir hat sich noch nie jemand gemeldet, aber die Stadt läßt sich nicht beirren und macht das genau so – gerade noch rechtzeitig vor dem Fest, vielleicht hat der Weihnachtsmann ja Interesse.
Oder – die Welt geht unter am nächsten Freitag, dann geht’s sowieso los mit dem verbuddelten Ufo, und dann ist es ganz gut, daß nur eine Holzbaracke darüber steht. Wenn die am Bugarach das wüßten …
Christmas Avenue
Eine erneute Berichterstattung über die vielen Weihnachtsmärkte in der Stadt wäre wahrscheinlich so ermüdend wie die Weihnachtsmärkte selbst, denn jedes Jahr sind es die gleichen Stände mit teurem Schund, fettigem Essen und zuckrigem Glühwein. Allerdings gibt es in diesem Jahr etwas neues, ein kleines Skandälchen:
Die Christmas-Avenue ist ein schwul-lesbischer Weihnachtsmarkt. Doch doch, ihr habt ganz richtig gelesen.
Die Buden sind mit farbig-glänzendem Material umwickelt, aus den Lautsprechern schallt zumeist Popmusik und es gibt eine kleine Bühne. Darüber hinaus ist der Markt nicht viel anders als andere: Reibekuchen, Bratwurst, Glühwein und ein paar Buden mit Sachen, die kein Mensch braucht. Kleine Unterschiede gibt es doch: Die Bratwurst ist vom Bio-Rind, der Glühwein kommt vom Winzer und ist nicht ganz so süß, dafür etwas teurer, alternativ dazu werden heiße Cocktails angeboten. Wer es mag …
Wenn man Pech hat, tritt gerade irgendjemand auf und singt. Wer gern in seinen Schwulen-Klischees verharren möchte, wird hier also gut bedient: Der Schwule an sich ist etwas eleganter als der Hetero-Mann, er hat mehr Geschmack in fast allen Dingen und auch mehr Geld, um sich all das leisten zu können. Und er hört gern die allerschrecklichste Schlagermusik, bevorzugt gesungen von gemütlich-dicken Transen.
In der hiesigen Tageszeitung beeilte sich ein Kommentator schon im Vorfeld zu schreiben, ein schwul-lesbischer Weihnachtsmarkt sei ja wohl schon längst fällig gewesen. In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ dagegen regten sich CDU-ler über diese „Provokation“ auf: Weihnachten sei ein Familienfest, Sexualität das Mittel, um eben diese Familie zu (er)zeugen, wo also männlicher Samen auf eine weibliche Eizelle trifft und daraus neues Leben entspringt (ich hoffe, ich habe das so ungefähr richtig zusammengefaßt). Was, bitte, haben diese Perversen die Schwulen und Lesben also damit zu tun? Sie verhöhnen das heilige Fest, indem sie einen Adventskalender verkaufen, auf dem muskulöse halbnackte Männer mit Weihnachtmütze auf dem Kopf abgebildet sind. Auf der Bühne tritt ein Mann in Frauenkleidern auf und singt Weihnachtslieder, was für ein Frevel! – während im Publikum dauergeile Homos an Biowürsten saugen – pfui Deibel! Die anderen Weihnachtsmärkte dagegen sind natürlich Orte reiner Kontemplation und christlicher Demut – oder wie?
Braucht man einen schwul-lesbischen Weihnachtsmarkt? Nein, so wenig wie einen der anderen kitschigen, auf bloßen Kommerz ausgerichteten Weihnachtsmärkte. Ja, solange es solche heuchlerischen Ansichten bigotter Christenkämpfer gibt.

