Gut, da könnte man bald mal wieder was machen, aber das Foto ist schon ein paar Tage alt, und der Frühling fängt ja gerade erst an. In Köln-Ehrenfeld können Anwohner oder Firmen die Patenschaft für eine Baumscheibe übernehmen. Sie übernehmen die Kosten für Erde und Pflanzen und bekommen dafür die tatkräftige Unterstützung vom „Ehrenfelder Verein für Arbeit und Qualifizierung“ (eva.eV), der beratend zur Seite steht. Als Teil von „urban gardening“ soll das helfen, die Stadt l(i)ebenswerter zu machen – da kann man nur hoffen, daß die Hundebesitzer darauf Rücksicht nehmen.
Die Paten dürfen auf einem Schild an der Baumscheibe ihre gute Tat bekannt machen. Die Patenschaft für diese Baumscheibe teilen sich zwei Unternehmen: Eine Apotheke und eine milliardenschwere Brillen-Kette. Immerhin.
Schlagwort: Köln
Vorm Hyatt
Zweier-Selfie mit malerischem Hintergrund: Im Rücken steht der Dom. Früher hat man jemanden gefragt, ob er einen mal fotografieren kann, heute hat man eine Selfie-Stange, an deren Ende man ein Smartphone oder eine kleine Kamera anbringen kann. In einigen Museen sind diese Fotografierhilfen inzwischen verboten: Nicht nur, daß man andere Besucher damit verletzen kann, wenn man versucht, das Gewicht in der Balance zu halten, es ist auch nicht ausgeschlossen, daß das Gestänge einen van Gogh der Länge nach aufschlitzt, nachdem es eine antike Büste vom Sockel gefegt hat – für ein Selfie!
Courage? Och nö, lieber nicht …
Welcher Wagen nun mitfährt auf einem Rosenmontagszug oder nicht, ist so interessant wie der umfallende Sack Reis in China. Normalerweise. In diesem Fall offenbart sich etwas, was typisch kölsch ist: Große Klappe im Vorfeld, aber wenn es dann soweit ist, lieber den Schwanz einkneifen.
Nach den Anschlägen in Paris, als sich alle Welt durch den Spruch „Je suis Charlie“ mit den Opfern solidarisch zeigte, wollte man beim Festkomitee des Kölner Karnevals nicht nachstehen. Man ließ mehrere Entwürfe für einen Rosenmontagswagen zur Abstimmung ins Internet stellen, und der Entwurf oben gewann mit 7.000 Stimmen. Aus den Kreisen der Organisatoren konnte man hören, für den Karnevalisten sei die Meinungsfreiheit wie die Luft zum Atmen, deshalb sei es ja wohl eine Selbstverständlichkeit und Ehre usw. Ich weiß nicht, was die Herren inzwischen inhalieren, denn der Wagen darf nun doch nicht mitfahren, einige Bürger hätten Bedenken geäußert. „Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben.“ Gab es vielleicht irgendwelche Warnungen aus dem muslimischen Bereich? Anschlagsandrohungen wütender Salafisten? Bedenken aus dem Hause Faber-Castell, daß die Buntstifte gegen Pistolen gar nichts ausrichten können? Nichts dergleichen. In vorauseilendem Gehorsam gegen einen möglichen Protest verzichtet man lieber, um die „Leichtigkeit“ (bedenken- und gedankenlos saufen und feiern) nicht zu gefährden. Meinungsfreiheit wird hier verstanden als die Freiheit, seine Meinung schneller wechseln zu können als seine Unterwäsche, eine kölsche Tugend, die auch der Oberbürgermeister sicher beherrscht:
Am 29.1. stand in der Zeitung: „Oberbürgermeister Jürgen Roters plädierte […] noch wenige Stunden vor der Absage durch das Festkomitee dafür, den Wagen mitziehen zu lassen. Es sei für den Karneval wichtig, dass er sich ’solidarisch zeigt mit denen, die Witz und Karikatur pflegen‘.“
Am 30.1. stand in der Zeitung: „Roters begrüßt Rückzug des ‚Charlie‘-Wagens: Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters [bezeichnet] die Entscheidung des Festkomitees als ‚klug‘.“
Na dann, Alaaf allerseit.
PS: Wie immer zu dieser Zeit verschwinde ich aus der Stadt und fahre nach Berlin. Wir lesen uns in zwei Wochen wieder, bis dann.
Museum Ludwig
Lange Zeit war es strengstens verboten, im Museum zu fotografieren. Inzwischen gehen immer mehr Museen dazu über, es zu erlauben, wahrscheinlich, weil man es sowieso nicht verhindern kann: Jeder Mensch, der ein Handy hat, hat auch einen Fotoapparat, dessen Benutzung für viele in allen Lebenslagen so selbstverständlich ist, daß das Aufsichtspersonal kaum dagegen ankommen würde.
Ich finde das sehr schön, denn so kann ich euch ein paar Bilder von der großartigen Architektur des Museum Ludwig zeigen. Hier ein Blick in die Eingangshalle und auf die Unterseite der monumentalen Treppe.
Lichtführung durch die charakteristischen Shed-Dächer, von außen sehen sie so aus.
Eine Zwischentreppe.
Wer mal nach Köln kommt, oder hier umsteigen muß, sollte unbedingt einen kleinen Abstecher machen, das Museum befindet sich gleich neben Dom und Hauptbahnhof, der Besuch lohnt sich.
Naturgotik
Nanu? Kopiert hier die Natur etwa die Architektur? Zwei Bäume, die dem Kölner Dom nacheifern? Tatsächlich ist es eher umgekehrt: Die gotische Architektur imitiert und überhöht die „Erhabenheit“ der (deutschen) Wälder. So dachten man jedenfalls in der Romantik: „Vermannigfaltige die ungeheure Mauer, die du gen Himmel führen sollst, daß sie aufsteige gleich einem hoch erhabenen, weit verbreiteten Baume Gottes, der mit tausend Ästen, Millionen Zweigen und Blättern […] verkündet die Herrlichkeit des Herren, des Meisters“, schrieb Goethe 1773 angesichts des gotischen Straßburger Münsters, und der Reiseschriftsteller Georg Forster schwärmte 1791 vom Anblick des damals ja noch unfertigen Kölner Doms: „In ungeheurer Länge steht die Gruppe schlanker Säulen da, wie die Bäume eines uralten Forstes und am höchsten Gipfel sind sie in eine Krone von Ästen gespalten, dem Auge fast unerreichbar.“
Am Bollwerk
Sonntag abend in der Altstadt, knapp über 0 Grad, es regnet: Optimistisch stehen Kellner vor den Türen, blicken in die Dunkelheit und warten auf Gäste für die Außengastronomie, wer friert, kann sich ja noch eine Decke nehmen.
Gar nicht so aussichtslos kündigt sich drohend und langam, aber sicher ein anderes Ereignis an. Manchmal geht man durch die Straßen und hört einen Spielmannszug mit Humptatäterä und Tschinderassabumm kölsche Stimmungslieder spielen – und wenn man dann um die Ecke guckt, hört es auf und niemand ist zu sehen. Gespenstisch!
Kempener Str.
Da hat wohl jemand seine eigene Größe überschätzt – körperlich und geistig. Vielleicht hätte der Schreiber beim Denken auch ein zweites Mal ansetzen sollen, dann wäre ihm vielleicht eingefallen, daß die Leser der „Bild“ unbedingt wissen wollen, wie Promis sich fühlen, wenn sie samstagabends im Fernsehen Kindergeburtstage aufführen oder Tierhoden im australischen Dschungel essen müssen. Aber ich, lieber Empörter, ich bin ganz Ohr – was sollen wir machen? Russland das Lachen verbieten, andernfalls Krieg?
Innenstadt
Seit ca. einem Dreivierteljahr hat man an zehn öffentlichen Plätzen im Stadtzentrum freien Zugang ins Internet. Man muß nur sein Smartphone oder Tablet in die Luft halten, das Netz anwählen, seinen Namen eingeben und seine Smartphonenummer, schon ist man drin. Es gibt Überlegungen, dieses Angebot auf die ganze Innenstadt auszuweiten. Ermöglicht wird es von der KölnTourismus GmbH, der Firma Netcologne und dem Verein „Köln plus Partner“, deren Mitglieder aus 60 Firmen bestehen, zum größten Teil Hotels. Und warum machen die das? Aus reiner Menschenfreundlichkeit?
George Orwell irrte sich, als er glaubte, man werde den Menschen der Zukunft ihre Privatsphäre mit Zwang entreißen müssen. Man macht ihnen ein kleines „Umsonst!“-Angebot, und schon geben sie sie freiwillig auf.
Maximinenstr.
Wenn man den Hauptbahnhof nach hinten raus, also zum Breslauer Platz, verläßt und nach links Richtung Eigelstein läuft, kommt man an Rundbogenvertiefungen unter den Gleisanlagen vorbei, in denen Autos parken. Hier stinkt es so sehr nach Pisse, daß man sich nicht lange aufhalten will, man geht schnell vorbei oder steigt in sein Auto und verschwindet. Vo einiger Zeit dachte man sich bei der Bahn wohl, daß sich dieser unwirtliche Ort aufhübschen ließe, wenn man ihm einen frischen Anstrich verpaßt. Unter den Anstreichern muß sich eine kunstinteressierte Person befunden haben, denn sie entdeckte ein Kunstwerk: Ein Graffito des weltberühmten Künstlers Naegeli, bekannt auch als der „Sprayer von Zürich“.
Anstatt das Werk (hier eine von mir fototechnisch gereinigte Version) nun einfach übertünchen zu lassen, entschloß man sich bei der Bahn, drumherum zu malen. Bravo! Soviel Verstand hätte ich denen gar nicht zugetraut. Von Harald Neageli habe ich hier schon einmal erzählt, wer mehr wissen will, klickt sich einfach dorthin.
Kögida, zweiter Versuch

Fotomontage: Trithemius (der übrigens auch einen lesenswerten Text zu dem Thema geschrieben hat: „Charlie Hebdo, Pegida, Lügenpresse und wir Versuch einer Bestandsaufnahme„); Bearbeitung: Videbitis
Vorgestern sollte die zweite Kögida-Demonstration stattfinden, diesmal direkt vorm Bahnhof. Magere 150 Demonstranten fanden sich ein, zur Hälfte Angehörige der sogenannten Hogesa („Hooligans gegen Salafisten“), die sich im Oktober letztenJahres in einer Stärke von 4.800 Mann Straßenschlachten mit der Polizei auf dem Breslauer Platz geliefert hatte – der Pegida-Ableger zeigt sein wahres, häßliches Gesicht. Da die Demonstranten sich 6.500 Gegendemonstranten gegenübersahen, verschaffte die Polizei ihnen einen Demonstrationsweg von 650 Metern und wieder zurück.
Derweil kündigt die Bundeskanzlerin schärfere Gesetze gegen Terroristen an – mit weitreichenden Konsequenzen:
Eine Szene in einem Unterschlupf irgendwo in Deutschland:
Terrorist A: Hey, Leute, hört mal, ich habe schlechte Nachrichten. In Deutschland werden bald alle Telefongespräche und jede Internetbenutzung gespeichert.
Terrorist B, C, und D (durcheinander): Och nöö! … aber das geht doch nicht! … ja sind die denn irre! …
Terrorist A: Leider stimmt es. Die nächsten Anschläge können wir uns abschminken.
Terrorist B: Menno! Ich hatte mich schon so darauf gefreut. Was machen wir denn nun?!
Terrorist A: Leute, wir müssen und mit dem Gedanken vertraut machen, daß wir erledigt sind. Die Merkel ist einfach zu schlau für uns. Immerhin haben wir geschafft, daß die Regierung nun alle Bürger für potenzielle Terroristen hält, die man überwachen muß.
Also: Ihr wißt, was ihr zu tun habt.
Terrorist A, B, C und D legen traurig, aber entschlossen ihre Waffen ab, entledigen sich ihrer Verkleidung, ziehen Anzüge an, fahren nach Hause, gründen Familien und gehen ordentlichen Berufen nach. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Danke, Angela!
