Nebenwelten

In der Straßenbahn mir gegenüber sitzt ein müder Mann und dämmert vor sich hin. Plötzlich kneift er die Augen fest zusammen, wirft den Kopf in den Nacken, reißt den Mund auf und … und – „hatschie!!“ Ah, das hat gut getan, ihm jedenfalls. In letzter Sekunde hat er es noch geschafft, die Hand vor den Mund zu halten, um das Gröbste aufzuhalten, jedoch im Gegenlicht sieht man kurz eine feine Nebelwolke, die die Umgebung auf mehrere Kubikmeter um den niesenden Kopf einhüllt, und wenn die Augen schnell genug gewesen wären, ich bin sicher, man hätte sich an einem kleinen Regenbogen erfreuen können. Aber im Nu hat sich der Nebel verflüchtigt. Verflüchtigt? Schön wär’s.

Währenddessen sitzen die Abwehrkräfte meines Körpers in der Hängematte und schlürfen Cocktails. Lange gab es keinen Grund zur Besorgnis, Frühling und Sommer waren mild, und auch jetzt noch ist der Herbst so schön – kein Grund zur Besorgnis, Kellner, noch etwas Eis, bitte. Die mit dem Niesnebel eingeatmeten Rhinoviren schleifen die Messer: Hurra, freie Fahrt, der Weg zu den Nebenhöhlen ist ihnen angeboren wie dem Lachs der Weg zum laichen. Dort angekommen, breiten sie sich aus, wahre Orgien werden gefeiert, ganze Generationen bilden sich innerhalb kürzester Zeit. Die Nachkommenschaft streitet sich um das Erbe, die Aggressivsten machen sich auf und suchen kriegerisch nach neuem Raum, breiten sich erst im weiteren Kopf aus, dann befallen sie Hals und Bronchien.

Inzwischen haben die Abwehrkräfte widerwillig gemerkt, daß was im Busch ist, und geraten langsam in Hektik. Ein Rettungsschirm muß her! Da sie selbst kaum noch Energie haben, konfiszieren sie unterwegs alle Kräfte, deren sie habhaft werden können, alle Organe müssen einen Solidaritätsbeitrag zahlen, der so hoch ist, daß ihre Funktionen bis auf das Nötigste heruntergefahren sind. Der ganze Organismus wird zeitweilig lahmgelegt.

Kaum treffen die Abwehrkräfte auf den Feind, geht das Gemetzel los. Die Rhinos haben letztlich keine Chance und die meisten versuchen, durch alle Atmungsöffnungen zu flüchten. Andere erproben eine Guerillataktik, sie verstecken sich und halten sich ruhig, und sobald die Abwehr den Soli reduziert und das Wirtstier (also ich) glaubt, munter wieder in die Kneipe marschieren zu können, schlagen sie erneut zu.

Die Erfahrung sagt: Drei drei drei – drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie, und nach weiteren drei Tagen ist die Erkältung wieder verschwunden. Ich bin im vierten Tag.

Brüsseler Platz / Breite Str.

Ich liebe diese sonnigen Herbsttage, wenn auch der Wind manchmal unerwartet kühl ist und man ständig Klamotten für alle klimatischen Eventualitäten mit sich herumschleppen muß.

Hier hat man das Vertrauen auf Kundschaft längst verloren, die Saison ist abgeschlossen.

Dabei sind die Kölner hart im Nehmen: Kapuze auf, schon haben die Ohren es wieder schön warm und man kann sich fühlen wie im Hochsommer.

Ich – äh – bin ja nicht von hier und suche mir lieber einen Innenraumplatz im Paradies: Café Fromme in der Breite Str. Wieso war ich noch nie hier? Der Kuchen …

… ist von einer solchen Qualität – das verdirbt einen geradezu für alle anderen Cafés. Auch wenn ich mal wieder woanders bin, bestelle ich wahrscheinlich einen Milchkaffee und ein Stück Apfelkuchen von Fromme, ist egal, wie sie ihn beschaffen. Und wenn sie mir nicht behilflich sein wollen, geh ich eben wieder, das haben sie dann davon.

Apostelnkloster

Ich bin kein Freund von „Coffee to go“, ich sitze lieber irgendwo und trinke Kaffee aus einer Tasse oder einem Glas statt aus einem Pappbecher. Aber wenn ich einen kaufen wollte, würde ich es wahrscheinlich hier tun: Der Kaffee ist fair gehandelt, und man kann sicher sein, daß nicht diese unsäglichen Kaffee-Pads benutzt werden.

Tatsächlich hatte ich selbst mal die Idee, an stark frequentierten Plätzen einen solchen Stand zu eröffnen, lange bevor es sowas gab. Zumindest gedanklich bin ich also Avantgarde, und ich fände es nett, wenn man mich als geistigen Urheber am Gewinn beteiligen würde. Aber ich befürchte, die Welt ist ungerecht.

Apostelnstr.

Die Bundeskanzlerin knutscht nicht nur mit der Bankenlobby, sondern biedert sich auch der Occupy-Bewegung an: „Wir müssen sie ernst nehmen. Wir müssen die Sorgen der Menschen verstehen.“, sagt sie wohlfeil und nichtssagend mit Blick auf die Samstagsdemonstranten.

Auch an diesem Wochenende demonstrierten in Köln einige hundert Bürger gegen den verantwortungslosen Umgang der Banker mit dem Geld, das ihnen von den Regierungen zur Verfügung gestellt wird.

„Banken entmachten / Demokratie jetzt“, steht auf dem Banner, eine sinnige Zusammenstellung, haben doch die Verhaltensweisen der Banken mit Demokratie nicht viel zu tun. Wenn die Schulden sozialisiert werden, sollte man dasselbe mit den Banken tun, um sicherzustellen, daß die Banker mittelbar nicht die Demokratie zerstören.

„… das Wort Investmentbanker [ist] nur ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt, in die Scheiße geritten hat und jetzt schon wieder dabei ist, alles wieder genauso zu machen, wie er es bis zum Jahre 2007 gemacht hat.“, schrieb Altkanzler Helmut Schmidt in der „Zeit“ vom 14.07.11.

Lesenswert: Bericht und Gedanken von Blogfreund Trithemius zu „Occupy Hannover“.

Sachsenring

Die sonnenbadende Diana vor springender Antilope und einem Betrachter – manchmal kucken aber auch ein paar hundert:

Der Bildhauer Fritz Behn (1878 – 1970), bekannt besonders als Tierbildhauer, war ein unbelehrbarer und lebenslanger Anhänger der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs in Afrika, ein Befürworter der Apartheid und der Vorherrschaft der weißen Herrenrasse. Er portraitierte Mussolini, verherrlichte in Schriften den italienischen Faschismus und war auch den Nationalsozialisten und ihrem Verständnis von „wahrer“ Kunst zugeneigt. Die Figurengruppe oben ist ca. 1919 entstanden.

Chlodwigplatz

Auch in Köln war letzten Samstag eine Kundgebung im Zeichen der „Occupy“-Bewegung.

Im September hatten in New York Leute damit begonnen, im Finanzzentrum der Stadt, der Wall Street, gegen die Bereicherung und der Casinomentalität der Banken zu demonstrieren. Ihr Schlachtruf war und ist: „Occupy the Wall Street!“ (Besetzt die Wall Street). Waren es erst nur ein paar hundert Demonstranten, sind es inzwischen weltweit zig Tausende, die gegen das ethisch verwahrloste Handeln der Banken demonstrieren.

In gesamt Deutschland fanden sich am letzten Wochenende 40.000 Demonstranten in 50 Städten zusammen, aber das können und sollten noch viel mehr werden: 12 Prozent der Deutschen sind von Armut gefährdet oder betroffen, das sind ca. 9,6 Millionen Menschen, mit ansteigender Tendenz! Die Gesundheitsversorgung wird immer mehr eingeschränkt, die Renten sind so gut wie eingefroren, das reale Einkommen sinkt, und für viele Arbeitnehmer ist die Altersarmut schon jetzt beschlossene Sache, usw., während gleichzeitig Milliarden an Banken überwiesen werden, damit die Spielschulden der Banker ausgeglichen werden können.

Autumn in Cologne

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Herbst. Wir sind zwar nicht in New York, aber das Billie Holidays Lied ist das beste (und einzige) Herbstlied, das ich kenne.

Die Sonne scheint, aber die Luft ist trotzdem kühl. Aber wer weiß, wie lang es noch so schön ist, deshalb ist halb Köln am Wochenende auf den Beinen.

Die Hose hängt auf Halbmast, das hat jedoch mit der Jahreszeit nichts zu tun, auch nicht mit den alkoholischen Getränken.

Wenn man zuviel davon zu sich genommen hat, macht man sich für seine Bekannten zum Affen. Wie gesagt, es ist wirklich kühl, und das Wasser ist noch kälter.

Es macht mehr Spaß, den blinkenden Blättern zuzusehen, die die Kinder in die Luft werfen.

Oder man sucht sich einen Platz etwas abseits, läßt sich von der Sonne wärmen und liest ein gutes Buch, im Kopf läuft Billie Holiday … „Autumn in Cologne, what does it seem so inviting“ *summ summ*.

Zeppelinstr.

Da kleben sogar Elefanten als Steighilfe an der Kletterwand. Dabei hat der Olivandenhof nichts mit diesen Tieren zu tun: „ad olivas“ (zu den Oliven) hieß früher das Kloster, das hier stand.

Aber was soll’s, niedliche Elefanten sind viel werbewirksamer als ölige Früchte, jedenfalls für ein Outdoor-Geschäft: Da schwingt schon gleich Safari mit, Steppe, Dschungel, Tarzan und Jane, die mit den neusten Kimaschuhen eine Kletterwand erobern …
Links sieht man das Karstadt-Kaufhaus, der Raum dazwischen ist der überdachte Teil der Zeppelinstr., wer in diesem urgemütlichen Ambiente speisen will, wird also nicht naß, falls es mal regnet. Daß hier der Planer dieser architektonischen Komposition jeden Tag um 12 Uhr öffentlich ausgepeitscht wird, ist wohl nur ein Gerücht.

Engelbertstr.

Bitteschön, hier ist der Beweis: Das Gerücht, ich würde mich ausschließlich von Kuchen ernähren, ist hiermit eindeutig widerlegt. Was man sehen kann, ist ein Crèpe, allerdings anders, als man ihn auf dem Rummel bekommt. Dieser ist dick mit Blattspinat und Knoblauch, Hackfleischsoße, Creme Fraiche und Käse gefüllt, und es gibt noch eine große Anzahl an Variationen, auch Vegetarier kommen auf ihre Kosten. Eine volle, sehr leckere Mahlzeit für 7,50.

Ins „Engelbät“ gehe ich schon seit über 25 Jahren, also seitdem ich in Köln wohne. Natürlich ist es sehr beliebt, deshalb hat man Mühe, abends einen freien Tisch zu bekommen, aber vor ein paar Jahren haben sie den Ladenraum in der Nachbarschaft angemietet und die Wand durchbrochen, der Raum ist nun doppelt so groß. Und weil das Geschäftsmodell so gut läuft, hat man im Stadtteil Ehrenfeld eine großräumige Filiale eröffnet, das „Lizbät“, wo man fast immer einen Platz bekommt.

So, damit habe ich mir ja wohl einen Freicrèpe verdient … schön wär’s, wenn die eins nicht nötig haben, dann ist es zusätzliche Werbung.