Stadtleben

Aus den 90ern stammt der Film „Falling Down“, in dem ein eigentlich harmloser Mann auf dem Weg durch die Stadt der Kragen platzt: Mit eskalierender Gewalt reagiert er auf die Ignoranz seiner Umwelt. So erzwingt er z.B. mit schußbereiter Maschinenpistole die Herausgabe eines speziellen Fastfood-Menüs und jagt eine seiner Meinung nach überflüssige Baustelle in die Luft. Der Film ist natürlich übel, weil er tendenziös Verständnis für die Figur suggeriert, aber er fällt mir immer ein, wenn ich selber Groll wegen Dummheit und Rücksichtslosigkeit in der Öffentlichkeit verspüre.

Zum Beispiel, wenn ich in solch einer Straßenbahn sitze: Nicht nur, daß ich 2,60 Euro für eine Fahrt bezahlen muß und dabei noch froh sein kann, einen Sitzplatz zu ergattern, nein, die Voll>:XX von den Verkehrsbetrieben sind dermaßen gierig, daß sie nicht nur die Karosserie, sondern auch noch die Scheiben der Bahnen als Werbefläche vermieten, was es unmöglich macht, nach draußen zu schauen. Was die Scheiben überhaupt sollen, ist mir schleierhaft, da kann man sie doch gleich weglassen!!

Ganz ruhig, ganz ruhig – Fahrad ist gut aufgepumpt? Dann kann ja nichts mehr schiefgehen (… welcher Knallkopf hat da auf dem Radweg geparkt? Na warte …). Aber es können einem graue Haare wachsen!

El Greco in Düsseldorf

Jedesmal, wenn ich in Düsseldorf bin, wundere ich mich darüber, was das für eine häßliche Stadt ist. Allerdings kenne ich mich nicht gut aus, gehe immer nur vom Hauptbahnhof Richtung Königsallee, die ich überhaupt noch nie ohne Baustellen gesehen habe, durch die völlig überfüllte Altstadt (wegen der vielen Kneipen spricht man hier von der „längsten Theke der Welt“ – bäh!) zu den Museen, die regelmäßig herausragende Ausstellungen zeigen, was man sich in Köln leider schon lange nicht mehr leisten kann. Mein Weg führt mich diesmal vorbei am „K20“, der Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz, hin zum „Museum Kunstpalast“, um die Ausstellung „El Greco und die Moderne“ zu besuchen.

Der Maler El Greco hieß in Wirklichkeit Domínikos Theotokópoulos, aber das konnte sich außerhalb von Griechenland niemand merken, und so nannte man ihn in Spanien, wo er um 1600 lebte und arbeitete, nur El Greco = Der Grieche. Die Kunstepoche zwischen Renaissance und Barock (ca. 1520 – 1600), der der Maler zugeschrieben wird, nannte man später „Manierismus“. Sie zeichnet sich aus durch den Versuch, sich von der Renaissance abzukehren, bzw. sie weiterzuentwickeln: Nicht mehr das schöne, klassische Ebenmaß, die perfekte Perspektive galt es darzustellen, sondern eine Überhöhung der Natur durch Kunst. So kommt es, daß uns heute viele Werke des Manierismus mit ihren falschen Proportionen und übertriebenen Posen merkwürdig ungekonnt vorkommen. El Greco eckte schon zu Lebzeiten mit seinen Werken an. Seine Auftraggeber, hauptsächlich Kirchenleute und Adel, hatten einen anderen Begriff von Schönheit als der Maler, was dem aber egal war.

Kaum war er gestorben, schon geriet sein Werk in Vergessenheit, wahrscheinlich war man froh, ihn los zu sein. Im 19. Jahrhundert wurden seine Bilder wiederentdeckt und hatten großen Einfluß auf die Künstler der Moderne, also Cézanne, Picasso, Delaunay, die deutschen Expressionisten und andere.

Und es ist ja auch wirklich kaum zu glauben, das dieses Bild 1614 und nicht im 20. Jahrhundert gemalt wurde: Es heißt „Das fünfte Siegel der Apokalypse“. Es ist keine Landschaft zu sehen, der Himmel ist ein wüstes Abstraktum, die Figuren sind unharmonisch angeordnet, vollführen dramatische Gesten und sind so grell und expressiv gemalt, wie man es eigentlich sonst nur aus viel späterer Zeit kennt.
Die dramatische Aufgewühltheit des Bildes scheint aus heutiger Sicht angemessen, zeigt es doch eine Szene aus der Apokalypse des Johannes:

„Als das Lamm das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten und unser Blut an den Bewohnern der Erde zu rächen? Da wurde jedem von ihnen ein weißes Gewand gegeben; und ihnen wurde gesagt, sie sollten noch kurze Zeit warten, bis die volle Zahl erreicht sei durch den Tod ihrer Mitknechte und Brüder, die noch sterben müssten wie sie.“ (Quelle: Wikipedia)

Wie gesagt, die modernen Künstler zu Anfang des 20. Jahrhundert waren begeistert von der Ausdruckskraft El Grecos, die grellen Farben, die gelängten Gliedmaße fanden Eingang in eigene Werke (wie hier bei Max Beckmann: Kreuzabnahme, 1917). In dieser großartigen Ausstellungen werden sie nun zusammen gezeigt, ca. 40 Originale von El Greco und einhundert Werke der Künstler der klassischen Moderne. Wer kann, sollte unbedingt hingehen, die Ausstellung macht viel Spaß und ist außerdem unanstrengend lehrreich.

Hier erfährt man alles über Öffnungszeiten usw.
Und wen es interessiert: Hier habe ich schon mal ein Werk des Manierismus besprochen.

Schloßpark Stammheim

Der Schloßpark Stammheim, aus dem ich schon oft berichtet habe, ist wie jedes Jahr zu Pfingsten mit neuen Skulpturen bestückt worden. Als rasender Reporter war ich natürlich schon da. Bitteschön: „Ausblick“ heißt das 3,30 Meter hohe Werk von Johann Lengauer.

Kunsthistoriker lernen in ihrer Ausbildung „vergleichendes Sehen“: Erst, indem man mehrere Werke der selben Epoche miteinander vergleicht, kann man sich einem Urteil annähern darüber, welches Werk nun gelungen ist und welches eher nicht. Für zeitgenössische Kunst ist das allerdings extrem schwierig, erstens, weil einem als Betrachter der zeitliche Abstand fehlt, zweitens lassen sich aktuelle Kunstwerke in ihrer Vielfalt nicht so gut miteinander vergleichen wie z.B. Bilder des niederländischen Barock.

Also noch ein Kunstwerk: „Rettungsschirm“ heißt es und ist von Er_ich.es (=Ulrich Höller). Von weiter weg …

… wirkt es besser, finde ich.

In der Südstadt

Sommer in der Stadt macht Spaß – wenn man Zeit hat, sich irgendwo hinzusetzen, einen kühlen Saft zu trinken und das Treiben zu beobachten, ob nun vor der Traditionskneipe …

… oder dem In-Lokal, das es inzwischen aber auch schon seit über 20 Jahren gibt.

Oder man schlendert einfach ein bißchen durch die Severinstr. und schaut sich die Auslagen der zahlreichen kleinen Geschäfte an. Wenn man Zeit hat. Wenn nicht, hat man es eilig, und die vielen Müßiggänger versperren einem den Weg, ebenso wie die vielen Tische und Stühle, die die Bürgersteige noch schmaler machen. Na bravo! Ist das nervig! Aber jetzt ist ja Wochenende, und wir haben Zeit. Allerliebst, das alles.

Im Grüngürtel

Wer kennt das Gefühl nicht: Irgenwie hängt man in der Luft. Aber oft ist da auch eine lange Strecke zu bewältigen. Macht nichts – üben üben üben. Und irgendwann weiß man nicht mehr, was für Schwierigkeiten man eigentlich gehabt hat und ist wieder in der Balance.

Aachener Weiher

Was da so schön silbrig glänzt im Gegenlicht, ist nicht etwa die durch Wind gekräuselte Wasseroberfläche des Aachener Weihers im Kölner Grüngurtel, nein, die Oberfläche wird von unten „aufgerauht“ – durch Algen. Das weckt böse Erinnerungen an 2010, als das Gewässer kippte, zig Fische, Enten und Schwäne vergifteten sich und starben an Botulinumtoxin, einem Nervengift, das sich im vermodernden Grund des Weihers gebildet hatte.

Im Grünflächenamt war man lange Zeit ratlos, schließlich ist der Weiher erst knapp 90 Jahre alt, wie soll man da Erfahrungen sammeln, und dann kam auch noch das Wochenende dazwischen, da konnte man nichts machen. Nachdem die meisten Tiere tot und die Aufregung groß war, installierte man zwei Fontänen, da irgendjemand herausgefunden hatte, daß Bewegung und Filterung gut gegen Verschmutzung ist, und im letzten Jahr hat man einen Algenmäher beauftrag, das Gewässer mit einer Spezialmaschine zu säubern. Aber jetzt steht Pfingsten vor der Tür, die Urlaubszeit beginnt – oh je, mir schwant Böses. Ob ich mal anrufen sollte beim Grünflächenamt?

Kartäuserwall / Cäcilienkloster

Der Gegensatz von Alt und Neu in der Stadtarchitektur: Stadtplanung, das sieht man leider immer wieder, ist hier nicht so sehr eine Sache der bewußten Lebensraumgestaltung, sondern eine des reinen Kommerzes. Die Gebäude gehören natürlich irgendjemandem, der auf dem Standpunkt steht: Ich habe das Geld und die amtliche Genehmigung, also kann ich sie so aussehen lassen, wie es mir paßt. Aber wem gehört der öffentliche Raum? Der Raum, den alle Stadtbewohner zwangläufig durchqueren und in dem sie sich aufhalten, der Raum, dessen Aufteilung und Sichtachsen von Gebäuden bestimmt und zerstört werden, die jemand aus Raffgier gebaut hat?

Engel vorm Dom

Der eine Engel signalisiert, man solle ihn anrufen – würde ich ja gern machen, wenn ich mal in Not bin, aber wie ist die Nummer? Wenn man „Engel“ bei der Telefonauskunft eingibt im Ort Himmelreich, bekommt man ein paar Treffer: Das Himmelreich ist offenbar ein Stadtteil von Wilhelmshaven. Das ist kaum zu glauben, wenn man diese Stadt schon mal besucht hat – die Wilhelmshavener mögen mir verzeihen, aber ich habe bisher kaum eine häßlichere Stadt gesehen, rein äußerlich jetzt, und das will was heißen, wenn man in Köln wohnt. Aber auf die inneren Werte kommt es schließlich an, ich bin sicher, auch in Wilhelmshaven gibt es ein paar versteckte gemütliche Orte. Diesen schönen Cafégarten in Köln z.B. findet auch kein Tourist, es sei denn, er besucht zufällig das Filmhaus in der Maybachstr. – im Himmelreich kann es auch nicht viel anders aussehen.

Bahnhofsvorplatz

Nachdem die verkehrsgefährdenden Bierbikes inzwischen glücklicherweise verboten sind, kann man nun ein sogenanntes „Cobi“ mieten – ein „Conference Bike“, das so konstruiert ist, daß sieben Fahrer im Kreis sitzen und treten müssen, während einer von ihnen lenkt. Der Vorteil für die anderen Verkehrsteilnehmer: Es ist keine Bierzapf- und Musikanlage vorhanden. Schlappe 99 Euro kostet das Gefährt für die erste Stunde, für 30 Euro mehr kann man es zwei Stunden behalten, und will man noch einen albern kostümierten Lenker dazu, muß man pro Stunde nochmal 30 Euro drauflegen.

In den Colonaden

Schneiden, härten, bemalen, bekleben, airbrushen, gelen, piercen, acrylieren – ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Über 60 Euro kann man hier für seine Finger- und Fußnägel ausgeben, je nachdem, wieviele Straßsteinchen man sich darauf kleben läßt.