Ein typischer Fall von Schmarotzermarketing: Da wird der öffentlichen Skulptur „Ruhender Verkehr“ von Wolf Vostell aus dem Jahr 1969 (hier habe ich davon erzählt) eine passgenaue Reklameplane übergezogen, um für ein neues Auto zu werben. Einfallsreich und pfiffig, mag man denken, aber wo kommen wir hin, wenn das Schule macht, Originalkunstwerke für kommerzielle Werbung zu verändern? Man stelle sich vor, man läuft nichtsahnend durch den Louvre und wird plötzlich mit einer Zahnpastareklame konfrontiert:
Neusser Str./Ring
Wenn in Köln die Plastikbecher fallen, ist Herbst, und die Kollegen vom Abfallwirtschaftsbetrieb legen selbst am Sonntag Sonderschichten ein.
Gestern war Kölnmarathon, wie jedes Jahr Anfang Oktober. Das zauberte uns ein Lächeln ins Gesicht, da braucht es eigentlich keine Aufforderung, denn die Stadt ist für Autos zum größten Teil lahmgelegt.
Große Leuchten – kleine Leuchten
Altstadt, das klingt nach Fachwerkhäusern, engen Gassen, schummerigen Plätzen, gemütlich und urig, mag man sich gedacht haben, als man beschloß, diese neuen Laternen im Look des 19. Jahrhunderts aufzustellen, und wenn man sich Altstädte wie die in Rothenburg ob der Tauber oder Quedlinburg vorstellt, stimmt das ja auch. Die Kölner Altstadt ist allerdings im 2. WK zu 90% zerstört und hinterher größtenteils modern wieder aufgebaut worden, diese historisierende Laternenform (immerhin ausgestattet mit modernster LED-Technik) paßt nicht so richtig in die Umgebung.
Das meint jedenfalls der Architekt Joachim Schürmann, der nicht nur den Wiederaufbau der romanischen Kirche Groß St. Martin, sondern in den 80er Jahren auch weite Teile der Umgebung geplant hat: Die Laternen entsetzten ihn bei einem Altstadtspaziergang nicht nur wegen ihrer Form und ihrer geringen Größe, sondern auch wegen der Farbe. „Seine“ Laternen, von denen die Stadt nun bereits viele abgesägt hat, ohne ihn als gestalterischen Urheber hinzuzuziehen, waren hoch, schlank, unauffällig und dezent dunkelgrün.
Nach einer Beschwerde bei der Stadt wußte man da gar nichts von der blauen Farbe und beschuldigte die ausführedne Firma Rhein-Energie (die zugleich der örtliche Stromversorger ist). Dort wiederum bestritt man, etwas anderes gemacht zu haben, als die Stadt beauftragt hatte. Des Rätsels Lösung: Bei einer Ortsbegehung von Stadtentwicklungsausschuss, Gestaltungsbeirat und Bezirksvertretung auf dem Eisenmarkt, wo eine solche Laterne schon länger steht, dachte man, sie sei anthrazit, in Wirklichkeit war sie aber nur verschmutzt und das Preußischblau war nachgedunkelt … und vielleicht war es ja auch nachts und die Laterne funktionierte nicht richtig, jedenfalls fiel hier der Entschluß, Laternen dieses Typs und dieser Farbe massenhaft aufzustellen.
Der Architekt macht dagegen nun sein Urheberrecht geltend, die Stadt hat die „Erneuerung“ gestoppt und untersucht, ob das überhaupt noch rechtlich relevant ist. Inzwischen ist bekannt geworden, wie die Laternenfirma das Produkt bewirbt: „Diese Form der historischen Aufsatzleuchte hat ihren Ursprung in der Gasbeleuchtung und wird häufig auch als Düsseldorfer Form bezeichnet“. Düsseldorf! Den Kölner Eingeborenen sträuben sich die Nackenhaare.
Die Wagen der neuen Ubahn unter der Altstadt sollen übrigens mit Pferden durch den Tunnel gezogen werden. Aber ich glaube, das ist nur ein Gerücht.
Gargoyles am Dom
Der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, hat angekündigt, daß er zum ersten Weihnachtstag sein Amt aufgeben will, da er dann 80 Jahre alt wird. Na – da gratulieren wir doch herzlich und wünschen eine schönes Rentnerdasein in aller Ruhe und Stille.
Selbst so manchem Atheisten soll bei der Ankündigung ein „Gott-sei-Dank!“-Seufzer entschlüpft sein. Gut, sicher ist die Sache noch nicht, vor fünf Jahren hatte er das schon mal angekündigt, der damalige Papst Benedikt XVI. hat die „Kündigung“ aber abgelehnt.
Dessen Vorgänger wiederum, Papst Johannes Paul II., hatte Ende der 80er Jahre Meisner erst zu seinem Amt verholfen. Normalerweise geht das so: Wenn in Köln ein neuer Ezbischof ernannt werden soll, schickt das Domkapitel (eine Gruppe von 16 klerikalen Würdenträgern, die die Geschäfte des Doms regeln) eine Liste mit zehn Vorschlägen an den Papst, der dann drei davon auswählt und zur Endwahl nach Köln zurückschickt.
Der Papst muß aber die Liste nicht berücksichtigen und kann auch eigene Vorschläge machen, gegen die Vorstellungen des Domkapitels – und genau so kam Kardinal Meisner in die Endauswahl. Daß der Papst sich gegen die Vorauswahl der Kölner Würdenträger stellte, passierte in der Kirchengeschichte zum ersten Mal.
In der Endauswahl konnte man sich im Domkapitel nicht einigen, der Gewinner mußte über 50% der Stimmen auf sich vereinigen. Nach einigem Hin und Her änderte der Papst einfach das Wahlrecht, nun brauchte ein Kandidat im 3. Wahlgang nur noch die relative Mehrheit, und so kam Meisner mit sechs Stimmen bei zehn Enthaltungen in sein Amt.
Der erzkonservative Meisner war nie besonders beliebt in dieser Stadt, und ich hatte den Eindruck, besonders bemüht um die Sympathien der Bürger hat er sich auch nicht. Er war ja vorher schon Bischof von Berlin, und man kann sich fragen, wieso er das nicht einfach geblieben ist: Der Reiz, den die Kölner Diözese ausstrahlt, ist einfach zu groß, denn sie ist die reichste der ganzen Welt und wohl die mächtigste in Deutschland. Der Job „Kölner Erzbischof“ ist wahrscheinlich der höchste Karrierepunkt, den ein Geistlicher erreichen kann, das Papstamt mal ausgenommen. Nun überschlagen sich natürlich die Spekulationen, wer als nächstes das Amt erklimmt. In feiner Tradition seiner Amtsführung schlägt Kardinal Meisner selbst ausgerechnet den Bischof von Limburg Tebartz-van Elst vor, der jüngst wegen seiner angeblich luxuriösen Lebens- und autoritären Amtsführung und des Verdachts einer Falschaussage in einem Rechtsstreit in die Schlagzeilen geraten ist (sein neuer Bischofssitz kostet, wie heute zu lesen ist, statt der veranschlagten 3 Millionen Euro, über das Zehnfache: 31 Millionen Euro).
Wasserspeier, auch Gargoyles genannt, haben zwei Funktionen: Sie sollen das Regenwasser in weitem Strahl vom Kirchengemäuer fernhalten, damit es vor Wassererosion geschütz ist. Und, da sie nur nach außen gerichtet auftreten, sollen sie mit ihrem meist bizarren Aussehen alles Böse vom Gotteshaus und den Menschen in der Kirche fernhalten. Da kann man ja nur hoffen, daß sie diesmal ihre Arbeit besser machen.
Einheitstr.
Wirklich wahr, es ist der reine Zufall, daß wir gestern im „Einheit 15“ landeten: Im „Rosenrot“ gleich um die Ecke gab es erst ab 18 Uhr Essen, solange wollten wir nicht warten. Hier ist es auch sehr nett, sehr verwinkelt und größer, als man zuerst glaubt. Das Essen ist prima: Es gibt relativ kleine Gerichte zu genau so kleinen Preisen, man kann sie also gut miteinander kombinieren, z.B. Ofengemüse mit Ziegenkäse überbacken, Datteln im Speckmantel, Salate, Falafel usw. für jeweils 4 bis 5 Euro, bestellt man drei, hat man eine volle Mahlzeit. Aber man kann auch Wiener Schnitzel mit Fritten bekommen, oder Flammkuchen in verschiedenen Variationen. Besonders gut gefällt mir, daß alles frisch gemacht ist, kein Tiefkühlessen. Auch der Kuchen, den man uns ans Herz legte, war am selben Tag frisch gebacken. Ja, so muß das sein.
Einen Wermutstropfen möchte ich nicht verschweigen: Der Durchgang zur Küche ist offen, und das riecht man nach dem Verlassen der gastlichen Stätte leider an seinen Kleidern.
Am Hof
Als man Ende der 60er Jahre um den Dom herumbuddelte, um das römisch-germanische Museum zu bauen, fand man diese Originalsteine einer römischen Hafenstraße. Darauf zu fahren muß eine ziemlich ruckelige Angelegenheit gewesen sein, aber wohl immer noch besser, als bei Regen im Schlamm stecken zu bleiben. Neben dieser war nur noch die Hohe Str. durchgängig gepflastert, alle anderen waren bis weit ins Mittelalter hinein Kiesstraßen. Die Hohe Str. war ja ein Teil der römischen Heerstraße, die am Rhein entlang bis Xanten führte. Die Straße mußte nicht nur römische Soldaten tragen, sondern natürlich auch das ganze Kriegsgerät, um die Barbaren auf der anderen Rheinseite, der sogenannten „Schäl Sick“, abzuwehren. Außerdem mußten die Römer natürlich auch versorgt werden, der Kampfgeist leidet, wenn die Nudeln Bolognese ohne Parmesan gegessen werden müssen, weil der Verpflegungswagen auf unbefestigten Straßen steckenbleibt.
Sehr überrascht war ich, als ich las, welche Ausmaße dieses Bauwerk hatte: Die Hohe Str. hatte eine Breite von 32 Metern! Innerhalb der Stadt wurden an den Rändern Laubengänge errichtet, die Fahrbahn hatte immer noch eine Breite von 22 Metern. Die heutige Hohe Str. ist 6 Meter breit.
Weinsbergstr.
Das ist doch immer zu begrüßen, wenn den Firmen unsere Umwelt am Herzen liegt.
Umwelt, liebe Leute von Max Bahr, fängt allerdings schon vor der Haustür an. Was? Das ist sowieso nur so ein Spruch, die anderen sagen das auch, und deshalb so ein Slogan, in Wirklichkeit geht euch die Umwelt am A… vorbei? Ach so.
Zülpicher Str.
Und noch ein Gedicht, diesmal von einer Plakatwand. Kann man schlecht lesen, oder? Hier nochmal in Reinschrift:
1.
Sauber
das ist ein Wort
Erst Teilchengrätsche
Epithel
dann Haar dann
Hirn, gekettet.
Menschsein gar
zwischenvernommen
Klang und klangvoll dunkelbar –
und Samt
rieselt ihm ein.
(Glaubst du denn Sonnen
sie bleiben, glaubst du
die Erde
verliert nicht an Gewicht?)
2.
Mensch von vielen Dingen, dein –
sauber das Ich, sauber das Du
und auch das Meer
voll Alg und Makro.
Vielleicht noch Großes
Traumdichzu
vielleicht gestofflicht Untertan:
Salz
die Stunden graben
polykontraktiv
Salz die Stunden graben
blauvergraut
den Stein
ins Stirnweich.
(Glaubst du die Höhlen
sie wussten, glaubst du
das Bald
birgt dir Erkenntnis?)
3.
Und am Anfang: Ideal!
Und am Ende Umverteilung.
:
Gestreiftes
wie sauber
fleischt es dir zu
Mensch
schlag auf
Weltfang um Weltfang
getreu, verendlicht
und Stirnboten schweigen
und alles ist Bote
und Samt rieselt dir ein.
Dennis Freischlad für CitiyLeaks 2013
Poesie am Wegesrand
Die Dichterin Hilde Domin wurde 1909 in Köln geboren. Sie lebte nach der Wiederkehr aus dem Exil in Heidelberg, wo sie 2006 starb.
