Holzmarkt

Der Philosoph Sokrates wurde (unter anderem) wegen seines angeblich verderblichen Einflusses auf die Jugend zum Tode verurteilt, obwohl er doch in Wirklichkeit Vernunft lehrte. Die Verderber der Jugend von heute mißbrauchen sie, indem sie ihre Unvernunft schüren und sie der Lächerlichkeit preisgeben, aus reiner Profitgier. Und statt des Schierlingsbechers bekommen sie auch noch Anerkennung dafür – gerecht ist das nicht. Gerechtigkeit ist nach Sokrates eine Voraussetzung des Seelenheils, das wiederum nur dann erreicht wird, wenn man mit sich im Reinen ist. Wer wegen fortgesetzt ungerechter Handlungen nicht mit sich im Reinen ist, wird – gemäß der sokratischen Lehre – nach seinem Tod wiedergeboren, weil er noch viel zu lernen hat, bevor er zu den Göttern kommen kann, je nach Schwere der Verfehlungen auch als Tier. Welches Tier die Macher solcher Sendungen einmal in einem späteren Leben sein werden, kann man nur mutmaßen, mir fällt kaum ein Tier ein, daß ohne Not so raffgierig ist. Vielleicht ein Virus?

Goldene Kammer

Das sind, man glaubt es kaum, Knochen, menschliche Knochen, die fein in Mosaiken an alle vier Wände genagelt wurden. Die „Goldene Kammer“, wie man diesen kleinen Raum nennt, befindet sich in St. Ursula, eine der 12 großen romanischen Kirchen Kölns, nicht weit vom Bahnhof entfernt.

Zur Heiligen Ursula habe ich schon mal etwas geschrieben, deshalb zitiere ich mich der Einfachheit halber selbst:
„Die Heilige Ursula von Köln, eine von drei Patronen der Stadt, war der Legende nach eine bretonische Königstochter, die, bevor sie den englischen Königssohn heiraten wollte, eine Pilgerfahrt nach Rom unternahm, erst mit dem Schiff nach Basel, dann weiter mit der Kutsche. Bei der Rückfahrt begleitete sie der Papst, nett, denn dann konnte man unterwegs den Bräutigam treffen, heiraten und schön feiern. Dazu kam es nicht, denn kurz vor Köln wurde die Reisegruppe von den Hunnen festgenommen und ermordet – angeblich wollte der Hunnenführer Ursula heiraten (kann man das glauben?), aber die sträubte sich, also wurde sie mit einem Pfeil erschossen, ebenso wie die 11 Jungfrauen in ihrer Begleitung.“

„Als man bei Köln im 12. Jahrhundert ein Gräberfeld entdeckte mit Knochen von einer unüberschaubaren Menge, wurden aus den 11 Jungfrauen irgendwie 11.000 – in einem Dokument war von „XI.M.V“ die Rede, was man mit „11 martyres virgines“ (=11 jungfräuliche Märtyrerinnen) oder auch mit „11 milia virgines“ (=11 Tausend Jungfrauen) übersetzen kann. Wie man inzwischen weiß, stammen die Knochen aus der Zeit der römischen Colonia, aber für das Geschäft mit den Reliquien war es natürlich viel besser, die Knochen alle als heilig zu deklarieren.“ (Zitat Ende)

Nachdem der Papst den schwunghaften Handel mit den Reliquien verboten hatte, dachte man sich in Köln etwas anderes aus: Man verkaufte nun nicht mehr die Knochen, sondern für viel Geld die Reliquiare, also Aufbewahrungsbüsten für Reliquien, und als Zugabe gab es ein paar Knochen „geschenkt“. Irgendwann ging das Geschäft wohl zurück, es blieben jedenfalls genug Gebeine übrig, um 1643 als Stiftung eines Politikers die „Goldene Kammer“ zu füllen.

Die Kammer ist nicht ständig geöffnet, aber wenn man Glück hat, erwischt man auch außerhalb der Öffnungszeiten jemanden, der einen kurz hineinläßt. Der Eintritt beträgt ein paar Euro, ob einem allerdings dafür auch Sünden erlassen werden, kann ich nicht garantieren.

Wetterbericht

Der Samstag so warm und sonnig wie im Sommer …

… selbst die Löwen schnurren selig im Blücherpark.

Am nächsten Tag: Voller Herbst. Kühl, regnerisch, diesig, wie hier am Stadtrand in Köln-Mengenich.

Auf der Domplatte führt man derweil seine Haustiere spazieren (wieso fällt mir das jetzt ein: Ist Herbstzeit nicht auch Schlachtzeit?).

Einheit

Der „Tag der Deutschen Einheit“ müßte eigentlich heißen: Tag des „Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“, denn das sind die Worte der Präsidentin der Volkskammer der DDR wenige Wochen vorm 3.10.1990.

Von dem Zeitpunkt an hatten alle ehemaligen DDR-Bürger die gleichen Pflichten wie die „Brüder und Schwestern“ aus der BRD, die gleichen Rechte lassen zum Teil heute noch auf sich warten. Als die Mauer weg war, hatte man nicht nur Reisefreiheit (sofern man sie sich leisten konnte), nein, auch in die andere Richtung konnten nun alle Gauner Geschäftsleute in den Osten Deutschlands reisen und den Bewohnern zeigen, mit welchen Tricks man seine Mitmenschen ausnehmen kann.

Aber das ist ja allgemein bekannt und regt selbst die Betroffenen nicht mehr auf. Möchte noch jemand ein Stück Jubiläumskuchen? Guten Appetit – und viel Spaß beim Kauen.

"Vergnügungs"-Steuer

1 Apfel plus 1 Apfel = 2 mal Apfel’s. Oder wie? Gut, man soll ja Äpfel nicht mit irgendwas anderem vergleichen. Und außerdem wollte ich was ganz anderes fragen:

Gedeiht in einer Stadt, die sich selbst „heilig“ nennt, die Sünde besonders gut?

Im Jahr 2003 ehob die Stadt Köln als erste deutsche Kommune eine sogenannte Sexsteuer, inzwischen sind viele andere Städte nachgezogen: Jede Prostituierte, die in einem geschlossenen Raum arbeitete, mußte pauschal 6 Euro pro Tag bezahlen. Dabei kamen jährlich im Durchschnitt 800.000 Euro zusammen, von denen man einige Flaschen Sekt für Einweihungsparties oder Spritgeld für den Dienstwagen des Oberbürgermeisters bezahlen konnte, eine echte Entlastung also für den gemeinen Kölner Steuerzahler. Zum Jahr 2013 änderte man das Vorgehen: Die Steuer wurde nun nach der Quadratmeteranzahl der tatsächlich genutzten Räume berechnet – wie durch ein Wunder sank die Sündenanfälligkeit der Kölner Bürger und der Gäste rapide, sodaß nur noch Einnahmen von 560.000 Euro zu verzeichnen waren. Da das nicht einmal die katholische Kirche glaubt, hat man nachgedacht in der Verwaltung – das macht man dort wirklich ungern, daher: Alle Hochachtung! – und ist darauf gekommen, daß der Rückgang der Einnahmen vielleicht daran liegen könnte, daß die Angaben über den Gebrauch der Sexzimmer von den Bordellbetreibern selbst kommen. Nun weiß man ja, daß Bordellbetreiber zu den ehrenwertesten Menschen überhaupt gehören, gleichzustellen mit Bischöfen, Pfaffen, Politikern etc., also viel vertrauenswürdiger sind als z.B. ein Gemüsehändler auf einem Wochenmarkt, dessen Quadratmeterbelegung selbstverständlich ausnahmlos kontrolliert wird – aber offensichtlich haben sie größere Rechenschwierigkeiten. Deshalb erleichtert ihnen die Verwaltung nun das Verfahren: Zukünftig soll ein pauschaler Betrag auf fast die gesamte Fläche des Etablissements erhoben werden. Man hat schon mal durchgerechnet: Es werden vermutlich wieder 800.000 Euro zusammenkommen.

Um auf die Frage am Anfang zurückzukommen: An zweiter Stelle der Einnahmen durch Sexsteuer steht die völlig unheilige Stadt Dortmund mit 530.000 Euro. Da Dortmund nur halb so viele Einwohner hat wie Köln, überflügelt die Stadt, gemessen an einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch an käuflichem Sex, Köln bei weitem.

Nun drängt sich allerdings noch eine Frage auf: Machen sich die Stadtverwaltungen, die ja Steuern auf Prostitution erheben, nicht zu Zuhältern? Das kann man ausdrücklich mit nein beantworten: Ein Zuhälter im besten Sinne (sofern man das überhaupt sagen kann) sorgt auch für Schutz für die Prostituierten, sollte ein Freier mal gewaltätig werden oder nicht zahlen wollen. Das macht die Stadt nicht, die kassiert nur.

Bonner Str.

Gibt’s hier was umsonst, oder wieso versperren die Schlangestehenden den Bürgersteig, so das man Mühe hat, daran vorbei zu kommen? Weit gefehlt – hier muß man sogar bezahlen, und zwar gar nicht wenig: Hier, in dem Imbiß „Fette Kuh“, gibt es angeblich den besten Hamburger der Stadt. Neulich habe ich in einer Kochsendung einen kleinen Testbericht über den Laden gesehen, das Resultat war vielversprechend: Das Fleisch kommt aus der Region, das Brot wird von einem Bäcker nach Absprache exklusiv hergestellt, die Salate sind frisch und die Soßen sind bis auf Senf und Ketchup alle hausgemacht. Und – alle Burger gibt es auch als Veggie-Version, interessant. Gern würde ich alles mal durchprobieren, allein, es fehlt die Zeit: Immer, wenn ich hier mal vorbeikomme, ist es so voll, das ist mir auch der er beste Hamburger nicht wert, daß ich eine halbe Stunde oder länger dafür anstehe.

Tageszeitung, Lokalteil, 1. Seite


Zeitungsausriß KStA vom 22.09.14

Tri tra trullala, Tri tra trullala – der Kasper der ist wieder da!
„Guten Tag meine Damen, guten Tag meine Herren!
Mögt ihr alle den Kasper gern?“ „JAAAAAAAAA!!“

Ich tanze lustig hin und her, jetzt ruf ich Euch den Seppel her: SEPPEL, SEPPEL!!
Wir schlagen uns und wir vertragen uns. Wir machen manch lustigen Streich.

Da ruf ich mir das Gretelein – wir wollen beide lustig sein! GRETEL!!!
Komm Gretelein, wir wollen uns des Lebens freun. Wir tanzen lustig trallera, jetzt sind wir beide wieder da.“

Spaß beiseite: Am letzten Wochenende wurde Kölns neuer Erzbischof Woelki in sein Amt eingeführt. In der 3-stündigen Veranstaltung im Dom waren anwesend: 4 Kardinäle, 30 Bischöfe, 20 Fahnenabordnungen, jede Menge Meßdiener und Meßdienerinnen (Berlin-Import, in Köln gibt’s solche Sauereien nicht), 4 Chöre, 1 Orchester, 1 NRW-Ministerpräsidentin, 1 NRW-Ministerpräsidentinvertreterin und noch ein paar Tausend andere Besucher. Elefanten und andere Zirkustiere wurden nicht gesichtet. Nach der Veranstaltung gab es auf dem Kirchvorplatz Freibier und Berliner umsonst – der neue Bischof ist gebürtiger Kölner, übrigens der erste in diesem Amt, und weiß, wie man sich beliebt macht. Vor der Veranstaltung allerdings frühstückte er zusammen mit Obdachlosen – da wußte er wohl noch nicht, daß allein die Kölner Diözese durch ihre teilweise dubios in Steuerparadiesen verschleierten Geschäfte einen jährlichen Kapitalzuwachs aus Zins- und Pachterträgen von ca. 46 Millionen hat (ohne Kirchensteuer) – und er persönlich ein Gehalt vom Land NRW in Höhe von ca. 11.000 Euro monatlich bekommt.

PS: Mit dieser Dokumentation kann man sich genau informieren:

Lichtkammer auf dem Roncalliplatz

Nanu – der Dom und seine Umgebung stehen auf dem Kopf? Das sieht ja aus wie in einer Lochkamera. Stimmt, in genau einer solchen befinden wir uns.

Der schwarze Kasten auf dem Roncalliplatz ist eine riesige „Camera Obscura“: Der Künstler Martin Streit hat hier zwei Container aufeinandergestellt und im oberen in der dem Dom zugewandten Seite ein Loch gebohrt, vor dem sich im Inneren mit ein wenig Abstand eine durchscheinende Leinwand befindet, die der Besucher von hinten betrachten kann. Die Reflektionsstrahlen des Doms fallen nun durch das Loch gerade hinein, so daß auf der Leinwand ein umgekehrtes Bild entsteht. Genauso funktioniert übrigens auch das menschliche Auge, das Bild, das auf der Netzhaut abgebildet wird, steht auch auf dem Kopf.

Initiiert hat die Installation das Katholische Bildungswerk anläßlich des 850jährigen Jubiläums der Unterbringung der angeblichen Gebeine der sogenannten „Heiligen Drei Könige“ in Köln – Rainer Will, stellvertretender Leiter des katholischen Bildungswerks, schwadroniert mühsam: „Beide laden dazu ein, anders hinzuschauen. Hier die nach innen projizierte, auf den Kopf gestellte schemenhafte Außenwelt, die die Erde in den Himmel stellt und den Himmel herunterholt auf die Erde. Dort der reich verzierte Schrein, dessen einziger Sinn darin besteht, auf die Berührung von Himmel und Erde im Menschen hinzuweisen.“ (KStA vom 29.08.14) Die Welt so zu manipulieren, wie es im eigenen Machtinteresse ist, und den Menschen das als die Wirklichkeit vorzugaukeln, darin war die katholische Kirche schon immer gut. Über die Wirklichkeit der angeblichen Gebeine der sogenannten „Heiligen Drei Könige“ habe ich hier schon einmal ausführlich erzählt.

Zwischen 80.000 und 90.000 Euro kostet das Kunstwerk, davon übernimmt die katholische Kirche 15.000, den Rest zahlt der Künstler aus eigener Tasche, keine Ahnung, wie der das stemmt. Ich habe ihm jedenfalls zwei Euro gespendet.

Samstag in St. Gereon

Nanu – was ist denn da los in der Kirche St. Gereon? Was? Aber nein, wir sind überhaupt nicht neugierig, aber man muß doch schnell mal nach dem Rechten schauen.

Ah ja – eine Hochzeit. Es gibt gesellschaftliche Rituale, die ich für sinnvoll halte, Begräbnisfeiern zum Beispiel, aber kirchliche Hochzeiten? Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt, die Tendenz geht eher Richtung: Nein, sind sie nicht.

Egal, wir wünschen viel Glück, möge das weitere Leben ebenso bunt sein wie die Bekleidung der interkulturellen Gästeschar.