Vorm Hyatt

Zweier-Selfie mit malerischem Hintergrund: Im Rücken steht der Dom. Früher hat man jemanden gefragt, ob er einen mal fotografieren kann, heute hat man eine Selfie-Stange, an deren Ende man ein Smartphone oder eine kleine Kamera anbringen kann. In einigen Museen sind diese Fotografierhilfen inzwischen verboten: Nicht nur, daß man andere Besucher damit verletzen kann, wenn man versucht, das Gewicht in der Balance zu halten, es ist auch nicht ausgeschlossen, daß das Gestänge einen van Gogh der Länge nach aufschlitzt, nachdem es eine antike Büste vom Sockel gefegt hat – für ein Selfie!

Fluchtpunkt Berlin (8) – dies & das (2)

Gute Nachricht an alle Paare, in deren Beziehungen Schwierigkeiten auftauchen – die Lösung kann oft so einfach sein.

Konsumtempel am Alexanderplatz, dabei brauchten wir nur einen Pingpongball (von dem die Katze dann nichts wissen wollte).

Konsumtempel KaDeWe, oberstes Stockwerk, in der Süßigkeitenabteilung soll es laut Aussage meiner Begleiterin die weltbesten belgischen Pralinen geben – da verweigert man als charmanter Begleiter nicht die Begleitung.

Durch Köpenick kann man auch mal schlendern, da ist viel Wasser drumherum …

… auf einem Platz stehen gegossene Pferde …

… die vielleicht zu Wilhelm Voigt gehören? Ich weiß es nicht. Wilhelm Voigt kennt übrigens fast jeder: Er war der Hauptman von Köpenick. Eigentlich war er ein arbeitsloser Schuhmacher, der sich 1906 als Hauptmann verkleidete, ein paar Soldaten auf der Straße unter sein Kommando stellte und dann den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse beschlagnahmte. Das Theaterstück nach diesem wahren Ereignis von Carl Zuckmayr wurde mehrfach verfilmt.

Ein Restaurant wirbt mit adretter Bedienung – also hier mal nicht die sonst überall übliche Schnodderigkeit? Oder was soll das heißen?

Apropos Schwindelei: Diese 3 Meter hohe Skulptur auf dem Mittelstreifen der „Straße des 17. Juni“ ist ein Nachguß einer Skulptur von Gerhard Marcks (den wir hier schon öfter hatten), finanziert von einer Stiftung von einigen Banken und dem Axel-Springer-Verlag zum 100. Geburtstag des Künstlers. Wenn man etwas sieht, woran der Springer-Verlag beteiligt ist, müssen alle Warnlampen angehen, was die da wieder vermurkst haben, und so auch hier wieder zu Recht: „Der Rufer“, so die Bezeichnung der Skulptur, steht an der Stelle, an der der damalige US-Präsident Ronald Reagen Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer einzureißen. Als ob das an Bedeutung nicht ausreichte, setzte man noch eine drauf: Die Skulptur soll nun laut einer angebrachten Tafel der italienische Dichter Petrarca sein, der da nach Osten den Satz „Ich gehe durch die Welt und rufe Friede Friede Friede“ ruft.

Tatsächlich hat Marcks den Rufer 1966 im Auftrag von Radio Bremen modelliert. Die Figur ist angelehnt an den Soldaten Stentor in der „Ilias“ von Homer, der eine Stimme hatte so laut wie die von 50 seiner Kameraden zusammen (wenn einer eine laute, kräftige Stimme hat, sagt man ja auch noch heute: Mit Stentorstimme) – als Allegorie für eine Radiostation passend gewählt. Daß Bankenstiftung und Springer-Verlag die Skulptur für Propagandazwecke künstlich-kitschig aufpimpen, zeigt nicht nur eine Verfälschung der Absichten des Künstlers, sondern spricht auch von wenig Sachverstand in künstlerischen Dingen.

Wenn man über die Oberbaumbrücke geht (sollte man immer eine Kaputze aufhaben oder einen Schirm aufspannen: Zweimal haben mir Tauben auf den Kopf geschissen – beim zweiten Mal wurde ich unfreiwillig an die Grenzen meines Humors geführt), am S-Bahnhof Warschauer Str. vorbei …

… kommt man rechter Hand zum Cassiopeia-Gelände, auf dem es immer wieder neue Graffiti zu bewundern gibt.

Am Wochenende findet hier regelmäßig ein Flohmarkt statt – eine nette Alternative, wenn einem der Andrang auf dem nahen Boxhagener Platz zu groß ist. Der rote Umhang scheint allerdings ein Ladenhüter zu sein.

Ein merkwürdiges und befremdliches Phänomen: Überall stehen solche Paßbildautomaten für Bilder in Schwarzweiß. Kann mir jemand sagen, was das soll, zu einer Zeit, in der jeder pausenlos Selfies mit seinem Handy weltweit bekannt machen kann? Hat das vielleicht irgendeine übersinnliche Bedeutung?

Zeichen, die das Universum einem sendet – hier ist ja klar, was der Butterrest bei einem Caféfrühstück uns sagen will: Leute, so langsam wird es Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Adieu Berlin, bis zum nächsten Mal!

Ende.

Fluchtpunkt Berlin (7)

Diese beiden Graffiti im Wrangelkiez in Kreuzberg gehören zu den bekanntesten Kunstwerken der Stadt, man findet sie in Fremdenführern und Bildbänden auch nicht-alternativer Verlage, und wohl Legionen von Touristen haben sie seit ihrer Entstehung 2007/2008 fotografiert.

Nun sind sie weg, im November 2014 wurden sie schwarz übermalt (das Foto zeigt die linke, nun geschwärzte, Figur). Man denkt sofort voller Empörung an skrupellose Hausbesitzer oder korrupte Politiker, aber nein – der Künstler, der sich Blu nennt, selbst hat sein eigenes Werk vernichten lassen. Uff!

Wie es aus dem Umfeld des Künstlers heißt, ist das ein Protest gegen die zunehmende Gentrifizierung der Stadt: Die Brache in der Nachbarschaft wurde bis Herbst 2014 von Obdachlosen besetzt, die dort Hütten bauten und damit keine Obdachlosen mehr waren. Nach einem Streit unter zwei Bewohnern und einer schnell eingedämmten Brandstiftung ergriff die Polizei die Gelegenheit, das ganze Areal zu räumen und abzusperren. Im Frühjahr dieses Jahres soll es losgehen: Der Besitzer des Geländes plant, hier 250 Luxuswohnungen zu errichten für Leute, die irgendwo in der City in hohen Positionen arbeiten, es sich also leisten können – und außerdem in einem richtig geilen Kiez leben wollen, mit Szenelokalen, kleinen hippen Geschäft, ausländischen Imbissen und authentischen Drogies, die man ab und zu in den Hauseingängen liegen sieht.
Und zur anrüchig-attraktiven Authentizität des Viertels gehören eben auch die kunstvollen Graffiti. Also ist es nur konsequent, wenn man sie wieder wegnimmt.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (6) – dies & das (1)

Aha. Man kann sie auch zu einem Salat anrichten. Ist das dann ein Ameisensalat?

Jedenfalls gehen sie manchmal komische Verbindungen ein, die Buchstaben. Ein Getränkemarkt, in dem der Durst lacht? Müßte es nicht heißen: „Hier fürchtet sich der Durst!“? Oder gibt es hier nur Cola, von der man noch mehr Durst bekommt, so daß er immer fröhlicher wird angesichts der Dummheit der Trinkenden, und sich auf die Schenkel klopft?

Hier, vor der Humboldt-Universität, versorgt sich der gemeine Student mit Lektüre – kein Wunder, daß das mit den Buchstaben so eine Sache ist.

Im Foyer der Uni ist eine Kunstinstallation zu sehen, ich habe sie fotografiert. Bitteschön, was sagt ihr dazu? Was? Man sieht gar nichts? Doch doch … paßt auf, es handelt sich um folgendes:

1953 ließ die Sozialistische Einheitspartei der DDR (SED) das Zitat von Karl Marx dort anbringen. Nach der Einverleibung der DDR in die BRD war natürlich alles pfui, was die SED je getan hat, deshalb wollte man den Schriftzug wieder abmontieren, unabhängig von seinem Inhalt. Dagegen gab es Proteste, und so streitet man bis heute, als wenn es nichts anderes zu tun gäbe. Um mal ein bißchen Luft herauszulassen aus der aufgeblasenen Diskussion, schrieb die Uni einen künstlerischen Wettbewerb aus, man wollte das Zitat „künstlerisch kontextualisieren“. Das, was man oben sieht, ist ein Beitrag der Künstlerin Ceal Floyer und besteht in der x-fachen Anbringung des Schildchens „Vorsicht Stufe“.

Aaah ja. Gut. Fein fein. So so. Jo, ist doch ganz schön, wie die glänzen. Oder nicht? Wie oft ist man schon mal gestolpert auf einer Treppe … also bitte: Danke dafür. Auf der Homepage der Universität weiß man ganz genau, wie man das Werk zu beurteilen hat und poliert wahrscheinlich schon den Preispokal (es folgt ein Originalzitat):

„Ihre Installation „Vorsicht Stufe!“ im Foyer der Humboldt-Universität versucht erst gar nicht, sich in einer Debatte zu positionieren, in der man mit jeder Antwort in ein Minenfeld tritt. Trotzdem wirkt das Werk nicht wie eine Flucht vor einer Stellungnahme, sondern drückt Esprit und Selbstbewusstsein aus. Es lässt eine ganze Fülle an Deutungen zu. Das ist wichtig an einem Transitort, den Hunderte sehr verschiedene Menschen täglich mehrfach betreten. Noch wichtiger aber ist, dass Floyers Arbeit nicht dominant einfordert, interpretiert zu werden. Durch ihre leise Bildsprache ist die Installation zugleich ein Gegenentwurf zu der intendierten Autorität des Marxzitats. Floyers Arbeit ist damit auch ein Protest gegen propagandistische Vereinfachung.
Die Installation überzeugt nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern ist auch physisch unmittelbar präsent. Obwohl klar als künstlerische Intervention erkennbar, fügt sie sich optimal in den architektonischen Kontext ein. Denn den Kontext, erklärte Floyer einst einem Kunstmagazin, betrachtet sie als eigenständiges Medium in seinem eigenen Recht.“

Wir wollen jetzt auch selbst mal was schreiben, vielleicht eine Postkarte an die Lieben zu Hause? Oder könnte man das mißinterpretieren? Ein Gegenentwurf zu einem Gegenentwurf zu einer intendierten Autorität? Eine mangelnde Fülle an Deutungsmöglichkeiten mit einer dominanten Interpretationsforderung, eine Affirmation, ja, Antizipation vereinfachter Propaganda? Oder öffnen wir ein Minenfeld, und wenn man da hineintritt, hat man das Zeug am Schuh kleben, bzw. eine Debatte an der Backe, die gar nicht intendiert war? (ich denke besonders an Onkel Günther, der die mittlere Karte als Kritik verstehen könnte)

Die Wissenschaft – ein weites Feld. Wenden wir uns den Erscheinungen des Alltags zu: Kann mir mal jemand sagen, wieso bereits seit Jahren an der U-Bahnhaltestelle Unter den Linden/Ecke Friedrichstr. herumgebaut wird? Oder bleibt das jetzt so, eine ewige Baustelle? Kann man sich ja drauf einrichten, und die Baufirma freut’s. Der Reiter rechts ist übrigens „der alte Fritz“, den ihr jetzt alle aus den letzten beiden Einträgen kennt. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zu seinem Kartoffelfeld, das er oben vor der Museumsinsel angelegt hat. Kennt ihr die Geschichte? Friedrich II. erkannte den Wert der Kartoffel für die Ernährung des Volkes, aber die tumben Bauern wollten nicht so recht mitziehen und weiter nur Getreide anbauen. Also ließ Friedrich ein großes Kartoffelfeld anlegen und es Tag und Nacht bewachen, und tatsächlich, die Bauern fielen auf die List herein: Wenn etwas so gut bewacht wird, muß es wertvoll sein, also stiegen sie im Dunkeln über die Zäune und stahlen das kostbare Gut. Und so wurde die Kartoffel in Deutschland zum Nahrungsmittel Nr. 1.

Der Mensch lebt allerdings nicht von Kartoffeln allein, das Würstchen empfiehlt sich.

So langsam kriegen wir auch Hunger. Vorbei an der Staatsoper, die unsere Aufmerksamkeit mit freundlicher Werbung weckt („hey, super, komm, da müssen wir unbedingt hin, eine Frau in rotem Kleid schreit uns wütend an, wie geil ist das denn“) …

… und auch vorbei am Engel im Historischen Museum (dahinten linst uns Friedrich schon wieder an, er ist allgegenwärtig, wenn man ihn erstmal bemerkt hat) …

… landen wir im Café eben dieses Hauses, wo sich junge Leute mit nicht so viel Geld gegenseitig füttern. Brav.

Ich bin gerne hier.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (5)

So ungefähr sah ich aus, als ich hörte, daß zum recht stolzen Eintrittspreis (inkl. Führung) von 12 Euro für das Schloß Sanssouci noch eine Gebühr von 3 Euro für eine Fotografiererlaubnis bezahlt werden muß. Unverschämt! Das kannte ich bisher nur aus Polen.

Was hilft das Gejammere – dafür sehen wir schönstes Rokoko (die vorletzte Phase des Barock): Wild und üppig wucherndes Ornament. Die Bänke an der Seite waren übrigens schon immer reines Ziermobiliar und dienten nicht zum Sitzen.

Das Musikzimmer, vielleicht erinnert ihr euch, es schon mal gesehen zu haben, nämlich …

… auf dem Gemälde von Adolph Menzel, das er 1850-52 gemalt hat. Das Querflötenspiel war eine der großen Leidenschaften von Friedrich II., eine Kunst, die er heimlich erlernt hat, denn sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., hätte das niemals erlaubt. Der wollte seinen 1,62 Meter großen Sohn auch zum Soldatentum erziehen und zwang ihn in eine militärische Laufbahn, in der Musik, schöngeistige Literatur und Philosophie, die der Sohn liebte, nichts zu suchen hatten. Als Friedrich im Alter von 18 Jahren nach England (oder Frankreich, je nach Quelle) fliehen wollte, vereitelte der Vater den Plan. Ein Freund Friedrichs wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, was der Vater in eine Todesstrafe umwandelte, die er wegen Verrats auch für seinen eigenen Sohn vorsah, nur durch internationale Fürsprache konnte er davon abgebracht werden. Friedrich saß zwei Jahre im Gefängnis, wo er auf Geheiß des Vaters gezwungen wurde, die Hinrichtung seines Freundes anzusehen.

Friedrich II. war, wie gesagt, ein Liebhaber der schönen Künste, sammelte Skulpturen, Bilder und Bücher, von denen er 5.000 Stück besaß – in drei Residenzen die gleichen, denn er hatte keine Lust, die Bücher mit sich herumzuschleppen. Er war zu Anfang ein relativ aufgeklärter Herrscher und korrespondierte mit den Geistesgrößen Europas, u.a. mit Voltaire, der sogar für zwei Jahre am Hof lebte, bevor man sich zerstritt.

Ein Gästezimmer mit Bettnische – schlichter, als die anderen Räume, aber dennoch geräumig.

In späteren Jahren, nach Erlebnissen in einigen von ihm selbst angezettelten Kriegen um die Eroberung des österreichischen Schlesien (deren Erfolge ihm den Beinamen „der Große“ eintrugen) und dem Verlust der Vorderzähne im Alter von 50 Jahren, was ihm die Leidenschaft fürs Flötenspiel verdarb, soll er unleidlich und verbittert geworden sein. Dies ist sein Arbeitszimmer, in dem er sich mit seinen geliebten Windhunden, die von der Dienerschaft jeweils mit „Sire“ angesprochen werden mußten, hauptsächlich aufhielt. Und das ist auch der Grund, weshalb hier kein Rokoko mehr zu sehen ist, sondern Klassizismus (die letzte Phase des Barock): Das Zimmer war so verwohnt, daß sein Neffe und Nachfolger das Zimmer im zeitgenössischen Geschmack renovieren ließ.

In diesem Sessel starb er schließlich, in den Armen seines Kammerdieners, 74jährig im Jahr 1786, Friedrich II., genannt „der Große“ oder auch „der alte Fritz“.

Auf dem Rückweg kamen wir an dieser geheimnisvollen Skulptur vorbei – sieht aus wie moderne Kunst. Ist es aber nicht, die Bretterverschalungen schützen figürliche Skulpturen vor dem winterlichen Wetter. Wenn wir sie sehen wollen – es gibt (gefühlt) hunderte von solchen Verschlägen – müssen wir im Sommer nochmal wiederkommen. Mal sehen.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (4)

Eine gute dreiviertel Stunde muß man mit der S-Bahn fahren, um vom Zentrum Berlins nach Potsdam zu kommen. Vom Hauptbahnhof dort noch zwei Stationen, und man ist am recht weitläufigen Park von Sanssouci.

Im Hintergrund das „Neue Palais“, in dem Friedrich II. seine Gäste untergbracht hat. Man kann es besichtigen, allerdings nicht an einem Dienstag – jetzt ratet, an welchem Wochentag wir da waren.

Macht nichts, eigentlich sind wir sowieso deswegen hier (jedenfalls hauptsächlich): Die Weinterrassen vor dem Schloß Sanscouci und das Schloß selbst. Wenn man die Stufen hinaufläuft, kommt man hier an:

Sieht gar nicht nach Schloß aus, eher nach einer Orangerie, und ist viel weniger repräsentativ als das Palais, aber genau so sollte es sein: Friedrich II. entdeckte den Ort auf einem Ausflug und war so angetan davon, daß er beschloß, hier einmal begraben zu werden. Etwas später dachte er sich, daß es sinnvoller ist, den Ausblick schon zu Lebzeiten zu genießen, also ließ er nur für sich und sein Personal eine Sommerresidenz errichten. Sanssouci, der Begriff ist französisch, „sans souci“ heißt „ohne Sorge“.

Rätselhaft ist die Beschriftung, die auf Veranlassung des Königs so angebracht wurde: „SANS, SOUCI.“ Was machen Komma und Punkt da? Er selbst hat es nicht verraten, daher gibt es inzwischen alle möglichen Interpretationen: Vielleicht ist es eine Geheimschrift? Das Komma soll für Calvinismus stehen (eine besonders strenge Form des Protestantismus), der Punkt für die Vernunftreligion Deismus, also: „Ohne Calvinismus ist man sorgenfreier Deist“. Hm – ein bißchen umständlich, oder?

Eine andere Theorie liest alles auf französisch: „Sans virgule souci point“. Virgule wird übersetzt mit Schrägstrich, Beistrich, Strichlein oder auch (Achtung, jetzt kommt’s:) Stäbchen. Friedrich war (möglicherweise) durch einen operativen Eingriff in der Leistengegend impotent, also frei von sexuellem Verlangen: „Ohne Stäbchen (=Schwänzchen) keine Sorge mehr“. Klar, das würde ja jeder so machen, durch eine Fehloperation wird man impotent und nennt dann ein Schloß danach, oder sein Schiff oder was man sonst so hat. „Schau mal, das ist mein neues Auto, ich nenn‘ es Impotenzia.“

Eine dritte Theorie: Auf Geheiß seines strengen Vaters mußte Friedrich im Alter von 20 Jahren Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern heiraten, obwohl er (vielleicht, wahrscheinlich?) schwul war. Kaum war der Vater verstorben, verbannte er die ungeliebte Frau nach Schloß Schönbrunn und residierte selbst an anderen Orten. Die Kurzform von Elisabeth ist Sissi, oder auch – Susie. „Sans souci“ – „sans Susie“: Ohne Susie, keine Sorgen.

So sieht das Ensemble übrigens zusammen aus.

Der Eingang auf der Rückseite ist umgeben von einem eindrucksvollen Säulenbogen …

… von dessen Mitte aus man auf einen gegenüberliegenden Hügel mit Ruinen schauen kann. Nicht, daß die Ruinen verfallene Häuser sind, sie wurden gleich als Ruinen dort aufgebaut, sowas im Blick zu haben fand man schick im 18. Jahrhundert (fehlt eigentlich nur noch der Schmuckeremit).

Natürlich waren wir auch im Schloß, davon erzähle ich nächstes Mal.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (3)

Eine kleine, aber feine Ausstellung finden Freunde der modernen Kunst in dem kleinen Hof neben dem Haupteingang zu den Hackeschen Höfen.

Jedes Mal, wenn ich hier bin, werden zum größten Teil neue Werke ausgestellt, die alten werden – zerstört! Welch Frevel, aber es geht nicht anders, denn es handelt sich um Graffitikunst.

Horden von Touristen aus aller Welt werden hier durchgeführt, die natürlich (genau wie ich) alles abfotografieren. Ob die Darstellung des Affen mit der Kamera ein Kommentar des Künstlers dazu ist?

Die Künstler dürfen hier legal ihr Können zeigen, daher kann man Polizeihelme getrost für andere Bedürfnisse benutzen als vorgesehen.

Dieser Künstler zitiert ein anders Bild, eine Ikone der Antikriegsbewegung zu Zeiten des Vietnamkrieges:

Das Poster hing Anfang der 70er in vielen Wohngemeinschaften. Die Frage ist immer noch aktuell: Warum Krieg? Zum Einen natürlich, weil man Geld damit verdienen kann, viel Geld. Wenn dann noch Politiker mit psychopathologischen Zügen dazukommen, ist das Paradies soweit entfernt, wie es weiter nicht geht.

Adam und Eva haben sowieso besseres zu tun: Urlaub in Berlin, das ist hip. Coole Sonnenbrillen haben sie schon.

Der Künstler legt letzte Hand an.

Bunt, groß, folkloristisch …

… wie auch diese Indianerin. Das Kamel staunt und hat erstmal ein Foto gemacht.

So laß ich mir Karneval gefallen – still.

Gendermix.

Noch eine Mix: Ein zwei- und dreidimensionales Graffito.

Auch Surrealismus ist vertreten, sehr schön.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt, es gibt noch mehr Werke zu sehen. Ein Besuch lohnt sich!

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (2)

Das ist der Kollhoff-Tower am Potsdamer Platz, ein Bürogebäude, benannt nach seinem Architekten Hans Kollhoff. Gut 100 Meter ist er hoch. So gut, so langweilig – das Schöne ist: Die beiden letzten Etagen sind Panoramaplatformen, auf die man fahren kann, wenn man bereit ist, 6,50 Euro zu bezahlen.

Die Fahrstuhlführerin leiert ein paar Informationen während der Fahrt herunter – sie muß sich beeilen, denn nach 20 Sekunden ist man schon oben: Der schnellste Aufzug Europas hat eine Geschwindigkeit von über 30 km/h – man merkt nichts davon, so sanft fährt er an und bremst wieder ab. Von dem Bären, der uns oben erwartet, hat sie aber nichts erzählt. Macht nichts, der tut nix, der will bloß spielen.

Es ist bitterkalt hier oben, der Wind bläst viel schärfer als unten. Dafür hat man einen guten Ausblick auf den Berliner Dom, den Fernsehturm und überhaupt auf die Dächer Berlins.

Und in das DB-Haus gleich nebenan. Komisch, da sitzt kaum jemand an seinem Schreibtisch – ob die alle schnell abgehauen sind, als sie uns mit unseren Kameras sahen? Obwohl, die müssen das ja eigentlich gewohnt sein. So einen Arbeitplatz möchte ich nicht haben, wo man nicht mal unbeaufsichtigt in der Nase popeln oder noch intimere Sachen machen kann. Diese moderne Glasarchitektur wird oft mit positiv besetzten Begriffen wie Transparenz und Demokratisierung umschrieben, ich dagegen finde das Wort von Richard Sennett vom „Terror der Intimität“ angemessener: Transparent ist hier nur die Außenwand, die eine voyeuristische Sicht in die Büros ermöglicht. Was die da mauscheln, welche Pläne sie schmieden, um z.B. Gewerkschaften wie die GDL zu diskreditieren, davon wissen wir gar nichts.

Der Leipziger Platz – das Gebäude unten links, an dem die Reklame hängt, ist übrigens immer noch mit einer bedruckten Plane umhüllt, die Fenster sind nicht echt, seit Jahren ist das schon so. Merkwürdig.

Der Blick zur anderen Seite: Mitte links der Berlinale-Palast, daneben die Staatsbibliothek und auf der anderen Straßenseite die großartige Neue Nationalgalerie, die leider für vier Jahre wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten geschlossen ist.

Ein Blick in s/w auf die Potsdamer Str. …

… im Detail auch in Farbe ganz schön.

Das sogenannte Sonnendeck, die 25. Etage. Die Sonne läßt uns leider im Stich, länger als 5 Minuten hält man das hier nicht aus. Es gibt hier oben auch ein Café, aber wir vermuten hohe Preise und fahren lieber wieder hinunter.

Ein letzter Blick zur Goldelse zeigt, daß ein Besuch der Panoramaterassen im Sommer bestimmt lohnenswerter ist. Einen Vorteil hat allerdings der Besuch im Winter: Wir hatten überhaupt keine Wartezeit.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (1)

Bei einem unserer vergangenen Besuche in Berlin lag in der Ferienwohnung das Buch „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muß“, inzwischen ist die Anzahl sogar auf 222 gestiegen, denn es gibt nun sogar einen Band 2. Natürlich muß man gar keinen dieser Orte gesehen haben, aber als Tippgeber für Touristen sind die Bücher gar nicht übel. Allerdings werden auch Orte empfohlen, die dann ärgerlicherweise gar nicht zugänglich sind.

Der stillgelegte S-Bahnhof Siemensstadt läßt sich nur von außen fotografieren. Zigtausende von Siemensmitarbeitern wurden hier früher durchgeschleust, der 2. WK sorgte dafür, daß die Produktion nach und nach hauptsächlich in den Westen verlagert wurde und man die S-Bahnstation nicht mehr brauchte.

Ein anderer Ort, den man „unbedingt“ gesehen haben soll, ist das Ballhaus „Riviera“ in Grünau. Hier, in dieser Vergnügungsstätte direkt am Ufer der Dahme, fanden die „Goldenen Zwanziger“ (jedenfalls teilweise) statt, rauschende Feste wurden hier gefeiert, was man den Sälen noch ansehen soll – leider alles abgesperrt.

Im kleinen Park daneben finden wir diese kleine Stele – es dauert etwas, bis wir herausgefunden haben, wer S.H. ist: Der Schrifsteller Stefan Heym, der von 1952 bis 2001 in Grünau gelebt hat. Ich habe die Bücher von Heym immer gern gelesen, „Collin“ und „Ahasver“ kann ich besonders empfehlen, ganz besonders seine Autobiographie „Nachruf“ über sein wechselvolles Leben als Flüchtling vor den Nazis, amerikanischer Soldat im 2. WK, Flucht vor der Kommunistenhatz McCarthys, dann Bürger der DDR, mit deren Führern er es sich bald verdarb, was zu einem weitreichenden Publikationsverbot führte. Und nach der Wende war er auch noch Mitglied und Alterspräsident des Deutschen Bundestags – was für ein Leben!

„Das Besondere an diesem verlassenen Gelände: Es steht offen“, steht in dem Buch. Von wegen! Der letzte Ort, vor dem ich warnen möchte, ist das ehemalige Säuglings- und Kinderkrankenhaus in Weißensee: Ein riesiges Gelände mit vielen halbverfallenen Häusern, komplett eingezäunt und nicht zugänglich.

Macht nichts, waren wir da auch mal, in Weißensee, meine ich, Namensgeber einer ausgezeichneten Fernsehserie über die letzten Tage der DDR. Da gibt es tatsächlich einen kleinen Teich mit Strandbad …

… und am gegenüberliegenden Ufer ein kleines Café/Restaurant …

… in dem die Speisen von zwei Kellnern an den Tisch gebracht werden, die bezahlt sein wollen, weshalb Kaffee und Kuchen hier 7,50 Euro kosten. Aber immerhin ist es warm.

Etwas enttäuschend, unsere Ausflüge, aber in den Hackeschen Höfen bemüht man sich um Trost.

Fortsetzung folgt.

Courage? Och nö, lieber nicht …

Welcher Wagen nun mitfährt auf einem Rosenmontagszug oder nicht, ist so interessant wie der umfallende Sack Reis in China. Normalerweise. In diesem Fall offenbart sich etwas, was typisch kölsch ist: Große Klappe im Vorfeld, aber wenn es dann soweit ist, lieber den Schwanz einkneifen.

Nach den Anschlägen in Paris, als sich alle Welt durch den Spruch „Je suis Charlie“ mit den Opfern solidarisch zeigte, wollte man beim Festkomitee des Kölner Karnevals nicht nachstehen. Man ließ mehrere Entwürfe für einen Rosenmontagswagen zur Abstimmung ins Internet stellen, und der Entwurf oben gewann mit 7.000 Stimmen. Aus den Kreisen der Organisatoren konnte man hören, für den Karnevalisten sei die Meinungsfreiheit wie die Luft zum Atmen, deshalb sei es ja wohl eine Selbstverständlichkeit und Ehre usw. Ich weiß nicht, was die Herren inzwischen inhalieren, denn der Wagen darf nun doch nicht mitfahren, einige Bürger hätten Bedenken geäußert. „Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben.“ Gab es vielleicht irgendwelche Warnungen aus dem muslimischen Bereich? Anschlagsandrohungen wütender Salafisten? Bedenken aus dem Hause Faber-Castell, daß die Buntstifte gegen Pistolen gar nichts ausrichten können? Nichts dergleichen. In vorauseilendem Gehorsam gegen einen möglichen Protest verzichtet man lieber, um die „Leichtigkeit“ (bedenken- und gedankenlos saufen und feiern) nicht zu gefährden. Meinungsfreiheit wird hier verstanden als die Freiheit, seine Meinung schneller wechseln zu können als seine Unterwäsche, eine kölsche Tugend, die auch der Oberbürgermeister sicher beherrscht:

Am 29.1. stand in der Zeitung: „Oberbürgermeister Jürgen Roters plädierte […] noch wenige Stunden vor der Absage durch das Festkomitee dafür, den Wagen mitziehen zu lassen. Es sei für den Karneval wichtig, dass er sich ’solidarisch zeigt mit denen, die Witz und Karikatur pflegen‘.“

Am 30.1. stand in der Zeitung: „Roters begrüßt Rückzug des ‚Charlie‘-Wagens: Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters [bezeichnet] die Entscheidung des Festkomitees als ‚klug‘.“

Na dann, Alaaf allerseit.

PS: Wie immer zu dieser Zeit verschwinde ich aus der Stadt und fahre nach Berlin. Wir lesen uns in zwei Wochen wieder, bis dann.