Fluchtpunkt Berlin (7)

Diese beiden Graffiti im Wrangelkiez in Kreuzberg gehören zu den bekanntesten Kunstwerken der Stadt, man findet sie in Fremdenführern und Bildbänden auch nicht-alternativer Verlage, und wohl Legionen von Touristen haben sie seit ihrer Entstehung 2007/2008 fotografiert.

Nun sind sie weg, im November 2014 wurden sie schwarz übermalt (das Foto zeigt die linke, nun geschwärzte, Figur). Man denkt sofort voller Empörung an skrupellose Hausbesitzer oder korrupte Politiker, aber nein – der Künstler, der sich Blu nennt, selbst hat sein eigenes Werk vernichten lassen. Uff!

Wie es aus dem Umfeld des Künstlers heißt, ist das ein Protest gegen die zunehmende Gentrifizierung der Stadt: Die Brache in der Nachbarschaft wurde bis Herbst 2014 von Obdachlosen besetzt, die dort Hütten bauten und damit keine Obdachlosen mehr waren. Nach einem Streit unter zwei Bewohnern und einer schnell eingedämmten Brandstiftung ergriff die Polizei die Gelegenheit, das ganze Areal zu räumen und abzusperren. Im Frühjahr dieses Jahres soll es losgehen: Der Besitzer des Geländes plant, hier 250 Luxuswohnungen zu errichten für Leute, die irgendwo in der City in hohen Positionen arbeiten, es sich also leisten können – und außerdem in einem richtig geilen Kiez leben wollen, mit Szenelokalen, kleinen hippen Geschäft, ausländischen Imbissen und authentischen Drogies, die man ab und zu in den Hauseingängen liegen sieht.
Und zur anrüchig-attraktiven Authentizität des Viertels gehören eben auch die kunstvollen Graffiti. Also ist es nur konsequent, wenn man sie wieder wegnimmt.

Fortsetzung folgt.

0 Antworten zu “Fluchtpunkt Berlin (7)

  1. die gentrifizierung greift in jeder großen stadt um sich, nicht nur in berlin.
    eine traurige entwicklung, wenn nur noch menschen mit viel geld in den kiezen leben sollen und der rest an den außenbezirk verdrängt wird.

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  2. Ich wünschte, es gäbe mehr Künstler, die aus Protest gegen die fortschreitende Gentrifizierung ihre Kunstwerke zurückziehen, Kneipenbesitzer, die ihre „angesagten“ Kneipen schließen, Galeristen, die … Aber da geht es schon los. Ein Teil der sog. Szene wartet und hofft ja geradezu auf diese Entwicklung. Die Junkies und Obdachlosen allerdings werden nicht aus Protest verschwinden, sondern erst, wenn private Wachdienste sie vertreiben, weil, was auf einer gelegentlichen Tour durch die „Kreuzberger Nächte“ noch interessant, geradezu exotisch erscheint, vor der eigenen Haustür dann doch als störend empfunden wird.

    Da Künstler von Stadtplanern regelrecht als Trüffelschweine benutzt werden (wohin die Kunst geht, wandert auch das Geld), sind es vielleicht wirklich am ehesten die Künstler, die etwas bewegen oder zumindest aufrütteln können.

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  3. Ich denke auch, viel mehr als aufrütteln kann man nicht machen. Wenn die Politik den Wohnungsmarkt dem asozialen und bar jeder Ethik agierenden Kapitalismus regieren läßt, ist die Entwicklung nicht aufzuhalten: International sind Wohnungen und Grundstücke in Berlin ja eine heißbegehrte Ware, je zentraler, desto besser. Daß Luxuswohnungen an dieser Stelle, also an der Cuvrystr., völlig deplatziert sind, müsste eigentlich jedem Stadtplaner klar sein. Die Alternative wäre ein sozial geförderter Wohnungsbau, der für die breite Masse bezahlbaren Wohnraum schafft.

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  4. Es ist schon absurd, daß man zu solchen Mitteln greifen muß, um überhaupt etwas Aufmerksamkeit für diese abschreckende Entwicklung zu erreichen. Man muß bewußt den eigenen Lebensraum unattraktiver gestalten, um die „Heuschrecken“ erst gar nicht auf sich aufmerksam zu machen.

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  5. Ein paar Zeichen guten Willens wurden ja gesetzt mit der Mietpreisbremse (die allerdings nicht für Wohnungsneubau gilt), und damit, dass die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen nicht mehr unbedingt gestattet wird. Doch solange die Befragung des Mietspiegleins, Mietspiegleins an der Wand ergibt, das Berlin die preiswerteste Metropole im ganzen Land ist, werden die Bremsbeläge bei der Regulierung des Wohnungsmarktes wohl weiterhin geschont.

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  6. Ja, zwar schade um die Bilder, aber man muß konsequent sein. Für den Künstler war es bestimmt nicht leicht, seine eigene Kunst zu zerstören, besonders, wenn sie so viel Anerkennung erhält. Sehr mutig.

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  7. Ja. In Köln hat das ja sogar mal funktioniert mit den Anwohnerprotesten: Auf dem Heliosgelände in Ehrenfeld, wo die Besitzer am liebsten eine riesige Konsummeile gebaut hätten, entsteht jetzt eine Inklusionsschule.

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