In besonders beliebten Computerspielen wird gemordet und gemetzelt, wie man es sich in seinen kühnsten und widerlichsten Albträumen nicht ausmalen kann: Da werden bevorzugt in dystopischen Landschaften reihenweise Leute mit Maschinenpistolen und -gewehren niedergemäht, die ihrerseits einem nach dem Leben trachten. Es kommen alle Waffen vor, die man sich vorstellen kann, Körperteile fallen ab, Blut spritzt literweise. Was so abschreckend klingt, nehmen die Gamer ganz cool, im Gegenteil, je schrecklicher und ausgefeilter, desto besser. Nun hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet, was zu Beginn der Computerspieleentwicklung befürchtet wurde: Aus den Gamern ist keine Horde brutaler Amokläufer geworden, und das ist auch für die Zukunft nicht zu befürchten. Daß auch Amokläufer diese Spiele auf ihren Computern hatten, läßt einen Umkehrschluß nicht zu. Tausende spielen diese Spiele, ohne je zu vergessen, daß es sich um Spiel handelt, und nicht um die Wirklichkeit – ich lese mit Vergnügen Kriminalromane und vergesse dabei auch nie, daß es Romane, also ausgedachte Geschichten sind. Wie mir Computerspieler glaubhaft versichert haben: Man braucht sich keine Sorgen zu machen, daß sie den Unterschied zwischen Fiktion und Realität eines Tages nicht mehr auseinander halten können. In der Gamerszene ist das eine Selbstverständlichkeit, die sich aber bis zu einer „Firma“, die die ganze Stadt mit Plakaten überschwemmt und sogar einen eigenen Messestand auf der Gamescom hat, noch nicht herumgesprochen hat.
Die Bundeswehr wirbt mit den Sprüchen „Multiplayer at its best!“ und „Mehr Open World geht nicht!“ um Nachwuchs. „Multiplayer“ bedeutet in der Gamerszene, daß mehrere Spieler vernetzt in einem Spiel spielen, und „Open World“ ist ein Trend in der Spieleentwicklung, der den Spielern innerhalb einer Spielwelt mehr Bewegungsfreiheit erlaubt. Die Bundeswehr ist also der Meinung, wer Spaß daran hat, mit Kumpels exotische Gegenden zu erforschen und auf alles zu ballern, was sich bewegt, der kann das doch viel besser in den afghanischen Bergen und Wüsten oder in einem afrikanischen Dschungel tun. Nee, was ist das für ein Spaß in der kämpfenden Truppe, und Bezahlung gibt es noch dazu. Und wenn man abgeschossen wird, gibt’s einen Reset-Button und man kann von vorn anfangen – oder etwa nicht?
Nicht die Gamer sind naiv – die Bundeswehr ist es, die Schein und Sein offenbar nicht unterscheiden kann und ihre Einsätze für spielerischen Zeitvertreib hält. Jedenfalls verkauft sie sich so.



