Ausflug nach Leipzig (1)

„Wo bleiben die Einträge“, mahnt meine Begleiterin, wir seien schon seit fünf Wochen zurück aus dem Urlaub. Aber 2.000 Fotos, die müssen erstmal in die richtige Reihenfolge gebracht werden, bevor ich sie zeigen kann. Und da die Leser bestimmt nicht alle sehen wollen, muß ich auch ein paar aussortieren, sogar so viele, daß die Leser nicht entnervt aufgeben. Papperlapapp, sagt meine Begleiterin, wer wegklickt, hat seine Gründe, egal, wieviele Fotos gezeigt werden. Hm – da hat sie recht. Ich fang einfach mal an, mit dem Bahnhof, der zwischen 1902 und 1915 geplant und gebaut wurde.

Ein Kopfbahnhof hat den Vorteil, daß er weniger Platz braucht als ein Durchgangsbahnhof, und daher weiter in die Stadt hinein gebaut werden kann. Wenn zur Ausfahrt der Züge erstmal die gleichen Gleise benutzt werden können wie zur Einfahrt, hat man einige Bahntrassen gespart, die sonst städtischen Grund belegen würden. Da hat der Stadtrat doch eine weise Entscheidung getroffen.

Darüber hinaus gab es politische Gründe, deren Folgen man noch heute am Gebäude ablesen kann: Eine schöne, große, protzige Bahnhofshalle. Verrückterweise gibt es davon noch eine zweite, in den gleichen Ausmaßen, beide verbunden durch eine große Querhalle (die heute ein mehrstöckiges Einkaufszentrum beherbergt). Das kam so: Nachdem die Eisenbahn erfunden worden war, erkannten viele Leute, daß man damit viel Geld machen kann, und so entstanden viele private Eisenbahngesellschaften, die miteinander konkurrierten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es allein in Leipzig fünf Fernbahnhöfe. Nach dem üblichen Verdrängungswettbewerb blieben noch zwei Eisenbahngesellschaften übrig, die „Preußische Staatseisenbahn“ und die „Königlich Sächsische Staatseisenbahn“, und da die beiden sich spinnefeind waren und Vernunft als ein Phänomen betrachtet wurde, das irgendwelche Spinner in gelehrten Büchern diskutierten, bestand jede auf eine eigene repräsentative Eingangshalle: In Stein „gemeißelte“ Unvernunft und Geldverschwendung aus nationalistischem Dünkel. Die gleiche Geisteshaltung, die zum 1. Weltkrieg führte – und heutzutage eine Renaissance erfährt, wenn man nach Osteuropa und über den Atlantik blickt.

Fortsetzung folgt.

24 Antworten zu “Ausflug nach Leipzig (1)

  1. es ist schon beeindruckend, vom gleis 22 bis runter zur s-bahn durch die ganze länge dieser bombastischen eisenbahn-kathedrale zu gehen. da taucht dann jedesmal die frage auf, welchem gott hier gehuldigt oder geopfert werden soll…

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    • Gut ausgedrückt. In dem Einkaufszentrum gibt es über 70 Geschäfte, darunter gleich zwei Supermärkte – und für das ganze Bahnhofsgeschehen ist immer noch mehr Platz, als man braucht. Wenn man da noch irgendwo einen Altar aufstellen würde, das würde keinem auffallen

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    • Wow! Wirklich schön, ich habe sie mir gerade im Netz angesehen. In Leipzig bin ich leider nicht daran vorbeigekommen, zu schade, vermutlich ist der Zugang in der preußischen Halle? – in der ich auch nicht war, weil ich da noch nichts von ihr wußte.

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      • Dass da zwei Hallen sind habe ich auch erst einer Stadtführung verstanden. Die Buchhandlung entdeckten wir zufällig, als wir – nach der Anreise mit dem Bus – auf die Stadtführerin warteten. Insofern: Keine Ahnung, welche Halle das war.

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  2. Dieser Bahnhof hat mich bei meiner ersten Ankunft auch beeindruckt. Nun kenne ich auch ein wenig seiner Geschichte. Danke.
    Ich freu mich auf die kommenden 1.998 Fotos 😉
    Die ersten beiden machen Lust auf mehr.

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  3. Auch wenn der Bahnhof wirklich imposant ist, dieses protzige Einkaufszentrum darin macht für mich überhaupt keinen Sinn, denn am Brühl, also gleich schräg vis-a-vis ist noch so ein Viech. Vielleicht kam das auch erst danach, aber irgendwie ist das viel zu viel für eine doch recht kleine Stadt wie Leipzig.

    Übrigens warte ich immer noch auf deinen Bericht aus London. Hast du den ganz dran gegeben? Denn der war doch Monate vor Leipzig fällig, wenn ich mich recht entsinne.

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    • Ja, verrückt, diese Einkaufszentren. Aber es muß sich ja wohl bezahlt machen, ich kann mir nicht vorstellen, daß die ganzen Läden subventioniert werden.

      Ah – ein wunder Punkt!:-) Monate, wenn nicht Jahre, Mai 2017, um genau zu sein. Kommt noch, ich hab’s jedenfalls vor.

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  4. Ich fand es super als ich zum ersten Mal im Leipziger Bahnhof im Parkhaus bis nach oben gefahren bin und man direkt neben den Gleisen rauskommt. Das hat mich beeindruckt. Leider sind die Parkplätze meistens schon belegt. Das Einkaufszentrum am Bahnhof finde ich viel schöner als das am Brühl, denn es ist nicht in so dunklen Farben gehalten.

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    • Wenn ich nochmal in Leipzig bin, muß ich mir den Bahnhof nochmal genauer ansehen. Erst die Stadtführerin wies uns darauf hin, daß es zwei Hallen gibt, aber vor der Rückreise hatte wir leider keine Zeit mehr.
      Einkaufszentren machen mich generell nervös, zu viele Leute, und ständig fühlt man sich visuell „angeschrien“.

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      • Der Bahnhof in Leipzig ist wirklich sehenswert, wobei man das natürlich nicht mehr sieht, wenn es für einen wie selbstverständlich ist dort durchzulaufen. Das mit den Einkaufszentren kann ich verstehen. Aber ich bummle auch gerne mal wenn es regnet und da bietet sich so ein überdachtes Einkaufszentrum doch eher an ;).

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