Ausflug nach Leipzig (2)

Am Tag unserer Ankunft spielte am späten Nachmittag das Bläserquintett des Gewandhausorchesters ein Willkommenskonzert nur für uns. Das nenn ich Service. Wir hatten nichts dagegen, daß auch ein paar andere Leute zuhören, im Gegenteil: Die Kammermusikinstrumente waren eigentlich zu leise, auch wurde kein Bach gespielt, sondern Mozart, Danzi und anderes Seichtes, und als wir unser Bier ausgetrunken hatten, war uns ein wenig langweilig. Durch die vielen Zuhörer fiel es nicht weiter auf, daß wir uns verdrückten …

… um uns die Thomaskirche anzusehen: Ein großartiges Netzgewölbe. Die Orgel ist allerdings nicht mehr die, an der Bach gesessen hat.

Merkwürdigerweise stehen die ersten Bänke längs zum Chor – sowas habe ich noch nie gesehen, die Kirchenbesucher sitzen sich gegenüber. Das erinnert mich an ein Sartre-Stück, das ich mal in einem kleinen Theater besucht habe, da war die Bühne in der Mitte, und die Zuschauer in zwei großen Blöcken links und rechts mußten die Blicke von gegenüber aushalten – geschickt gemacht, denn die Quintessenz des Stücks war: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Hier liegt er nun, bzw. seine Gebeine, der größte Komponist, den die Welt je gesehen hat, Johann Sebastian Bach (1685-1750). Obwohl, ganz sicher ist man sich da nicht, es bestehen sogar erhebliche Zweifel: Bach wurde erst normal auf einem Friedhof begraben. Nachdem man ca. 100 Jahre später seine Bedeutung erkannt hatte und 1894 ein Umbau des Friedhofs und der angrenzenden Johanniskirche anstand, exhumierte man die Knochen, die da lagen, und ein Gutachter (ein Anatom) bestimmte, welche von Bach sein sollten, um sie in der Kirche unter dem Altar zu deponieren. Nach der Zerstörung der Kirche im 2. WK wurden sie schließlich 1950 zum 200. Todestag des Komponisten in der Thomaskirche beigesetzt. Ich finde, man sollte das nicht weiter untersuchen. Die Ehrung und Verehrung zählt, darauf kommt es an.

In diese Damen habe ich mich fast ein bißchen verguckt – selten, daß eine Frau so forschend, neugierig und selbstbewußt aus einem alten Bild dem Betrachter direkt in die Augen sieht. Der Ausschnitt stammt aus …

… einem merkwürdigen Bild, das relativ unbeachtet an einem Pfeiler der Kirche hängt: Drei Männer, jede Menge Nonnen und Kinder? Was soll das? Wenn ein Kunsthistoriker nicht weiter weiß, sucht er nach einem ähnlichen Bild, das eventuell besser dokumentiert ist, vergleicht und versucht, Schlüsse daraus zu ziehen. Der Fachmann nennt das „vergleichendes Sehen“.  Das habe ich gemacht, herausgekommen ist folgendes:

Höchstwahrscheinlich sind die drei Männer vermögende und hochangesehene evangelische Bürger der Stadt Leipzig – keine Adligen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie verwandt wären und unter einem Dach lebten. Um ihr Seelenheil und das ihrer Familie besorgt, haben sie eine große Summe Geld zum Aufbau oder zur Renovierung der Kirche gespendet. Die Frauen sind keine Nonnen, sondern die Frauen des Hausstands, die (hier wird es wirklich ganz vage) nicht alle so fromm und unterwürfig sind, wie die Herren es gern hätten. Ich vermute, das Bild ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert entstanden.

Geholfen hat mir ein Bild, das ich zufällig am nächsten Tag im „Museum der bildenden Künste“ sah:

Es ist von Lucas Cranach d.J. aus dem Jahr 1557. Es ist nicht nur ein typisches Stifterbild, wie es häufig vorkommt, also Christus am Kreuz als Hauptthema, im Hintergrund Szenen aus seinem Leben und vorn unten, bedeutungsperspektivisch verkleinert, der Stifter des Werkes und seine Familie, nein, es ist auch ein antikatholisches Triumphbild.

Hinter den Köpfen des Stifters und seines mutmaßlichen Schwiegersohnes (so vermutet man) sieht man, wie Jesus dem Teufel den letzten Stich verpaßt – der Teufel trägt eine Papstkrone, aus seinem aufgeschlitztem Bauch quellen katholische Würdenträger heraus (ich sehe da einen gewissen Humor, aber das liegt vermutlich an mir).

Die Frauen, deren Aufzug auch in diesem Bild an Nonnen denken läßt, sind ganz sicher keine – die Kragen sind ornamentiert, wie es sich für einen Nonne nicht schickte, und überhaupt, die Anwesenheit von Nonnen würden hier gar keinen Sinn machen, da der Stifter ja für seine ganze Familie ein Seelenheilverbesserung wünscht. Daraus schließe ich, daß in einem sittsamen, frommen evangelischen Haus die Frauen sich relativ schmucklos zu kleiden hatten.

Das Bild in der Kirche ist also wahrscheinlich auch ein Spenderbild – die Anordnung der Figuren ist ja die selbe wie hier. Allerdings fehlt dort das gespendete Werk, daher meine Annahme, daß die Spende der Kirche selbst galt. Daß es sich um Leipziger Bürger handelt, sieht man an dem Wappen rechts: Der Löwe ist das Wappentier der Stadt.

Fortsetzung folgt.

14 Antworten zu “Ausflug nach Leipzig (2)

    • Ob es mit dem Alter zusammenhängt? Oder die Frauen sind sauer, wollten eigentlich nicht mit aufs Bild – so’n Schnickschnack, dafür ham wir keine Zeit! – bis der Herr des Hauses ein Machtwort gesprochen hat. Dann ist die Verhüllung ein stiller Protest.

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  1. Daß die anderen die Hölle sind, bestätigen viele moderne Dinge wie Urlaub auf dem Ballermann, die Fahrt mit Öffis, bevorzugt in großen Städten, Wohnungssuche in München (Köln, Berlin, Hamburg etc.), Staus auf Autobahnen und natürlich Beziehungen.
    Allerdings nicht unbedingt freundliche Städte wie Leipzig.

    Auch in der Westminster Abbey sitzt man einander gegenüber. Allerdings ist der Gang breiter und es gibt noch diese entzückenden Lämpchen. Hell, yeah, das hat doch Stil.

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  2. die gezeigten bilder gefallen mir sehr gut.
    zu den verhüllten mündern der damen habe ich eine theorie, die aus der kindheit stammt und von unserer mutter gebetsmühlenart6ig wiederholt wurde.
    kinder soll man sehen und nicht hören. das galt vor allem für kleine mädchen.

    warum ist deiner meinung nach bach der größte komponist der welt?
    die thomaskirche in leipzig beherbergt doch auch den thomanerchor, der weltberühmt ist, nicht wahr?

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    • Prima, das freut mich.

      Wenn man sagt: Paul McCartney ist der größte Komponist ever – da würden viele antworten: Na jaa – er hat schon schöne Melodien geschrieben, aber der größte … Bei Bach würde einem sowas nicht in den Sinn kommen.;-)

      Der Thomanerchor hatte gerade Ferien, als wir da waren, schade, ich hätte ihn gern mal angehört.

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  3. Frau trug doch früher so eine Haube…
    Ich erinner mich, dass wir für eine Schulaufführung ca 20 davon nähen mussten… na ja besser als wenn man sie tragen muss 😉

    Wieder wunderschöne Aufnahmen, und toll die Erläuterungen dazu, danke!!!

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    • Ja, Du hast recht, aber ich wußte es erst nicht. Ich sah nur Frauen in schmuckloser schwarzweißer Kleidung auf diesem merkwürdig langen Bild in einer Kirche – und dachte automatisch an Nonnen. Erst durch den Vergleich mit dem Bild im Museum wurde mir klar, daß ich mich irre.

      Danke, das freut mich wirklich sehr!

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