
„Wir haben keine Angst“, steht auf diesen Plakaten in Warnfarbgestaltung an 200 Litfaßsäulen in der Stadt, und eine Telefonnummer. Wer nun glaubt, er lande bei der Telefonseelsorge oder der Polizei, falls ihn die Angst doch einmal überfällt und er die Nummer wählt, liegt vollkommen falsch. Das Plakat ist Teil einer politisch gemeinten Kunstaktion, das erste einer Reihe von Kunstwerken in der Reihe „Kunst an Kölner Litfaßsäulen“, die die Kunsthochschule für Medien zusammen mit der Stadt und der Werbefirma Ströer veranstaltet.
Der Künstler Christian Sievers beschreibt auf dem Plakat in einem langen Text auf deutsch und englisch, was es mit der Telefonnummer auf sich hat: Wenn man anruft, klingelt ein Handy, das in einer Vitrine liegt, es geht also keiner ran. Von eben diesem Handy wurde aber schon mal der ehemalige NSA-Mitarbeiter William Binney angerufen, einer der ersten Whistleblower, der öffentlich gemacht hat, auf welche Weise und in welchem Umfang der amerikanische Geheimdienst die Weltbevölkerung aushorcht. Nun wird angenommen, daß die NSA alle Kommunikationsdaten ihres Kritikers überwacht. Eine solche Überwachung geht immer in drei Stufen vor sich (deshalb heißt die Kunstaktion „Hop3“, hop=Sprung): Als erstes werden alle Kontaktdaten von Binney registriert und gespeichert, dann die Kontaktdaten der Kontakte, und als drittes die Kontaktdaten der Kontakte der Kontakte – Telefonnummern, Gespräche, Emailadressen und -inhalte, Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken und so weiter. Je nachdem, wie viele Leute man in seinem Smartphone gespeichert hat, kommen da schnell mal 3 bis 50 Millionen Leute zusammen, die die NSA alle überwacht oder überwachen will, nur weil einer von ihnen ein Handy angerufen hat, dessen Besitzer auf der Überwachungsliste steht.
Damit man nicht in die Fänge der Geheimdienste gerät, so der Künstler, stelle sich bei vielen eine Selbstzensur ein, der sogenannte „chilling effect“: Wir vermeiden es, bestimmte Begriffe zu benutzen, um nicht in das Raster der Dienste zu fallen – und berauben uns damit selbst unserer Freiheit. Und um uns selbst und allen anderen und auch den Geheimdiensten zu zeigen, daß wir das nicht mit uns machen lassen, sollen wir da anrufen.
Tja. Was soll ich davon halten? Erstmal finde ich es gut, Kunst im öffentlichen Raum auszustellen, die zu kontroversen Diskussionen anregt, und ich bin gespannt, was da noch kommt. Dieses Kunstwerk finde ich allerdings etwas mau, rein gestalterisch spricht es mich nicht besonders an, und dann der lange Text, denn man da lesen muß, das ist nicht besonders raffiniert.
Die Aussage des Werks erscheint mir wie das Singen im Walde: Um den Räubern und wilden Tieren zu zeigen, daß wir gaaaar keine Angst haben, machen wir durch lauten, fröhlichen Gesang auf uns aufmerksam, und glauben, die Angst damit bannen zu können. Der NSA ist es vollkommen wurscht, ob ich Angst vor ihr habe oder nicht, und mir persönlich bringt es auch nichts, ein Handy in einer Vitrine anzurufen, ich weiß, daß ich keine Angst vor der NSA habe und muß es mir nicht erst beweisen.
„Wollen Sie wirklich ein Leben führen, in dem Sie davor zurückschrecken, vollkommen legale Dinge zu tun – wie zum Beispiel eine Handynummer anzurufen?“, fragt der Künstler suggestiv. Nein, natürlich nicht, möchte ich antworten, aber wenn ich jemanden anrufe, wäre es doch schön, wenn ich wenigstens ein bißchen davon ausgehen könnte, daß am anderen Ende jemand abnimmt, oder? Ganz egal, wer da noch mithört.
Fazit: Gut gemeint, vielen Dank dafür. Aber das nächste Mal vielleicht etwas Pfiffigeres. Wenn ich mich schon an einer politischen Kunstaktion beteiligen soll, dann bitte an etwas Sinnvollem.