Willy-Millowitsch-Platz, Nord-Süd-Fahrt

Körbeweise erreichen mich Emails mit Beschwerden darüber, daß der große, schwere Affe von vorgestern denkbar ungeeignet ist als Last-minute-Geschenk, und ob ich nicht noch was anderes hätte. Klar, habe ich, kein Problem: Wie wäre es mit einer Unterhose in Feinrippstil? Oder eine große, extra teure Tafel Schokolade? Als Letztes habe ich noch die Kölner Oper in einer Schneekugel, auch schön teuer.

Zum Hintergrund: Der Künstler Merlin Bauer startete 2005 die Kampagne „Liebe Deine Stadt“, weil man in Köln dazu neigt, die Nachkriegsarchitektur, die ja 70 bis 90 Prozent der Stadt ausmacht, wenig zu achten. Wenn irgendwas verfällt, weil man sich nicht darum gekümmert hat, ist man schnell mit der Abrißbirne da, um was Neues hochzuziehen – nicht selten irgendein gesichtsloses Funktionsgebäude. So war man nahe dran, die Kölner Oper (samt Schauspielhaus) des bedeutenden Architekten Wilhelm Riphahn abzureißen, was in letzter Minute dank einer Bürgerinitiative abgewendet werden konnte.

Seit 2012 wird die Oper nun saniert – und? Was glaubt ihr? Alles im Lot, Kosten- und Zeitrahmen wurden eingehalten und zum verabredeten Termin (7. November 2015) wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen? Selbstverständlich nicht, die Stadt hat einen Ruf zu wahren. Im Sommer hieß es plötzlich, der Termin könne nicht eingehalten werden, die Verlängerung ist aber nicht groß – was ist schon ein Jahr. Oder zwei. Na gut, 2018, das ist doch ein schönes Ziel. Verantwortlich ist keiner, jedenfalls nicht bei der Stadtverwaltung. Eine der beteiligten großen Firmen ist in die Insolvenz gegangen; einem Planungsbüro wurde gekündigt, wogegen seine Leiter klagen; die Tätigkeiten müssen erneut europaweit ausgeschrieben werden, das dauert natürlich; alle Interimsspielstätten müssen erneut angemietet und kostspielig teilweise umgebaut werden; usw. Die ursprünglich veranschlagten Kosten haben sich jetzt schon nahezu verdoppelt, ein Ende ist nicht abzusehen.

Das alles nimmt der Künstler zum Anlaß, auch seine Kampagne zu verlängern. Er hat drei Fotoplakate entworfen, die „Frust“, „Trost“ und „Hoffnung“ ausdrücken sollen. Wir sollen unsere Stadt lieben, auch wenn man das Gefühl hat, daß Inkompetenz und Dummheit hier ein großes Fest nach dem anderen feiern.
Und weil der Künstler offenbar der Meinung ist, daß in einer solchen Stadt, wo so dumme Dinge passieren, die Bürger auch nur dumm sein können, bietet er uns nun in dem Pavillon (oberes Foto) eine Unterhose mit dem Schriftzug „Liebe Deine Stadt“ (Motiv 1. Plakat) für 35 €, eine Tafel Schokolade (Motiv 2. Plakat) für 15 € und eine Schneekugel mit Opernmodell (Motiv 3. Plakat) für 20 € zum Kauf an, rechtzeitig zu Weihnachten. Auch die Plakate selbst können für viel Geld erworben werden.

Mal davon abgesehen, daß „Liebe Deine Stadt“ ein Widerspruch in sich ist, denn die Befehlsform und der Begriff „Liebe“ schließen sich gegenseitig aus, steht der Künstler unter Verdacht, aus der Opernkrise Gewinn schlagen zu wollen. Das ist sehr, sehr unsympathisch. Und außerdem will ich nicht, daß frau sich ausgerechnet für die Stadt erwärmt, während sie auf meiner Unterhose einen Text liest. Kurz: Wenn ihr noch nach einem Geschenk sucht, nehmt vielleicht doch den Affen, den gibt es auch in klein.

7 Antworten zu “Willy-Millowitsch-Platz, Nord-Süd-Fahrt

  1. Und hoffen wir mal, daß der Affe nicht versteckt irgendwo ein Schild hat: „Mach dich für deine Stadt zum Affen.“

    Liebe und Imperativ geht wohl, das kommt in jedem Popsong und in jedem Schlager vor: „Liebe mich für immer und ewig…“, „Love me do!“ und natürlich mit anderen Liebes-Imperativen wie „sei mir treu“, „don’t leave me“, „hold me tight“ oder „be my girl“ etc.pp.
    Seltsam, aber was Kölner Songs direkt angeht, fällt mir gerade nur ein Imperativ ein: „Trink doch eene mit/stell disch nidde so an….“.
    Vermutlich kann man all den Steuergelderverschleuderungswahnsinn der Stadt nüchtern gar nicht mehr ertragen.
    „Trink dir die Stadt schön“ wäre da auch noch eine gute Idee. Bei mir als Bild erhältlich. Nur 150 Euro pro Stück.

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    • “Han misch jään för emme und äwisch” – da lacht man sich ja ‘kapott’, wenn man das hört, deswegen gibt’s vielleicht kein Liebesflehen auf kölsch. Und so ist es wahrscheinlich in den Popsongs gemeint: Der Imperativ hier ist eher ein Flehen oder Winseln, im Subtext steht die Erwartung oder Befürchtung, daß es damit vermutlich nichts wird bei der oder dem Angebeteten.

      Ein Schnäppchen, ich befürchte allerdings, daß es dieser Aufforderung gar nicht bedarf. Köln ist ja ein ‘Jeföhl’, das wahrscheinlich hauptsächlich an der Theke entsteht.

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