Wenn man am Potsdamer Platz aus dem Untergrund auftaucht, in Erwartung all der architektonisch-omnipotenten Scheußlichkeiten, die aussehen wollen wie New York und gerade dadurch trotz ihrer Größe armselig wirken, wenn man da also die Rolltreppe hochfährt, rechnet man nicht mit dieser großen und dennoch filigranen Skulptur …
… die sich einem langsam enthüllt. Was ist das? Füße, Hände, steht da jemand auf dem Kopf? Ich könnte es verstehen angesichts des Platzes, soviel Unverstand, da wird man im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt.
Ein Blick auf die Standplatte verrät: Es ist das Denkmal für Giordano Bruno, einem italienischen Geistlichen, der im Jahre 1600 von der katholischen Inquisition als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bruno war ein kluger Mann, er konnte sich nicht mit den Unsinnigkeiten seiner Kirche abfinden, wetterte dagegen und schrieb mehrere Bücher, in denen er sich mal ernst, mal spöttisch mit den verbohrten Geistlichen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften auseinandersetzte. Er war überall dabei, und überall wurde er wieder exkommuniziert: Bei den Katholen ebenso wie bei den Calvinisten und den Lutheranern. Manchmal fand er Gönner, die ihn für einen Magier hielten, aber wenn sie merkten, was für ein „Querulant“ er war, ließen sie ihn schnell wieder fallen. Der letzte lieferte ihn an den Vatikan aus, wo er sieben Jahre lang eingekerkert und „befragt“ wurde, bevor man ihn öffentlich ermordete. Genau 400 Jahre später gab der Vatikan bekannt, daß es ihm Leid tue. Ich befürchte allerdings, die päpstliche Erkenntnisgeschwindigkeit hat sich seitdem nicht erhöht.
Die Plastik ist die genaue Kopie eines Bronzeabgusses, erschaffen von dem Bildhauer Alexander Polzin. Ich finde sie ganz wunderbar, die organische Form berührt mich, und ich kann mir kaum einen besseren Ort als diesen dafür vorstellen. Die Figur soll nicht nur an Bruno erinnern, sondern stellvertretend auch an Religionsfreiheit gemahnen (was natürlich auch für das Fliegende Spaghettimonster gilt).
Lesen wir nun, was der Fachmann und Philosoph Dr. Michael Schmidt-Salomon dazu sagt: „In seiner kompromisslosen Absage an künstlerische Moden stellt [Polzin] sich in die Tradition der künstlerischen Moderne und belebt so einen unzeitgemäß erscheinenden, weil vom Geist der Aufklärung getragenen Kunstbegriff – etwa im Sinne Hegels, der betonte, dass wir es in der Kunst „mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit einer Entfaltung der Wahrheit“ zu tun haben. Polzin geht es nie um ein zweckfreies Spiel der Formen, sondern um ein ernsthaftes Ringen um Sinn, […]“.
Das Ringen um Sinn wird oft versucht, oft scheitert man haarscharf, wie das Zitat selbst zeigt. Kann es sein, daß unseliges Geschwafel besonders bei Kunstdingen sehr häufig vorkommt? Ob es da einen Automaten gibt? Man wirft 2 Euro hinein, und heraus kommt ein kleines Kärtchen mit solchen Sätzen, und wo der Name stehen soll, befinden sich drei Punkte und man kann einsetzen, wen man will. Applaus garantiert.
