Berliner Eindrücke (2)

Wenn man am Potsdamer Platz aus dem Untergrund auftaucht, in Erwartung all der architektonisch-omnipotenten Scheußlichkeiten, die aussehen wollen wie New York und gerade dadurch trotz ihrer Größe armselig wirken, wenn man da also die Rolltreppe hochfährt, rechnet man nicht mit dieser großen und dennoch filigranen Skulptur …

… die sich einem langsam enthüllt. Was ist das? Füße, Hände, steht da jemand auf dem Kopf? Ich könnte es verstehen angesichts des Platzes, soviel Unverstand, da wird man im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt.

Ein Blick auf die Standplatte verrät: Es ist das Denkmal für Giordano Bruno, einem italienischen Geistlichen, der im Jahre 1600 von der katholischen Inquisition als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Bruno war ein kluger Mann, er konnte sich nicht mit den Unsinnigkeiten seiner Kirche abfinden, wetterte dagegen und schrieb mehrere Bücher, in denen er sich mal ernst, mal spöttisch mit den verbohrten Geistlichen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften auseinandersetzte. Er war überall dabei, und überall wurde er wieder exkommuniziert: Bei den Katholen ebenso wie bei den Calvinisten und den Lutheranern. Manchmal fand er Gönner, die ihn für einen Magier hielten, aber wenn sie merkten, was für ein „Querulant“ er war, ließen sie ihn schnell wieder fallen. Der letzte lieferte ihn an den Vatikan aus, wo er sieben Jahre lang eingekerkert und „befragt“ wurde, bevor man ihn öffentlich ermordete. Genau 400 Jahre später gab der Vatikan bekannt, daß es ihm Leid tue. Ich befürchte allerdings, die päpstliche Erkenntnisgeschwindigkeit hat sich seitdem nicht erhöht.

Die Plastik ist die genaue Kopie eines Bronzeabgusses, erschaffen von dem Bildhauer Alexander Polzin. Ich finde sie ganz wunderbar, die organische Form berührt mich, und ich kann mir kaum einen besseren Ort als diesen dafür vorstellen. Die Figur soll nicht nur an Bruno erinnern, sondern stellvertretend auch an Religionsfreiheit gemahnen (was natürlich auch für das Fliegende Spaghettimonster gilt).

Lesen wir nun, was der Fachmann und Philosoph Dr. Michael Schmidt-Salomon dazu sagt: „In seiner kompromisslosen Absage an künstlerische Moden stellt [Polzin] sich in die Tradition der künstlerischen Moderne und belebt so einen unzeitgemäß erscheinenden, weil vom Geist der Aufklärung getragenen Kunstbegriff – etwa im Sinne Hegels, der betonte, dass wir es in der Kunst „mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit einer Entfaltung der Wahrheit“ zu tun haben. Polzin geht es nie um ein zweckfreies Spiel der Formen, sondern um ein ernsthaftes Ringen um Sinn, […]“.

Das Ringen um Sinn wird oft versucht, oft scheitert man haarscharf, wie das Zitat selbst zeigt. Kann es sein, daß unseliges Geschwafel besonders bei Kunstdingen sehr häufig vorkommt? Ob es da einen Automaten gibt? Man wirft 2 Euro hinein, und heraus kommt ein kleines Kärtchen mit solchen Sätzen, und wo der Name stehen soll, befinden sich drei Punkte und man kann einsetzen, wen man will. Applaus garantiert.

Berliner Eindrücke (1)

Hat Schildermaler Kevin etwa ein Praktikum in Berlin absolviert? Angesichts der Tatsache, daß das hier auch ein Handyladen ist, bleiben wir lieber draußen …

… und besuchen die Bonbonmacherei in den Heckmann Höfen an der Oranienburger Str. Hier werden alle Bonbons nach traditionellen Rezepten und mit alten Maschinen selbst hergestellt. Besonders beliebt sind die Berliner Waldmeisterblätter. Doch, schmeckt intensiv, aber ich hab’s nicht so mit großen Stücken Zucker im Mund. Aber meine Begleiterin war hocherfreut.

Gegenüber von der immer noch verhüllten Gedächtniskirche entsteht ein neues Geschäfts- und Büroareal, „Bikini Berlin“. Keine Ahnung, wer sich den Namen ausgedacht hat – an was sollen wir dabei denken, an junge Damen in sexy Zweiteilern, oder an das Atoll, daß zu Atomtestzwecken vollständig zerstört wurde? Ich befürchte, letzteres, moderne Geschäfts- und Büroarchitektur, das sieht man überall, hat Unwirtlichkeit zum Programm.

Bücherflohmarkt vor der Humboldt-Universität – hier macht Stöbern Spaß.

Im Café des Historischen Museums gibt es ausgezeichneten Apfelstrudel mit Vanilleeis – ein echter Tipp! Aber wahrscheinlich eher was für Touristen.

Einheimische … Vögel kriegen hier was zu futtern. Nett, da setzt sich ein Kiezaktivist für die Natur in Kreuzberg ein, hier ist sein Blog.

Aus Kreuzberg kommt auch „die tageszeitung“, kurz taz genannt. Ob das drohende Gebäude im Hintergrund schon zur Springerpresse gehört, die ganz in der Nähe residiert? Möglich wär’s.

Man wacht morgens auf – und plötzlich ist die Welt weiß. Hat nur einen Tag gehalten, aber die Kinder auf dem Spielplatz freut’s …

… und die Erwachsenen auch.

Der Goerlitzer Bahnhof ist ein U-Bahnhof, obwohl er überirdisch liegt. Hier fährt die Linie 1, glücklicherweise unabhängig vom anderen Straßenverkehr und irgendwann auch mal unter der Erde. Daher paßt das schon.

Reisen

Reisen mit dem Zug macht keinen Spaß mehr. Daran ist gar nicht die Bundesbahn schuld, obwohl es da noch einiges zu verbessern gäbe, und auch nicht außergewöhnliche Umstände, die es früher auch schon gab, ein Stinker zum Beispiel, neben dem man zufällig sitzt, oder eine ausgefallene Heizung. Nein, der Grund ist der oder die ganz normale durchschnittliche Mitreisende.

Viele Leute mißbrauchen die Öffentlichkeit zur intimen Bedürfnisbefriedigung, und in einem Großraumabteil als Ort einer zeitweiligen Zwangsgemeinschaft ist das besonders unangenehm. Ich meine das Bedürfnis zu telefonieren. Das fängt schon mit dem Klingelton an: Beliebt und weit verbreitet ist ein lautes „Rrrrrrrrrringggg“, wie man es sonst nur noch aus alten Spielfilmen kennt, wenn die Telefonklingel so eingestellt ist, daß sie dem Bauern auf dem Hof, der gerade die Kühe melkt, signalisiert, daß jemand an seinem Wählscheibentelefon in der Wohnstube anruft. Wahrscheinlich nennt man das ‚retro‘. Gern wird auch „Für Elise“ von Beethoven genommen, gespielt offenbar von einem Symphonieorchester, den Handybesitzern scheint das so gut zu gefallen, daß sie die Wiederholung des Hauptthemas abwarten, bevor sie den Anruf annehmen.

Dann geht das Gespräch los: Familiendramen, Geschäftsabsprachen, Beziehungserörterungen, Krankheiten, Anekdoten jeglicher Art, alles, was alle Mitreisenden nichts angeht und was ich auch gar nicht wissen will, wird in Theaterlautstärke von sich gegeben, und so unterschiedlich die Gesprächsinhalte auch sind, ein Thema kommt bei allen vor: Wo sich der oder die Angerufene zur Zeit befindet, wann der Zug abgefahren ist, wo es hingeht und wann man ankommt.

Es vergehen kaum fünf Minuten, in denen mal jemand nicht telefoniert. Es scheint den Leuten gar nicht klar zu sein, daß das Führen eines Gespräches eine persönliche, intime Angelegenheit ist, nicht umsonst gab es früher eigens Zellen dafür, falls mal jemand gezwungen war, es in der Öffentlichkeit zu tun. Angelehnt an das Wort „Voyeur“ wird der Mitreisende zu einem „Ecouteur“, zu jemandem, der zwangsweise Zeuge von Gesprächen wird, in denen die privatesten Dinge verhandelt werden – das erscheint mir fast so, als würde jemand während der Fahrt in aller Öffentlichkeit seine Unterwäsche wechseln, und das gleich mehrere Male hintereinander, denn das Handy steht ja nie still. Das ist, mit den Worten des Soziologen R. Sennett gesprochen: Der Terror der Intimität. Man sollte das Telefonieren in öffentlichen Räumen verbieten. Mit dem Rauchen klappt das doch auch.

Optimistischer Rutsch

Jede Wette: Heute Abend wird die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache wieder sagen, daß das vergangene ein schwieriges Jahr war, dennoch ist schon vieles erreicht und auf den richtigen Weg gebracht. Auch das nächste Jahr wird nicht einfach werden, aber mit vereinten Kräften werden „wir“ alles nötige tun, um blabla, „wir“ sind auf einem guten Weg, wenn „wir“ auch weiterhin blabla. Man könnte das als verbales Bleigießen bezeichnen, man läßt ein paar aufgewärmte Floskeln in eine Flüssigkeit fallen, die erstarren dann, und heraus kommt der Text der Neujahrsansprache. Aber so macht die Bundeskanzlerin das natürlich nicht. Sie befragt stattdessen ihre Auguren.

Auguren, so wurden die Beamten des antiken Römischen Reiches genannt, die die sogenannten Auspizien einholen mußten: Ob eine politische Entscheidung gut oder schlecht war, konnte man an der Beobachtung und Deutung des Vogelflugs erkennen. So dachte man jedenfalls. Heute haben wir Parlamente und einen riesigen Ministerapparat, aber insgeheim werden natürlich immer noch die Auguren befragt. Oder glaubt tatsächlich jemand, die Entscheidungen in der Wirschafts-, Sozial- und Bildungspolitik würden auf der Grundlage von Vernunft gefällt? Nein, das sieht doch jeder, hier wird nach Vogelflug entschieden. Die Auguren von Bundespräsident Wulff z.B. sind sogar so geschickt in der Deutung, die brauchen gar nicht mehr in den Himmel zu gucken. Sie haben ihm geraten, jeweils nur soviel zuzugeben, wie man ihm nachweisen kann. „Aber das kann ich den Bürgern doch nicht verkaufen“, hat er in einem Anflug von Zweifel gesagt. „Den Bürgern kannst du alles verkaufen, glaub uns“, haben seine Auguren Maschmeyer und Geerkens und seine anderen Millionärsfreunde feixend geantwortet.

Ich habe keine Auguren, aber ich blicke trotzdem optimistisch ins neue Jahr, denn folgendes ist passiert: Ich ging vor ein paar Tagen spazieren, die Sonne schien, plötzlich begann es zu nieseln. Ich wollte schon losfluchen, da befiel mich eine Ahnung, ich drehte mich um – und sah für ungefähr 15 Sekunden diesen wunderschönen Doppelregenbogen. Wenn das kein gutes Omen ist! Daß das Foto entstanden ist, ist übrigens der Beweis dafür, daß ich wie Lucky Luke schneller schießen kann als mein Schatten. Jedenfalls weiß ich genau, wo die Enden des Regenbogens auf die Erde treffen (in welcher Stadt, verrate ich nicht), und wenn ich dort die vergrabenen Goldtöpfe finde, bin ich ein reicher Mann. Gut, auf der einen Seite muß ein Haus abgerissen werden, auf der anderen muß man das Vareler Hafenbecken auspumpen. Vielleicht vermittelt mir Herr Wulff einen günstigen Kredit …

Weihnachtsbesuch an der Küste

Immer, wenn ich sage, mein Geburtsort Varel sei am Jadebusen, stutzen die Leute: Ein Ort an einem grünen Edelstein in Form einer weiblichen Brust – wie jetzt? Die Jade ist aber auch ein kleiner Fluß, der in eine Bucht an der deutschen Nordseeküste mündet, eben dem Jadebusen. Links oben, am Eingang der Bucht, liegt übrigens Wilhelmshaven. Varel ist die Siedlung am unteren Bildrand.

Im Hafen liegen nicht nur Boote für Freizeit und Vergnügen …

… und zum Wohnen …

… sondern auch Kutter für den Fisch- und Granatfang.

Wer im Supermarkt gepulte Granat (kleine, von der Schale befreite Krabben) kauft, sollte wissen, daß die in der Regel schon einen weiten Weg hinter sich haben: In der Nordsee gefangen, werden sie in großen Lastern durch Frankreich und Spanien gefahren und bei Gibraltar auf Schiffe verladen, um dann in der marokkanischen Wüste in eigens errichteten Kühlhäusern von billigen Arbeitskräften gepult zu werden. Retour geht es auf dem gleichen Weg – ein ökologisches Desaster, aber ökonomisch lukrativ. Hier kann man allerdings die Granat frisch gefangen und noch auf dem Kutter gekocht kaufen und am Besten gleich in den Mund pulen – lecker!

Diese Weite! Diese Luft!

… gibt es natürlich auch in Grau.

Der Jadebusen ist ziemlich flach, d.h., meistens ist kein Wasser zu sehen, sondern nur schwarzer knöcheltiefer Schlick. Sechs Stunden lang zieht sich das Wasser zurück, und weitere sechs Stunden braucht es, um wieder da zu sein – das fand ich als Kind nicht so toll:

Da hat man einen Strand, aber Schwimmen ist nicht.

Aber schön ist es trotzdem – finde ich besonders jetzt, wo ich nicht mehr hier wohne.

In der Mühlenstr., die deswegen so heißt:

… habe ich diesen Laden entdeckt:

„Hier entstehen die Friesen-Kids“. Hier also? Ich wußte gleich, das mit dieser Gegend was nicht stimmt: Die Kinder werden hier nicht selbst gezeugt, sondern in Läden bestellt und ausgeliefert. Da ich das als Jugendlicher nicht wußte, bin ich nach einer frustreichen Zeit schließlich weggezogen.

Immer mal wieder zu Besuch hier zu sein, ist ganz nett, aber – ehrlich gesagt: Hier möchte ich nicht begraben sein.

Ausflug zur Bundesgartenschau, Teil 2

Es ist heiß, 30 Grad mindestens, ein Besuch dieser Telefonzelle wird da keine Abkühlung verschaffen, im Gegenteil. Dafür kann man auch nicht telefonieren – innen dudelt nur der Rundfunk von SWR1, kein Verlust also.

Gut, wenn man einen Platz unter einem Sonnenschirm findet und den Rock ein wenig lüpfen kann …

… ob das aber das richtige Getränk ist bei dieser Affenhitze?

Ein Saft aus diesen Früchten, gemischt mit dem von Orangen, wäre wahrscheinlich viel gesünder: Paprikaschoten …

… die hier ein Grab schmücken. Also jetzt kein richtiges Grab, das ganze ist nur ein Designvorschlag. Finde ich gut, warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Nach einem kurzen Blick auf Heidi Klum …

… und anderen Maskottchen fahren wir zurück zum Deutschen Eck.

Viel gibt es da nicht zu sehen, was wir nicht schon letztes Jahr gesehen hätten, aber da wir in diesem Jahr dafür bezahlt haben, gehen wir da auch hin. So!

„Alchemy“ heißt diese Skulptur, die in einem kleinen Park neben einer Kirche steht. Auf dem Körper stehen Namen von Schriftstellern, und aus dem Inneren soll eigentlich eine Pflanze durch die Löcher nach außen ranken – tut sie aber nicht, vielleicht hat sie gerade Mittagspause.

Kaum sind auch wir hungrig eingekehrt, fegt ein Sturm über Koblenz, ca. drei Minuten dauert der Spuk, der Wind ist so heftig, daß er Bäume umknickt. Später hörte ich in den Nachrichten, daß in einem Biergarten eine Frau von einem Ast erschlagen worden war – da vergeht einem der Spaß.

Das BuGa-Gelände wird sogleich abgesperrt, zu groß sind die Verwüstungen, aber wir haben eh genug. Und nach Köln dauert die Zugfahrt glücklicherweise nur gut eine Stunde.

Ausflug zur Bundesgartenschau, Teil 1

Wenn mir jemand in den 70ern gesagt hätte, ich würde einmal freiwillig die Bundesgartenschau besuchen, den hätte ich für bekloppt gehalten. Blumenrabatte an angelegten Wegen, „Rasen-betreten-verboten“-Schilder, und dafür auch noch Eintritt zahlen – der Inbegriff der Spießigkeit.

Aber so schlimm ist es gar nicht. Vorausgesetzt, man hat die richtige Ausflugsbegleitung und gute Laune, macht es sogar Spaß, die „BuGa“ in Koblenz zu besuchen. Geld braucht man natürlich auch, der Eintritt kostet 20 Euro (ermäßigt 18 Euro – diese Ermäßigung ist ein Hohn für alle, die sie in Anspruch nehmen müssen). Kaffee und Kuchen im Schloßcafé sind auch nicht billig, aber lecker.

Moderne Kunst im Schloßpark, aufgespießte oder zu Sträußen gebundene Plastikflaschen, sehr gesellschaftskritisch.

Ein paar Meter den Rhein abwärts ist das „Deutsche Eck“, wo Rhein und Mosel zusammenfließen. Normalerweise ist das hier einfaches Stadtgebiet, im letzten Jahr sind wir hier ungehindert überall herumgelaufen. Jetzt ist alles weiträumig mit hohen Zäunen abgesperrt. Merkwürdig.
Hier geht es in der Seilbahn zur anderen Rheinseite auf das BuGa-Gelände um die Festung Ehrenbreitstein.

Oben kann man noch höher steigen, über zwei Etagen wird man durch eine Art Holzgestell geführt, damit man über die Bäume hinweg sehen kann.

Zwischendurch darf man sich vom Wald beschuldigen lassen: „Ihr erwartet viel von mir! Ihr kommt zum Picknicken, ich soll euch das Wasser filtern, ihr wollt durch mich wandern, ich soll euch die Luft säubern, Weihnachtsbäume sind auch von mir, ihr benutzt mich als Toilettenpapier …“ – ja gut, zugegeben, das klingt jetzt wirklich nicht nett. Ungerecht irgendwie. Aber was sollen wir stattdessen benutzen? Stroh?

Von oben hat man einen schönen Blick aufs Deutsche Eck …

… und auf das BuGa-Gelände. Auf den ersten Blick könnte man auch meinen, das hier ist die Bundes-Rasenschau, …

… aber Blömcher (wie der Kölner sagt) gibt’s hier auch jede Menge.

Fortsetzung folgt!

Urlaub 5. Station, Rühstädt (Umgebung)

12 Kilometer mit dem Fahrrad auf dem Elbdeich, da ist es ganz gut, daß die Sonne nicht so knallt. Auch der Wind ist angenehm lau – die Fahrt ist ein einziges Vergnügen.

In den Gebäuden der alten Ölmühle in Wittenberge (nicht zu verwechseln mit der Lutherstadt Wittenberg) lädt ein Café/Restaurant zu Kaffee und Kuchen ein. Hier finden jährlich die berühmtberüchtigten „Elblandfestspiele“ statt, das „internationale Festival für Operette und heitere Bühnenkunst“. Aha.

Wittenberge – ein Städtchen zum Durchreisen und Kaffeetrinken – war einmal der bedeutendste Industriestandort der Gegend: Ölmühle, Nähmaschinenwerk (die bereits von Singer gegründet worden war), Zellstofffabrik usw. wurden allerdings nach der Wende in kürzester Zeit dichtgemacht, Tausende verloren ihre Arbeitsplätze. Wohnten hier 1989 ca. 30.000 Einwohner, sind es heute noch etwas mehr als 18.000, mit abnehmender Tendenz. „Blühende Landschaften“ sollten hier nach Helmut Kohls Worten entstehen, und das werden sie auch, wenn kaum noch einer in diesem Landstrich wohnen und die Natur alles überwuchern wird.

Eine andere kleine Stadt in der Nähe verführt ebenfalls fast zum unaufmerksamen Durchqueren, wenn in der Mitte nicht dieses Monstrum von Kirche stünde: Es ist die Wunderblutkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack. Da zu dieser Kirche im späten Mittelalter hunderttausende Wallfahrer pilgerten, ist diese Kleinstadt eine Zeitlang eine der größten Wallfahrtsorte gewesen, die Leute kamen aus ganz Europa hierher.

Das kam so: Wilsnack wurde im Jahre 1383 in irgendwelchen kriegerischen Auseinandersetzungen komplett zerstört, die Bewohner versteckten sich derweil in einem Nachbarort. Als der Pfarrer in den Ruinen seiner Kirche herumstöberte, fand
er – angeblich – drei unversehrte Hostien, die blutige Male trugen, auf dem Altar. Ein Wunder, ein Wunder! – mag er gerufen haben. Der Bischof hörte und bestätigte das. Flugs wurde eine neues Kirchengebäude gebaut und der Papst erteilte der Stadt bereits ein Jahr später einen Ablassbrief.

Einmal die Kirche umrunden gab 42 Tage Ablass, eine Zeit, die man nach seinem Tod weniger im Fegefeuer verbringen mußte, und für jede Meile, die man zurückgelegt hatte, um überhaupt hierherzukommen, gab es noch 1 Tag dazu. Außerdem bildeten sich sogenannte Transitheiligtümer: Kirchen und Klöster, die an den Wegen Richtung Wilsnack erbaut wurden, wo man auch noch ein paar Tage Ablass „erwerben“ konnte. Auf der Sündenwaage konnten die Sünder ihr Gegengewicht in Gütern für die Kirche aufwiegen lassen, außerdem war es fast Pflicht, sich ein Wallfahrtsabzeichen zu kaufen, das natürlich auch von der Kirche vertrieben wurde (die Nachbildung von drei roten Hostien, die man sich an die Kutte heften konnte).

Diese ganze Wallfahrerei war ein unglaublich gutes Geschäft, das war ja in Köln auch nicht anders: Die Pilger mußten untergebracht und ernährt werden, außerdem kauften sie alle möglichen Devotionalien, und nicht selten wurden sie einfach ausgeraubt. Und wie immer, wenn eine Abzocke mal so richtig gut läuft und alle sich eigentlich gut dabei fühlen, kommt irgendein Miesepeter und mault so lange herum, bis es nicht mehr funktioniert. In diesem Fall war es der Reformer Jan Hus und seine Nachfolger Luther und andere Reformatoren, die dafür sorgten, daß der einfältigen Wundergläubigkeit der Boden entzogen wurde. Mit der Verbrennung der Hostien 1552 durch einen evangelischen Pfarrer hörten die Pilgerreisen auf und die katholischen Belustigungen wurden durch evangelische Plackerei ersetzt.

Die eindrucksvollen Holz-Licht-Skulpturen, die gerade in der Kirche ausgestellt wurden, sind übrigens von Kerstin Schneggenburger.

So, meine Lieben, das war der Urlaub, drei Wochen gehen schnell vorbei. Es hat viel Spaß gemacht, was in erster Linie natürlich an meiner Mitreisenden lag, aber alle Orte fand ich besuchenswert. Mal schauen, wo ich als nächstes hinfahre.