
Als ich vor ein paar Tagen den Kölner Stadtanzeiger aus dem Postkasten holte, sprang mir die Schlagzeile entgegen: „Woelki führt Aufstand unter Bischöfen an“ (KStA, 05.04.2018).
Vor meinem geistigen Auge entstand sogleich das Bild unseres Erzbischofs, Kardinal Woelki, wie er mit bloßem Oberkörper, die phrygische Mütze auf dem Kopf und die Fahne der Freiheit nach vorn stoßend mutig eine Schar von Revolutionären auf die Barrikaden führt – ähnlich dem berühmten Gemälde von Delacroix. Ich hätte nicht falscher liegen können. Was war passiert? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte auf einer Sitzung mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen, daß die gemischtreligiöse Ehe ein Notfall ist.
In einem Notfall, also beim Untergang der Titanik oder einem Flugzeugabsturz in den Anden, ist es katholischen Priestern erlaubt, auch Nichtkatholiken am Abendmahl teilnehmen zu lassen, d.h.: Eine Oblate auf die Zunge, dazu ein Schlückchen Wein. Da solche Unglücke relativ selten vorkommen (und dann muß ja auch noch zufällig ein katholischer Priester anwesend sein), ist nun auch ein Notfall, was viel häufiger passiert, nämlich wenn ein katholischer Ehepartner seine andere evangelische Hälfte mitbringt zur Eucharistiefeier und der oder die bisher dumm daneben gestanden hat, wenn es um Oblate und Wein ging. Oft schummelten sie einfach, oft auch mit Wissen des Priesters. Aus dieser Notlage sind nun alle befreit, wenn es nach dem Willen der Bischofskonferenz geht.
Dagegen nun lehnt sich Woelki auf: Er sicherte sich die Unterstützung von sechs anderen erzkonservativen Bischöfen, und gemeinsam schrieben sie einen Brief an den Chef – hintenrum, also ohne vorher die Bischofskonferenz unter der Leitung von Kardinal Marx zu informieren. Also, jetzt nicht an den Chef direkt – wie soll man das auch adressieren: „Gott / Himmelreich / Abt. Christentum“? Das kriegt die Deutsche Post nie hin – sondern an den Stellvertreter seines Sohnes im Vatikan.
Grund der Petzerei: Nach der katholischen Glaubenslehre verwandeln sich die Oblate und der Wein wirklich – und nicht nur symbolisch, wie die Evangelen glauben – in den Leib des ehemaligen Sektenführers Jesus und in sein Blut, auch wenn man glücklicherweise nichts davon schmeckt. Und wenn Nichtkatholiken am Abendmahl teinehmen wollen, so Woelki und seine Vasallen, dann sollen sie vorher gefälligst Katholiken werden. Wo führt das hin, wenn die katholische Kirche ständig ihre Regeln aufweicht? Hat man nicht gerade erst zähneknirschend zugestanden, daß sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt? Ist nicht erst kürzlich Galileo Galilei rehabilitiert worden (1992, nach 350 Jahren)? Was kommt als nächstes? Womöglich wird der Mutter Maria die Jungfrauenschaft abgesprochen?!
Soweit der Stand der Dinge – eigentlich ziemlich uninteressant. Interessant allerdings wird die Angelegenheit durch die Reaktion des Kölner Stadtanzeigers: Man zeigt sich dort tief enttäuscht vom neuen Kardinal, der sich seit dem Tod seines Vorgängers Kardinal Meisner noch konservativer und – noch schlimmer – unberechenbarer zeige als dieser. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren sei, sei der Mann eine „Ich-AG“, der aufgrund seiner Herkunft aus „kleinen Verhältnissen“ Aversionen gegen das Establishment hege und daher etablierte Strukturen ablehne, was man nicht zuletzt an seinem unkonventionellen Auftreten festmachen könne – „Jeans und manchmal hemdsärmelige Sprache“. Ja, das ist ja wirklich … äh … ungeheuerlich. Ein Bischof in Jeans, soso. Und was sagt er, wenn er hemdsärmelig spricht? „Jo hey Bro, wie fett krass geil ist denn der Scheiß!“? Das weiß man beim Stadtanzeiger nicht genau, aber dafür um so mehr andere Interna:
Die Diözese werde eigentlich von zwei Frauen geleitet: „Von Woelki als Leiterin einer eigens eingerichteten Diözesanstelle eingesetzt, genießt die Theologin [Vera Krause] zusammen mit Büroleiterin Gerlinde Schlüter, die der Kardinal aus Berlin importiert hat, Woelkis höchstes Vertrauen – und Privilegien an allen angestammten Kompetenzen und Strukturen vorbei […] Krause, so wird erzählt, rede in allen Fragen mit und hinein, und wenn Schlüter Woelki etwas zum Lesen auf den Tisch lege mit dem Satz „also, Herr Kardinal, das geht doch nun gar nicht“, dann habe das mitunter fast Gesetzeskraft. Im Kölner Klerus geht die Frotzelei um: Alles, was heute im Erzbistum passiert, müsse erst ‚verafiziert‘ werden – ‚gerlinde gesagt‘.“ (S. 3). Subtext: Kardinal Woelki, der Waschlappen, läßt sich von Frauen (!) herumkommandieren. So geht es also zu im Diözesanbüro. Meine Damen und Herren, verpassen Sie nicht den nächsten Tratsch Insiderbericht von den (männlichen) Waschweibern im Kölner Stadtanzeiger: Kardinal Woelki trägt einen Dufflecoat und hat schonmal einen Joint gesehen (nicht inhaliert)! Vera und Gerlinde treffen sich in der Sauna!!
Wenn man mich fragt: Ich finde ja den Protest gegen die Liberalisierung der Abendmahlsfeier völlig richtig: Je mehr Leute von diesem Unsinn ferngehalten werden, desto besser.