Sonn(en)tag

Was war das gestern für ein wunderschöner Sonntag. Viele Städter waren in den Parks oder an irgendwelchen Seen, sodaß ich in der Innenstadt mal sehr entspannt spazierengehen konnte. Sonst ist es auch an Sonn- und Feiertagen oft dermaßen überlaufen, daß man meinen könnte, die Geschäfte wären geöffnet.

Da scheinen Katzenliebhaber zu wohnen (- mit Gruß an Catwoman Mosi). Mir ist aufgefallen, daß viele Leute zu Tieren eine viel zärtlichere Einstellung haben als zu Menschen.

Überall stehen noch Maibäume herum, junge Birken, die in der Nacht zum 1. Mai bunt geschmückt von jungen Männern in der Nähe der Wohnung einer Angebeteten angebracht wurden. Manchmal bin ich ganz froh, in Köln und nicht in einer anderen Stadt zu wohnen: Die 1.-Mai-Bräuche sind je nach Region sehr unterschiedlich, und was zum Beispiel in München abgeht, davon hat Blogfreundin Mitzi Irsaj amüsant erzählt. Ich bewundere ihre Gelassenheit – anders kann man das wohl nicht ertragen, aber ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde.

Das Eis von Café Schmitz soll gut sein – da lohnt es sich offenbar sogar, dem ehemaligen Bürgermeister und Bundeskanzler einen Wagen an die Seite zu stellen. Da gibt es „vegane Sorbets“ … es hat etwas gedauert, bis ich darauf gekommen bin: Nicht Eis ohne Fleisch soll das bedeuten, sondern ohne Milch. Aha. Und demnächst kann man frische vegane Erdbeeren kaufen.

Mir steht eher der Sinn nach was Herzhaftem, ich habe Hunger. Da trifft es sich gut, daß ich zufällig am „Frittenwerk“ vorbeikomme, in dem ausnahmsweise mal keine Schlange vorm Verkaufstresen steht. Ich nutze die Gunst der Stunde:

Die Fritten mit einem Hauch Knoblaucharoma: Lecker (es gibt wahlweise auch ohne). Der Guakomole fehlt es leider an Pfiff, etwas mehr Zitronensaft hätte ihr gut gestanden, und die Tomatenstückchen sind leider Wasser in einem anderen festen Zustand als Eis und damit komplett überflüssig. Ich würde die Note „ausreichend“ vergeben. Aber nun kommt’s: Das kleine Schälchen kostet 6,20 Euro. Macht nichts – Erfahrung macht klug.

Wasserbusse

Immer mal wieder gibt es in Köln Ideen, die eine zeitlang diskutiert, dann aber wieder vergessen werden – andere Dinge sind dann wichtiger. Zu Anfang des Jahres kam wieder mal die Idee von Wasserbussen auf: Die Stadt wird immer größer, das Rechtsrheinische – immer noch oft schmählich als „schäl Sick“ (=falsche Seite) bezeichnet – gewinnt an Bedeutung und an neuen Wohnungen, was zu noch häufigeren Verstopfungen der Brücken führt. Ein regelmäßig verkehrender Wasserbus, etwa von Leverkusen im Norden über zahlreiche Zwischenstopps bis Rodenkirchen oder gar Wesseling im Süden, das halten nicht wenige für gut. So hat der Stadtrat der Verwaltung eine Prüfung der Angelegenheit auferlegt. In der Verwaltung arbeiten 17.000 Leute, das ist die Größe einer Kleinstadt, da kann man nicht mal so eben einfach mit völlig neuen Vorschlägen kommen, das erzeugt vermutlich eine sich lawinenartig verbreitende Panikwelle in den Köpfen der Verantwortlichen, deren Abteilungen eventuell an dem Prozeß beteiligt sein könnten, und es dauert etwas, bis die Bedrohung abgeklungen ist. Dann wird jemand ausgeguckt (durch Streichholzziehen oder anders, ich weiß nicht genau), der oder die die im Grunde durchaus begrüßenswerten Vorschläge loben – und dann wirksam und nachhaltig abbügeln soll. Als wenn man nicht schon genug zu tun hätte! Man werde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben, heißt es aus dem Verkehrsdezernat, aber leider, zu unserem größten, nein, allergrößten Bedauern, dauert das anderthalb Jahre.

Wer so lange nicht warten will, kann sich bei kultauto.de dieses Amphibienfahrzeug samt Fahrer mieten. Der Fahrpreis ist allerdings ein wenig höher als der einer Fahrt in den KVB-Bussen: 149,- Euro pro Person für ca. drei Stunden.

Heiter bis Woelki

Als ich vor ein paar Tagen den Kölner Stadtanzeiger aus dem Postkasten holte, sprang mir die Schlagzeile entgegen: „Woelki führt Aufstand unter Bischöfen an“ (KStA, 05.04.2018).
Vor meinem geistigen Auge entstand sogleich das Bild unseres Erzbischofs, Kardinal Woelki, wie er mit bloßem Oberkörper, die phrygische Mütze auf dem Kopf und die Fahne der Freiheit nach vorn stoßend mutig eine Schar von Revolutionären auf die Barrikaden führt – ähnlich dem berühmten Gemälde von Delacroix. Ich hätte nicht falscher liegen können. Was war passiert? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte auf einer Sitzung mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen, daß die gemischtreligiöse Ehe ein Notfall ist.

In einem Notfall, also beim Untergang der Titanik oder einem Flugzeugabsturz in den Anden, ist es katholischen Priestern erlaubt, auch Nichtkatholiken am Abendmahl teilnehmen zu lassen, d.h.: Eine Oblate auf die Zunge, dazu ein Schlückchen Wein. Da solche Unglücke relativ selten vorkommen (und dann muß ja auch noch zufällig ein katholischer Priester anwesend sein), ist nun auch ein Notfall, was viel häufiger passiert, nämlich wenn ein katholischer Ehepartner seine andere evangelische Hälfte mitbringt zur Eucharistiefeier und der oder die bisher dumm daneben gestanden hat, wenn es um Oblate und Wein ging. Oft schummelten sie einfach, oft auch mit Wissen des Priesters. Aus dieser Notlage sind nun alle befreit, wenn es nach dem Willen der  Bischofskonferenz geht.

Dagegen nun lehnt sich Woelki auf: Er sicherte sich die Unterstützung von sechs anderen erzkonservativen Bischöfen, und gemeinsam schrieben sie einen Brief an den Chef – hintenrum, also ohne vorher die Bischofskonferenz unter der Leitung von Kardinal Marx zu informieren. Also, jetzt nicht an den Chef direkt – wie soll man das auch adressieren: „Gott / Himmelreich / Abt. Christentum“? Das kriegt die Deutsche Post nie hin – sondern an den Stellvertreter seines Sohnes im Vatikan.

Grund der Petzerei: Nach der katholischen Glaubenslehre verwandeln sich die Oblate und der Wein wirklich – und nicht nur symbolisch, wie die Evangelen glauben – in den Leib des ehemaligen Sektenführers Jesus und in sein Blut, auch wenn man glücklicherweise nichts davon schmeckt. Und wenn Nichtkatholiken am Abendmahl teinehmen wollen, so Woelki und seine Vasallen, dann sollen sie vorher gefälligst Katholiken werden. Wo führt das hin, wenn die katholische Kirche ständig ihre Regeln aufweicht? Hat man nicht gerade erst zähneknirschend zugestanden, daß sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt? Ist nicht erst kürzlich Galileo Galilei rehabilitiert worden (1992, nach 350 Jahren)? Was kommt als nächstes? Womöglich wird der Mutter Maria die Jungfrauenschaft abgesprochen?!

Soweit der Stand der Dinge – eigentlich ziemlich uninteressant. Interessant allerdings wird die Angelegenheit durch die Reaktion des Kölner Stadtanzeigers: Man zeigt sich dort tief enttäuscht vom neuen Kardinal, der sich seit dem Tod seines Vorgängers Kardinal Meisner noch konservativer und – noch schlimmer – unberechenbarer zeige als dieser. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren sei, sei der Mann eine „Ich-AG“, der aufgrund seiner Herkunft aus „kleinen Verhältnissen“ Aversionen gegen das Establishment hege und daher etablierte Strukturen ablehne, was man nicht zuletzt an seinem unkonventionellen Auftreten festmachen könne – „Jeans und manchmal hemdsärmelige Sprache“. Ja, das ist ja wirklich … äh … ungeheuerlich. Ein Bischof in Jeans, soso. Und was sagt er, wenn er hemdsärmelig spricht? „Jo hey Bro, wie fett krass geil ist denn der Scheiß!“? Das weiß man beim Stadtanzeiger nicht genau, aber dafür um so mehr andere Interna:

Die Diözese werde eigentlich von zwei Frauen geleitet: „Von Woelki als Leiterin einer eigens eingerichteten Diözesanstelle eingesetzt, genießt die Theologin [Vera Krause] zusammen mit Büroleiterin Gerlinde Schlüter, die der Kardinal aus Berlin importiert hat, Woelkis höchstes Vertrauen – und Privilegien an allen angestammten Kompetenzen und Strukturen vorbei […] Krause, so wird erzählt, rede in allen Fragen mit und hinein, und wenn Schlüter Woelki etwas zum Lesen auf den Tisch lege mit dem Satz „also, Herr Kardinal, das geht doch nun gar nicht“, dann habe das mitunter fast Gesetzeskraft. Im Kölner Klerus geht die Frotzelei um: Alles, was heute im Erzbistum passiert, müsse erst ‚verafiziert‘ werden – ‚gerlinde gesagt‘.“ (S. 3). Subtext: Kardinal Woelki, der Waschlappen, läßt sich von Frauen (!) herumkommandieren. So geht es also zu im Diözesanbüro. Meine Damen und Herren, verpassen Sie nicht den nächsten Tratsch Insiderbericht von den (männlichen) Waschweibern im Kölner Stadtanzeiger: Kardinal Woelki trägt einen Dufflecoat und hat schonmal einen Joint gesehen (nicht inhaliert)! Vera und Gerlinde treffen sich in der Sauna!!

Wenn man mich fragt: Ich finde ja den Protest gegen die Liberalisierung der Abendmahlsfeier völlig richtig: Je mehr Leute von diesem Unsinn ferngehalten werden, desto besser.

Glück

Man könne Glücksgefühle nicht kaufen, wird da behauptet, aber wenn man eine neue Brille erwerbe, komme man nah heran. Und was machen Leute, die keine Brille brauchen? Nicht verzagen …

… Kaffee trinken. Tja, wer den auch nicht mag, hat Pech gehabt. Oder er geht in den Baumarkt und kauft sich ein paar Dosen Spray-Farbe:

In korrektem Englisch müßte da stehen: „Graffiti make happy. You don’t!“, aber wir wissen, was gemeint ist. Nun, für den Künstler mag das stimmen. Ich bevorzuge allerdings ein Stück schwäbischen Apfelkuchen von Café Braun, oder ein Stück Zartbitterorangenschokolade von Lindt, oder ein gut gekühltes Pils an einem lauen Sommerabend. Glück ist vielleicht die falsche Bezeichnung für das Gefühl, das sich dann einstellt, es ist eher eine tiefe Zufriedenheit. Glück halte ich für völlig überbewertet: Glück erhält seine eigentliche Qualität dadurch, daß es meistens abwesend ist. Und wer sich das bewußt macht, läuft Gefahr, sich für überwiegend unglücklich zu halten, was ja – rein quantitativ gesehen – auch stimmt. Dauerhaftes Glück ist eine Erfindung der Werbeindustrie, damit wir ständig und ohne Unterlaß das versuchen, was dieses Geschäft schon mit seinem Namen verspricht:

Zufriedenheit ist mir lieber. Außerdem habe ich nicht so viel Platz in meinem Kleiderschrank.

Im Zollhafen

Wenn der Hase genauso strahlt wie dieses Federvieh, sollte es nicht allzuschwer sein, die Eier zu finden. Bleibt nur zu hoffen, daß die nicht auch aus Neon sind.

Schöne Tage, laßt es euch gut gehen!

Aachener Str.

Sonntagnachmittag, an einem der ersten richtig warmen Frühlingstage sitzen die Hedonisten in den Cafés und Restaurants und ahnen nicht, welch Jahrhundertdrama sich zeitgleich auf der anderen Straßenseite abspielt:

Das Foto kann man schon jetzt als historisch bezeichnen: Es zeigt die letzten Besucher einer Aufführung im Millowitsch-Theater. Gut, eigentlich müßte man sagen: Millowitsch-Theater in der Volksbühne am Rudolfplatz, denn hier finden schon seit längerem auch andere Veranstaltungen statt, Konzerte und Kabarett. Peter, der Sohn von Willy Millowitsch, gibt auf. Immerhin hat er das Theater seit den letzten Lebensjahren seines Vater gewinnbringend weitergeführt, was bestimmt nicht einfach war, besonders nach dem Tod des Alten. Nun hat vor zwei Jahren der WDR die regelmäßige Fernsehübertragung (im dritten Programm) eingestellt, was zu so großen finanziellen Einbußen führte, daß ein weiterer Betrieb nicht mehr wirtschaftlich ist. Die Kölner Zeitungen brechen in ein Wehgeschrei aus, daß man sich wundert, daß nicht auch USA Today oder BBC-Nachrichten darüber berichten: Diese lange kölsche Tradition, Verlust einer Legende, Werte- und Kulturverfall usw. – ganz ehrlich, mir wird nichts fehlen, Volkstheater im 50er-Jahre-Stil, dazu noch in Mundart, das fand ich als 10jähriger lustig, aber heute nicht mehr. Und was macht Peter Millowitsch jetzt? Der Mann ist 69 und könnte sich zur Ruhe setzen. Stattdessen „rächt“ er sich an seiner Heimatstadt auf zweifache Art:

Im Sommer tritt er zum ersten Mal neben der Heidi-Kabel-Tochter Heidi Mahler in einem Stück des Hamburger Ohnsorg-Theaters auf, also ausgerechnet bei der ärgsten Volkstheaterkonkurrenz, und wo findet die Aufführung statt?  In Düsseldorf!! Die Schmach nimmt kein Ende …

Apostelnstr.

Immer wieder schön finde ich einen Blick in den Porzellanladen, auf meinen Spaziergängen gehe ich oft vorbei, um zu schauen, was es an neuen Scheußlichkeiten zu bewundern gibt. Keramik ist ein dankbares Material und läßt alles mit sich machen, staunend stehe ich vor dieser Vielfalt an Dekors und Formen. Offenbar findet sowas Käufer, sonst könnte sich dieser Laden nicht halten, ist doch der überwiegende Teil der Ware Ausdruck überbordender Häßlichkeit. Ein … Ding – ich weiß nicht, wie ich es sonst bezeichnen soll – schlägt jedoch alle anderen, so daß es offenbar keinen Käufer findet:

Unwillkürlich fällt mir ein Begriff ein, den wir als Kinder im Schwimmbad als Bezeichnung für einen Sprung ins Wasser mit angezogenen Beinen benutzten: Arschbombe. Das soll laut Beschriftung allerdings ein Pfirsich sein, eine Handarbeit, von 200 auf 99 Euro herabgesetzt. Das ist also nicht etwa eine Bowle-Schale, das Behältnis für das schauderhafte Mischgetränk aus Kellergeister-Sekt, Wein, Mineralwasser und Dosenfrüchten, nein, die …äh, Skulptur hat rein dekorative Zwecke. Oder sie ist der Mittelpunkt für einen Hausaltar: Auf dem Zettel steht: „Für langes Leben!“ („Heiliger Dicker Pfirsich, bitte mach, daß ich ein langes, erfülltes Leben habe. Amen.“)

Maybrit Maischberger auf der Stunksitzung

Die Stunksitzung war seit Mitte der 80er Jahre die erste und lange Zeit einzige alternative Karnevalsveranstaltung – eigentlich war es reines Kabarett mit ironischem Karnevalsbezug, das Publikum bestand aus meist unverkleideten Studenten. Früher war ich oft da, meistens kannte ich jemanden, die mich umsonst hineinließ, und wenn die dann auch noch kellnerte, brauchte ich nichtmal für das Bier zu bezahlen. Inzwischen gehört die Stunksitzung (wie auch viele andere alternative Veranstaltungen) fest zum etablierten Karneval, findet pro Session zigmal statt und ist immer ausverkauft. Aus alter Verbundenheit schaue ich sie mir im Schnelldurchlauf im TV an – manchmal ist etwas Witziges dabei, wie diese Talkshow-Parodie. Sie bringt es auf den Punkt, warum ich mir keine Polit-Talkshows mehr ansehe:

Zülpicher Str.

Ich habe nur schwarze Socken, das erspart mir das Sortieren nach dem Waschen. Ich werfe sie durcheinander in die Schublade, was die Socken allerdings zu Verhaltensweisen verleitet, die ich keineswegs billigen kann: Manchmal bleibt eine einzelne Socke übrig. Die Socken nutzen offenbar meine laisser-faire-Haltung aus und zeugen Junge. Da ich mit solchen Sauereien nichts zu tun haben möchte – Sockenorgien in meiner ! Schublade – schmeiß ich den Nachwuchs schnell weg, in der Hoffnung, das wäre nur ein Ausrutscher, aber es dauert nicht lange, und ich halte wieder so ein unerwünschtes Exemplar in Händen. Was mach ich nur – ich kann doch nicht für jede Socke eine eigene Schublade anschaffen, um das unzüchtige Treiben zu beenden!

Eine junge Designerin hatte neulich einen anderen Verdacht: Die Socken gehen auf Wanderschaft, verlaufen sich dann und sind auf fremde Hilfe angewiesen. Wer eine einzelne Socke in seiner Schublade hat, kann hier in den Laden gehen und schauen, ob er das Gegenstück dazu findet und das vereinte Paar mitnehmen. Bleibt nur zu hoffen, daß die dann nicht vor lauter Wiedersehensfreude gleich wieder loslegen …

Singen ist das neue Saufen

Das Karnevalsmotto der diesjährigen Session (deutsch ausgesprochen, also mit stimmhaftem ’s‘ am Anfang; eine Session umspannt die Zeit zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch) lautet: „Mer Kölsche danze us der Reih“ – auf Hochdeutsch: „Wir lassen uns das Saufen nicht verbieten – und müssen wir auch noch so reihern!“ Und weil das so schön ist, hat man auch gleich am 11.11. damit angefangen: Die Sauferei, Wildpinkelei und Kotzerei in Hauseingänge und überall woanders wurde derart ekzessiv betrieben, daß man heute noch darüber spricht. Die Stadtverwaltung gründete schnell eine Kommission, um zu beraten, was man tun müsse, um derlei Treiben an den „tollen“ Tagen im Februar, also im Straßenkarneval von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, zu unterbinden. Oberbürgermeisterin Reker, vielen bekannt durch ihren großen Vorrat an Weisheiten, wie z.B. die nach den sexuellen Übergriffen Silvester 2015, die bergrapschten und vergewaltigten Frauen sollten die Täter vorausschauend immer eine Armlänge von sich fernhalten, dann könne nichts passieren, Frau Reker also hat einen neuen Geistesblitz: „Wer singt, trinkt nicht!“ Also läßt sie im Studentenviertel eine Bühne aufbauen, wo Karnevalsmusik zum Mitsingen dargeboten wird. Wer das nicht glaubt, kann es ja selbst ausprobieren: Singen singen singen, und dabei ein Schluck aus der Pulle – vorsicht, nicht verschlucken. Bitteschön, der Beweis – funktioniert nicht. Und wenn man das 12 Stunden am Stück macht, läuft man eher Gefahr, wegen Dehydrierung in Ohnmacht zu fallen, als daß man irgendwo hinpinkeln muß – Problem gelöst. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Wer trinkt, singt nicht – deswegen ist es zur Karnevalszeit in den Kneipen immer so still. Ich weiß nicht, wann Frau Reker zum letzten Mal durch die Straßen Kölns gelaufen ist, das muß schon sehr lange her sein.

Noch eine Maßnahme: Wir verbieten die Bierbuden! Haha!! Das weiß ja jeder: Durstig vom vielen Singen und Schunkeln stolpert der Kölner Jeck orientiertungslos durch die Gegend, bis er automatisch von einer Bierbude aufgehalten wird – schon hat man den Salat, bzw. das Bier literweise oben rein und anschließend Harndrang. Das Kalkül der Oberbürgermeisterin: Wenn keine Bierbuden mehr da sind, schleicht der Jeck eine zeitlang zombiegleich durch die Gegend, bis er schließlich erneut von Karnevalsmusik angezogen wird, seinen Durst vergißt und wieder lauthals mitsingt. Inzwischen wurde das Bierbudenverbot aber wieder aufgehoben – die Betreiber hatten herumgemault, von wegen entgehender Gewinne und überhaupt. Gut, das kann man natürlich nicht ahnen, daher zeigte Frau Reker ein Einsehen.

In Köln bewerfen sich Karnevalisten mit ‚Kamelle‘ und ‚Strüsjer‘ (Hartzuckerbonbons und zwei zusammengebundene Tulpen mit Blumengrün). Die Kölner Rockband Brings, die sich schon lange an den Karneval verkauft hat (ich kann das verstehen: So ein Auftritt bei einer großen Karnevalsgesellschaft bringt bis zu 3.000 Euro, und pro Session hat eine prominente Band über 200 Auftritte), gibt an, vor zwei Jahren bei einer Düsseldorfer Sitzung mit Brühwürstchen beworfen worden zu sein. Tja – andere Städte, andere Sitten. Jedenfalls hat ihnen das so gut gefallen, daß sie jetzt öfter in Düsseldorf auftreten wollen.