Singen ist das neue Saufen

Das Karnevalsmotto der diesjährigen Session (deutsch ausgesprochen, also mit stimmhaftem ’s‘ am Anfang; eine Session umspannt die Zeit zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch) lautet: „Mer Kölsche danze us der Reih“ – auf Hochdeutsch: „Wir lassen uns das Saufen nicht verbieten – und müssen wir auch noch so reihern!“ Und weil das so schön ist, hat man auch gleich am 11.11. damit angefangen: Die Sauferei, Wildpinkelei und Kotzerei in Hauseingänge und überall woanders wurde derart ekzessiv betrieben, daß man heute noch darüber spricht. Die Stadtverwaltung gründete schnell eine Kommission, um zu beraten, was man tun müsse, um derlei Treiben an den „tollen“ Tagen im Februar, also im Straßenkarneval von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, zu unterbinden. Oberbürgermeisterin Reker, vielen bekannt durch ihren großen Vorrat an Weisheiten, wie z.B. die nach den sexuellen Übergriffen Silvester 2015, die bergrapschten und vergewaltigten Frauen sollten die Täter vorausschauend immer eine Armlänge von sich fernhalten, dann könne nichts passieren, Frau Reker also hat einen neuen Geistesblitz: „Wer singt, trinkt nicht!“ Also läßt sie im Studentenviertel eine Bühne aufbauen, wo Karnevalsmusik zum Mitsingen dargeboten wird. Wer das nicht glaubt, kann es ja selbst ausprobieren: Singen singen singen, und dabei ein Schluck aus der Pulle – vorsicht, nicht verschlucken. Bitteschön, der Beweis – funktioniert nicht. Und wenn man das 12 Stunden am Stück macht, läuft man eher Gefahr, wegen Dehydrierung in Ohnmacht zu fallen, als daß man irgendwo hinpinkeln muß – Problem gelöst. Umgekehrt gilt das natürlich auch: Wer trinkt, singt nicht – deswegen ist es zur Karnevalszeit in den Kneipen immer so still. Ich weiß nicht, wann Frau Reker zum letzten Mal durch die Straßen Kölns gelaufen ist, das muß schon sehr lange her sein.

Noch eine Maßnahme: Wir verbieten die Bierbuden! Haha!! Das weiß ja jeder: Durstig vom vielen Singen und Schunkeln stolpert der Kölner Jeck orientiertungslos durch die Gegend, bis er automatisch von einer Bierbude aufgehalten wird – schon hat man den Salat, bzw. das Bier literweise oben rein und anschließend Harndrang. Das Kalkül der Oberbürgermeisterin: Wenn keine Bierbuden mehr da sind, schleicht der Jeck eine zeitlang zombiegleich durch die Gegend, bis er schließlich erneut von Karnevalsmusik angezogen wird, seinen Durst vergißt und wieder lauthals mitsingt. Inzwischen wurde das Bierbudenverbot aber wieder aufgehoben – die Betreiber hatten herumgemault, von wegen entgehender Gewinne und überhaupt. Gut, das kann man natürlich nicht ahnen, daher zeigte Frau Reker ein Einsehen.

In Köln bewerfen sich Karnevalisten mit ‚Kamelle‘ und ‚Strüsjer‘ (Hartzuckerbonbons und zwei zusammengebundene Tulpen mit Blumengrün). Die Kölner Rockband Brings, die sich schon lange an den Karneval verkauft hat (ich kann das verstehen: So ein Auftritt bei einer großen Karnevalsgesellschaft bringt bis zu 3.000 Euro, und pro Session hat eine prominente Band über 200 Auftritte), gibt an, vor zwei Jahren bei einer Düsseldorfer Sitzung mit Brühwürstchen beworfen worden zu sein. Tja – andere Städte, andere Sitten. Jedenfalls hat ihnen das so gut gefallen, daß sie jetzt öfter in Düsseldorf auftreten wollen.

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11 Antworten zu “Singen ist das neue Saufen

  1. Mein aufrichtiges (gemischtes) Mitgefühl! Entfliehst Du dem Trubel dieses Jahr nicht? Hatte Dich übrigens vermisst und mich besonders in den letzten Tagen (besorgt!) darüber gewundert, dass sich hier so gar nichts regte. Aber jetzt rekert es sich ja.

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    • Doch, die Fahrkarte ist schon gekauft: Übermorgen besuchen wir mal wieder Deine schöne Heimatstadt. Man muß ordentlich warme Pullover einpacken, oder? In Berlin ist es ja immer ein paar Grad kälter als im Rheinland, und hier sind die Temperaturen schon im Minus.

      Ja, ich war lange krank und hatte deswegen viele Sorgen, aber so langsam bessert es sich wieder. Ich hoffe nur, das setzt sich fort.

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      • Ich hatte schon befürchtet, dass es Dir nicht gut ging. Unangekündigte Blogpausen sind bei Dir ja nicht an der Tagesordnung. Ich wünsche Dir, dass es weiter aufwärts geht. Die Wetteraussichten hier sind gar nicht schlecht. Bis zum Wochenende Sonne und Temperaturen, die tagsüber wieder in den Plusbereich gehen, wenn auch nicht viel, aber die Sonne gewinnt ja schon wieder an Kraft.

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  2. dem herrgott sei gedankt, im norden geboren worden zu sein.
    hier wird eher privat gefeiert und geht niemanden auf die nerven.
    kotzflecken auf bürgersteigen finden sich allerdings das ganze jahr immer mal wieder.
    und jede menge abfall.
    coffee-to-go becher, verpackungen von süßdrogen und auch leere falschen alkohol.

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    • In der Zeitung stand, ein Anwohner habe einen Holzsteg in seinem Hausflur verlegt, weil er keine Lust mehr hat, durch Urinpfützen waten zu müssen, wenn er in seine Wohnung will. Wenn man weiter oben wohnt und es klingelt, sollte man auf keinen Fall blind den Türöffner drücken, sondern persönlich nachschauen, wer vor der Haustür steht.

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  3. Wenn die Bettelleute tanzen,
    wackeln Kober und der Ranzen.
    Eia, eia, eia, so geht’s, so geht’s, so geht’s.
    Ei, so geht’s, so geht’s,
    ei, so geht’s, so geht’s,
    wackeln Kober und der Ranzen.

    … Haben sie nun ausgesaufet,
    wird der Bettelsack verschmauset …

    … Für die Sechser und die Groschen
    schnapsen drauf sie unverdrossen …

    …Nun wohlan, ihr Schwestern, Brüder!
    Seid ihr satt, so legt euch nieder …

    „Nun siegt mal schön!“ – Ach nein, singt mal schön.

    Viel Spaß in der Bundeshauptstadt.

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    • 🙂 Ah ja – das ist eher was Altes, oder? Glücklicherweise ohne Musik, denn sonst kann einen eine Krankheit befallen, bei der man sich einfach besaufen muß, wenn man auch nur ein bißchen Schlaf finden will:

      Du kanns naaks nit mih schloofe,
      denn selvs die Schoofe sin janz laut am singe,
      du kanns naaks nit mih schloofe.
      Du hürs die Melodie
      Ohohohohoh Ohohohohoh
      Die Melodie löss dich nie mih loss

      Aber das ist für die Karnevalisten natürlichdas geringste Problem. 😉

      Danke!

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  4. Lesen Sie jetzt in der Express:

    Immer me(h)r Kölsche danze us dä Reih!

    Und was das Singen angeht: hier eine hübsche Steigerung für alle Wildpinkler und sich-die-Kante-Geber: Sing-Sing. Da gibt es so herrlich abwaschbare Zellen.
    Das Mitbringen von Kamelle ist freigestellt.
    Gerne auch im Jeckenkostüm. 😉

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  5. Nun ists ja erst mal geschafft…Aber wenns Häs in die Kiste gepackt wird am Aschermittwoch trösten sich die Hexen..: Es goht scho wiada dagäge…
    Es freut mich, dass es dir wieder besser geht. Pass auf dich auf!
    Liebe Sonnenscheingrüße

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