11.11.

Was macht man, wenn der 11.11. auf einen sonnigen Sonntag fällt? Man sucht hektisch nach einem karierten Hemd. Oder man verbarrikadiert sich in seiner Wohnung – und verflucht den Tag, an dem man beschlossen hat, in die Kölner Innenstadt zu ziehen.

Na ja – ganz so schlimm ist es nicht, und einige Kostüme sind ja auch ganz lustig. Aber warum müssen junge Männer schon um die Mittagszeit laut grölend durch die Straßen laufen? Und für Pfandflaschen bekommt man nichts mehr, wenn man sie auf der Straße zerdeppert. Wissen die das nicht?

Ob Uniform oder Strampelanzug – hier kann man seine geheimsten Wünsche ausleben.

Kehraus.

Poncho- und Soutaneträger warten auf die Straßenbahn …

… auf der abgesperrten Zülpicher Str. ist aber noch reichlich Remmidemmi.

Brüsseler Str.

Auf den ersten Blick ein ganz normales Foto – gut, nicht besonders schön fotografiert, es ist ja auch von Google Streetview. Aber was ist das?

Ein Portal! Einer erscheint gerade, mit frisch gefüllter Tasche, der andere verschwindet, sehr geheimnisvoll. Menschen gehen scheinbar ins Nichts. Menschen? Wer weiß, wer da ein und aus geht und wohin …

Dead men don’t wear plaid“ (Tote tragen keine Karos) heißt ein bekannter Film, der wahrscheinlich eine (bisher) esoterische Weisheit verballhornt, tatsächlich muß es heißen: Plaid men are not dead (Karomenschen sind nicht tot) – eine uralte Überlieferung eines Phänomens, daß zuerst in Schottland beobachtet wurde (plaid=Schottenmuster!), wo schon vor Jahrhunderten plötzlich Menschen auf unerklärliche Weise verschwanden. Inzwischen hat sich das Phänomen weltweit ausgebreitet. Wer kennt das nicht, daß jemand sagt: „Ich geh‘ mal eben Zigarretten holen“, und taucht dann nie wieder auf. Hat man eigentlich mal überprüft, ob diese Verschollenen am Tag ihres Verschwindens ein Karohemd trugen? Das soll natürlich nicht heißen, daß alle Karoträger und Schotten Außerirdische sind, es kann ja auch sein, daß sie aufgrund des Karomusters von dem Portal gleichsam verschluckt worden sind und sich plötzlich in einer Parallelwelt befinden. Oder auf einem anderen Stern. Daß wir von Außerirdischen unterwandert sind, ist ja schon lange klar, die geben sich nur nicht zu erkennen, weil es nicht unwahrscheinlich ist, daß wir sie schlachten würden, um sie zu verspeisen. Von Elvis wird ja z.B. gesagt, er sei gar nicht tot, sondern nur nach Hause gegangen („Men in Black I„), und von Michael Jackson wird das auch gern behauptet. Ich halte das für eine Übertreibung, reines Wunschdenken der Fans. Wenn man Kreaturen sehen will, denen Menschliches fremd ist, muß man sich die Nachrichten ansehen, Berichte aus dem Bundestag zum Beispiel, oder eine Doku über die „Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände“.

Es kann natürlich auch sein, daß ich mich in einer „Truman Show„-Situation befinde und zufällig den mit Spiegeln kaschierten Ein- und Ausgang der Statisten entdeckt habe. Das würde erklären, daß ich nicht besonders gern verreise – schon seit meiner frühesten Kindheit wurde mir das vielleicht verleidet. Und das würde auch erklären, wieso ich eigentlich nicht das verdiene, was ich verdiene, denn nur ungern schauen Zuschauer dauerhaft einem reichen Popel zu, wie er sein Geld ausgibt. Aber ganz ehrlich? Ich als (unbewußter) Hauptdarsteller einer Life-Doku? Unwahrscheinlich, das ist einfach zu langweilig, wie ich jeden Tag zur Arbeit gehe, esse, lese, schlafe – wer sollte sich das ansehen? Wenn ich Teil einer „Truman Show“ bin, dann als Statist, der nicht weiß, daß er einer ist – also kaum ein Unterschied zum richtigen Leben.
Hm – ich glaube, ich kaufe mir doch mal so ein Karohemd …

Auf Melaten

Abends ist es extrem dunkel auf dem Friedhof, und normalerweise würde ich mich da um diese Zeit auch nicht aufhalten. Aber ein Freund hat mir erzählt, daß an Allerheiligen viele Leute rote Lichter auf die Gräber ihrer Angehörigen stellen, und da der Melatenfriedhof 55 Tausend Gräber hat, kann das ein schönes Schauspiel sein. Tatsächlich waren es dann doch nicht so viele, wie ich erwartet hatte, was wohl am Wetter lag: Nachmittags stürmischer Regen, da sind vermutlich einige Leute zu Hause geblieben. Am Vortag, dem Reformationstag, war schönstes Wetter, strahlender Sonnenschein … was schließen wir daraus? Der christliche Gott ist evangelisch.

Herbstimpressionen

Herbst.
Die Antennen verlieren ihre Blätter …

… Fahrradleichen liegen am Wegesrand und warten auf ihre Entsorgung …

… während die Wildtiere sich ein Winterkleid zulegen müssen, um nicht zu erfrieren.

Aber nicht verzagen: Es gibt auch schöne Herbstbilder. So schön geschmückt sah das Hochhaus noch nie aus.

Und bitteschön: Wenn das nicht romantisch ist …

Freund und Helfer

Ich bin auch immer entsetzt, wenn ich auf Parties Aldi-Bier oder Wein aus dem Karton vorgesetzt bekomme, ganz zu schweigen von dem billigen Schnaps, den die Leute sich in den Kopf knallen: Coffeinierte Brause mit Fuselwodka – uah! Gut, der Leber ist es vermutlich egal, mit welcher Alkoholmarke sie vergiftet wird, ob nun Doppelkorn für 2,98 die Flasche oder „Chivas Regal“ für 195,00 Euro, aber es kommt eben auch auf den Geschmack an – für den sich jetzt die Polizei einsetzt, sehr gut!

Und sonst so, liebe Polizei? Nicht viel zu tun zur Zeit, was? Vielleicht könnt ihr auch noch eine Warnung aussprechen gegen billiges Essen. Die Kantine zum Beispiel, die ich manchmal besuche, was die sich da zusammenrühren, das ist fast schon kriminell. „Polizei empfiehlt frisches Gemüse aus der Region!“ – wenn die Köche das im Express lesen, setzten die das sofort um.

Minoritenstr. / Vogelsanger Str.

Diese geisterhafte Gestalt soll Johann Adam Schall von Bell sein – vielleicht hat der Künstler Werner Stötzer dem Umstand Rechnung getragen, daß er nur seine ersten 15 Lebensjahre in Köln verbracht hat. Dann, im Jahre 1607, schickte ihn seine einflußreiche Familie nach Rom, wo er Mathematik, Astronomie und Theologie studierte und dem Jesuitenorden beitrat. Im Alter von 26 Jahren reiste er mit ein paar Kollegen nach China, um die dortige Einwohnerschaft zu missionieren. In Peking war man gar nicht amüsiert, hatte man doch gerade erst die letzte Truppe von Missionaren des Landes verwiesen. Aber Berufs-Katholen sind hartnäckig, also ließen Schall von Bell und seine Mitreisenden sich in der winzigen protugiesischen Kolonie Macao direkt an der chinesischen Küste nieder und hofften auf bessere Zeiten. Die ließen auf sich warten, stattdessen kamen die Niederländer und wollten die Kolonie für sich haben. Dank der Missionare – sie reparierten vier alte Kanonen und waren auch sonst kämpferisch hilfreich – konnte der Angriff abgewehrt werden, was wiederum die Chinesen neugierig machte. Sie luden die Gruppe ein.

In den folgenden Jahren beeindruckte Schall von Bell seine Gastgeber nicht nur mit seinen mathematischen und astronomischen Kenntnissen, sondern er reformierte auch den chinesischen Kalender und leitete die Produktion von hundert Kanonen. Tja, diese Jesuiten, sehr vielseitig. Sein Ansehen stieg dermaßen, daß er als Lehrer und Berater des Kaisers Shunzhi zum Mandarin 1. Klasse ernannt wurde, d.h. zum einem höchsten Staatsbeamten. Kurze Zeit, nachdem der Kaiser gestorben war, erlitt Schall von Bell, inzwischen 72 Jahre alt, einen Schlaganfall, der ihn zwar nicht umbrachte, aber sein Sprachvermögen stark beeinträchtigte. Seine höfischen Gegner nutzten das aus, intrigierten gegen ihn, und am Ende eines Prozesses wegen Hochverrats fiel das ungerechte und denkbar ungünstigste Urteil: Zerstückelung des Körpers bei vollem Bewußtsein. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Aber dann, wenige Tage vor der Vollstreckung – das Leben ist manchmal unwahrscheinlicher als ein Hollywood-Drehbuch – ereignete sich ein Erdbeben, was die Richter für ein Omen hielten, worauf sie Schall von Bell freisprachen. Anderthalb Jahre später starb er ganz normal an seinem Alter.

Und weil sich alles so schön anhört, diese kölnisch-chinesischen Geschichten von damals, führen Politiker und Funktionäre anläßlich des China-Jahres in Köln und NRW den Namen Schall von Bell gern im Mund.

Worüber sie aber nicht gern reden, sind die Ereignisse um den „Platz des Himmlischen Friedens“ im Jahr 1989, als studentische Demokratisierungsbemühungen ein paar Tausend Menschen das Leben kostete. Und auch im Westen, so findet man, schadet ein immer wieder erneutes Aufwärmen dieser unerfreulichen Dinge den Geschäften: Billigwaren aus China verschaffen auch hiesigen Firmen einen Gewinn, den man nur ungern durch ungemütliche Kritik gefährden will (außerdem sind in demokratischen Ländern die Löhne höher, was die Produkte verteuert, aber pssst!).
Das Graffito ist in diesem Jahr von „Amnesty International“ in Auftrag gegeben worden, ein zweites sieht man hier (letztes Bild).