Neulich auf dem Bahnsteig


Foto (c) Die Störchin

Dienstleistungsoffensive der Deutschen Bahn, umfassend werden alle Gäste informiert. Aber wieso sitzen dann noch so viele Leute in dem Zug? Ist doch klar – man muß erst aussteigen, um lesen zu können, daß man aussteigen soll.
Und wenn sie nicht gestorben sind, sitzen sie da noch heute …

Hans-Böckler-Platz

Nach dem Kino noch Lust auf ein Bier und ein paar Fritten? Dann ist man hier genau richtig, im „Maria Eetcafe“. Wie der Name schon verrät, ist es ein holländisch-belgisches Spezialitätenrestaurant – also eine Kneipe mit Speiseangebot. Die Fritten sind handgeschnitzt – mit Pelle und doppelt frittiert, weich, mit einer leicht bitteren Note, das muß man natürlich mögen. Man kann zwischen 17 Soßen wählen, von einfachem Ketchup über diverse Mayonnaisevariationen und Erdnußsoße bis zu einer Cocktailsoße mit Whiskey ist alles dabei. Natürlich gibt es auch Frikandel (Fleischrolle), Kipcorn (Geflügelrolle), Loempia (Frühlingsrolle) und was man sonst noch so frittieren kann.

Auch das Bierangebot ist groß, beim Lesen der Karte drängt sich allerdings der Gedanke auf: Die spinnen, die Belgier! Bier mit 8,5% oder 10% Alkohol, okay, das trinkt man halt wie Wein. Aber Kirschbier? Bier mit süßem Pfirsicharoma? Brrr! – mich schüttelt’s bei der bloßen Vorstellung. Zum Glück gibt es auch Hoegaarden (sprich Huucharden, das ch wie bei ach) vom Faß, eine Art Weißbier, oder lecker Grolsch (Chrolsch) aus der Flasche.

Tuut tuuuut

Die Telekom hat in jeden der über 500.000 Kölner Haushalte ungefragt und umsonst zwei dicke Wälzer geliefert – umsonst meint hier nicht nur: Ohne Bezahlung, sondern auch: Sinnloserweise, denn Handynummern stehen sowieso nicht im Telefonbuch, und die Gelben Seiten sind in Zeiten des Internets ein Relikt längst vergangener Zeiten. Handies? Internet? – sind bei der Telekom Neuland, eine andere Abteilung, davon weiß man in der Telefonbuchabteilung nichts. Gut, vielleicht denkt man dabei auch an den einen oder anderen Telefonbuchsammler, der den Jahrgang 2014 schmerzlich vermissen würde, oder an die Leute, die das Papier zum Anzünden des Kamins brauchen. Aber sollte man für die nicht einfach unbedruckte Exemplare verteilen? Dann würde sogar ich mir einen solchen Packen mit in die Wohnung nehmen – da könnte ich dann wunderbar die Handynummern hineinschreiben, die ich mir nicht merken kann …
In meinem Haus hat sich jemand nach zwei Wochen erbarmt und die kiloschwere Fracht zum Altpapier gegeben. Hauptsache, irgendjemand hat damit Geld verdient.

Vogelsanger Str.

„Nur hübsch? Reicht mir nicht.“, steht auf dem Plakat einer Partnerschaftsagentur. Das ist ja allgemein bekannt, Männer möchten mit ihrer Partnerin gern über Adorno diskutieren, während diese die Wohnung putzt, Bier kalt- und schon mal den Aschenbecher für die Zigarette danach bereitstellt . „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, lautet einer von Adornos berühmtesten Sätzen, er bedeutet z.B.: Hübsch sein allein reicht nicht, die Frau sollte auch sexy Unterwäsche tragen. Tja, Frauen, wenn ihr zur Elite (=Männer) gehören wollt, müßt ihr euch schon ein bißchen anstrengen, auch wenn das Denken schwerfällt. Kleiner Tipp: Ein paar männliche Weisheiten kann man leicht auswendig lernen: Der Ball ist rund, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.

Fußball …

… allerorten. Wohin man auch geht, überall steht mindestens ein Flachbildschirm, im Park hängt jeweils einer in jedem Baum.

Ob man sich im Imbiß eine Portion Fritten holt oder am Kiosk eine Flasche Bier, niergendwo braucht man auf nur eine Sekunde des Spiels zu verzichten – ob man will oder nicht. Nur im Supermarkt ist es schön leer.

Zu Hause brauche ich den Fernsehapparat nicht anzustellen, wenn ich wissen will, ob ein Tor gefallen ist, ich muß nur das Fenster öffnen und höre es dann am allgemeinen Gejohle. Ob Deutschland gewonnen hat, merke ich dann daran, daß Autodeppen hupend und gröhlend durch die Stadt fahren.

Die FIFA hat ihr Emblem abgewandelt und zeigt den Zuschauern mit dem gestreckten Mittelfinger, was sie von ihnen hält. Oder stimmt das gar nicht? Ich habe das Foto in Berlin-Kreuzberg aufgenommen, da muß man es doch wissen.

Leipziger Platz

Na, wer schaut denn da so abschreckend? Dieser „Grinkopf“ dient nicht mehr seiner ursprünglichen Funktion (die man hier nachlesen kann), sondern ist vermutlich bloßer Fassadenschmuck.

Fast möchte ich vermuten, daß solche Skulpturen neben ihrem praktischen Zweck auch abschreckende Wirkung auf böse Geister und teuflische Wesen haben sollten, wie es bei den „Gargoyles“ an Kirchen der Fall ist – die säkulare Aneignung kirchlicher Architektursymbolik.

An diesem schönen Beispiel sieht man sogar die Reduzierung des Grinkopfes zu einem reinen Ornament.

Sonnenweg

In einer Straße, die so heißt, möchte man natürlich erst recht nicht, daß da Tiere und Kinder überfahren werden. Und Vatis natürlich auch nicht.


Quelle: Google-Maps

Ganz anders verhält es sich im „Fegefeuer“ in Lübeck, vermutlich ist der Straßenname der Grund dafür, daß hier einige Ärzte ansässig sind, die versprechen sich ein gutes Geschäft. Wenn man in die Einbahnstraße (ganz klar, da muß man durch, ein Zurück gibt es nicht) einbiegt, passiert man erst eine Kosmetikschule (sagen ja schon die Pfaffen, daß das des Teufels ist), die nächste Straße rechts heißt „Hölle“ (kein Scherz) und ist – na? – richtig, eine Sackgasse. Wahrscheinlich enden die roten Buslinien direkt hier. Kurz bevor man das Ende des Fegefeuers erreicht hat, liegt links das Gebäude der katholischen Caritas – eine vielsagende Adresse, ich habe es immer schon geahnt. Wenn man dann am Ende angekommen ist, sieht man schräg gegenüber den „Lichtladen“ – ist das dann der Himmel, oder was? Ich weiß nur eins: So schnell sieht man mich nicht in Lübeck. Lieber laß ich mich im Sonnenweg nicht überfahren.

Wetter

Bei so einem Wetter ist es gut, wenn man von netten Freunden eingeladen wird, die am Stadtrand wohnen, einem den Platz auf der Hollywood-Schaukel überlassen und kühle Getränke und leckeren Salat servieren, ohne daß man selbst einen Finger krümmen muß.

Wieder zu Hause, klopfte jemand gestern Abend plötzlich an mein Fenster, was bemerkenswert ist, da ich im dritten Stock wohne. Als ich nachsehen wollte, riß heftiger Sturmwind mir fast die Fensterflügel aus den Händen.

Ich war froh, daß ich nicht unterwegs war, umgestürzte Bäume verursachten ein mittleres Chaos, Züge hatten Verspätung, Straßenbahnen blieben stehen und mußten die Fahrgäste auf offener Strecke herauslassen, wie mir eine Freundin erzählte.

Höninger Weg

Auf den ersten Blick immer wieder erstaunlich, in welch unwirtlichen Ecken solch große Werbetafeln hängen – hier scheint die Vergangenheit doch in aller Zukunft festgeschrieben zu sein. Auf den zweiten dann doch nicht: Alle 10 Minuten rattert hier eine Straßenbahn entlang, die Werbung soll die müden Heimkehrer noch in die Blockbuster-Kinos locken.

Dagegen bleibt dieses kleine politische Graffito ganz in der Nähe wahrscheinlich von den meisten unbemerkt.