Eigelstein (1)

Sonntagnachmittag: Gerade sitzt man noch im Hof vom „Weinhaus Vogel“ im Eigelstein (die Straße heißt so) und ißt eine leckere hausgemachte Erbsensuppe, da schüttet es wie aus Eimern. Die Leute am Nachbartisch hatten gut Lachen unter der Markise.

Auf den Begriff Weinhaus wäre man von selbst nicht gekommen, alles sieht nach einer typischen Veedelskneipe mit Brauhaustouch aus: Die Gäste essen gegrillte Schweinshaxe oder rheinischen Sauerbraten und lassen große Mengen Kölsch in sich hineinlaufen – eine Gruppe Rentnerinnen singt und wankt dabei gefährlich, aber ans nach Hause gehen ist nicht zu denken, es regnet! Froilein, noch’n Kölsch!

Westfriedhof

Köln hat über 55 Friedhöfe. Der Westfriedhof (52 ha) ist einer der fünf Großfriedhöfe und wurde, wie drei andere, zur Entlastung des ältesten und zentralen Melatenfriedhofs angelegt. Um 1900 wuchs die Stadt enorm, um sich greifende Industrialisierung und die Eingemeindung vieler umliegender Dörfer spülten Menschen in die Stadt und riefen mit ihnen natürlich auch den Bedarf an zusätzlichen Begräbnisstätten hervor.

Da der Westfriedhof, ab 1917 bezugsfertig, alle Funktionen vom Melatenfriedhof übernehmen sollte – es war geplant, hier keine Neugräber mehr zuzulassen – wurde er großzügig mit breiten, befahrbaren Wegen angelegt. Schon nach kurzer Zeit wurde das Begräbnisverbot auf Melaten aber wieder aufgehoben – wer was auf sich hält, will zentral neben den Honoratioren liegen, die anderen Großfriedhöfe sind für die Massen.

Und das ist auch der Grund, warum es hier nicht so viele aufwändig (und teuer) gestaltete Gräber gibt. Ein paar Skulpturen findet man hier aber auch, zum Beispiel diese, die in den Himmel zeigt, also dahin, wo wir nach christlichem Glauben alle kommen, gleichberechtigt und nebeneinander, egal, auf welchem Friedhof unsere körperlichen Überreste begraben werden – vorausgesetzt natürlich, man ist nicht reich gestorben, oder paßt ein Kamel inzwischen durch ein Nadelör?

Manchmal sind die Gräber bunt, das ist aber eher selten …

… so wie auch moderne Skulpturen eher rar sind, eindeutig haben kleine kitschige Gipsengel die Vorherrschaft.

Diese eindrucksvolle Skulptur von Ossip Zadkine heißt „Die Gefangenen“ und gedenkt der Opfer der Nazibarbarei …

… die auch hierfür verantwortlich ist: Soldatengräber.

Ruhig und großzügig angelegt, sehr schön, nur leider etwas weit draußen. Ich bevorzuge auch den Melatenfriedhof – aber nur zum Spazierengehen.

Müngersdorf (teilweise)

Den Stadtteil Müngersdorf kennen viele, weit über die Stadtgrenzen hinaus, auf diesem Platz allerdings, an dem das Weinlokal-Café „Vini diretti“ liegt, war vermutlich bisher kaum ein auswärtiger Besucher: Das 45.000 Fans fassende Fußballstadion, das heute nach einem der großen Energiewucherererzeuger benannt ist, liegt auf der einen Seite der Ausfallstraße, auf der anderen das beschauliche Wohnviertel. Das Lokal hat ausgezeichneten Kaffee, leckere kleine Küchlein, und der Wein ist bestimmt auch gut, es war zu früh, ihn zu probieren.

Da geht’s übrigens hoch, um den kleinen Platz zu erreichen, vorbei an der neuromanischen Kirche mit markantem Doppelturm – ein riesiges Gebäude für ein kleines Viertel (Demut, Hochmut – darüber sollte man sich angelegentlich mal Gedanken machen als Christ – nicht mein Bier also).

Dieses bescheidene Gebäude ist etwas ganz Besonderes. Und das ist der Grund:

Jaah – *räusper* gut, Heinrich Böll war ja nun auch kein Architekt, sondern Schriftsteller, ich habe seine Bücher immer sehr gern gelesen. Und der Baum ist wirklich schön.

Abendbummel am Rhein

Samstag war an einem kleinen Stück des Rheinufers wieder mal Rummel – klein nur, jede Menge Freß- und Trinkbuden, Verkaufsstände mit Lederwaren, Plüschtieren und was in China sonst noch so hergestellt wird – und eine Fotobude.

Das ist mal was Neues: Interessenten können historische Gewänder überstreifen und sich fotografieren und ein Sepia-Bild ausdrucken lassen. Das scheint beim Publikum sehr gut anzukommen, das Gelächter am Stand ist groß (wer will: Das Bild in Farbe).

Wenn man nach ein paar Bieren die Bühne mit furchtbarer Musik und dichtgedrängtem Volk hinter sich gelassen hat, läuft man am Rande der Altstadt mit ihren (gefühlten) tausend beleuchteten Restaurants mit gut besuchten Außenterassen entlang, bis es hochgeht zum Heinrich-Böll-Platz …

… am Museum Ludwig, das um diese Uhrzeit schon geschlossen hat. Im Café poliert noch jemand das Besteck und wartet darauf, das die letzten Gäste endlich ihre Gläser leeren. Unter dem Platz ist übrigens die Philharmonie, aber zu Zeit läuft keine Aufführung, sonst wäre der Platz nämlich gesperrt.

Ein paar Schritte weiter steht an der Südseite des Doms der neue Petrusbrunnen – was heißt hier neu, eigentlich ist er von 1870, hat aber die letzten 11 Jahre im Depot verbracht. Damals wurde er nach einer Spende von Königin Augusta aufgestellt, allerdings zuerst ohne Wasserleitung, später mit nur geringem Wasserdruck. Der Volksmund erfand schnell einen passenden Namen: „Drüjje Pitter“ (trockener Peter), dem er offensichtlich auch heute noch entspricht … vielleicht ist die Wasserleitung aber auch nur in den Abenstunden abgestellt, ich habe gelesen, daß Netcologne sponsort.

Beach Club

Direkt an den Rheinterrassen am Deutzer Ufer liegt der „km 689 COLOGNE BEACH CLUB“ – für 4 Euro Mindestverzehr darf man auf 3.500 m² Sand laufen, klebrige rote Bullen-Drinks schlürfen an drei Bars, auf einer der 550 Liegen liegen und sich von den Spaziergängern begaffen lassen – nachts sogar mit Beleuchtung. Ständig läuft Chillout-Musik – wer nicht weiß, was das ist: Musik, wie man sie in Kaufhausfahrstühlen hören kann, mit leichtem Technoeinschlag. ‚Chillout‘ oder ‚chillen‘ bedeutet Entspannen und Abhängen – niemand, der hier ist, macht den Eindruck, je angespannt gewesen zu sein, weshalb es wohl hauptsächlich ums Zweite geht. Und wer Knutschen will, legt sich ins Himmelbett. Oder wieso stehen die da? Wie auch immer: Das Versammlungsbedürfnis einiger Leute von heute nimmt befremdliche Formen an – Zeiten ändern sich.

Aachener Str. in Ringnähe

An lauen Sommerabenden geht das Publikum des Millowitsch-Theaters gern vor die Tür, um frische Luft zu schnappen und in der zum Theater gehörenden Kneipe ein Kölsch zu zischen. Die volkstümlichen Schwänke in kölschem Dialekt erfreuen sich auch nach Willy Millowitschs Tod 1999 großer Beliebtheit, Busladungen von Besuchern werden aus dem Umland hergebracht.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite hat sich in den letzten Jahren dank einer Bürgersteigverbreiterung eine der attraktivsten Amüsiermeilen Kölns entwickelt, Kneipen und Restaurants reihen sich aneinander, eins ist mehr „in“ als das nächste, und entsprechend voll ist es hier immer. Ich schlendere hier gern mal durch, zum Sitzen ist mir aber zu viel Rummel.
Das „Theater im Bauturm“, ein freies Theater, das von einer Architektengruppe gleichen Namens gegründet wurde, nebst großem Kneipen-Café gibt es nun auch schon seit 27 Jahren. Gespielt wird Zeitgenössisches, aber zwischendurch z.B. auch mal Schiller oder Comedy. „Der Kontrabaß“ von Patrick Süßkind ist ürigens ein Dauerbrenner, das Ein-Personen-Stück wird schon seit über 20 Jahren gespielt – noch immer vom selben Schauspieler.

Deutzer Bahnhof

Am Deutzer Bahnhof, der gleich gegenüber dem Hauptbahnhof auf der anderen Rheinseite liegt, wird schon seit Jahren herumgebaut und alles mögliche geplant und wieder verworfen. So sollte er mal mit einer riesigen Glasplatte komplett überdacht werden, und ein Laufband von ca. einem Kilometer Länge sollte beide Bahnhöfe miteinander verbinden. Aus beiden überflüssigen Plänen ist nichts geworden, aber eine neue Toilette hat man gebaut – Toilette, was sag‘ ich – ein WC-Center! Gut, auch hier verrichtet man nur seine Notdurft, aber wenn man 60 Cent pro Besuch bezahlen muß, kann man schon etwas Besseres verlangen. „Mama Mama, ich muß mal auf’s Klo!“ gehört der Vergangenheit an. „Ja, mein Kind, wir sind ja bald im Center“ – das vermittelt ein gehobenes Lebensgefühl. Und wenn das Laufband doch noch realisiert wird, könnte man ja vielleicht eine Abzweigung direkt dorthin einrichten. Und wenn dann noch aus Kostengründen das WC-Center mit dem Fahrgast-Center zusammengelegt worden ist, kann man gleich zwei Geschäfte auf einmal abwickeln.

Gay Games

In Köln finden zur Zeit die „Gay Games“ statt. Ursprünglich sollten sie „Gay Olympics“ heißen, aber das IOC war dagegen, man könnte da ja was verwechseln – also … äh … nichts gegen Homosexuelle, aber das …

Seit 1982 finden die Spiele alle vier Jahre statt, nach Amsterdam (1998) zum zweiten Mal auf europäischem Boden. Es gibt keine Teilnehmerbeschränkungen, aber auch keine nationalen Qualifikationen – in mindestens sieben Ländern wird Homosexualität mit dem Tode bestraft, in weiteren 75 steht sie unter Strafe. In diesem Jahr nehmen rund 10.000 Sportler aus 65 Nationen teil.

Die Stadt gibt sich tolerant, Köln ist angeblich die heimliche schwul-lesbische Hauptstadt Europas mit großer Szenekneipendichte und anderen Treffpunkten (die Straße oben sieht normalerweise so aus). Tolerant – und sehr erfreut über die Kaufkraft der erwarteten 1 Millionen Besucher, der „Kaufhof“ hat extra sexy Unterwäsche geordert (kein Scherz). Eine Parfüm-Kette hat einen neuen Duft kreiert: ‚Eau Mo pour gay‘, der riechen soll (Zitat) „wie ein ungemachtes Bett“. Ein Supermarkt bietet eine größere Auswahl an Sektmarken an und – hört, hört – sogar einen Wein eines schwulen Winzerpaars … weiß doch jeder, Schwule achten auf Qualität (und alle Deutschen essen ständig Sauerkraut mit Eisbein).

Bahnhofsvorplatz

Erstaunlich, wie lange diese fantasievollen Figuren in der Sonne stehen können, ohne sich zu regen. Erst, wenn jemand eine Münze in das Kästchen wirft, verbeugen sie sich kunstvoll. Aber wenn ein Kind etwas möchte, machen sie auch mal eine Ausnahme.