Nachdem am Samstag die Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker von einem rechtsradikalen Idioten niedergestochen und lebensgefährlich verletzt worden war, wurde sie nun gestern in das Amt gewählt. Der Attentäter faselte nach dem Anschlag irgendwas von einem „Messias“, der gerettet werden müsse, und davon, daß er uns von solchen Leuten befreien würde, wird aber von einer Psychologin nach einer ersten Untersuchung für voll schuldfähig gehalten. Hm.
Die neue Oberbürgermeisterin liegt noch auf der Intensivstation, ist aber wohl außer Lebensgefahr, und man kann nur hoffen, daß sie sich auch mental wieder erholt, sowas steckt man nicht leicht weg. Glücklicherweise bestehen immerhin keine Zweifel an ihrem Wahlsieg, der Stimmenabstand zu den Mitbewerbern ist groß genug. Das war bei den Kommunalwahlen in Köln im Mai 2014 anders: Da fiel auf, daß in einem Briefwahlbezirk einer bisherigen CDU-Hochburg sich die Stimmen für die SPD- und CDU-Kandidaten im Vergleich zu den Wahlen in den Vorjahren quasi umgekehrt hatten. Das bescherte einer rot-grünen Koalition im Stadtrat eine Mehrheit von genau 1 Stimme. Schnell kam der Verdacht einer Manipulation oder zumindest einer Verwechslung auf, die CDU forderte eine Neuauszählung der Wahlzettel in diesem Bezirk. Das wurde von den Grünen und der SPD abgelehnt, eine Abweichung zu vorherigen Resultaten rechtfertige kein Mißtrauen, so hieß es, und der damalige Wahlleiter und Oberstadtdirektor Guido Kahlen (SPD) ließ sich sogar dazu hinreißen zu behaupten, in dem Wahlbezirk habe man „überdurchschnittlich sorgfältig“ ausgezählt.
Wohl aufgrund von lauter werdenden Protesten auch in der Bevölkerung verständigten sich die Grünen mit der FDP und der CDU darauf, sämtliche Wahlzettel nochmal neu auszählen zu lassen, vermutlich darauf spekulierend, daß sich auch woanders Fehler eingeschlichen hatten, deren Aufklärung Rot-Grün zugute kommen würde, was aber von der Bezirksregierung aus rechtlichen Gründen abgelehnt wurde. Dagegen strengten die beteiligten Parteien eine Gerichtsverfahren an, das sie ca. 10 Monate später verloren – was für eine Provinzposse. Einer von der CDU-Fraktion parallel eingereichten Klage wurde dagegen stattgegeben: Die Briefwahlzettel für den einen Bezirk wurden erneut ausgezählt, und das Ergebnis bestätigte den Anfangsverdacht: Die Zahlen waren tatsächlich vertauscht worden.
Daraus ergab sich, daß ein SPD-Ratsherr seinen Stuhl wieder räumen mußte, und das war ausgerechnet der Oberbürgermeisterkandidat Jochen Ott, der nun auch noch einer parteilosen Kandidatin unterliegt, die von den Grünen, mit denen die SPD ja eigentlich koalieren wollte, aufgestellt und von CDU und FDP unterstützt worden war.
Zustände sind das – ich bin froh, daß ich kein Politiker bin.
Der bisherige Oberbürgermeister muß morgen sein Büro räumen, wann Frau Reker das Amt antreten kann, steht angesichts ihrer Situation in den Sternen. Aber wir brauchen uns keine Sorgen zu machen: Die Amtsgeschäfte werden interimsweise und vermutlich auf überdurchschnittlich sorgfältige Weise von dem (oben bereits erwähnten) Oberstadtdirektor Kahlen geführt.


