Urlaub an der Küste (5)

In der Kieler Kunsthalle gibt es einen Trakt zur Kunsterziehung. Hier wird über Farben informiert – mit deutlichen Zeichen, die Patschhändchen schön bei sich zu behalten.

Aktiv werden dürfen die Kleinen im nächsten Raum. Wer angesichts der Monsterbilder glaubt, hier beschäftige man besser auch einen Psychologen, dem sei gesagt: Daß Kinder Monster malen, ist völlig normal, das dient einer natürlichen Angstbewältigung. Erwachsene machen das nicht mehr, die lesen stattdessen Krimis, oder schauen Horrorfilme, um diffuse Angstgefühle zu kanalisieren. Oder sie gehen in die Kirche.

Ob die Bilder des deutschen Expressionismus auch der Angstbewältigung dienten, weiß ich nicht, aber ausgeschlossen ist es nicht – die grellen, oft unvermischten Farben, die oft deformierten Körper und gewagten Perspektiven waren damals zumindest relativ neu und ungewohnt.

Die Ausstellung heißt „CAUboys“. CAU, das ist die Abkürzung für Christian-Albrechts-Universität, und mit den boys sind die Maler gemeint, die in einer Beziehung zur Universität stehen oder gestanden haben – zumeist Ehrenbürger der Stadt oder Ehrendoktoren; auf dem ersten Foto Christian Rohlfs, auf dem zweiten Emil Nolde. Nolde erhielt die Ehrendoktorwürde 1927 zu seinem 60. Geburtstag. In den 30er Jahren zeigte er sich als überzeugter Nazi und Antisemit, was das Land Schleswig-Holstein nicht daran hinderte, ihm bereits 1946 den Professorentitel zu verleihen, was vielleicht daran lag, daß man es wiedergutmachen wollte, daß die Nazis trotz der Anhängerschaft des Malers seine Werke für entartet erklärten und ein Malverbot aussprachen. Merkwürdig: Über die Überzeugungen des Künstlers steht gar nichts im Katalogheft …

CAUgirls waren in dem Modell der Selbsterhöhung – denn nichts anderes ist es, wenn eine Stadt oder Institution sich damit schmückt, eine „bedeutende“ Persönlichkeit mit einem Ehrentitel zu ehren – offensichtlich nicht vorgesehen. Dafür kann natürlich Erich Heckel nichts, von dem die Bilder oben sind.

Last but not least der großartige Karl Schmidt-Rottluff. Eine kleine, feine Ausstellung, soweit es die Bilder betrifft (der Katalog hätte etwas mehr Mühe verdient), wer die Möglichkeit zu einem Besuch hat, sollte hingehen.

In einem anderen Trakt gibt es aktuelle Kunst zu sehen. Etwas ratlos staunt man Bauklötze – an. Glücklicherweise hängt da ein Zettel mit Erklärungshilfen: „Yto Barrada setzt überdimensional große Klötze in den Grundformen und Grundfarben mit der Entwicklung des modernen Marokko in Beziehung“ – wo der Künstler auch zum Teil lebt. Aha.

Hier (Werktitel: Shadows of the Future (APTI AP-1500sX)) hat der Künstler Max Sudhues Teile eines Videobeamers auf einen Overhead-Projektor gelegt (im Jahr 2015) …

… was ein solches Bild an der Wand erzeugt. Auf dem Zettel steht u.a.: „In der Collage, die so als farbige ‚Schatten der Zukunft‘ auf die Wand projiziert wird, entfaltet sich die Illusion einer filmischen Erzählung.“ Ach! Jetzt seh‘ ich’s … auch noch nicht. Tja.

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (4)

Wir befinden uns in Tönning, einem kleinen Fischerort. Davorn, an der alten Hafenstraße, kann man überall gut sitzen und was Leckeres essen …

… z.B. Scholle satt. Das habe ich öfter gesehen, ein Lockangebot für eher umsatzschwache Wochentage – ich habe es leider nie wahrgenommen, es paßte immer nie. Aber Kilroy war auch hier.

Beim diesjährigen Miss-Boje-Wettbewerb errang die Nummer Acht den ersten Platz. Herzlichen Glückwunsch!

Natürlich gibt es hier auch Kirchen, diese ist allerdings besonders, nicht nur wegen ihres schönen Eingangs, sondern …

… wegen des beeindruckenden barocken Himmels.

Die Malerei ist von Barthold Conrath, im Jahre 1704 angebracht.

Wir fahren weiter zum Eidersperrwerk, das 1973 erbaut wurde und seitdem Tönning, Friedrichstadt und das Umland vor Hochwasser schützt – auf der Karte der rote Punkt am unteren Rand.

Und so sieht’s aus. Oben führt ein Fußweg drüber, von wo aus man aufs Meer sehen kann und auf …

… Brutstätten von Seeschwalben und Lachmöwen, die hier gemeinsam ihren Nachwuchs aufziehen.

Hunderte von Küken sieht man hier, die einen Krach machen, daß man sich fast die Ohren zuhalten will, die sind allerdings nichts gegen eine Horde Kinder, die gerade aus einem Bus gestiegen ist und so sehr lärmt, daß es sogar den Schwalben zuviel wird …

… sie gehen zum Angriff über. Auch auf meiner Schädeldecke hat es zweimal „tock tock“ gemacht – ungerecht, schließlich habe ich nur fotografiert. Aber geschadet hat es mir auch nicht.

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (3)

Wir haben uns ein Auto geliehen, um zu unserem eigentlich Ziel – oder besser gesagt: Zum Anlaß unseres kurzen Urlaubs – zu fahren: Bergenhusen ist ein Storchendorf. Wir waren ja schon in Windheim, Loburg und Rühstädt, da darf Bergenhusen nicht fehlen.

Das Dorf ist sehr ruhig, man sieht viele landwirtschaftliche Geräte, der Tante-Emma-Laden macht eine ausgedehnte Siesta, das Kirchentor hängt quietschend in der Angel, Tumbleweed wird durch die ansonsten leeren Straßen getrieben, in der Ferne heult ein Kojote … nee, Quatsch. Aber ich bin froh, daß wir hier nicht abgestiegen sind.

Es gibt sogar ein kleines Storchenmuseum mit lehrreichen Stellwänden, ausgestopften Tieren und dem ersten, 1959 ausgestrahlten Film des Tierfilmers Heinz Sielmann, der von den Gewohnheiten der Störche in Bergenhusen handelt. Die Kassiererin war ganz enttäuscht, daß wir uns bereits nach ca. einer halben Sunde wieder verabschiedeten.

Wir fahren weiter und machen einen kurzen Abstecher nach Holland – könnte man denken angesichts der Architektur im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance und der vielen Grachten, die das Städtchen Friedrichstadt durchziehen.

Friedrich III. von Schleswig-Gottorf war ein Herzog mit Schulden und knappen Einkünften. Also kam er auf die Idee, einen Mittelpunkt für den Handel entlang der Linie Spanien, Rußland und Ostindien zu etablieren. Die Handelsschiffe sollten über die Nordsee und durch die Eider in Friedrichstadt anlegen, von wo aus die Waren weitertransportiert werden sollten. Das hat zwar nicht in dem gewünschten Ausmaß geklappt (was mich eigentlich auch nicht wundert), aber zur Gründung einer Stadt hat es gereicht.

1620 bot er – aufgrund ihres Glaubens in ihrer Heimat verfolgten – Niederländern an, sich hier anzusiedeln. Als Remonstranten bezeichneten sie sich: Im Gegensatz zu den herrschenden Calvinisten waren sie der Überzeugung, daß es Glaubens- und Willensfreiheit gibt.

Aufgrund der Religionsfreiheit siedelten sich später auch viele Anhänger anderer Glaubensrichtungen an, so daß man von Friedrichstadt als „Stadt der Toleranz“ sprach – sogar quietschrote Turnschuhe werden inzwischen geduldet! Prima – hierhin kann man gut mal einen Ausflug machen.

Das letzte Wort, ganz klein, lautet „nie“ – ein bißchen Spaß muß sein. Dafür hat sich hier mal Louis-Philippe versteckt, lange bevor er der letzte König (1830-48) von Frankreich wurde. Und nun waren wir auch hier – ein bißchen Prominenz kann nicht schaden.

Wir fahren weiter und ignorieren mit Mühe die Hinweisschilder, die uns nach Orten locken wollen, die „Welt“ und „Reimersbude“ heißen, durchqueren Witzwort und verpassen fast das kleine Wäldchen, wo der „Rote Haubarg“ steht. Haubarg, so nannte man hier die Bauernhäuser, und rot war die Farbe der Ziegel, die hier einst das Haus bedeckten, bis es im 18. Jh. abbrannte. Das neue Haus hat ein Reetdach, aber der alte Name ist geblieben. „Mensch und Tier lebten in Haubargen jahrhundertelang unter einem Dach, wenn auch in getrennten Räumen“, weiß Wikipedia. In getrennten Räumen also, aha. Aber vielleicht mit gemeinsamer Küche?

Innen gibt es ein Museum über Landwirtschaft, sicher ganz interessant …

… aber wir gehen lieber ins Café und essen Rhababerkuchen und gebackene Holunderblüten mit Eis.

Das geht auch mit Kaffee, ich hab’s ausprobiert.

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (2)

Warum man diese Karte verkehrt herum aufgehängt hat – Norden ist hier rechts – weiß ich nicht, jedenfalls zeigt sie, was St. Peter-Ording allen anderen Nordseeorten voraus hat: Der Hauptstrand ist ca. 12 km lang und 2 km breit.

Wenn man 3 Euro bezahlt hat (es sei denn, man hat eine Kurkarte, die auch 3 Euro pro Tag kostet), darf man über diesen Steg ans Wasser – wenn gerade Ebbe ist, muß man noch ein bißchen weiter laufen.

An den Stränden stehen Pfahlbauten für Toiletten, Strandaufsicht und Restaurants/Cafés, in denen man von Kuchen über Fritten bis zur vollen Mahlzeit alles bekommt, was der Magen begehrt, sehr schön!

Ich habe nicht gedacht, daß ich das nochmal zu essen bekomme: Granat (manche sagen auch Krabben, er ist aber eine Garnelenart) auf Spiegelei auf Schwarzbrot. Normalerweise wird der Granat, der in der Nordsee gefangen wird, mit dem Laster quer durch Europa nach Marokko gefahren, wo er von flinken MarokanerInnenhänden gepult und wieder auf die Reise zurück an die norddeutsche Küste und in die ganze Welt geschickt wird. Da ich das auf keinen Fall unterstützen will, habe ich nun schon lange Zeit darauf verzichtet. Hier, in dem Strandlokal „Seekiste“ am Böhler Strand, wird der Granat tatsächlich noch vor Ort gepult. Großartig – und sehr lecker!

Es folgen nun ein paar hundert Strand- und Salzwiesenbilder.

Eine Salzwiese ist eine Wiese zwischen dem Deich und dem Strand, die bei normalem Tidenhub nicht überflutet wird – manchmal aber eben doch. Die Lämmer, die hier weiden, würzen sich quasi selbst, von innen, ihr Fleisch bekommt durch das gesalzene Gras eine ganz besondere Note. Gemein.

Noch ein Strandbild – mit „Drama“-Filter vor der Linse.

Strand satt: Wer noch nicht genug hat, für den habe ich ein paar Bilder in einen Ordner geladen, wer mag, schaut sie sich hier an (ich habe die 45 schönsten Fotos herausgesucht).

Fortsetzung folgt.

Urlaub an der Küste (1)

Stimmt natürlich gar nicht, daß die Möwen in St. Peter-Ording blaue Mützen tragen, in Wirklichkeit sind sie schwarz. Aber woher sollen die Chinesen, die diese Figuren herstellen, das auch wissen?

St. Peter-Ording liegt auf der Halbinsel Eiderstedt an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste und besteht aus fünf ursprünglich eigenständigen Teilen, die man im Laufe der Zeit zusammengefaßt hat. Unsere Ferienwohnung ist im Teil „Dorf“, in dem die namensgebende Kirche St. Peter steht. Und es stimmt, es ist dörflich.

Die Restaurants, Cafés und Geschäfte knubbeln sich an einer Straße, aber es sind nicht sehr viele, zum Bummeln sehr angenehm.

Die Restaurants heißen „Kiek in“, „Wendt’s goode Döns“ oder „Spökenkieker“ – oder auch einfach „Da Giggi“, wenn es eine Pizza sein soll. Die Begrüßung ist allerdings überall gleich: „Moin Moin“ sagt man hier zu jeder Tageszeit, das kenne ich noch aus meiner Kindheit.

Ob das „Café Diem“ der Familie Diem gehört oder auf carpe diem anspielt, war nicht zu erfahren, allerdings kann ich mir gut vorstellen, da einen genußvollen Tag zu verbringen.

Eine Familie mit acht Jungs und zwei Mädchen braucht bei kühlem Wetter nicht weiterzusuchen nach wärmenden Fleecejacken.

Auf einer Tafel steht: „Jan und Gret waren ‚lütte Lüüd‘, die sich aus dem Meer ihr Zubrot holten. Jan stach den ‚Bütt‘ mit der ‚Prigg‘ und Gret fischte die ‚Porrn‘ mit der ‚Gliep‘.“ Aha. Überrascht war ich über die Namen der beiden, denn in Köln läutet das Nachspielen einer Sage um Jan und Griet jedes Jahr den Straßenkarneval ein (wieso habe ich diese Geschichte noch nicht erzählt? Werde ich demnächst mal nachholen).

So weit, so beschaulich. Nähert man sich nach ca. einer halben Stunde Fußmarsch dem Ortsteil „Bad“, ist Schluß mit lustig. Hier soll Geld verdient werden – das ist in „Dorf“ natürlich auch nicht anders, aber hier wird es einem auf Tritt und Schritt gezeigt.

Uralte friesische Architekturkunst …

… sieht anders aus. Der Fußgängerzonencharme soll vielleicht verhindern, daß die Besucher Heimweh bekommen …

… weshalb man auch auf die kulinarischen Spezialitäten nicht zu verzichten braucht, die man von zu Hause gewohnt ist: Schnitzel, Currywurst und Burger.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (8) – dies & das (2)

Gute Nachricht an alle Paare, in deren Beziehungen Schwierigkeiten auftauchen – die Lösung kann oft so einfach sein.

Konsumtempel am Alexanderplatz, dabei brauchten wir nur einen Pingpongball (von dem die Katze dann nichts wissen wollte).

Konsumtempel KaDeWe, oberstes Stockwerk, in der Süßigkeitenabteilung soll es laut Aussage meiner Begleiterin die weltbesten belgischen Pralinen geben – da verweigert man als charmanter Begleiter nicht die Begleitung.

Durch Köpenick kann man auch mal schlendern, da ist viel Wasser drumherum …

… auf einem Platz stehen gegossene Pferde …

… die vielleicht zu Wilhelm Voigt gehören? Ich weiß es nicht. Wilhelm Voigt kennt übrigens fast jeder: Er war der Hauptman von Köpenick. Eigentlich war er ein arbeitsloser Schuhmacher, der sich 1906 als Hauptmann verkleidete, ein paar Soldaten auf der Straße unter sein Kommando stellte und dann den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse beschlagnahmte. Das Theaterstück nach diesem wahren Ereignis von Carl Zuckmayr wurde mehrfach verfilmt.

Ein Restaurant wirbt mit adretter Bedienung – also hier mal nicht die sonst überall übliche Schnodderigkeit? Oder was soll das heißen?

Apropos Schwindelei: Diese 3 Meter hohe Skulptur auf dem Mittelstreifen der „Straße des 17. Juni“ ist ein Nachguß einer Skulptur von Gerhard Marcks (den wir hier schon öfter hatten), finanziert von einer Stiftung von einigen Banken und dem Axel-Springer-Verlag zum 100. Geburtstag des Künstlers. Wenn man etwas sieht, woran der Springer-Verlag beteiligt ist, müssen alle Warnlampen angehen, was die da wieder vermurkst haben, und so auch hier wieder zu Recht: „Der Rufer“, so die Bezeichnung der Skulptur, steht an der Stelle, an der der damalige US-Präsident Ronald Reagen Gorbatschow aufforderte, die Berliner Mauer einzureißen. Als ob das an Bedeutung nicht ausreichte, setzte man noch eine drauf: Die Skulptur soll nun laut einer angebrachten Tafel der italienische Dichter Petrarca sein, der da nach Osten den Satz „Ich gehe durch die Welt und rufe Friede Friede Friede“ ruft.

Tatsächlich hat Marcks den Rufer 1966 im Auftrag von Radio Bremen modelliert. Die Figur ist angelehnt an den Soldaten Stentor in der „Ilias“ von Homer, der eine Stimme hatte so laut wie die von 50 seiner Kameraden zusammen (wenn einer eine laute, kräftige Stimme hat, sagt man ja auch noch heute: Mit Stentorstimme) – als Allegorie für eine Radiostation passend gewählt. Daß Bankenstiftung und Springer-Verlag die Skulptur für Propagandazwecke künstlich-kitschig aufpimpen, zeigt nicht nur eine Verfälschung der Absichten des Künstlers, sondern spricht auch von wenig Sachverstand in künstlerischen Dingen.

Wenn man über die Oberbaumbrücke geht (sollte man immer eine Kaputze aufhaben oder einen Schirm aufspannen: Zweimal haben mir Tauben auf den Kopf geschissen – beim zweiten Mal wurde ich unfreiwillig an die Grenzen meines Humors geführt), am S-Bahnhof Warschauer Str. vorbei …

… kommt man rechter Hand zum Cassiopeia-Gelände, auf dem es immer wieder neue Graffiti zu bewundern gibt.

Am Wochenende findet hier regelmäßig ein Flohmarkt statt – eine nette Alternative, wenn einem der Andrang auf dem nahen Boxhagener Platz zu groß ist. Der rote Umhang scheint allerdings ein Ladenhüter zu sein.

Ein merkwürdiges und befremdliches Phänomen: Überall stehen solche Paßbildautomaten für Bilder in Schwarzweiß. Kann mir jemand sagen, was das soll, zu einer Zeit, in der jeder pausenlos Selfies mit seinem Handy weltweit bekannt machen kann? Hat das vielleicht irgendeine übersinnliche Bedeutung?

Zeichen, die das Universum einem sendet – hier ist ja klar, was der Butterrest bei einem Caféfrühstück uns sagen will: Leute, so langsam wird es Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Adieu Berlin, bis zum nächsten Mal!

Ende.

Fluchtpunkt Berlin (7)

Diese beiden Graffiti im Wrangelkiez in Kreuzberg gehören zu den bekanntesten Kunstwerken der Stadt, man findet sie in Fremdenführern und Bildbänden auch nicht-alternativer Verlage, und wohl Legionen von Touristen haben sie seit ihrer Entstehung 2007/2008 fotografiert.

Nun sind sie weg, im November 2014 wurden sie schwarz übermalt (das Foto zeigt die linke, nun geschwärzte, Figur). Man denkt sofort voller Empörung an skrupellose Hausbesitzer oder korrupte Politiker, aber nein – der Künstler, der sich Blu nennt, selbst hat sein eigenes Werk vernichten lassen. Uff!

Wie es aus dem Umfeld des Künstlers heißt, ist das ein Protest gegen die zunehmende Gentrifizierung der Stadt: Die Brache in der Nachbarschaft wurde bis Herbst 2014 von Obdachlosen besetzt, die dort Hütten bauten und damit keine Obdachlosen mehr waren. Nach einem Streit unter zwei Bewohnern und einer schnell eingedämmten Brandstiftung ergriff die Polizei die Gelegenheit, das ganze Areal zu räumen und abzusperren. Im Frühjahr dieses Jahres soll es losgehen: Der Besitzer des Geländes plant, hier 250 Luxuswohnungen zu errichten für Leute, die irgendwo in der City in hohen Positionen arbeiten, es sich also leisten können – und außerdem in einem richtig geilen Kiez leben wollen, mit Szenelokalen, kleinen hippen Geschäft, ausländischen Imbissen und authentischen Drogies, die man ab und zu in den Hauseingängen liegen sieht.
Und zur anrüchig-attraktiven Authentizität des Viertels gehören eben auch die kunstvollen Graffiti. Also ist es nur konsequent, wenn man sie wieder wegnimmt.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (6) – dies & das (1)

Aha. Man kann sie auch zu einem Salat anrichten. Ist das dann ein Ameisensalat?

Jedenfalls gehen sie manchmal komische Verbindungen ein, die Buchstaben. Ein Getränkemarkt, in dem der Durst lacht? Müßte es nicht heißen: „Hier fürchtet sich der Durst!“? Oder gibt es hier nur Cola, von der man noch mehr Durst bekommt, so daß er immer fröhlicher wird angesichts der Dummheit der Trinkenden, und sich auf die Schenkel klopft?

Hier, vor der Humboldt-Universität, versorgt sich der gemeine Student mit Lektüre – kein Wunder, daß das mit den Buchstaben so eine Sache ist.

Im Foyer der Uni ist eine Kunstinstallation zu sehen, ich habe sie fotografiert. Bitteschön, was sagt ihr dazu? Was? Man sieht gar nichts? Doch doch … paßt auf, es handelt sich um folgendes:

1953 ließ die Sozialistische Einheitspartei der DDR (SED) das Zitat von Karl Marx dort anbringen. Nach der Einverleibung der DDR in die BRD war natürlich alles pfui, was die SED je getan hat, deshalb wollte man den Schriftzug wieder abmontieren, unabhängig von seinem Inhalt. Dagegen gab es Proteste, und so streitet man bis heute, als wenn es nichts anderes zu tun gäbe. Um mal ein bißchen Luft herauszulassen aus der aufgeblasenen Diskussion, schrieb die Uni einen künstlerischen Wettbewerb aus, man wollte das Zitat „künstlerisch kontextualisieren“. Das, was man oben sieht, ist ein Beitrag der Künstlerin Ceal Floyer und besteht in der x-fachen Anbringung des Schildchens „Vorsicht Stufe“.

Aaah ja. Gut. Fein fein. So so. Jo, ist doch ganz schön, wie die glänzen. Oder nicht? Wie oft ist man schon mal gestolpert auf einer Treppe … also bitte: Danke dafür. Auf der Homepage der Universität weiß man ganz genau, wie man das Werk zu beurteilen hat und poliert wahrscheinlich schon den Preispokal (es folgt ein Originalzitat):

„Ihre Installation „Vorsicht Stufe!“ im Foyer der Humboldt-Universität versucht erst gar nicht, sich in einer Debatte zu positionieren, in der man mit jeder Antwort in ein Minenfeld tritt. Trotzdem wirkt das Werk nicht wie eine Flucht vor einer Stellungnahme, sondern drückt Esprit und Selbstbewusstsein aus. Es lässt eine ganze Fülle an Deutungen zu. Das ist wichtig an einem Transitort, den Hunderte sehr verschiedene Menschen täglich mehrfach betreten. Noch wichtiger aber ist, dass Floyers Arbeit nicht dominant einfordert, interpretiert zu werden. Durch ihre leise Bildsprache ist die Installation zugleich ein Gegenentwurf zu der intendierten Autorität des Marxzitats. Floyers Arbeit ist damit auch ein Protest gegen propagandistische Vereinfachung.
Die Installation überzeugt nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern ist auch physisch unmittelbar präsent. Obwohl klar als künstlerische Intervention erkennbar, fügt sie sich optimal in den architektonischen Kontext ein. Denn den Kontext, erklärte Floyer einst einem Kunstmagazin, betrachtet sie als eigenständiges Medium in seinem eigenen Recht.“

Wir wollen jetzt auch selbst mal was schreiben, vielleicht eine Postkarte an die Lieben zu Hause? Oder könnte man das mißinterpretieren? Ein Gegenentwurf zu einem Gegenentwurf zu einer intendierten Autorität? Eine mangelnde Fülle an Deutungsmöglichkeiten mit einer dominanten Interpretationsforderung, eine Affirmation, ja, Antizipation vereinfachter Propaganda? Oder öffnen wir ein Minenfeld, und wenn man da hineintritt, hat man das Zeug am Schuh kleben, bzw. eine Debatte an der Backe, die gar nicht intendiert war? (ich denke besonders an Onkel Günther, der die mittlere Karte als Kritik verstehen könnte)

Die Wissenschaft – ein weites Feld. Wenden wir uns den Erscheinungen des Alltags zu: Kann mir mal jemand sagen, wieso bereits seit Jahren an der U-Bahnhaltestelle Unter den Linden/Ecke Friedrichstr. herumgebaut wird? Oder bleibt das jetzt so, eine ewige Baustelle? Kann man sich ja drauf einrichten, und die Baufirma freut’s. Der Reiter rechts ist übrigens „der alte Fritz“, den ihr jetzt alle aus den letzten beiden Einträgen kennt. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zu seinem Kartoffelfeld, das er oben vor der Museumsinsel angelegt hat. Kennt ihr die Geschichte? Friedrich II. erkannte den Wert der Kartoffel für die Ernährung des Volkes, aber die tumben Bauern wollten nicht so recht mitziehen und weiter nur Getreide anbauen. Also ließ Friedrich ein großes Kartoffelfeld anlegen und es Tag und Nacht bewachen, und tatsächlich, die Bauern fielen auf die List herein: Wenn etwas so gut bewacht wird, muß es wertvoll sein, also stiegen sie im Dunkeln über die Zäune und stahlen das kostbare Gut. Und so wurde die Kartoffel in Deutschland zum Nahrungsmittel Nr. 1.

Der Mensch lebt allerdings nicht von Kartoffeln allein, das Würstchen empfiehlt sich.

So langsam kriegen wir auch Hunger. Vorbei an der Staatsoper, die unsere Aufmerksamkeit mit freundlicher Werbung weckt („hey, super, komm, da müssen wir unbedingt hin, eine Frau in rotem Kleid schreit uns wütend an, wie geil ist das denn“) …

… und auch vorbei am Engel im Historischen Museum (dahinten linst uns Friedrich schon wieder an, er ist allgegenwärtig, wenn man ihn erstmal bemerkt hat) …

… landen wir im Café eben dieses Hauses, wo sich junge Leute mit nicht so viel Geld gegenseitig füttern. Brav.

Ich bin gerne hier.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (5)

So ungefähr sah ich aus, als ich hörte, daß zum recht stolzen Eintrittspreis (inkl. Führung) von 12 Euro für das Schloß Sanssouci noch eine Gebühr von 3 Euro für eine Fotografiererlaubnis bezahlt werden muß. Unverschämt! Das kannte ich bisher nur aus Polen.

Was hilft das Gejammere – dafür sehen wir schönstes Rokoko (die vorletzte Phase des Barock): Wild und üppig wucherndes Ornament. Die Bänke an der Seite waren übrigens schon immer reines Ziermobiliar und dienten nicht zum Sitzen.

Das Musikzimmer, vielleicht erinnert ihr euch, es schon mal gesehen zu haben, nämlich …

… auf dem Gemälde von Adolph Menzel, das er 1850-52 gemalt hat. Das Querflötenspiel war eine der großen Leidenschaften von Friedrich II., eine Kunst, die er heimlich erlernt hat, denn sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., hätte das niemals erlaubt. Der wollte seinen 1,62 Meter großen Sohn auch zum Soldatentum erziehen und zwang ihn in eine militärische Laufbahn, in der Musik, schöngeistige Literatur und Philosophie, die der Sohn liebte, nichts zu suchen hatten. Als Friedrich im Alter von 18 Jahren nach England (oder Frankreich, je nach Quelle) fliehen wollte, vereitelte der Vater den Plan. Ein Freund Friedrichs wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, was der Vater in eine Todesstrafe umwandelte, die er wegen Verrats auch für seinen eigenen Sohn vorsah, nur durch internationale Fürsprache konnte er davon abgebracht werden. Friedrich saß zwei Jahre im Gefängnis, wo er auf Geheiß des Vaters gezwungen wurde, die Hinrichtung seines Freundes anzusehen.

Friedrich II. war, wie gesagt, ein Liebhaber der schönen Künste, sammelte Skulpturen, Bilder und Bücher, von denen er 5.000 Stück besaß – in drei Residenzen die gleichen, denn er hatte keine Lust, die Bücher mit sich herumzuschleppen. Er war zu Anfang ein relativ aufgeklärter Herrscher und korrespondierte mit den Geistesgrößen Europas, u.a. mit Voltaire, der sogar für zwei Jahre am Hof lebte, bevor man sich zerstritt.

Ein Gästezimmer mit Bettnische – schlichter, als die anderen Räume, aber dennoch geräumig.

In späteren Jahren, nach Erlebnissen in einigen von ihm selbst angezettelten Kriegen um die Eroberung des österreichischen Schlesien (deren Erfolge ihm den Beinamen „der Große“ eintrugen) und dem Verlust der Vorderzähne im Alter von 50 Jahren, was ihm die Leidenschaft fürs Flötenspiel verdarb, soll er unleidlich und verbittert geworden sein. Dies ist sein Arbeitszimmer, in dem er sich mit seinen geliebten Windhunden, die von der Dienerschaft jeweils mit „Sire“ angesprochen werden mußten, hauptsächlich aufhielt. Und das ist auch der Grund, weshalb hier kein Rokoko mehr zu sehen ist, sondern Klassizismus (die letzte Phase des Barock): Das Zimmer war so verwohnt, daß sein Neffe und Nachfolger das Zimmer im zeitgenössischen Geschmack renovieren ließ.

In diesem Sessel starb er schließlich, in den Armen seines Kammerdieners, 74jährig im Jahr 1786, Friedrich II., genannt „der Große“ oder auch „der alte Fritz“.

Auf dem Rückweg kamen wir an dieser geheimnisvollen Skulptur vorbei – sieht aus wie moderne Kunst. Ist es aber nicht, die Bretterverschalungen schützen figürliche Skulpturen vor dem winterlichen Wetter. Wenn wir sie sehen wollen – es gibt (gefühlt) hunderte von solchen Verschlägen – müssen wir im Sommer nochmal wiederkommen. Mal sehen.

Fortsetzung folgt.

Fluchtpunkt Berlin (4)

Eine gute dreiviertel Stunde muß man mit der S-Bahn fahren, um vom Zentrum Berlins nach Potsdam zu kommen. Vom Hauptbahnhof dort noch zwei Stationen, und man ist am recht weitläufigen Park von Sanssouci.

Im Hintergrund das „Neue Palais“, in dem Friedrich II. seine Gäste untergbracht hat. Man kann es besichtigen, allerdings nicht an einem Dienstag – jetzt ratet, an welchem Wochentag wir da waren.

Macht nichts, eigentlich sind wir sowieso deswegen hier (jedenfalls hauptsächlich): Die Weinterrassen vor dem Schloß Sanscouci und das Schloß selbst. Wenn man die Stufen hinaufläuft, kommt man hier an:

Sieht gar nicht nach Schloß aus, eher nach einer Orangerie, und ist viel weniger repräsentativ als das Palais, aber genau so sollte es sein: Friedrich II. entdeckte den Ort auf einem Ausflug und war so angetan davon, daß er beschloß, hier einmal begraben zu werden. Etwas später dachte er sich, daß es sinnvoller ist, den Ausblick schon zu Lebzeiten zu genießen, also ließ er nur für sich und sein Personal eine Sommerresidenz errichten. Sanssouci, der Begriff ist französisch, „sans souci“ heißt „ohne Sorge“.

Rätselhaft ist die Beschriftung, die auf Veranlassung des Königs so angebracht wurde: „SANS, SOUCI.“ Was machen Komma und Punkt da? Er selbst hat es nicht verraten, daher gibt es inzwischen alle möglichen Interpretationen: Vielleicht ist es eine Geheimschrift? Das Komma soll für Calvinismus stehen (eine besonders strenge Form des Protestantismus), der Punkt für die Vernunftreligion Deismus, also: „Ohne Calvinismus ist man sorgenfreier Deist“. Hm – ein bißchen umständlich, oder?

Eine andere Theorie liest alles auf französisch: „Sans virgule souci point“. Virgule wird übersetzt mit Schrägstrich, Beistrich, Strichlein oder auch (Achtung, jetzt kommt’s:) Stäbchen. Friedrich war (möglicherweise) durch einen operativen Eingriff in der Leistengegend impotent, also frei von sexuellem Verlangen: „Ohne Stäbchen (=Schwänzchen) keine Sorge mehr“. Klar, das würde ja jeder so machen, durch eine Fehloperation wird man impotent und nennt dann ein Schloß danach, oder sein Schiff oder was man sonst so hat. „Schau mal, das ist mein neues Auto, ich nenn‘ es Impotenzia.“

Eine dritte Theorie: Auf Geheiß seines strengen Vaters mußte Friedrich im Alter von 20 Jahren Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern heiraten, obwohl er (vielleicht, wahrscheinlich?) schwul war. Kaum war der Vater verstorben, verbannte er die ungeliebte Frau nach Schloß Schönbrunn und residierte selbst an anderen Orten. Die Kurzform von Elisabeth ist Sissi, oder auch – Susie. „Sans souci“ – „sans Susie“: Ohne Susie, keine Sorgen.

So sieht das Ensemble übrigens zusammen aus.

Der Eingang auf der Rückseite ist umgeben von einem eindrucksvollen Säulenbogen …

… von dessen Mitte aus man auf einen gegenüberliegenden Hügel mit Ruinen schauen kann. Nicht, daß die Ruinen verfallene Häuser sind, sie wurden gleich als Ruinen dort aufgebaut, sowas im Blick zu haben fand man schick im 18. Jahrhundert (fehlt eigentlich nur noch der Schmuckeremit).

Natürlich waren wir auch im Schloß, davon erzähle ich nächstes Mal.

Fortsetzung folgt.