Morgens 9 Uhr – das Wetter ist gut, die Luft ist herrlich – weiter geht’s. Früher wäre es für mich in einem Urlaub nahezu unvorstellbar gewesen, vor 10 Uhr aufzustehen, so ändern sich die Zeiten.
Obwohl wir uns in einer landwirtschaftlich geprägten Gegend befinden, wo der Dung quasi an der Tagesordnung ist, mag man hier keine Hundekacke. Weit und breit kein Mensch und kein Haus zu sehen, und dennoch hat man uns im Auge – aber wie? Per Satellit? Steht einer von der Hundekackepolizei auf dem höchsten Berg der Gegend und sucht mit einem Feldstecher die Gegend ab? Wir sind leicht beunruhigt – Big Brother im Schwarzwald.
Wir befinden uns hier übrigens auf der „Türkenlouis-Schanze“, um die Ecke gibt es Döner und Baklava … Quatsch natürlich. Türkenlouis war der Spitzname für den Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, der hier um 1700 das Sagen hatte. Während des „Großen Türkenkrieges“, als die Osmanen vor Wien standen, kämpfte er auf der Seite des damaligen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Leopold I., und konnte einige Siege erringen, was ihm den Beinamen einbrachte. Als die Franzosen unter Ludwig XIV. die Gunst der Stunde nutzten und im Westen eine zweite Front gegen Österreich aufmachten, veranlaßte der Markgraf, daß man eine Schanze gegen sie anlegt: Ein Höhenzug wurde entwaldet und ausgebessert, damit man ein besseres Schußfeld hatte. Hat aber nicht viel gebracht, außer viel Qual und Elend für die ansässige Bevölkerung.
Inzwischen hat man wieder aufgeforstet und verschönert die Natur mit „edlem“ Design: Diese Designer-Bank hat sich unter drei Entwürfen durchgesetzt. „Genießen Sie neue Perspektiven der Landschaft und das Gefühl außergewöhnlichen Designs!“, werden wir auf einem Schild aufgefordert. Doch, da kann man gut sitzen. Die Wiese ist allerdings weiterhin grün.
Ein wenig Abseits der Wanderroute sind auf der Karte Messer und Gabel eingezeichnet – da müssen wir hin.
Selbstgemachter Eistee und ein gerade so eben warmer Latte Macchiato – jetzt verstehe ich auch den Strohhalm. Als ich mich sanft beschwere, erzählt mir die Bedienung, das gehöre so, das sei nur ein Warmgetränk, erklärt sich aber schließlich trotzdem bereit, das Glas nochmal in die Mikrowelle zu stellen. Immerhin.
Die kleine Kapelle ist abgeschlossen, aber vertrauensvoll händigt man uns den Schlüssel aus.
Eine ganz hübsche, lichte kleine Kirche … ich bin trotzdem froh, daß ich hier keine Rituale mitmachen muß.
Und da ist schon Hinterzarten, besonders bekannt wegen seiner großen Sprungschanzen. Da unsere Unterkunft in der Stadt liegt, könnten wir eine Abkürzung nehmen und direkt hinlaufen, aber unsere heutige Etappe endet – an Hinterzarten vorbei – am Titisee, den wir uns nicht entgehen lassen wollen.
Am Stadtrand durchqueren wir eine riesige Golfanlage – unter Lebensgefahr und auf eigene Veranwortung, werden wir aufgeklärt, außerdem dürfen die Golfbälle auf keinen Fall mit ins Grab genommen werden, denn sie sind Eigentum des Golfclubs, bittschön, alles was recht ist! Wo kommen wir hin, wenn jeder glaubt, ein mit dem Kopf im Flug gestörter Golfball gehöre ihm?
Eine Haltestelle für Individualisten.
Bläsihof, Hinterzarten, Titisee – pubertierende Jugendliche hören wahrscheinlich gar nicht mehr auf zu Kichern. Und natürlich solche …
… die in der Pubertät steckengeblieben sind. Ich bin sicher, Donald Trump würde sich über so eine Karte freuen, ebenso wie Kim Jong-un.
Im Ort Titisee ist, so scheint es, die Ballermannisierung schon weit fortgeschritten. Unser Wanderführer behauptet, der Ort und der See seien in Asien und den USA bekannter als in Deutschland.
Gerade die Chinesen sind dafür bekannt, daß sie allen ihren Verwandten, Freunden und Kollegen eine Kleinigkeit mitbringen (müssen), da ist so ein kleiner Plüschpanda genau richtig – klar, das Tier, an das man als erstes denkt, wenn man vom Schwarzwald redet! Die Tiere werden wahrscheinlich in China hergestellt, hierher verfrachtet und an die chinesischen Touristen verkauft, die sie wieder mit zurücknehmen in ihre Heimat, wo das Spielzeug nach einiger Zeit im Plastikmüll landet und wiederaufbereitet wird, es entstehen neue Pandas, die dann in Deutschland an chinesische Touristen usw. Das nennt man einen Kreislauf, der zwar an sich völlig nutzlos ist, aber ganze Völker am Leben hält.
Da man weder in China noch in Amerika die kleinen europäischen Länder auseinanderhalten kann, ist es nicht schwer, ihnen weiszumachen, daß Nudelsträuße typisch für diese Region sind – Spaghetti, Italien, weiß man doch, ist da gleich hinter den Bergen.
Ob man diese Glocken mit ins Flugzeug nehmen darf?
Für die Coolen ist auch was dabei – ein Punker, der sich ein solches Bild ins Wohnzimmer hängt, das ist doch der Hit.
Genug gegruselt, wir suchen uns eine Stelle, wo man in Ruhe etwas Kühles trinken kann. Eigentlich ist es ganz schön hier, wenn man den Stadtkern meidet.
Es sind nochmal sechs Extrakilometer, die zu unseren heutigen 20 hinzukommen, da, wie gesagt, unsere Pension in Hinterzarten liegt – wo man 23.000 Euro Heizkosten im Jahr hätte, würden wir noch in der Eiszeit leben. Ah ja. Wenn wir so weitermachen mit dem Klima, kommt die nächste Eiszeit bestimmt.
Die Bebauung von Hinterzarten ist nicht besonders dicht, großzügig verteilen sich die Häuser in der sanft hügeligen Landschaft. Viel gesehen vom Ort haben wir allerdings nicht, es ist schon spät, fast hätten wir uns noch verlaufen, aber dank der Spürnase meiner Begleiterin finden wir unsere Unterkunft auf Anhieb …
… wo überraschender Weise ein Candle-light-Dinner auf uns wartet.
