Ausflug nach Basel (3)

Schön ist es, durch die Gassen zu schlendern …

… auch abseits der Touristenströme.

In einer Seitenstraße entdecken wir im Hof des Staatsarchivs einen Pavillon, der einen Teil der Austellung „Magnet Basel“ zeigt: Es geht um Zuwanderung aus den verschiedensten Gründen.

Migration betrifft immer Einzelschicksale, jeder Einzelne hat das Recht, daß man ihm hilft, wenn er hilfsbedürftig ist.

Sehr gut gemacht, die Ausstellung – ein Licht der Aufklärung in einer dämonischen Umgebung (womit ich nicht nur die Figuren an der Wand meine, sondern den gesamteuropäischen Umgang mit dem Flüchtslingsthema).

Hügelig ist es hier ein bißchen, was den Vorteil hat, daß man sich kaum verlaufen kann: Wenn man nicht mehr weiß, wo man ist, geht man einfach bergab und landet immer …

… am Rhein. In Basel darf man etwas tun, wozu in Köln dringend abgeraten wird:

Man darf im Fluß schwimmen. In Köln ertrinken jedes Jahr immer wieder Leute, die die Strömungen unterschätzen. In Basel fließt der Fluß noch langsamer, er ist auch nicht ganz so breit, und es fahren viel weniger Schiffe.

Sehr viele Baseler nutzen das. Diese wasserdichten Säcke mit Fischaufdruck, die man hier (auf einem Foto meiner Begleiterin) in blau und orange sieht, kann man in  jedem Supermarkt kaufen.

An einer der oberen Brücken werden Klamotten und Handtuch im Sack verstaut, dann schwimmt man los oder läßt sich einfach treiben. Weiter unten klettert man wieder hinaus – die Stadt hat sogar ein paar Duschen installieren lassen.

Daß man auf der rechten Rheinseite sehr viel besser sitzen kann als auf der linken, weil die Sonne da viel länger hinscheint, weiß man hier schon lange.

Deshalb gibt es hier nicht nur Hotels …

… sondern auch viele Restaurants und Kneipen, die mit ihren Außenterrassen locken. Allerdings ist abends viel los, da kann es schon mal passieren, das eine Bestellung vergessen wird.

Trotz der günstigen Lage scheinen sich auch neu erbaute Häuser an ein Höhenkonzept zu halten – nur ein Gebäude sticht unangenehm heraus: Es ist der Roche-Turm. Ein zweiter, der noch höher werden soll, ist im Bau. Soweit ich weiß, ist das nichtmal in der Bürgerschaft kritisch diskutiert worden, vermutlich, weil man genau weiß: Was diese Pharma-Riesen wollen, das bekommen sie auch, sie brauchen ja nur mit Abwanderung zu drohen.

Ich weiß jetzt sogar, warum Basel ein solches Zentrum für Pharma- und Chemiefirmen ist: Es hat zu tun mit – Eitelkeit. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war es modern, die Kleidung zu festlichen Gelegenheiten mit Bändern, sogenannten Posamenten, zu schmücken. Basel entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Zentrum der Seidenbandweberei. Die Bändelherren, also die Unternehmer, die mit den Posamenten handelten, ließen die Ware im Baseler Umkreis herstellen: Sie stellten den Bauern riesige Webstühle in die Wohnstuben und ließen sie für sich arbeiten, ohne viel dafür zu bezahlen. Die Bauern wurden zu Posamentern. Der Vorteil für sie war, daß sie nicht mehr von den Unbilden des Wetters abhängig waren, sondern eine dauerhafte Einnahmequelle hatten, und wenn die ganze Familie mithalf, konnte man vielleicht etwas mehr erwirtschaften, als man für das tägliche Leben brauchte. Freilich waren sie nun von den Launen der Unternehmer abhängig …

… die es sich in der Stadt gut gehen ließen, in Saus und Braus lebten und sich riesige Villen errichteten, wovon natürlich die ganze Stadt profitierte. Mit Beginn der Industrialsierung hatten viele Bauern leider erneut das Nachsehen: In der Stadt wurden Fabriken errichtet, die Webstühle wurden nun mit Dampf betrieben, und den übrig gebliebenen Heimposamentern – immer noch sehr viele – konnte man neue Bedingungen diktieren. Eine weitere Optimierung der Herstellung von Seidenbändern war die Erzeugung von künstlichen Farbstoffen. Nach der Erfindung des Farbstoffs Fuchsin (dem heutigen Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden schnell mehrere Chemiefirmen, die auch nach weiteren künstlichen Farbstoffen forschten. Als sich um 1900 die Mode änderte und niemand mehr Seidenbänder haben wollte, brach die Seidenbandweberei in sich zusammen – in einem Prozeß von mehreren Jahren, aber unumkehrbar. Übrig blieben aber die Chemieunternehmen, die zunehmend auch Abfallprodukte ihrer Forschungen vermarkteten: Medizin – gegen Rheuma, gegen Kopfschmerzen, was der Mensch halt so braucht. Inzwischen haben allein die beiden größten Pharmaunternehmen, Novartis und Roche, einen Jahresumsatz von über 100 Milliarden Dollar.

„Die meisten Blöden in Berlin sind derart ausgelaugt, daß sie nichts mehr hergeben“, liest mir meine Begleiterin aus der Frühstückszeitung vor. Das leuchtet mir unmittelbar ein, aber ich wundere mich doch darüber, daß eine Schweizer Tageszeitung so unverblümt über unsere Regierung urteilt. Tut sie gar nicht – meine Begleiterin hat sich nur verlesen:

Nächstes Mal gehen wir ins Museum.

Fortsetzung folgt.

 

6 Antworten zu “Ausflug nach Basel (3)

  1. am beispiel der posamenter kann man sehr schön sehen, dass kapitalismus und automation in der wirtschaft nur dem arbeitgeber nützen.
    die arbeitnehmer werden ausgenutzt, unterdrückt und oder arbeitslos gemacht.
    wenn die bauern seidenbänder gewebt haben, wer bestellte ihre felder und brachte die ernte ein?

    wenn die deutsche wirtschaft durch und durch digitalisiert ist, was wird aus der arbeitnehmerschaft?
    da die areitslosenzahlen so niedrig wie nie sein sollen wird uns als jobwunder verkauft, dabei wird aber nicht gesagt, dass der so genannte eingeführte niedriglohnsektor, 450 euro jobs, arbeitende menschen in die armut treibt.
    wie sieht es damit in der schweiz aus?

    bin wohl vom thema abgekommen. 😉

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    • Das ist ganz unterschiedlich: Es gab Gegenden, wo die Bauern die Landwirtschaft völlig aufgegeben haben, andere, wo sie nur eingeschränkt wurde. Das wird kein einfaches Leben gewesen sein. Ich habe gelesen, daß sich das unvorteilhafte Stadt-Land-Gefälle in den Köpfen der Landbewohner bis heute gehalten hat – man ist immer noch leicht angesäuert.

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    • Ach übrigens, habe ich gestern ganz vergessen: Du hast völlig recht: Das sogenannte Jobwunder geht auf Kosten der Renten von Morgen – die Altersarmut ist schon jetzt für viele, viele Menschen vorprogrammiert. Ich gehöre auch dazu – zu wenig Lebensarbeitszeit. War es nicht die Regierung Schröder, die parallel zur schrittweisen Rentenminderung das Mehrwegsystem für Flaschen eingeführt hat? Pfandflaschensammeln als Löung des Rentenproblems – allerdings muß da noch viel mehr gesoffen werden, bei so vielen Rentnern, die bald darauf angewiesen sein werden.

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      • es war schröder und seine schergen, die dafür verantwortlich sind.

        martin schulz will die spd ja erneuern.
        da sollten sie ihre so genannten reform rereformieren, denn deswegen bekommen sie im bund keine mehrheiten zum regieren.
        zum jahresbeginn begegnete mir eine rentnenrin, die einen verstörten eindruck machte. sie fragte mich ob ich zwei euro für sie hätte, weil sie kein geld mehr hätte. leider musste ich passen, denn ich war ohne portemonnaie unterwegs. sie schien wirklich verzweifelt.
        auf meine frage ob sie denn zur rente grundsicherung bekäme sagte sie ja.
        ein paar monate später sah ich sie wieder in der gleichen straße an mir vorbei gehen.
        sie war leicht geschminkt und zeigte ein kleines lächeln im gesicht, doch mich nahm sie nicht wahr.
        und ich sehe viele alte menschen in den öffentlichen papierkörben nach pfandflaschen sammeln.

        dass ich in rente bin seit vielen jahren, ist dir ja bekannt, auch der grund dazu. als meine frührente bewilligt wurde, bekam ich von der bfa einen bescheid über die höhe der frührente nebst einer berechnung meiner altersrente. wenn ich das richtig erinnere werden das so 198,76 euro sein.

        die altersarmut steht auch mir bevor.
        es ist große kacke als junge erwachsene schwer zu erkranken und dann eine behinderung davon zu tragen, die einem die kraft und belastbarkeit nimmt, regelmässig acht stunden zu arbeiten.

        habe gottseidank so viel in die rente einzahlen können, dass ich anspruch auf die rente wegen erwerbsminderung habe.

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  2. Dein Reisebericht ist mal wieder überaus informativ, besonders was den Ursprung der Pharmaindustrie in Basel betrifft. Ich bin mal beruflich in Basel gewesen, habe aber keine Zeit gehabt, mir die Stadt anzusehen, was ich um so mehr bedauere, nachdem ich deine schönen Fotos betrachtet habe. Mir ist damals aufgefallen, dass die Seminarteilnehmer (Lehrer) mit uns zwar Hochdeutsch gesprochen haben, untereinander aber allesamt Baseldütsch. Nicht mal in Köln, wo der Dialekt noch gepflegt wird, kann man sich vorstellen, dass auch Gebildete untereinander nur Platt sprächen.

    Bei deinen ersten beiden Fotos habe ich über die Fluchtlinien gestaunt und gedacht: Ist Videbitis so groß? Dann habe ich verstanden, dass die Straßen natürlich zum Rheintal hin abfallen und du von relativ weit oben fotografiert hast.
    Was deine „Begleiterin“ in der Zeitung verlesen hat, ist herrlich.

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    • In den Schweizer TV-Nachrichten kann man das auch beobachten: Der Moderator spricht Hochdeutsch, aber wenn in einem Einspieler ein Schweizer interviewt wird, wird Schwyzerdütsch gesprochen, auch wenn es ein Professor oder Minister ist.

      Stimmt, und die Größe nimmt zu, je weiter man in die Straße hineinzoomt, vorausgesetzt, man hält die Kamera grade. Und ich sehe gerade: Das erste Foto hat leicht fallende Linien, ich habe die Kamera wohl ein wenig nach oben gedreht, vermutlich, um die Hausfassaden besser im Bild zu haben, und das verstärkt den Effekt noch.

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