Wanderung auf dem Westweg (4): Hinterzarten – Notschrei – Muggenbrunn

 

Es ist heiß, schon am frühen Morgen, die Sonne brennt – und ausgerechnet heute müssen wir auf den höchsten Berg des Schwarzwalds und – außerhalb der Alpen – Deutschlands, den Feldberg. Ich denke an den Aufstieg der ersten Etappe und mache mir ein bißchen Sorgen.

Völlig umsonst – wir laufen durch den Wald und lösen quatschend ein paar Weltprobleme, da stehen wir plötzlich an der Baumgrenze und haben unser Ziel schon erreicht.

Die Bergspitze ist gar nicht spitz, sondern flach und sehr langgezogen, man könnte ohne weiteres ein paar Fußballfelder anlegen. Und weil es auch breite Wege gibt, trifft man auf nicht wenige Moutainbiker …

… für die es eine besondere Herausforderung wäre, die schmalen Wanderwege hinunterzubrettern. Glücklicherweise ist das verboten. Als ich so ein Schild das erste Mal sah, kam es mir völlig surreal vor – was kommt als nächstes, ein Zebrastreifen? Parken verboten? Aber es ist wohl wirklich notwendig.

Die Steaks von morgen stehen mitten auf dem Weg herum – wir machen einen weiten Bogen, denn es sterben mehr Leute durch Kühe als durch Weiße Haie, habe ich mal gelesen.

Beim Abstieg versperrt uns diese Hütte den Weg. Da will man durch die Natur gehen, und dann dieser Zivilisationsschnickschnack!

Da wir nicht als Sonderlinge dastehen wollen, lassen wir uns schweren Herzens auf die Spielregeln ein, die hier offenbar herrschen. Frollein, bitte noch’n Kirschwasser!

Aber mal im Ernst: Was man in den Ausflugslokalen als Schwarzwälder Kirschtorte bekommt, schmeckt nicht soo schlecht, ist aber meistens nicht selbstgemacht, sondern mutmaßlich industriell hergestellt. Es fehlt tatsächlich an Kirschwasser, und ein paar mehr Früchte könnten auch drin sein. Wer wissen will, wie gute Schwarzwälder Kirschtorte schmecken sollte, muß hier hingehen (meine Begleiterin und ich können uns den Ortsnamen nicht merken, deshalb sprechen wir immer mal wieder – sehnsüchtig – von Tortenhausen).

Und was ist das?! Ich sag’s euch: Das ist die „längste Baumliege“ der Welt, wahlweise auch die „längste Sitzbank“ der Welt, steht auf einem Schild. Meine Begleiterin unkt, sie könne sich schon denken, wie ich mich im Blog darüber lustig mache. Aber ich sag nix dazu. „Dieses Projekt würde gefördert … mit Mitteln des Landes Baden-Württemberg, der Lotterie Glücksspirale und der Europäischen Union“, steht noch auf dem Schild. Erklär das mal einem Griechen.

Schräg gegenüber steht ein Kreuz, und man merkt sofort: Da fehlt doch was. Bei den Katholen gibt es kein Kreuz ohne Figur, und die Bohrlöcher für die Halterung sind ja auch deutlich zu sehen.

Unten klebt ein Zettel dran, schwer zu entziffern: „… liebe Gäste und Ureinwohner … bin momentan im … Urlaub! Komme aber garantiert zurück!“ Ach was! Das habe ich nicht gewußt. Ich bin zwar kein Christ, aber Mitgefühl und Barmherzigkeit sind mir nicht fremd, ich fand es schon immer abscheulich, daß Folteropfer so permanent zur Schau gestellt werden. Und jetzt machen sie also Urlaub, diese Leidensfiguren. Ich gönne es ihnen von Herzen. Ob sie sich irgendwo treffen, in kleinen Gruppen, und sich erzählen, was sie so erlebt haben das Jahr über? „Also mein Pfarrer, das hältst du nicht aus, …“ usw., mal richtig den Frust von der Seele reden. Wo die wohl hinfahren, Mallorca? In die USA garantiert nicht, die lassen solchen Aufrührer nicht herein im Moment: Verkaufsstände umschmeißen vorm Tempel und kapitalismuskritische Reden schwingen („eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel kommt“), das ist bei denen aktenkundig.

Da gabelt sich der Weg, und es ist kein Wanderzeichen zu sehen. Macht aber nichts, auf dem oberen Schild, das nach links zeigt, steht Notschrei – und genau da ist unser heutiges Etappenziel.

Notschrei ist nicht nur der Name eines Gebirgspasses, sondern auch eine historische Begebenheit: Anfang des 19. Jahrhunderts machte die Industrialisierung auch in dieser Gegend Fortschritte. Südlich des Gebirgszuges, in Todtnau, entstanden Fabriken, deren Erzeugnisse (Bürsten, Papier, Zucker und Textilien) Absatzmärkte suchten. Der beste Handelsplatz in der Nähe war Freiburg im Breisgau – allerdings nördlich des Gebirgszuges. Um da hinzugelangen, mußte man 500 Höhenmeter überwinden, was nur umständlich mit Saumpferden und Handkarren zu bewältigen war. Das Großherzogtum Baden hatte überhaupt kein Interesse daran, Geld für einen aufwendigen Straßenbau herzugeben, und ignorierte lange, über 30 Jahre, sämtliche Anträge der Bewohner und Fabrikanten. Erst im Jahr 1847 – der Hunger und die Arbeitslosigkeit waren groß geworden in Todtnau und Umgebung, die Einwohner drohten, sich in großer Zahl der Badischen Revolution anzuschließen – hatte man ein Einsehen, zumal jemand ausrechnete, daß der Holzschlag in dem Gebiet ordentliche Gewinne abwerfen würde. In allerletzter Not – daher der Name – wurde in  den folgenden Jahren also der Gebirgspaß eingerichtet, die revolutionären Kräfte hatten dagegen stark an Einfluß verloren – „erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, wie Bert Brecht solche Entwicklungen zusammenfaßte.

Wir müssen noch ein paar Kilometer nach unten laufen, unser Hotel ist in Muggenbrunn, ein Dorf an der historisch bedeutsamen Strecke.

Fortsetzung folgt.

 

17 Antworten zu “Wanderung auf dem Westweg (4): Hinterzarten – Notschrei – Muggenbrunn

  1. …ich hab die Karte jetzt nicht im Kopf, aber…Todtmoos müsste dort in der Nähe sein, dort war ich mal…hat mir sehr gefallen, vor allem der schöne Wald mit den Riesenbäumen, Moos darunter, durch das kleine Bächlein plätscherten…dort laufen sicher auch Wölfe rum und halten nach kleinen Mädchen Ausschau…

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    • Ja, genau, Todtmoos ist ganz in der Nähe, ich war auch überrascht, als ich plötzlich einen Wegweiser mit dem Namen sah, wie nah das alles zusammenliegt. In Todtmoos waren wir nämlich auch schon, vor zwei Jahren, als wir auf dem Schluchtensteig gewandert sind, schau hier (ganz unten):
      https://koelnfotos.com/2015/08/19/20664716/

      Vor Wölfen braucht man keine Angst zu haben, den Verfassern von Rotkäppchen glaube ich nicht, die Geschichte verstrickt sich doch in Widersprüchen. Gefährlicher sind Wildschweine, wenn die mit ihren Bachen auftauchen … und da ich nicht Obelix bin …

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      • …mir hatte es dort auch gefallen, idyllisch hübsch und so ordentlich…und ob Schwein oder Wolf, ich glaube, sie gehen den Menschen gern aus dem Weg, nur wenn diese dummen Geschöpfe immer in ihren Revieren rumkraxeln, dann geht es ihnen sicherlich mal auf die Nerven…

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  2. Bonsoir Monsieur Videbitis!

    Die Überschrift ist wirklich amüsant.
    Das bringt die Gedanken ganz durcheinander..;-D

    Zum Foto mit dem „nackten“ Kreuz:
    Man könnte das ja zum Anlass nehmen, um mit einer AR-App (Augmented Reality-App) verschiedenste Figuren auf das Kreuz zu simulieren. (per Smartphone) Für die gläubigen Katholiken den üblichen Märchenjesus und für modern denkende Jugendliche einen HipHop-Jesus, der sich im stylischen Gewand nur an Kletterhaken
    festhält und ’nen Joint qualmt..;-)

    Nun folgt noch ein abgewandeltes Foto von dir:


    Ich finde es gelungen. Mal in ein bisschen Fresco..;-)

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    • Welcher Begriff regt Deine Fantasie an – Notschrei? Das läßt ja tief blicken.;-)

      Gute Idee, man könnte einen QR-Code anbringen und verschiedene Versionen zur Verfügung stellen. Dazu läuft dann „Always look on the bright side of life“.

      Sehr schön! Wie von Monet gemalt.

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      • Bonsoir!

        Wie ich sehe, hast du unser Werk wohlwollend integriert..;-)
        Ist schon auch faszinierend, was man heute mit Software
        offline oder online anstellen kann. Damit ist aber auch die
        Glaubwürdigkeit von Fotografien verloren gegangen.
        (Klar, auch zu analogen Zeiten konnten Fotos retuschiert
        werden. Es war aber weitaus aufwendiger.)
        Tja . Licht und Schatten. Untrennbar miteinander verbunden.

        „Das Leben des Brian“ – Unsere Generation.
        Lassen wir das satirische Meisterwerk nicht in Vergessenheit
        geraten. (Zumindest nicht die musikalische Untermalung.)
        … 🎶 http://tinyurl.com/yb8mqhqy 🎶…;-)

        Übrigens hat mich dein Foto mit der Schwarzwälder Kirschtorte
        dazu animiert, mir heute selbst ein entsprechendes Stück
        in einem örtlichen Cafe mit angegliederter Konditorei/Bäckerei
        zu besorgen. Bohnenkaffee und Kirschtorte – ein Genuss!..;-)

        Nun noch ein in ROT13 codiertes Sprichwort:

        Va qre Abg sevffg qre Grhsry Syvrtra.

        Ich hoffe, du hast die Website mit dem Decodiertool
        gebookmarkt..;-)

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        • Ja, aber daß man heutzutage die Fotos so leicht verändern kann, hat auch sein Gutes: Fotos verlieren für eine breitere Öffentlichkeit ihren Beweischarakter – den sie in Wirklichkeit nie hatten, da man, wie Du ja richtig erwähnst, schon immer retuschieren konnte.

          Danke für den Song, den Film muß ich mir mal wieder ansehen – einmal im Jahr kann ich das, um mich erneut darüber zu amüsieren.

          Wahrscheinlich aus eigener Herstellung? Besser als Fliegen auf jeden Fall.;-) Wozu dient eine Codierung, die man so leicht entschlüsseln kann?

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          • Die Codierung dient dazu, einen Text zu verschlüsseln, damit er nur von Eingeweihten gelesen werden kann.
            Nicht jeder kennt dieses Kodierverfahren. Hätte ich dir das Decodiertool privat zukommen lassen und hier nichts von „ROT13“ erwähnt, dann hätten wir Geheimbotschaften austauschen können, weil es eher unwahrscheinlich gewesen wäre, dass alle anderen Mitleser die Codierung durchschaut hätten. (Schwieriger Satz..;-)
            Es geht ja nicht darum, etwas vor Geheimdiensten zu verstecken. Noch heute werden in privaten Zeitungsinseraten (Rubriken wie „Bekanntschaften“ etc.) codierte Botschaften übermittelt. Daher werden sie wahrscheinlich auch von Schlapphüten durchforstet. Es muss ja nicht „ROT13“ sein. 😉

            Versuch mal zu entschlüsseln: (Anderes Codierverfahren)
            s:6 (6=E :DE ?:49E D@ H:6 D:6 D496:?E]
            (Öffentlich..;-)

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            • Keine Chance, Google gibt nichts her.;-)
              Mit einfach zu entschlüsseln meinte ich tatsächlich: Einfach für die Geheimdienste. An untreue Eheleute, die sich mit heimlichen Geliebten treffen wollen, hatte ich nicht gedacht. Wie sieht das dann aus? „Hallo s:6 (6=E :DE ?:49E D@ , heute Abend um 8 bei @ H:6 D:6 D496:?E]? Viel Grüße, gj9i34nff+“;-)

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  3. wenn es hinterzarten gibt, hats dann auch ein vornegrob? 😉

    der notschrei hat auch mich neugierig gemacht, eine feine erklärung für den bestimmten weg oder pass oder wie auch.
    aber da kommt mal wieder, wie du ja schriebst, der brecht zum vorschein.
    eine revolution werden wir alle wohl nicht erleben, wenn lieber der magen vollgestopft wird als politisch zu kämpfen.
    freue mich auf die fortsetzungen.

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  4. Hatte ihr also euren roten Schirm wieder bei euch. Die Kuppe des Feldbergs hätte ich mir anders vorgestellt. Ehrlich gesagt, hatte ich sie mir bislang noch gar nicht vorgestellt. Aber mal schön, sie zu sehen. Danke fürs Zeigen. Ich musste an die Schwarzwaldhäuschen von Faller denken, die ich für meine Modelleisenbahn zusammengeklebt habe. Aber solch klischeehafte Bauten hast du nur eingangs mal gezeigt.

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    • Der Rote Schirm ist inzwischen so alt, daß er besser bei Sonnenschein als bei Regen eingesetzt wird, und so war es auch, wir hatten Glück. Aber er muß einfach mit. Oft ist er nicht zum Einsatz gekommen, im Wald braucht man ihn ja nicht.
      Stimmt, wenn ich darüber nachdenke, fallen mir nicht viele dieser Häuser ein. Das liegt wahrscheinlich auch daran, daß wir dreimal in Hotels logiert haben, wo kein Ort drumherum war.

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