Jülicher Str.

„Public viewing“ scheint in meinem Viertel eine entspannte Sache zu sein: Es sind noch Tische frei, wenn ich mich für Fußball interessieren würde, hätte ich mich dazugesetzt. Stattdessen nutze ich die Gelegenheit und gehe im wunderbar leeren Supermarkt einkaufen.

Offenbar hat das Spiel noch nicht angefangen, einzelne Spieler werden interviewt, und ich höre im Vorbeigehen, wie ein Herr S. dem Reporter ins Mikrophon sagt, Fußballer hätten ja auch Vorbildfunktion. Ach! Ich hoffe, er meint das nicht ernst. Vorbild wofür? Seine Bildung täglich aus der dümmsten Boulevardzeitung zu beziehen, die es gibt? Eine bestimmte Sorte überfetteter Kartoffelchips zu essen und sich mit einer bestimmten Sorte Bier die Birne zuzudröhnen? Mit Edelkarren durch die Gegend zu heizen? Oder daß man ein Schweinegeld damit verdient, indem man für all diese Produkte wirbt? Oder soll die Jugend sich daran ein Beispiel nehmen, daß man völlig ironiefrei mit 21 Kollegen einem Ball hinterherrennt, um ihn in ein bestimmtes Areal zu plazieren, und darüber zum Millionär wird? Nein, lieber Herr S., spielen Sie mal schön Fußball, das mit den Vorbildern überlassen Sie besser anderen. Und wenn Sie das nächste Mal auf eine dumme Reporterfrage antworten sollen, sagen Sie einfach, wie es Ihrem Intellekt entspricht: „Keine Ahnung.“

Aachener Weiher

Was da so schön silbrig glänzt im Gegenlicht, ist nicht etwa die durch Wind gekräuselte Wasseroberfläche des Aachener Weihers im Kölner Grüngurtel, nein, die Oberfläche wird von unten „aufgerauht“ – durch Algen. Das weckt böse Erinnerungen an 2010, als das Gewässer kippte, zig Fische, Enten und Schwäne vergifteten sich und starben an Botulinumtoxin, einem Nervengift, das sich im vermodernden Grund des Weihers gebildet hatte.

Im Grünflächenamt war man lange Zeit ratlos, schließlich ist der Weiher erst knapp 90 Jahre alt, wie soll man da Erfahrungen sammeln, und dann kam auch noch das Wochenende dazwischen, da konnte man nichts machen. Nachdem die meisten Tiere tot und die Aufregung groß war, installierte man zwei Fontänen, da irgendjemand herausgefunden hatte, daß Bewegung und Filterung gut gegen Verschmutzung ist, und im letzten Jahr hat man einen Algenmäher beauftrag, das Gewässer mit einer Spezialmaschine zu säubern. Aber jetzt steht Pfingsten vor der Tür, die Urlaubszeit beginnt – oh je, mir schwant Böses. Ob ich mal anrufen sollte beim Grünflächenamt?

Richard-Wagner-Str., Ecke Habsburgerring

Zum Friseur bitte nach rechts, nur ein paar Meter – so war es jedenfalls mal. Die Schrift ist typisch 50er Jahre, oder gab es die schon früher? Den Salon gibt es schon lange nicht mehr, der Schriftzug hat hinter den Reklametafeln eines anderen Geschäfts „überlebt“:

Hier war lange Zeit eine Buchhandlung, die nun leider geschlossen hat, eine Filiale der Firma „VUB printmedia“, die noch ein weiteres Geschäft in Nähe der Uni hat. Es gab viel Fachliteratur, aber auch das normale Programm, Romane, CDs usw. Das hat sich wohl nicht mehr gelohnt, nicht weit weg sind die großen Buchhandelshäuser am Neumarkt, und die Konkurrenz im Internet ist langfristig kaum zu schlagen. Und genau dahin ist die Firma „VUB“ nun unterwegs: „…ermöglichen wir die Implementierung von Prozessketten für die weltweite Medienbeschaffung und deren Management. Unsere Lösung wird in ERP- und E-Procurement-Systeme sowie Workflows integriert“, steht auf ihrer Homepage. Versteh ich nicht: Wenn ich Medien brauche, muß ich doch nicht zusätzlich noch eine Firma beauftragen, die sie mir besorgt … aber irgendwie muß es ja funktionieren, sonst könnten sie sich kaum halten. Wie auch immer: Was wird jetzt aus dem Laden? Bitte bitte keine weitere Bäckereikettenfiliale! Dann schon lieber ein Friseur. Oder noch besser: Ein Café.

Paar auf der Zülpicher Str.

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, sagte kürzlich in einer Predigt: „Liebe Genossinnen und Genossen, …“ – quatsch!, das sagte er natürlich nicht, sondern: „Liebe Schwestern, liebe Brüder …“, was aber genau so falsch ist, denn er meinte alle, die ihm zuhörten, und so eine große Familie hat der gar nicht. „Da stimmt doch mit unserem Volke nicht…s … mehr!“, las er von seinem Manuskript ab, nachdem er behauptet hatte, jeden Monat würden Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland eine Großstadt in der Größe von Koblenz oder Remscheid „auslöschen“, im Jahr also zwölf Großstädte. Koblenz ist ja ganz schön, aber zwölf davon … und in Remscheid war ich noch nie, glaube aber nicht, daß es wünschenswert wäre, alle zehn Jahre 120 neue davon zu haben.

Aber Spaß beiseite: Wenn man den Gedanken nun weiterdenkt, was für große Großstädte ergäbe das, wenn man all die Einwohner mitzählt, die durch traditionelle Empfängnisverhütung nicht gezeugt werden, oder sogar die, die – man verzeihe mir die Offenheit – bei einem einsamen Samenerguß nicht auch nur die geringste Chance haben, gezeugt zu werden, weil sie in einem Papiertaschentusch landen. Das ergibt Großstädte, deren Umfang kann man sich kaum vorstellen. 24 mal Köln in einem Jahr, vielleicht. Und wenn die dann alle Karneval feiern … nee, Herr WachtMeisner, tut mir Leid um ihre potentiellen Schäfchen, aber wir lassen alles so, wie es ist. Vielleicht, mein „lieber Bruder“, kümmern Sie sich mal um die, die bereits da und in Not sind. Und Remscheid und Koblenz ist das, glaube ich, auch lieber.

Aachener Weiher

„Verdammte Hacke – wieso ist das Wasser denn plötzlich so hart?!“, mögen die Tauben denken. Vor ein paar Tagen konnte man hier noch soviel saufen wie man wollte und jetzt das. Aber ganz schön schlau, diese Tauben, daß sie herausgefunden haben, daß man ein bißchen Wasser herauspicken und im Schnabel schmelzen kann.

Die Krone der Schöpfung dagegen nimmt die in den Nachrichten immer wieder ausgesprochene Warnung, die zugefrorenen Wasserflächen wegen Lebengefahr noch NICHT zu betreten, zum Anlass, die Schlittschuhe herauszusuchen und sich sogleich auf den Weg zu machen. Und ach, wie schön, die Fontäne ist auch noch an, da fahren wir doch mal ganz nah ran …

Daß die Menschen es seit ihren Anfängen bis heute geschafft haben, als Art zu überleben, ist mir ein absolutes Rätsel. Manche behaupten ja, das sei so, weil Gott seine schützende Hand über uns halte. Ich tendiere eher zu der Ansicht, das Ausmaß der menschlichen Dummheit ist ein indirekter Beweis für die Nichtexistenz Gottes: Der hätte doch die Versuchsanordnung Mensch schon längst aufgegeben, wegen Unbelehrbarkeit.
Jedenfalls, nehmen wir an, es gäbe einen Wettbewerb zwischen Tauben und Menschen, welche Art überlebt, ich würde darauf wetten, die Tauben machen das Rennen.

PS: Gestern habe ich ein Stück Apfelkuchen von der Bäckerei-Kette Merzenich gegessen – eine Dummheit, die ich nicht zu wiederholen gedenke. Man kann auch dazulernen!

Zülpicher Str.

Direkt neben dem Kino „Off Broadway“ hat ein neuer syrischer Imbiß aufgemacht, auch hier gibt es, wie in vier weiteren Läden in unmittelbarer Umgebung, Falafel, in Teigtaschen oder als Tellergericht. Wer es noch nicht kennt: Falafel sind frittierte Bällchen aus gewürztem Kichererbsenmus, sehr lecker, sie machen satt, aber man fühlt sich nicht so abgefüllt wie z.B. von einer Dönertasche. In diesem neuen Imbiß sind sie auch sehr gut gelungen – an den Beilagen kann man vielleicht noch etwas feilen, da war nicht viel zu schmecken. Aber gut, für 5 Euro pro Portion mag man kaum meckern. Der gewürzte Tee wird übrigens unaufgefordert und gratis auf den Tisch gestellt, besonders im Winter ist das sehr angenehm.

Roonstr./Zülpicher Str.

Man könnte denken, es wäre nebelig gewesen vorletzte Nacht, war’s aber nicht: Der Qualm kam von der massenhaften rituellen öffentlichen Geldverbrennung zum Jahreswechsel, und besonders nervig ist das Getöse, das dabei gemacht wird. Ich habe eine saugute Idee (das Jahr fängt gut an!): Jeder, der an diesem irren Brauch teilnimmt, verzichtet darauf, nur einen einzigen Euro von seinem Verbrennungsbudget für diesen Quatsch zu opfern und überweist ihn stattdessen auf mein Konto. Im Gegenzug verpflichte ich mich, nur die Hälfte davon zu behalten, den Rest spende ich für Verbrennungsverletzte vom 31.12./01.01.

Besonders viele Verletzte gab es, so heißt es in den Nachrichten, weil es so warm war und die Knallköpfe es draußen viel länger aushielten, als in den letzten Jahren. Als ich gegen 2 Uhr morgens meinen Besuch zur Straßenbahn begleitete, kamen uns vereinzelt Leute im T-Shirt entgegen.

Und das ist wohl auch der Grund, weshalb hier noch Außengastronomie angeboten wird. Damit nicht zu viele kommen, hat man rote Neonröhren installiert.

November

Was spricht dagegen, im November im Park zu grillen? Solange die Sonne scheint und der Wind nicht zu kühl bläst, außerdem gewärmt durch eine gute Felljacke: Gar nichts.

Der Laternenpfahl dagegen wurde von wohlmeinenden Menschen bereits gegen eine Erkältung geschützt, und warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Für Hunde, die nicht lesen können, ein Piktogramm, was sie da machen sollen.

Das Phänomen nennt man übrigens „Guerilla Knitting„, oder auch gestricktes Graffiti. Es wurde 2005 in den USA erfunden, das hier ist das erste Werk dieser Art, das ich in Köln gefunden habe.

Wenn man den Colonius so einsam in der kalten Abenddämmerung stehen sieht, wünscht man ihm auch etwas mehr Zuwendung: Das wäre doch mal eine Idee, den ganzen Turm zu umstricken. Und als nächstes dann den Dom.

Nebenwelten

In der Straßenbahn mir gegenüber sitzt ein müder Mann und dämmert vor sich hin. Plötzlich kneift er die Augen fest zusammen, wirft den Kopf in den Nacken, reißt den Mund auf und … und – „hatschie!!“ Ah, das hat gut getan, ihm jedenfalls. In letzter Sekunde hat er es noch geschafft, die Hand vor den Mund zu halten, um das Gröbste aufzuhalten, jedoch im Gegenlicht sieht man kurz eine feine Nebelwolke, die die Umgebung auf mehrere Kubikmeter um den niesenden Kopf einhüllt, und wenn die Augen schnell genug gewesen wären, ich bin sicher, man hätte sich an einem kleinen Regenbogen erfreuen können. Aber im Nu hat sich der Nebel verflüchtigt. Verflüchtigt? Schön wär’s.

Währenddessen sitzen die Abwehrkräfte meines Körpers in der Hängematte und schlürfen Cocktails. Lange gab es keinen Grund zur Besorgnis, Frühling und Sommer waren mild, und auch jetzt noch ist der Herbst so schön – kein Grund zur Besorgnis, Kellner, noch etwas Eis, bitte. Die mit dem Niesnebel eingeatmeten Rhinoviren schleifen die Messer: Hurra, freie Fahrt, der Weg zu den Nebenhöhlen ist ihnen angeboren wie dem Lachs der Weg zum laichen. Dort angekommen, breiten sie sich aus, wahre Orgien werden gefeiert, ganze Generationen bilden sich innerhalb kürzester Zeit. Die Nachkommenschaft streitet sich um das Erbe, die Aggressivsten machen sich auf und suchen kriegerisch nach neuem Raum, breiten sich erst im weiteren Kopf aus, dann befallen sie Hals und Bronchien.

Inzwischen haben die Abwehrkräfte widerwillig gemerkt, daß was im Busch ist, und geraten langsam in Hektik. Ein Rettungsschirm muß her! Da sie selbst kaum noch Energie haben, konfiszieren sie unterwegs alle Kräfte, deren sie habhaft werden können, alle Organe müssen einen Solidaritätsbeitrag zahlen, der so hoch ist, daß ihre Funktionen bis auf das Nötigste heruntergefahren sind. Der ganze Organismus wird zeitweilig lahmgelegt.

Kaum treffen die Abwehrkräfte auf den Feind, geht das Gemetzel los. Die Rhinos haben letztlich keine Chance und die meisten versuchen, durch alle Atmungsöffnungen zu flüchten. Andere erproben eine Guerillataktik, sie verstecken sich und halten sich ruhig, und sobald die Abwehr den Soli reduziert und das Wirtstier (also ich) glaubt, munter wieder in die Kneipe marschieren zu können, schlagen sie erneut zu.

Die Erfahrung sagt: Drei drei drei – drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie, und nach weiteren drei Tagen ist die Erkältung wieder verschwunden. Ich bin im vierten Tag.