„Public viewing“ scheint in meinem Viertel eine entspannte Sache zu sein: Es sind noch Tische frei, wenn ich mich für Fußball interessieren würde, hätte ich mich dazugesetzt. Stattdessen nutze ich die Gelegenheit und gehe im wunderbar leeren Supermarkt einkaufen.
Offenbar hat das Spiel noch nicht angefangen, einzelne Spieler werden interviewt, und ich höre im Vorbeigehen, wie ein Herr S. dem Reporter ins Mikrophon sagt, Fußballer hätten ja auch Vorbildfunktion. Ach! Ich hoffe, er meint das nicht ernst. Vorbild wofür? Seine Bildung täglich aus der dümmsten Boulevardzeitung zu beziehen, die es gibt? Eine bestimmte Sorte überfetteter Kartoffelchips zu essen und sich mit einer bestimmten Sorte Bier die Birne zuzudröhnen? Mit Edelkarren durch die Gegend zu heizen? Oder daß man ein Schweinegeld damit verdient, indem man für all diese Produkte wirbt? Oder soll die Jugend sich daran ein Beispiel nehmen, daß man völlig ironiefrei mit 21 Kollegen einem Ball hinterherrennt, um ihn in ein bestimmtes Areal zu plazieren, und darüber zum Millionär wird? Nein, lieber Herr S., spielen Sie mal schön Fußball, das mit den Vorbildern überlassen Sie besser anderen. Und wenn Sie das nächste Mal auf eine dumme Reporterfrage antworten sollen, sagen Sie einfach, wie es Ihrem Intellekt entspricht: „Keine Ahnung.“
