Jülicher Str.

„Public viewing“ scheint in meinem Viertel eine entspannte Sache zu sein: Es sind noch Tische frei, wenn ich mich für Fußball interessieren würde, hätte ich mich dazugesetzt. Stattdessen nutze ich die Gelegenheit und gehe im wunderbar leeren Supermarkt einkaufen.

Offenbar hat das Spiel noch nicht angefangen, einzelne Spieler werden interviewt, und ich höre im Vorbeigehen, wie ein Herr S. dem Reporter ins Mikrophon sagt, Fußballer hätten ja auch Vorbildfunktion. Ach! Ich hoffe, er meint das nicht ernst. Vorbild wofür? Seine Bildung täglich aus der dümmsten Boulevardzeitung zu beziehen, die es gibt? Eine bestimmte Sorte überfetteter Kartoffelchips zu essen und sich mit einer bestimmten Sorte Bier die Birne zuzudröhnen? Mit Edelkarren durch die Gegend zu heizen? Oder daß man ein Schweinegeld damit verdient, indem man für all diese Produkte wirbt? Oder soll die Jugend sich daran ein Beispiel nehmen, daß man völlig ironiefrei mit 21 Kollegen einem Ball hinterherrennt, um ihn in ein bestimmtes Areal zu plazieren, und darüber zum Millionär wird? Nein, lieber Herr S., spielen Sie mal schön Fußball, das mit den Vorbildern überlassen Sie besser anderen. Und wenn Sie das nächste Mal auf eine dumme Reporterfrage antworten sollen, sagen Sie einfach, wie es Ihrem Intellekt entspricht: „Keine Ahnung.“

Fronleichnam

Gestern war in NRW ein Feiertag, Fronleichnam. Die katholische Kirche feiert die Transsubstantiation, also die Verwandlung von pappigem Brot und billigem Prädikats- Wein in den Leib und das Blut der Gründungfigur ihrer Religion, was dann beides mit Ehrerbietung verzehrt wird. Die Katholen bestehen darauf, daß das nicht etwa nur symbolisch gemeint sei, nein, die Verwandlung ist eine echte, und wer das nicht glaubt, tja, der … äh, weiß auch nicht, fliegt raus oder so. Himmel, wer denkt sich ein solches Zeug aus? Jedenfalls wird das alles mit unglaublichem Aufwand gefeiert, ein Stück des verwandelten Brotes wird in einem kostbaren Gefäß, der sogenannten Monstranz, unter einem Baldachin, der von vier Leuten gehalten wird, durch die Gegend getragen, und alle laufen hinterher. Da hat man natürlich keine Zeit, sich um die notleidenden Schäfchen zu kümmern, die direkt vor der Türe liegen.

Am Hof

Ich weiß nicht mehr genau, wofür dieses Schaufenster wirbt: Türen? Sessel? Koffer? Ach nein, ich glaube, es sind niedliche Hunde – aus Plastik. Die schmutzen nicht und sind in der Ernährung äußerst günstig. Das Gebell läßt sich durch einen Bewegungsmelder regeln, Einbrecher werden also auch weiterhin abgeschreckt. Beim Gassigehen entstehen keine großen braunen Haufen, dafür klappert es leicht, wenn man den Hund auf dem Bürgersteig hinter sich herzieht, aber ich bin sicher, daß man da mit kleinen Rädern noch nachbessern kann. Und damit das Tier sich nicht einsam fühlt, kann man seine kleine Familie problemlos erweitern – mit einem Blechpapagei zum Beispiel, der die verschiedensten Geräusche wiedergeben kann, unter anderem eine Rede der Bundeskanzlerin, egal welche, das macht sowieso keinen großen Unterschied (besonders hübsch: Die Röttgenentlassung, die sorgt immer für allgemeine Heiterkeit).

Stadtleben

Aus den 90ern stammt der Film „Falling Down“, in dem ein eigentlich harmloser Mann auf dem Weg durch die Stadt der Kragen platzt: Mit eskalierender Gewalt reagiert er auf die Ignoranz seiner Umwelt. So erzwingt er z.B. mit schußbereiter Maschinenpistole die Herausgabe eines speziellen Fastfood-Menüs und jagt eine seiner Meinung nach überflüssige Baustelle in die Luft. Der Film ist natürlich übel, weil er tendenziös Verständnis für die Figur suggeriert, aber er fällt mir immer ein, wenn ich selber Groll wegen Dummheit und Rücksichtslosigkeit in der Öffentlichkeit verspüre.

Zum Beispiel, wenn ich in solch einer Straßenbahn sitze: Nicht nur, daß ich 2,60 Euro für eine Fahrt bezahlen muß und dabei noch froh sein kann, einen Sitzplatz zu ergattern, nein, die Voll>:XX von den Verkehrsbetrieben sind dermaßen gierig, daß sie nicht nur die Karosserie, sondern auch noch die Scheiben der Bahnen als Werbefläche vermieten, was es unmöglich macht, nach draußen zu schauen. Was die Scheiben überhaupt sollen, ist mir schleierhaft, da kann man sie doch gleich weglassen!!

Ganz ruhig, ganz ruhig – Fahrad ist gut aufgepumpt? Dann kann ja nichts mehr schiefgehen (… welcher Knallkopf hat da auf dem Radweg geparkt? Na warte …). Aber es können einem graue Haare wachsen!

Schloßpark Stammheim

Der Schloßpark Stammheim, aus dem ich schon oft berichtet habe, ist wie jedes Jahr zu Pfingsten mit neuen Skulpturen bestückt worden. Als rasender Reporter war ich natürlich schon da. Bitteschön: „Ausblick“ heißt das 3,30 Meter hohe Werk von Johann Lengauer.

Kunsthistoriker lernen in ihrer Ausbildung „vergleichendes Sehen“: Erst, indem man mehrere Werke der selben Epoche miteinander vergleicht, kann man sich einem Urteil annähern darüber, welches Werk nun gelungen ist und welches eher nicht. Für zeitgenössische Kunst ist das allerdings extrem schwierig, erstens, weil einem als Betrachter der zeitliche Abstand fehlt, zweitens lassen sich aktuelle Kunstwerke in ihrer Vielfalt nicht so gut miteinander vergleichen wie z.B. Bilder des niederländischen Barock.

Also noch ein Kunstwerk: „Rettungsschirm“ heißt es und ist von Er_ich.es (=Ulrich Höller). Von weiter weg …

… wirkt es besser, finde ich.

In der Südstadt

Sommer in der Stadt macht Spaß – wenn man Zeit hat, sich irgendwo hinzusetzen, einen kühlen Saft zu trinken und das Treiben zu beobachten, ob nun vor der Traditionskneipe …

… oder dem In-Lokal, das es inzwischen aber auch schon seit über 20 Jahren gibt.

Oder man schlendert einfach ein bißchen durch die Severinstr. und schaut sich die Auslagen der zahlreichen kleinen Geschäfte an. Wenn man Zeit hat. Wenn nicht, hat man es eilig, und die vielen Müßiggänger versperren einem den Weg, ebenso wie die vielen Tische und Stühle, die die Bürgersteige noch schmaler machen. Na bravo! Ist das nervig! Aber jetzt ist ja Wochenende, und wir haben Zeit. Allerliebst, das alles.

Im Grüngürtel

Wer kennt das Gefühl nicht: Irgenwie hängt man in der Luft. Aber oft ist da auch eine lange Strecke zu bewältigen. Macht nichts – üben üben üben. Und irgendwann weiß man nicht mehr, was für Schwierigkeiten man eigentlich gehabt hat und ist wieder in der Balance.

Aachener Weiher

Was da so schön silbrig glänzt im Gegenlicht, ist nicht etwa die durch Wind gekräuselte Wasseroberfläche des Aachener Weihers im Kölner Grüngurtel, nein, die Oberfläche wird von unten „aufgerauht“ – durch Algen. Das weckt böse Erinnerungen an 2010, als das Gewässer kippte, zig Fische, Enten und Schwäne vergifteten sich und starben an Botulinumtoxin, einem Nervengift, das sich im vermodernden Grund des Weihers gebildet hatte.

Im Grünflächenamt war man lange Zeit ratlos, schließlich ist der Weiher erst knapp 90 Jahre alt, wie soll man da Erfahrungen sammeln, und dann kam auch noch das Wochenende dazwischen, da konnte man nichts machen. Nachdem die meisten Tiere tot und die Aufregung groß war, installierte man zwei Fontänen, da irgendjemand herausgefunden hatte, daß Bewegung und Filterung gut gegen Verschmutzung ist, und im letzten Jahr hat man einen Algenmäher beauftrag, das Gewässer mit einer Spezialmaschine zu säubern. Aber jetzt steht Pfingsten vor der Tür, die Urlaubszeit beginnt – oh je, mir schwant Böses. Ob ich mal anrufen sollte beim Grünflächenamt?

Kartäuserwall / Cäcilienkloster

Der Gegensatz von Alt und Neu in der Stadtarchitektur: Stadtplanung, das sieht man leider immer wieder, ist hier nicht so sehr eine Sache der bewußten Lebensraumgestaltung, sondern eine des reinen Kommerzes. Die Gebäude gehören natürlich irgendjemandem, der auf dem Standpunkt steht: Ich habe das Geld und die amtliche Genehmigung, also kann ich sie so aussehen lassen, wie es mir paßt. Aber wem gehört der öffentliche Raum? Der Raum, den alle Stadtbewohner zwangläufig durchqueren und in dem sie sich aufhalten, der Raum, dessen Aufteilung und Sichtachsen von Gebäuden bestimmt und zerstört werden, die jemand aus Raffgier gebaut hat?

Engel vorm Dom

Der eine Engel signalisiert, man solle ihn anrufen – würde ich ja gern machen, wenn ich mal in Not bin, aber wie ist die Nummer? Wenn man „Engel“ bei der Telefonauskunft eingibt im Ort Himmelreich, bekommt man ein paar Treffer: Das Himmelreich ist offenbar ein Stadtteil von Wilhelmshaven. Das ist kaum zu glauben, wenn man diese Stadt schon mal besucht hat – die Wilhelmshavener mögen mir verzeihen, aber ich habe bisher kaum eine häßlichere Stadt gesehen, rein äußerlich jetzt, und das will was heißen, wenn man in Köln wohnt. Aber auf die inneren Werte kommt es schließlich an, ich bin sicher, auch in Wilhelmshaven gibt es ein paar versteckte gemütliche Orte. Diesen schönen Cafégarten in Köln z.B. findet auch kein Tourist, es sei denn, er besucht zufällig das Filmhaus in der Maybachstr. – im Himmelreich kann es auch nicht viel anders aussehen.