Tag des guten Lebens

Wer erinnert sich noch an den autofreien Sonntag im November 1973? Sowas müßte es viel öfter geben, dachte sich der Verein „Agora e.V.“, und initiierte ein Straßenfest im Stadtteil Ehrenfeld, an dem sich schließlich über 90 Institutionen und Vereine beteiligten.

Nun gibt es in Köln im Sommer unzählige Straßenfeste, die sich alle sehr ähneln: Lärmende Fahrgeschäfte, Bierbuden, Bratwurststände und andere Freßbuden, Verkaufsstände mit Schund, den kein Mensch braucht und kölsche Musik – kurz: Die Einen wollen das Geld verdienen, was die anderen ausgeben sollen.

Hier ist das anders. Unter dem Titel „Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ wurde nicht nur die Hauptverkehrsstraße (Venloer Str.), sondern gleich das ganze Viertel komplett für Autos gesperrt.

Auf der Venloer Str. waren über 50 Stände von nichtkommerziellen Veranstaltern. Viele Umweltorganisationen informierten über ihre Arbeit, daneben konnte man sich an einem Stand am Gemüseschnibbeln beteiligen (und nach dem Kochen auch mitessen), am nächsten Stand wurden Setzlinge für den Balkon verschenkt usw.

Auf fünf Bühnen wurde Musik gemacht und Lesungen und kleine Theaterstücke aufgeführt, dazwischen gab es viel Straßenmusik.

Jugendliche demonstrierten, wie es weitergeht mit uns, wenn wir dem Klimawandel und der Umweltverschmutzung nicht Einhalt gebieten.

Die Nebenstraßen waren Nachbarschaftsinitiativen vorbehalten, die sich zum Teil eigens zu diesem Anlaß gebildet hatten. Kaffee und Kuchen gab es zum Selbstkostenpreis, und überall waren Flohmarktstände aufgebaut, die nichts mit den etablierten Trödel- und Lifestylemärkten gemein hatten, wo nur noch semiprofessionelle Händler ihre ausgesuchten Waren anbieten.

Kinderbespaßung geht auch einfacher als mit aufwendigen Fahrgeschäften.

Zum Umsonst-Laden kann man Sachen bringen, die man nicht mehr braucht, die aber zum Wegwerfen eigentlich zu schade sind – oder Sachen mitnehmen, die man immer schon mal haben wollte.

Möchte jemand eine Rede halten? Bitte sehr.

„Wir haben in Köln mehr als 420 000 Autos, die im Durchschnitt 23 Stunden pro Tag auf dem Parkplatz stehen, während es zu wenig Raum für Grün, für Kindergärten, für freie Kultur oder für Fahrradparkplätze gibt“, sagt Ralph Herbertz vom Verkehrsclub Deutschland. […] „Die Luftqualität ist mäßig und viele Kölner leiden unter Lärm, wobei der Straßenverkehr die Hauptursache ist. […] Zudem müssen wir weg vom Öl, bevor es uns verlässt.“ (Zitat Kölner Stadtanzeiger, 16.08.13).

Eine großartige Idee, dieses Fest, das ruhig Nachahmer finden könnte – gern an mehr Tagen als nur an einem im Jahr.

Marienstr. (Ehrenfeld)

Vor ein paar Tagen habe ich ja vom CityLeaks-Festival 2013 erzählt. Die Streetartisten arbeiten aber auch außerhalb ihrer eigentlichen Umgebung auf Leinwand oder skulptural – wer will ihnen das verdenken, ein paar Euro mit ihrer Kunst zu verdienen, zumal es einen Markt dafür gibt. Also hat man, das Festival begleitend, eine kleine Ausstellung einiger beteiligter Künstler zusammengestellt. Das Beispiel oben ist allerdings nicht mobil.

Hier erschließt sich nicht unbedingt der Bezug zur Streetart – aber muß ja auch nicht, jeder Künstler kann schließlich machen, was er/sie will.

Schön, wie man an der Nagelform die Geschlechtszugehörigkeit erkennen kann. Offenbar ist der Künstler kein Freund der Ehe.

Hier dagegen sieht man quasi die Sprühdose über der Leinwand schweben.

Niemand hat behauptet, Streetartisten hätten die Kunst neu erfunden. Das ist doch ganz hübsch.

Das auch. Ja ja. Käme sie aus den 50ern und wäre verbunden mit dem Namen von z.B. Richard Hamilton, wäre die Collage Millionen wert. Aber so läuft das natürlich nicht auf dem Kunstmarkt.

Die Verwandtschaft zur Pop Art aus den 60ern ist nicht zu übersehen.

Die fotografische Dokumentation zweier Streetart-Werke (ich hoffe, man kann sie erkennen), wahrscheinlich vom selben Künstler, von dem zur Zeit in der Innenstadt von Köln Werke zu sehen sind:

Klein aber fein, diese Ausstellung, wer Zeit und die Möglichkeit hat, sollte hingehen. Bis zum 22.09., 11-21 Uhr, Eintritt frei.

Ich selbst war übrigens auch kreativ und habe in Zusammenarbeit mit Blogkollege Trithemius einen CDU-Wahlslogan entwickelt. Näheres erfährt man hier.

Chamisso-/Ecke Eichendorffstr.

Na – das nenn ich doch mal eine ordentliche Portion Spargel, nicht die drei bis vier Stangen, die man sonst schon mal für viel Geld bekommt.

Im Wirtshaus Hotzenplotz war ich gestern zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal – gutes Essen (die Gerichte an den Nebentischen sahen auch gut aus) zu günstigen Preisen, nette und schnelle Bedienung: Das ist jedem Brauhausbesuch vorzuziehen.

Passagen 2013

„Wenn Design ist, muß man […] sagen: Die Lampen leiden am meisten darunter.“, hat Max Goldt mal geschrieben (wenn die Glühbirne kaputt geht, kann man auch eine einfache Haushaltskerze hineindrehen, das ist doch ganz praktisch).

Aber nicht nur Lampen müssen leiden, sondern offensichtlich auch andere Möbelstücke auf der parallel zur „imm“ (Möbelmesse) stattfindenden Designveranstaltung „Passagen“: Ein Hocker als Schwein, es soll auch noch andere Tiere geben. Vielleicht für Kinder, als Naturerlebnis?

Erwachsene können ihre Playboy-Zeitschriften aufeinanderstapeln und zusammenbinden, Kissen drauf – voilà. Falls man mal einen der interessanten Artikel wiederlesen möchte: Gürtel auf, gleich hat man ihn zur Hand. Also, äh … den Artikel, meine ich natürlich.

Das ist ein Bücherregal, in dem man aber auch Dinosaurier aufbewahren kann. Oder ein Dinosaurierregal, weiß nicht genau.

Lampenschirme aus Plastikbechern und -tassen. Ich schwöre, sie haben leise gewimmert … jedenfalls hatte ich den Eindruck.

Keine Sorge, Panik kommt hier nicht auf. Nein, auch keine Aufregung, tut mir leid. Aber ganz amüsant war’s. Manchmal jedenfalls.

Heliosstr.

Ich bin ja eher kein Freund von Autos – sie stinken, sind laut und werden oft als Waffen mißbraucht. Aber gepflegte Oldtimer gefallen mir. Spinner-Autos, aber in positivem Sinn: Versponnenheit und Leidenschaft gehören dazu, solche Oldtimer zu restaurieren und in Schuß zu halten, Zeugnisse vergangener Designs und Lebenswelten.

Die Zukunft gehört allerdings eher solchen Gefährten: Ein „Fahrradi Farfalla“. Der „neue ultimative Supersportwagen“, so sein Erbauer Hannes Langeder, sei sogar so schnell, daß er ganz bequem von Fußgängern überholt werden kann.

Ein Blick in den Motorraum – 1/3 PS mit „Human Exhaust System“ und „BUTTERFLY ANTIGRAVITATION MANAGEMENT“: Die Flügeltüren können so eingestellt werden, daß sie bei der Fahrt flattern. Was für Melodien die Hupe spielt, hängt vom Talent des Fahrers ab.

Und hier das Cockpit – so sagt man ja bei den Renn-Boliden. Übrigens: „Boliden“ sahen ursprünglich so aus.

Minoritenstr. / Vogelsanger Str.

Diese geisterhafte Gestalt soll Johann Adam Schall von Bell sein – vielleicht hat der Künstler Werner Stötzer dem Umstand Rechnung getragen, daß er nur seine ersten 15 Lebensjahre in Köln verbracht hat. Dann, im Jahre 1607, schickte ihn seine einflußreiche Familie nach Rom, wo er Mathematik, Astronomie und Theologie studierte und dem Jesuitenorden beitrat. Im Alter von 26 Jahren reiste er mit ein paar Kollegen nach China, um die dortige Einwohnerschaft zu missionieren. In Peking war man gar nicht amüsiert, hatte man doch gerade erst die letzte Truppe von Missionaren des Landes verwiesen. Aber Berufs-Katholen sind hartnäckig, also ließen Schall von Bell und seine Mitreisenden sich in der winzigen protugiesischen Kolonie Macao direkt an der chinesischen Küste nieder und hofften auf bessere Zeiten. Die ließen auf sich warten, stattdessen kamen die Niederländer und wollten die Kolonie für sich haben. Dank der Missionare – sie reparierten vier alte Kanonen und waren auch sonst kämpferisch hilfreich – konnte der Angriff abgewehrt werden, was wiederum die Chinesen neugierig machte. Sie luden die Gruppe ein.

In den folgenden Jahren beeindruckte Schall von Bell seine Gastgeber nicht nur mit seinen mathematischen und astronomischen Kenntnissen, sondern er reformierte auch den chinesischen Kalender und leitete die Produktion von hundert Kanonen. Tja, diese Jesuiten, sehr vielseitig. Sein Ansehen stieg dermaßen, daß er als Lehrer und Berater des Kaisers Shunzhi zum Mandarin 1. Klasse ernannt wurde, d.h. zum einem höchsten Staatsbeamten. Kurze Zeit, nachdem der Kaiser gestorben war, erlitt Schall von Bell, inzwischen 72 Jahre alt, einen Schlaganfall, der ihn zwar nicht umbrachte, aber sein Sprachvermögen stark beeinträchtigte. Seine höfischen Gegner nutzten das aus, intrigierten gegen ihn, und am Ende eines Prozesses wegen Hochverrats fiel das ungerechte und denkbar ungünstigste Urteil: Zerstückelung des Körpers bei vollem Bewußtsein. Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Aber dann, wenige Tage vor der Vollstreckung – das Leben ist manchmal unwahrscheinlicher als ein Hollywood-Drehbuch – ereignete sich ein Erdbeben, was die Richter für ein Omen hielten, worauf sie Schall von Bell freisprachen. Anderthalb Jahre später starb er ganz normal an seinem Alter.

Und weil sich alles so schön anhört, diese kölnisch-chinesischen Geschichten von damals, führen Politiker und Funktionäre anläßlich des China-Jahres in Köln und NRW den Namen Schall von Bell gern im Mund.

Worüber sie aber nicht gern reden, sind die Ereignisse um den „Platz des Himmlischen Friedens“ im Jahr 1989, als studentische Demokratisierungsbemühungen ein paar Tausend Menschen das Leben kostete. Und auch im Westen, so findet man, schadet ein immer wieder erneutes Aufwärmen dieser unerfreulichen Dinge den Geschäften: Billigwaren aus China verschaffen auch hiesigen Firmen einen Gewinn, den man nur ungern durch ungemütliche Kritik gefährden will (außerdem sind in demokratischen Ländern die Löhne höher, was die Produkte verteuert, aber pssst!).
Das Graffito ist in diesem Jahr von „Amnesty International“ in Auftrag gegeben worden, ein zweites sieht man hier (letztes Bild).

Vogelsanger Str.

Aha. Danke für den Hinweis, aber daran habe ich im Moment gar keinen Bedarf. Und wenn ich links rum laufe, was kriege ich dann? Liebe und Essen? Schön wär’s …

PS: Tatsächlich geht es wohl um nicht unumstrittene Seminare zu Eßstörungen, die vor allem einem helfen, abzunehmen: Dem Portemonnaie.

Körnerstr.

Na! – das macht man aber nicht, bei anderen Leuten ungeniert in die Bude gucken!

Hier darf man aber: Das „K18“ ist einer von ca. 190 Veranstaltungsorten der „PASSAGEN“, der größten Designveranstaltung Deutschlands, die parallel zur Möbelmesse stattfindet. Hier hat man offensichtlich einen Raum für Nadelbäume designt, damit sie es schön gemütlich haben.

Genau genommen geht es um „Interior Design“, man kann auch Inneneinrichtung dazu sagen, klingt aber nicht so weltmännisch. Befilzte Stühle und Leitern werden im Hochbunker vorgestellt, vielleicht fürs Kinderzimmer, damit die tobenden Kleinen sich nicht wehtun? Keine Ahnung.

Zimmerspringbrunnen … was ist Design eigentlich? Eine Hamburger-Boulette wird ebenso designt wie eine Webseite, ein Auto oder eben Möbel und Wohnaccessoires. Ist das jetzt alles Kunst? Tatsächlich gibt es keine feste Definition von Design, im Möbel- und Modebereich kann man aber wohl von Design als „Angewandter Kunst“ sprechen: Es sind Produkte, die einem praktischen Zweck dienen sollen und gleichzeitg einen gewissen künstlerischen Anspruch vermitteln. In Köln gibt es sogar ein Museum dafür, da kann man sich sehr schön ansehen, wie Gebrauchsgegenstände aller Art durch die Jahrhunderte gestaltet wurden.

Wie z.B. dieses Sideboard, wo man wunderbar Geschirr, Gläser, Bettwäsche oder andere Sachen, die kaputt sind, hineinstopfen kann.

Manchmal hat man den Eindruck, daß der Gebrauchswert eines designten Möbels nicht unbedingt im Vordergrund steht, was natürlich auch der Tischler weiß, der das hergestellt hat (darf ich überhaupt Tischler sagen? „Interior Furniture Designer“?). Im Umkehrschluß nimmt er vermutlich an: Kleiner Gebrauchswert, also hoher Kunstwert, was sich natürlich auf den Preis auswirkt: 8.211,- Euro.