Brüsseler Platz

Ich mag das Bild, die x-beinigen Stühle, die von der orangenen Markise beschützt werden. Noch lieber wäre mir allerdings, das Auto im Hintergrund wäre mal eben kurz weggefahren, aber so ist es eben in der Großstadt, das Auto ist ein nach außen gelagerter Teil der Wohnung, deswegen muß es immer in der Nähe stehen. Obwohl, dieses trägt ein ausländisches Nummernschild, ich habe es retuschiert, denn ich möchte nicht Gefahr laufen, von Gangstern in die Mangel genommen zu werden. Man kennt das ja aus dem TV: Da geht so ein ahnungsloser Knipser durch die Stadt und wird zufällig dokumentierender Zeuge der Anwesenheit des Kopfes einer international operierenden Mafia-Gang aus Italien, oder aus Rußland, man hört ja soviel. Dank des harmlosen Markisen- und X-Bein-Stuhl-Fotos kann der Anführer einer Wasweißich-Straftat überführt und die Gang zerschlagen werden, das Bild ist Beweisstück Nummer 1 und erscheint auf allen Titelseiten. Das schreit natürlich nach Rache, der Verräter soll einer besonders grausamen Folter unterzogen und seine Füße anschließend in Beton gegossen werden, um ihn dann im Rhein den Fischen … etc.! Und wer ist der angebliche Verräter? Genau, richtig geraten! Nee nee, hier passieren Sachen …
Übrigens, gibt es eigentlich auch eine deutsche Mafia? Wahrscheinlich nicht, oder? In Deutschland sind die Gesetze so, daß man die Bevölkerung auf ganz legale Weise ausnehmen kann, man muß nur eine Energiefirma gründen, oder ein Pharmaunternehmen.

"TempoRar+Räre ParaDies+Das Reich+T"

Letzte Woche fand wieder einmal das jährliche Architekturfestival „plan“ in Köln statt. An vielen Orten wurden Führungen veranstaltet, Ausstellungen und Gebäude konnten besichtigt, Vorträge und Diskussionsrunden über die Zukunft des Gesichts der Stadt besucht werden. Ein Platz, der seit jüngster Zeit besonders im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist der Eifelwall 5, denn hier ist der Neubau des Historischen Archivs geplant. Und hier wohnt Rolf KeTaN Tepel in seinem Reich, das von ihm so genannte „TempoRar+Räre ParaDies+Das Reich+T“.

Rolf KeTaN Tepel ist ein Original: Präsent, penetrant, messianisch, visionär, nach eigener Aussage eine „Nervensäge“, ein leicht größenwahnsinnig anmutender Kämpfer und harter Arbeiter für seine Sache, verbunden mit dem Humor eines Till Eulenspiegel, ein Philosoph in der Tradition des Diogenes und noch vieles mehr – kurz: Ein genialischer Künstler. Seit ca. vier Jahren bearbeitet er einen kleinen Teil der städtischen Brache, um die sich jahrzehntelang niemand gekümmert hat.

Aus Holzabfall und anderen Dingen, die die Wohlstandsgesellschaft wegwirft, hat er ein stabiles zweistöckiges Holzhaus gebaut, das zusammen mit selbstgezimmerten Anbauten und einem kleinen Bauwagen einen Hof abtrennt, der voll steht mit Kunstwerken des Künstlers.

Hier soll noch ein kleiner Teich entstehen – die Teichskulptur ist schon fertig.

Blöderweise ist dieses kleine Paradies (man fühlt sich da wirklich sofort wohl und geborgen, jedenfalls im Sommer) – zumindest aus der Sicht der Stadtverwaltung – illegal. Dabei fühlt sich der Künstler eigentlich im Recht: Als er den Platz besetzte, grub er einen Pflasterstein aus, brachte ihn zum Fundamt und gab an, einen herrenlosen Weg gefunden zu haben. Alles wurde vom Amt gewissenhaft aufgenommen, der Stein und der Vorgang erhielten eine amtliche Nummer, Rolf KeTaN Tepel eine Quittung, und als sich nach ca. drei Jahren immer noch kein Eigentümer gemeldet hatte, erklärte der Künstler sich zum rechtmäßigen Besitzer des Areals (Anm.: Nicht Besitzer des Areals, sondern Eigner der Wegsteine, s. Kommentar).

Zunehmend zeigt die Stadtverwaltung sich allerdings „not amused“ und versucht es nach einer zwischenzeitlichen Duldung nun mit Schikanen, den Besitzer (oder Besetzer?) zu vertreiben: Der Postkasten wurde abgebaut, das Wasser abgestellt und der Wohnsitzeintrag gelöscht. Vor ein paar Tagen, zu Ende des Architekturfestivals, wurde ihm eine Anzeige der Stadt wegen illegalen Bauens zugestellt.

Das alles geht an dem Künstler nicht spurlos vorbei, man merkt ihm die Anspannung und Sorge um die ungewisse Zukunft an, wenn man ihm zuhört. Andererseits sieht er gar nicht ein, sich in seinem Schaffensdrang behindern zu lassen: Sein nächstes Projekt „Einhut=Vielhut=Welthut“ ist geplant: Es sollen die Kölner Bürger die ausrangierten Töpfe und Pfannen, die sich in fast jedem Haushalt finden lassen, bei ihm abgeben. Er und seine Helfer bilden aus diesem Abfall dann einen riesigen Hut von mindestens 13m Durchmesser, der dem Hut von Joseph Beuys nachempfunden sein soll. Der Hut wird dann auf 11 Stützen gestellt, die jeweils tragende Institutionen symbolisieren. Und unter dem Hut trifft man sich dann – Politiker aus der ganzen Welt, Entscheidungsträger und alle anderen – und sorgen für nichts Geringeres als den Weltfrieden (ich hoffe, ich gebe das richtig wieder). Und da das natürlich alles auch mit viel Arbeit und Zeit verbunden ist, bittet Rolf KeTaN Tepel eben jene Stadtverwaltung, die ihn unbedingt möglichst schmerzlos loswerden will, ihn doch bitte mit 30.000 Euro Anschubfinanzierung zu unterstützen. Wie ich bereits sagte: Visionär, messianisch, größenwahnsinnig anmutend – aber nicht jeder, der hoch stapelt, muß auch gleich ein Hochstapler sein.

Arm das Land, das glaubt, sich solche „verrückten“ Künstler nicht leisten zu können. Ich hoffe jedenfalls, er kann noch lange in und an seinem kleinen Paradies herumwerkeln und Projekte für den Weltfrieden anstoßen.

PS: Ein kleiner Sonnenkollektor sorgt für gerade genug Strom, um ein Laptop betreiben zu können: http://stein-des-anstosses.de , die Homepage des Künstlers.

Rheinauhafen

Losfliegen oder nicht? Der Herbst ist da, aber wie ich gelesen habe, halten es immer mehr Zugvögel aufgrund der milden Winter nicht mehr für nötig, in den Süden zu fliegen. Da lernt man in der Schule, daß sie instinktiv starten, sobald es kühler wird, und dann stellt sich heraus, daß sie in Wirklichkeit von Jahr zu Jahr neu entscheiden, ob sie die beschwerliche Reise antreten sollen. Sehr vernünftig, vielleicht sollte ich mir daran ein Beispiel nehmen – mal sehen, wie das Wetter morgen aussieht, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache.

Xantener Str.

Manchmal soll man ja die Wirklichkeit besser erkennen, wenn man sie durch einen Spiegel anschaut, das habe ich jedenfalls mal gehört. Links ist nicht viel los, alles grau, ziemlich trostlos, und die Leitlinie eiert. Rechts steht alles in den Startlöchern, an der Spitze fährt schon jemand los. Aber ob links, ob rechts: Die Fluchtwege sind noch frei.

Vogelsanger Str.

Porzellan

Kamelien staunen unter Edelfichten
In Tau verträumt um einen Pflanzenteich.
Der Mond verschleicht aus letztem Silberreich,
Ein Morgen kommt von goldnen Sterngedichten.

Die Reiher wissen ihren Flug zu richten,
Sie schimmern aus dem blauen Traumbereich
Erwachter Augen auf dem Eschendeich,
Ihr Silberzug ist zärtliches Verzichten.

Kamelien trauen einem goldnen Blauen,
Der lila Tag ist Kind und Stern bestimmt.
Vergiß die Nacht, die ihre Hülle nimmt!

Mit Jubel überflügeln sich die Auen,
Wo stiller Adel unter Tannen thront,
Die Fische glauben an den Rosenmond.

Theodor Däubler (1876 – 1934)

Historisches Stadtarchiv, aktueller Stand

Schwarz-gelb verhindert keine Katastrophen, manchmal ist es sogar die Katastrophe. In beiden Fällen: Schwarz-gelb ist ein Signal, das höchste Aufmerksamkeit erfordert, wer nicht aufpaßt, fällt in die Grube.

Die Katastrophe, um die es hier geht, ist nicht die von gestern, sondern vom letzten März: So sieht es hier inzwischen aus am Ort des ehemaligen Historischen Stadtarchivs, links der ausgebaggerte Keller, rechts die noch versiegelte Ubahnröhre. Ca. 90 Prozent der Bestände sind in sehr unterschiedlichem Zustand geborgen worden. Alle Findbücher, in denen der Bestand katalogisiert ist, wurden gefunden, so daß man am Ende der Restaurierungsarbeiten genau feststellen können wird, was fehlt. Wann das genau sein wird, steht in den Sternen, man redet aber gern von mindestens 30 Jahren – unter folgenden Voraussetzungen: 300 Millionen Euro müssen zur Verfügung stehen, 200 Restauratoren und Archivare müssen gleichzeitig an der Wiederherstellung arbeiten. Und wer glaubt, daß das passiert, der hat wahrscheinlich den gleichen Geisteszustand wie diejenigen, die gestern dafür gesorgt haben, daß uns Schwarz-gelb für die nächsten vier Jahre das Leben schwer macht.

Wahlfreiheit

Wo geht’s denn jetzt hin? Links, rechts, Wende kehrt, geradeaus, in alle Richtungen auf mehreren Spuren, wer nimmt uns mit, rot, grün, schwarz (gelb ist gerade fortgefahren: Volle Fahrt im Rückwärtsgang!). Ach, ich befürchte, unsere Wahlmöglichkeiten sind begrenzt: Die Wege sind angelegt und festgefügt, und wer uns verspricht, er würde anhalten und neue Pfade suchen, der lügt oder bemüht sich vergeblich, keiner hat den Mut, es zu verlassen, dieses Einbahnstraßensystem – ins Elend.

Kölner Musiknacht

Über 100 Konzerte wurden letzten Samstag während der Kölner Musiknacht an 25 Orten der Stadt aufgeführt. Die jeweiligen Musiker traten im stündlichen Wechsel auf und musizierten ca. eine dreiviertel Stunde. Man bezahlte einmal 15 Euro, teilte sie durch hundert und konnte alle Konzerte besuchen. So gesehen war es recht günstig.

Los ging es um 18 Uhr in der kleinen Eingangshalle des „Tenri“, der japanisch-deutschen Kulturwerkstatt. Ein Pianist spielte auf dem Cembalo „9 Kontrapunkte aus der Kunst der Fuge“ von Bach – ob die Bilder, die dort hängen, einen weiteren Kontrast geben sollten?

Meine Freunde und ich haben es ruhig angehen lassen und waren bei vier Konzerten, das letzte lief in der Philharmonie.

Die Philharmonie ist ein Teil des Gebäudekomplexes, der in den 80er Jahren neben dem Dom errichtet wurde und auch das Museum Ludwig beherbergt.

Leider ist im Saal das Fotografieren verboten, so daß ich nur ein leicht unscharfes Foto machen konnte, bevor ich freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen wurde. Der Raum hat trotz seiner Ausmaße eine sehr gute Akustik, das ist hier allerdings Segen und Fluch zugleich: Die Decke des Saals ist, von der Außenseite betrachtet, der viel frequentierte Heinrich-Böll-Platz, auf dem gern Skater ihrem Sport nachgehen, Kinder ausgelassen rennen, und den jeder Tourist, der den Dom besucht, mindestens einmal betritt, weil es von hier aus direkt zur Rheinpromenade hinuntergeht. Das verursacht so viel Lärm, daß die Konzerte gestört werden, weshalb der Platz oft weiträumig abgesperrt ist, nur an den Rändern kann man sich vorbei quetschen. Ich habe leider kein gutes Foto vom Heinrich-Böll-Platz, vielleicht tausche ich das untere mal bei Gelegenheit gegen ein besseres aus. Der Platz (und damit das Dach der Philharmonie) ist die Fläche zwischen den Sheddachhäusern (=Museum-Ludwig).

Urlaub in der Schweiz – Freiburg im Breisgau

Jaha – immer mit der Ruhe, ich weiß, daß Freiburg nicht in der Schweiz liegt. Jeder Urlaub geht einmal zu Ende – auf dem Rückweg haben wir noch ein paar Tage in Freiburg in Baden-Württemberg verbracht, einer der schönsten Städte, die ich bisher in Deutschland gesehen habe.

Die Innenstadt ist komplett autofrei (blöd, daß ausgerechnet auf diesem Foto eins zu sehen ist … Polizei!!), nur Straßenbahnen kreuzen manchmal den Weg.

Auch hier wurde viel zerstört im 2. WK, ein paar alte Gebäude stehen aber noch, und beim Wiederaufbau hat man darauf geachtet, die neuen Gebäude in den alten Maßen zu errichten.

Die Freiburger Bächle gibt es schon seit über 800 Jahren, sie dienten der Bereitstellung von Brauchwasser, der Abfallbeseitigung und als Löschwasserquelle, heute sind sie ein Wahrzeichen der Stadt und gehören eben dazu. Einer Sage zufolge soll jeder, der aus Versehen in einen Bach hineintritt, später in seinem Leben eine Freiburgerin / einen Freiburger heiraten. Ich bin in einen hineingestolpert, der aber kein Wasser führte, ich glaube, dann gilt das nicht.

Im Sommer kann man wunderbar die Füße darin kühlen, während man seine absolut-super-total wichtigen Telefongespräche führt.

Nee – dies Freiburger! – reden nicht gerade um den heißen Brei herum, sondern sagen wie es ist!

Und damit es auch alle wissen, schreibt man es eben an die Wand: In diesem Haus wohnt ein … – genau.

Und sofort sucht man auch hier die Anspielung, dabei ist es wahrscheinlich ganz harmlos.

Das habe ich tatsächlich irgendwo gelesen: Die Freiburger sollen nicht gerade Vorbilder in Autoritätshörigkeit sein. Sympathisch.

Hierdurch geht’s zum Münsterplatz …

… auf dem an sechs Tagen der Woche Markt ist. Etwas irritierend ist, daß hier gleich vier Würstchenbuden nebeneinander ihre gegrillten Waren anbieten. Vier!

Amerikanische Firmen müssen sich den Gegebenheiten, hier dem mittelalterlichen Martinstor, anpassen, das hat man auch selten.

Neben dem Tor wirbt ein Mohr politisch unkorrekt für Kaffee – ob sich wirklich jemand dadurch diskriminiert fühlt?

„Zum rauen Mann“ heißt das Restaurant, in dessen erstem Stock dieser Herr saß.

Ein Platz zum Ausruhen und Rückschau halten: Das war’s, liebe Freunde, die Reise ist vorbei. Wenn man fast drei Wochen unterwegs war, freut man sich auch wieder auf sein Zuhause.

Fortsetzung folgt. Ende