Beförderungserschleichung

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Achtung, aufgepaßt! – die Straßenbahn kommt, da muß man aufmerksam sein, damit man nicht überfahren wird. Aber nicht nur außerhalb, auch in der Bahn muß man sich konzentrieren, besonders beim Fahrkartenkauf. Am Automaten in der Bahn kann man zwischen 10 verschiedenen Preisstufen wählen, wer sich da nicht auskennt, hat sich schnell verdrückt und muß wegen „Beförderungserschleichung“ ein erhöhtes „Beförderungsentgelt“ in Höhe von 60 Euro zahlen – wer einen Hund oder ein Fahrrad mit sich führt, sollte viel Zeit mitbringen, denn für die muß eine exakte Extrafahrkarte gelöst werden. Die Kölner sind aber sehr freundlich und geben gerne Auskunft, wenn man sie fragt, vorausgesetzt, sie kennen sich aus, was auch für Einheimische nicht selbstverständlich ist. Die niedrigste Stufe ist die Kurzstrecke – wie weit geht die? Oder sollte man lieber Stufe 1a kaufen, zur Sicherheit? Aber wie unterscheidet sich die zu Stufe 1b? Glücklich, wer ein Smartphone dabei hat, um sich auf der Homepage der KVB zu informieren, wenn aber in der Zwischenzeit ein Kontrolleur auftaucht, kommt man in Erklärungsnot.

Eine Kurzstrecke – das steht da nirgendwo, das muß man sich einfach merken – ist definiert durch die Eintrittshaltestelle plus vier weitere Haltestellen. Nun haben sich die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) etwas Neues ausgedacht: Die Kurzstreckenregelung gilt weiterhin, allerdings nur noch ohne Umsteigen. Eine unglaubliche Erleichterung für die Kunden, das läßt sich doch viel einfacher merken. Wer nun z.B. vom Hauptbahnhof zum Rudolfplatz an der Ringstraße fährt, muß für die drei Stationen 2,80 bezahlen, da er gezwungen ist, einmal umzusteigen. Wer das nicht will, kann stattdessen für 1,90 vier Stationen zum Barbarossaplatz fahren – ohne Umsteigen, also Kurzstreckenpreis! – , der liegt auch an der Ringstraße, nur weiter im Süden – nach nur einer viertel Stunde Fußmarsch ist er dann da, wo er eigentlich hin will. Oder er fährt zwei Stationen bis zum Friesenplatz, auch an der Ringstraße, nur weiter im Norden, und dann wieder zu Fuß weiter – einfach und praktisch. Gut, wer Koffer dabei hat, kann sich ja ein Taxi nehmen vom Friesen- zum Rudolfplatz, das dauert höchstens eine Minute Fahrzeit.

Auf die Frage, was der Blödsinn soll, antworten die Verantwortlichen: Das mache man auf keinen Fall, weil man sich davon nennenswerte Mehreinnahme verspreche, sondern weil das in Aachen auch so sei. Ah ja … da durfte man auf der Kurzstrecke noch nie umsteigen, und das sei doch verwirrend für die Kunden. Stimmt … Kurzstreckenumsteiger in Köln, das sind selbstverständlich dieselben Leute, die auch in Aachen auf Kurzstrecken umsteigen, vermutlich mehrmals am Tag, oder zumindest in der Woche, naheliegend, daß die ständig durcheinanderkommen. Selbst ich war schon zweimal in Aachen. Gut, in meinem ganzen Leben, und Straßenbahn bin ich da gar nicht gefahren, aber das heißt ja nichts

Inzwischen hat die Politik signalisiert, daß sie darauf hinwirken wird, daß die neue Regelung wieder zurückgenommen wird, und die KVB zeigen Einsicht. Vorerst aber ist sie in Kraft, die Regelung – also: Augen auf beim Fahrkartenkauf! Sich nicht von einer Straßenbahn überfahren zu lassen ist sehr viel einfacher.

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12 Antworten zu “Beförderungserschleichung

    • Eben! Wenn man vor dem Kölnbesuch einen halben Tag mit dem Studium der Preisstufen auf der Homepage der KVB verbringt, kann man gar nichts falsch machen, und wenn man sich dann zur Sicherheit noch ein paar Ausdrucke macht, in denen man sich das Wichtigste anstreicht, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Außerdem kann man ja immer 60 Euro parat haben, die drückt man dem Kontolleur gleich in die Hand, dann gibt es kein peinliches Aufsehen, falls man doch mal was verkehrt gemacht hat.

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    • Aus den Statuten der KVB: „Landeier brauchen, sofern sie glaubhaft darstellen können, aus Unwissenheit gehandelt zu haben, nur ein Zehtel des erhöhten Beförderungsentgelt zu bezahlen und erhalten außerdem einen Präsentkorb als Willkommensgeschenk.“ Schön wär’s, oder? In Wirklichkeit sind Landeier in den Beförderungsbedingungen der KVB leider nicht vorgesehen – Nichtwissen schützt vor Strafe nicht.
      Hm – wo sollte man hinfahren, wenn man Grund hat, Köln zu meiden? Da fällt mir jetzt auch kein anderer Ort ein.:-)

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  1. In Frankfurt wurden eine Kollegin und ich mal mit dem falschen Fahrschein erwischt. Da kontrollieren einen Schwarze Sheriffs, und die haben nur nicht geschossen, weil meine Kollegin blond war. Ich erinnere mich noch an goldene KVB-Zeiten, als man mit einem Fahrschein zu 2,80 DM quer durchs Kölner Stadtgebiet von Wesseling im Süden bis Worringen im Norden fahren konnte. Der Tarifzonenwahn hat inzwischen leider alle Städte erfasst.

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    • Ja, leider. Mir geht es in anderen Städten nicht anders als hier den Touristen: Man steht ratlos vor der Ticketmaschine und fragt sich, welchen Preis man nun wählen soll. Meist nehme ich dann irgendwas, um meinen guten Willen zu dokumentieren, und hoffe darauf, daß kein Kontrolleur kommt.

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  2. …da sagt man immer, früher war alles besser, nicht gleich alles, nein, aber in Ostberlin konnte man mit 20 Pfennigen, also 0,20 Ostmark ewig lange Bus- Straßenbahn- und S-Bahn fahren, mit umsteigen…ohne Umsteigen zwischen Bus und Bahn zwar, aber dann zahlte man eben noch einmal 20 Pf, machte ja nichts, war ja nicht teuer…die nächste Kategorie von 30-Pfennigfahrscheinen gab es eh nur bei der S-Bahn und die fuhr dann schon fast bis an den Stadtrand…

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    • Ich hätte nichts dagegen, wenn man eine ÖPNV-Steuer einrichten würde: Jeder Bürger zahlt 5-10 Euro im Monat, egal, ob er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt oder nicht (sozial schwache natürlich ausgenommen). Dafür ist die Benutzung dann für alle frei. Man bräuchte keine Ticketautomaten mehr zu warten, und Kontrolleure wären auch überflüssig. Stattdessen müßten alle, die mit dem Auto in die Stadt kommen, extra Gebühren bezahlen.

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  3. in hannover haben wir den gvh, großraumverkehr hannover. unterteilt in vier zonen und den jeweiligen preisen wobei klarerweise die entfernten zonen die teuersten sind.
    allerdings kann man in den bahnen und bussen keine tickets mehr kaufen sondern nur an den haltestellen und u-bahnstationen.
    einen kurzstreckentarif gibts in hannover auch, aber nur für 3 stationen in der innenstadt.
    hbf hannover bis kröpke, markthalle/landtag und waterloo.
    diese strechen bis landtag kann amn aber gut zu fuß ablaufen und das fahrgeld sparen.
    auch ich würde gern eine öpnv steuer bezahlen und dafür kostenlos den nahverkehr nutzen können.
    autos stinken empfindlich schlimm und die dieselabgase… wir haben in niedersachsen das vw werk.
    allerdings gibt es seit etlichen jahren das sogenannte sozialticket mit vergünstigten fahrpreisen.
    man braucht sowas wie einen ausweis dafür und muß den perso auf verlangen vorzeigen können.
    aber die fahrpreise sind die hälfte von dem was man sonst berappen muß.

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    • In Köln gibt es für sozial Schwache den sogenannten Köln-Pass, damit kann man auch günstiger Tickets kaufen, allerdings muß man mehr zahlen als die Hälfte. Ich finde es unverschämt: Leuten, die wenig Geld haben zum Überleben und ohne Tafel kaum über die Runden kommen, auch noch Geld für Bus und Bahn abzuknöpfen, ist schlicht unmoralisch.

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