Spaziergänge in Zeiten von Corona (3)

So, auch dieser Laden wird ab heute wieder geöffnet haben für kopf- und besinnungsloses Shoppen. Wer in den letzten Wochen darunter gelitten hat, sich keine neuen Shorts oder Schuhe kaufen zu können, kann endlich wieder zuschlagen. Primark, liebe Kinder, hat allerdings noch geschlossen, ihr solltet eure T-Shirts also vielleicht doch mal waschen und ein zweites Mal tragen, wenn die Klamotte das aushält, mit Billignachschub aus Fernost könnte es auch nach Corona eine Zeitlang hapern.

Das Café im Funkhaus am Walllrafplatz scheint sich allerdings auf eine längere Pause eingestellt zu haben. Erscheint mir vernünftig.

Wer unbedingt neue Dinge haben möchte, dem oder der empfehle ich, den Blick nach unten zu richten während des Spaziergangs: Viele Leute misten aus, halten die Dinge aber noch für gut genug, daß vielleicht noch jemand anderes sie gebrauchen könnte.

Einige Leute zeigen dabei ein recht sonniges Gemüt.

Hier kann man sich auch bedienen (da hängen sogar zwei Jacken und ein Schal), allerdings nur, wenn man bedürftig ist.

Um ganz andere Bedürfnisse geht es hier. Aus Vorsicht vor Ansteckung darf auf dieser Baustelle immer nur eine Person auf die Toilette gehen. Klar, ist ja allgemein bekannt, daß Bauarbeiter immer gern zu mehreren gleichzeitig ein Dixiklo besuchen.

Grundsätzlich hat man vielleicht auch nichts dagegen, allerdings wird es schwierig mit dem Mindestabstand. Schildergestalter machen wahrscheinlich zur Zeit ein ganz gutes Geschäft.

Leider gibt es auch immer wieder Geschäfte, in denen man sich als Krisengewinnler versucht. Unanständig ist noch milde ausgedrückt, verachtenswert ist der angemessenere Begriff.

Herrlich ist es, mal am Rheinufer auf Altstadthöhe spazierengehen zu können, ohne Tausenden von Touristen ausweichen zu müssen. Als Ausgleich hat die Stadt Köln überall so kleine Absperrungen aufgestellt, damit man sich gar nicht erst an das Gefühl von Raumfreiheit gewöhnt. Die ganze Stadt scheint übersät zu sein von diesen rotweißen Absperrbaken, direkt vor meinem Haus stehen seit zwei Wochen auch welche. Merkwürdig. Homeoffice scheint in der Verwaltung ungeahnte Aktivitäten freizusetzen.

Es gibt Opfer der Corona-Krise, um die tut es mir nicht leid. Damit meine ich natürlich nicht den Jungen, sondern die Firma, die mit diesem Motiv der Völlerei für sich wirbt. Allerdings war die Restaurantkette schon vorher auf der Kippe, habe ich gelesen, die europaweite Schließung der Filialen hat ihr nun schon in der ersten Woche den Rest gegen, sie hat Insolvenz angemeldet.

Fast jeder, der unter reduzierten Einnahmen zu leiden hat, führt als erstes die Miete an: Wie soll man die bezahlen, wenn man nebenbei auch noch leben will? Die horrend gestiegenen Mieten sind für viele der größte Ausgabeposten, nicht selten betragen sie über 50% der Einkünfte, und wenn die dann noch auf 67% gedrückt werden, steigt der Mietanteil ins Unbezahlbare. Selbst, wenn einem zur Zeit nicht gekündigt werden kann, irgendwann ist das Geld fällig, und bis dahin läuft man mit einem erdrückenden Schuldenberg herum. Mieten müßten komplett reguliert werden, da die meisten Vermieter schon längst vergessen haben, daß Eigentum grundgesetzlich verpflicht: „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, steht da, und nicht: Der Eigentümer kann sich rücksichtslos auf Kosten der anderen die Taschen vollstopfen.

Aber Mietstreik? Wie geht das? Einfach nicht mehr zahlen? Und wenn dann der erste Mahnbescheid kommt? Die Räumungsklage? Das Umzugsunternehmen unter Polizeibegleitung? Sagt man dann: Moment mal, ich streike! – und alles wird gut? Mietstreik, also … – erscheint mir unausgereift, diese Idee.

Hier sind noch ein paar Vorschläge, die ich für ernsthaft bedenkenswert halte, wenn auch in absehbarer Zeit mit wenig Chancen auf Umsetzung. Aber dennoch zeigen die Aufforderungen die Richtung an, in die es gehen muß, andernfalls wird die Corona-Krise nicht die letzte sein, in die uns unser Wirtschaftsgebaren bringt.

11 Antworten zu “Spaziergänge in Zeiten von Corona (3)

  1. Stellen wir doch mal ganz sachlich fest, niemals zuvor hat es ein globales Ereignis gegeben, was uns so klar vor Augen führt, was falsch ist und genauso auch was richtig ist.

    Ich wünsche mir für die Zukunft vor allem eines: Das verantwortliche Leute das Gelernte zusammen tragen und zu einer guten, allgemeinen Richtschnur werden lassen:
    weniger konsumieren, mehr Famiienzeit, mehr Solidarität, kreative Ideen belohnen, flexibel bleiben, weniger meckern, mehr sehen wie gut es uns doch geht, weniger arbeiten, mehr teilen, weniger verbrauchen, mehr alternatives Wirtschaften, Gelder dahin fließen lassen, wo sie aktuell gebraucht werden und mehr Wertschätzung für bestimmte Berufsgruppen. Mehr Park und weniger Auto. Mehr ruhiges Angehen und weniger Hetze.

    Ob das geschehen wird? Es liegt doch irgendwie auch an uns. Wir können das einfordern. Und bitte veröffentlicht doch mal jemand ganz klare Zahlen, wie schnell sich Mutter Erde erholt hat, wenn wir mal alle 4 Wochen anders leben. DAS würde so viel Mut machen für eiine andere Zukunft. Und wir wissen alle, wir haben nicht eine Minute mehr zu verschwenden.

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    • Ob das geschehen wird? Ich befürchte: Nein, und wenn wir das noch so sehr fordern. All das, was Du Dir wünscht (und ich schließe mich dem vollkommen an), war ja schon vorher erkennbar und vernünftig. Sobald ein Impfstoff vorhanden ist, werden alle Anstrengungen unternommen, damit alles wieder so wird wie vorher, oder sogar schlimmer, weil – damit die Wirtschaft wieder brummt – man auf vermeintlich behindernde Faktoren wie beispielsweise Umweltschutz eher verzichten wird. Wir können das jetzt schon beobachten, wie der Handel gegen alle Vernunft versucht, die Einschränkungen zu lockern, um die Konsumenten wieder in die Großstädte zu ziehen, was, wenn er es schafft, unweigerlich zu einer zweiten Ansteckungswelle führen wird. Wenn die Krise irgendwann überwunden ist, können wir darauf warten, wann die nächste kommt. Der Fehler ist systemisch, und solange niemand den Mut hat, das nachhaltig anzugehen, wird sich leider leider nichts verändern. Es wird eher schlimmer werden, vermute ich.

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    • Daumen hoch! Ich wünschte, die Forderungen würden sich breit durchsetzen, aber ich bin da eher pessimistisch. Was werden viele Leute tun, wenn die sich anbahnende Rezession sich mit all ihren typischen Begleitserscheinungen (Firmenpleiten, Geschäftsaufgaben, steigende Arbeitslosigkeit, Wohlstandsverlust) im Jahresverlauf verfestigen wird? Ich befürchte, viele werden aus Unzufriedenheit und Dummheit vermehrt AfD wählen. Und die wartet nur darauf, deswegen hält sie im Moment so still. Die Partei gibt es ja überhaupt nur wegen vermeintlicher Krisen. Und wenn diese Krise langfristig das materielle Leben der Menschen verschlechtert, dann sieht sie ihre Stunde gekommen.
      Würde mich freuen, wenn ich mich irre.

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  2. übrigens ist es am Rheinufer vielleicht auch so leer, weil das eine oder andere Familienmobil den Weg in die Eifel geschafft hat, wäre aber auch zu schade, bei den Spritpreisen muß man doch auch ein bißchen durch die Pampa düsen! 😉

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    • Ja, wahrscheinlich hast Du recht. Wir würden das auch machen, wenn wir ein Auto hätten. In der wunderschönen weiten Eifellandschaft ist es dazu nicht schwer, Abstand zu halten.
      Aus irgendeinem Grund wird Dein Kommentar unter dem Eintrag nicht angezeigt, ich habe nicht die geringste Ahnung, woran das liegen könnte, Du bist nicht gesperrt, gespamt oder sonstwas. Merkwürddig.

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  3. in meiner tageszeitung hatte ein politiker der cdu laut gedacht und die grenzen des neoliberalismus wie die des kapitalismus erkannt, die die krise uns allen aufzeigt.
    vielleicht besteht noch hoffnung.
    auch für die politiker in berlin und den ländern.
    die hoffnung stirbt ja zuletzt.

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  4. Bonsoir!

    Samstagabend (18:00 Uhr), Ende April in Deutschland.
    Ein laues Lüftchen weht Flugsamen in der Luft umher,
    der Himmel ist wolkenlos blau, kondensstreifenfrei.
    Vati holt in Shorts und Sandalen den Grillkohlenbeutel
    aus der Garage. Zuvor hat er den Wagen gewaschen,
    gewienert und poliert. Mutti pflanzt vor der Terrasse neue
    Zierblumen und ruft den Kindern zu, die im Garten herumtollen,
    dass es bald Abendessen gibt. Der Hund schlabbert Wasser
    aus dem Napf. Die Pandemie hebt die Welt aus den Angeln.

    Grüße aus der Küche! 🍀

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    • Erinnerst Du Dich noch? Die eine Mutti ruft: „Essen ist fertig!“ Keine Reaktion. Dann ruft die Nachbarin: „Miracoli ist fertig!“ – und alles strömt ins Haus. Dabei braucht man das gar nicht: 400 Gramm frische Tomaten, zwei Knoblauchzehen, eine glasig gebratene Zwiebel, ein Schuß Öl, alles mit dem Pürierstab mixen, Salz, Pfeffer, in die Pfanne damit, 200 ml 4-prozentige Mandelmich dazu, zwei Teelöffel Oregano, wenn man will, etwas Tiefkühlspinat untermischen – lecker, die perfekte Soße, und dauert kaum länger, als die Nudeln zum Garwerden brauchen. Die Pandemie verleitet zu ungeahnten Experimenten.

      Übrigens: Öffentliches Grillen in den Parks ist verboten. Eine einzige Wohltat, das sollte man für immer beibehalten.

      Viele Grüße von Küche zu Küche!;-)

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